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Signaturen des 20. Jahrhunderts

Interview mit Stephan Meyer, Pfarrer der Christengemeinschaft

Stephan Meyer
Stephan Meyer

Eine Signatur des 20. Jahrhunderts ist der Impuls zu immer größerer Freiheit und individueller Selbstbestimmung. Beim ersten und auch beim zweiten Weltkrieg wurde dieser Freiheitsimpuls pervertiert: Freiheit muss individuell errungen werden und darf nicht zu einer „Freiheit der Nation“ in einen instinktiven, nationalismusgebundenen Egoismus absinken.
Auch heute in den Zeiten der Globalisierung müssen Handlungen aus der Autonomie der Einzelnen kommen. Der entscheidende Punkt dabei ist, dass der Einzelne aus Verantwortung für das Ganze handelt. Nur so kann die Menschheit und Erde überleben.
Im Juni diesen Jahres hielt Stephan Meyer in verschiedenen Gemeinden und im Priesterseminar Vorträge über geschichtliche Entwicklung und konkrete Zeitforderungen.

Stephan Meyer: geb. 1957, Ausbildung zum Landwirt. Studium und Empfang der Weihe am Priesterseminar in Stuttgart, Gemeindepfarrer von 1983 bis 2003; ab 2003 in Leitungsfunktionen der Christengemeinschaft; Lenkerverantwortung für die Ukraine; ab 2012 in der Leitung des Priesterseminars Stuttgart.

Christine Pflug: In ihrem Seminar haben Sie dargestellt, dass eine Weichenstellung für das 20. Jahrhundert 1848 in der Paulskirche durch die Frankfurter Nationalversammlung gelegt wurde. Inwiefern war das ein entscheidender Punkt?

Stephan Meyer: Es ging um die Frage „klein- oder großdeutsche Lösung“. Verschiedene Sprachen, Nationen, Kulturen hätten sich in einem Staat vereinigen können, das wäre eine Vielfalt in der Einheit gewesen. Und diese Einheit hätte bedeutet, dass man den Beitrag des anderen schätzt, weil er ein Beitrag für das größere Ganze ist. Die kleindeutsche Lösung, die vom Parlament mit knapper Mehrheit durchgesetzt wurde, war die Bindung des Staates an den Blutsstrom, und damit an die instinktiven Triebkräfte, die mit dem Egoismus auf nationaler Ebene verbunden sind. Die großdeutsche Lösung in der gegenseitigen Ergänzung wäre eine friedensstiftende Kraft gewesen, im Sinne der Anerkennung, Wertschätzung, Ergänzung eines größeren Ganzen. Die kleindeutsche Lösung hat den Nationalismus angeregt und das bedeutete Konkurrenz, Kampf mit anderen Nationen und den Willen sich durchzusetzen, um den anderen zu beherrschen. Das war im Prinzip der Ausgangspunkt für Krieg.

Freiheit kann man nur aus dem Individuellen finden.

C. P.: In der Zeit der Jahrhundertwende stand der Freiheitsimpuls, vor allem in der Wandervogelbewegung, im Mittelpunkt. Dieser Impuls wurde dann pervertiert. Was heißt pervertiert?

Stephan Meyer: Auf dem ersten Freideutschen Jugendtag (1913) wurde auf dem „Hohen Meißner“ der Freiheitsimpuls formuliert „aus eigener Bestimmung“. Eigene Bestimmung kann ich nur erreichen, wenn ich mir das Motiv und die Ideale meines Handelns selber gebe. Das ist ein individueller, geistiger Vorgang. Die erste Pervertierung fand schon dadurch statt, dass das Freiheitserlebnis aus dem Erlebnis der Nation und der Blutsverbindung geholt wurde: „Freiheit für Deutschland“, „Freiheit für Frankreich“ etc. Mit diesem Motto sind die Menschen damals in den ersten Weltkrieg gegangen. Darin liegt die Pervertierung: Freiheit kann man nur aus dem Individuellen finden, sie wurde aber aus dem Blutsmäßigen und Unbewussten geschöpft. Diese Pervertierung führte in den ersten Weltkrieg hinein, weil das blutsgebundene Nationalitätenerlebnis nicht auf Verständigung veranlagt ist, sondern auf Konkurrenz: „die eigene Nation soll bestimmend und vorherrschend sein“. Damit haben sich die Menschen unbewusst identifiziert, und man meinte, damit der Freiheit gedient zu haben.

C. P.: Kam dann im zweiten Weltkrieg noch andere Momente dazu oder war es das gleiche Prinzip?

Beim Nationalsozialismus kamen die Ziele aus dem Instinktiven.

S. Meyer: Es war natürlich eine Verstärkung, weil zu diesem Freiheitserlebnis noch das Ideal des „Führers“ dazu kam. Das ist die eigentliche Pervertierung. Führung ist etwas, was ich individuell leisten muss im Sinne: Wie verwandle ich mich an den Zielen, die ich selber gefasst habe? Nur durch eigenes Üben und eigene Schulung werden sie Wirklichkeit. Wenn ich das nach außen delegiere, dass diese Verwirklichung meiner Ziele jemand anderes für mich leistet, habe ich die Erwartung an einen Führer, dass er macht, was ich eigentlich selber will.
Nun kommt beim Nationalsozialismus noch dazu, dass das keine großartigen Ziele waren, sondern sie lagen im Instinktiven: Man wollte mehr Lebensraum für sich, für alles suchte man die Schuld bei jemand anderem, es gab Gefühle wie Neid und Hass und Selbststeigerung, indem man Macht über andere hatte. Das sind keine Ziele, dich ich selber individuell fasse, sondern sie sind die Fortsetzung dessen, was aus dem Blutstrom und der Egoität kommt, und zwar in einer Steigerung.

C. P.: Im Nationalsozialismus hieß es „ Das Volk ist alles, der Einzelne ist nichts.“ Das Ideal von Goethe wäre das Angemessene gewesen „Deutschland ist nichts, aber jeder einzelne Deutsche alles“ …

S. Meyer: Es muss durch den Einzelnen hindurchgehen und darf nicht so sein, dass er sich wie „ausräumt“, alles auf einen anderen delegiert, und der putscht das auf, was aus den Blutskräften aufsteigt. Insofern schließt der pervertierte Freiheitsimpuls an den ersten Weltkrieg an und ist gleichzeitig noch eine Steigerung.

Die ganze Menschheit ist zusammengewachsen

C. P.: Heute stehen wir in der Globalisierung und sind als Menschheit mehr miteinander verbunden. Was bedeutet das an Entwicklungsherausforderung?

S. Meyer: Globalisierung hat die Grundlage darin, dass die ganze Menschheit zusammengewachsen ist. Das ist durch die Technik, bzw. die Medien möglich geworden, durch verbesserte Verkehrsmöglichkeiten lässt sich viel Begegnung realisieren. Die Wirtschaft war in gewisser Hinsicht schon immer weltumspannend, aber die Technik hat das enorm gesteigert.
Die technische Entwicklung hat viel dazu beigetragen, dass wir einerseits ein bequemeres und angenehmeres Leben führen können, der Antrieb dafür ist der Egoismus. Die positive Seite ist, dass die Technik uns entlastet und damit Freiräume für die eigene Entwicklung schafft. Jetzt stellt sich die Frage, ob wir daran gebunden bleiben, dass wir nur die Bequemlichkeit suchen oder ob wir die Möglichkeit zu einer eigenen Entwicklung ergreifen.

C. P.: Andererseits hat uns die Technik auch schon an die Grenze geführt in puncto Umweltzerstörung, schwindende Ressourcen etc. Da stehen wir als ganze Menschheit in der Verantwortung …

S. Meyer: Wenn sich die Technik so weiter entwickelt wie bisher, kann sie die Grundlage unseres Lebens zerstören. Teilweise werden diese Probleme in Angriff genommen, aber bei der Bodenerosion oder der Klimaerwärmung wissen wir nicht, wie weit die Erde als Lebensorganismus das weiter tragen kann.
Weitere Gefahren sind, dass wir mit den Waffen, die wir heute haben, die Erde auslöschen können. Oder wir schaffen durch die Forcierung der Wirtschaft solche Ungleichheiten unter uns, dass sie permanente Spannungsherde sind: die Reichen werden immer reicher, die Armen immer ärmer.
Wir sind wirtschaftlich ein Ganzes, das kann man nur global denken, auch durch die Waffen sind wir alle bedroht, die Umweltbelastung haben wir auch weltweit.
Das sind Fragen, die uns als ganze Menschheit betreffen. Da wird deutlich, dass das Schicksal in unserer Hand liegt, es hängt von unseren Entscheidungen ab und davon, wie weit wir Verantwortung tragen können.

Das Paradigma der planetarischen Verantwortung.

C. P.: Hans Küng, ein katholischer Theologe, hat dargestellt, dass diese Situation einen Paradigma-Wechsel erfordert. Was sagt er dazu?

S. Meyer: Er fordert im Anblick dieser Herausforderung, die wir heute haben, dass wir eine andere Bewusstseinshaltung und auch Handlungsweise entwickeln müssen, weil die bisherige uns an diese Grenzen führt. Das alte Paradigma ist das technisch-wissenschaftliche, dass wir aufgrund der Naturwissenschaften die Erde beherrschen und uns dienstbar machen können; es dient unserer Erleichterung, des Wohlstandes und der Bequemlichkeit, und der Antrieb dazu ist der Egoismus. Aber das hat keine Zukunft. Und insofern fordert er das neue Paradigma, das den Antrieb nicht in der Selbststeigerung hat, sondern in der Verantwortung: Wir sollen lernen so zu handeln, dass es dem Ganzen dient. Das nennt er das Paradigma der planetarischen Verantwortung.

C. P.: Wie kommt man zu einer Haltung der Verantwortlichkeit?

S. Meyer: Diesen Paradigmenwechsel kann man beginnen, indem man aus Erkenntnis handelt, d. h. man taucht in die Situation ein, um zu verstehen, was aus ihr heraus erforderlich ist. Das würde mit der Erkenntnis beginnen und sich fortsetzen, dass man lernt, aus der Erkenntnis heraus zu handeln. Das, was sich als Forderung stellt und mir ein Ideal wird, sollte eine Handlungsmaxime werden, die mich motiviert. Ein Handeln aus Verantwortung ist motivierend, weil es Sinn macht und der Entwicklung der Menschheit dient.

Also nicht mehr Führung von außen, sondern Führung von innen. Das ist Selbstbestimmung.

Wir sind heute in die Selbständigkeit entlassen, das ist der Freiheitsimpuls. Die Freiheit hat sich stark an der Naturwissenschaft entwickelt, wir glauben nicht mehr von vornerein, dass wir in einer göttlichen Welt eingebunden sind und dem nur zu dienen haben, sondern wir kommen zu uns selbst. Aufklärung, Autonomie, Selbständigkeit – das bringt den Freiheitsimpuls. Also nicht mehr Führung von außen, sondern Führung von innen. Das ist Selbstbestimmung und wir müssen dann überlegen: Welche Ziele fassen wir?
Diese Autonomie erwachte am Beginn des 20. Jahrhunderts. Die Globalisierung war noch gar nicht am Horizont.

C. P.: Was 1848 in der Paulskirche verpasst wurde, nämlich an der Vielfalt der verschiedenen Kulturen zu lernen – stehen wir heute auf anderer Stufe wieder davor?

S. Meyer: Ja, das kommt auf der Ebene der Globalisierung heute wieder. Man kann sehen, dass sich dieses Thema wiederholt, man schafft ja auch sonst nicht alles im ersten Ansatz; Lernprozesse sind so, dass alles wieder neu auf uns zukommt und wir die Aufgabe konkreter und tiefer verstehen.
Meines Erachtens ist das der Ansatz, bei dem die Europaidee fruchtbar wird. „Konzert der Völker“ ist nicht gemeint im Sinne gegenseitiger Duldung, die gibt es leider auch, sondern: Wie kann ich verstehen, was der Beitrag anderer Völker ist, welche Stimme spielen sie im Konzert? Dann ist das nicht ein Dulden, sondern eine Wertschätzung und Freude über eine andere Farbigkeit, die die Vielfalt bereichert.
Rudolf Steiner hatte damals als ein mitteleuropäisches Programm mit der sozialen Dreigliederung genau an dieser Stelle angesetzt, nämlich die Gestaltung der nationalen Verhältnisse aus dem Individuellen zu entwickeln und nicht das Individuelle aus dem Nationalen. Dieser Impuls ist damals auch gescheitert. Es kam als Konsequenz die noch größere Katastrophe des zweiten Weltkrieges. Und jetzt, aus den schmerzhaften Erfahrungen des zweiten Weltkrieges gibt es eine große Offenheit, den Nationalismus zu überwinden. Der Europagedanke bekommt Raum, es ist nur die Frage, ob er von der richtigen Seite ergriffen wird oder nicht zu stark von wirtschaftlichen Interessen geprägt wird, dass man sich nur versteht, weil eine Kumulierung von Macht und Kapital sich gegenüber anderen Blöcken besser durchsetzen kann. Das wäre aber nicht der Europagedanke, sondern der baut sich von der anderen Seite auf, nämlich dass sich aus der Vielfalt ein größeres Ganzes bildet.

C. P.: Welche praktischen Beispiele gibt es für diese neue Völkerverständigung? Wenn junge Leute heute mit ihren sozialen Netzwerken sehr einfach internationale Kontakte anknüpfen – ist das beispielsweise so ein Ansatz?

S. Meyer: Es kommt immer darauf an, auf welcher Ebene die Verständigung läuft. Da müsste man von wirklichen Begegnungen erzählen. Wir hatten beispielsweise eine Jugendtagung mit Japanern, Amerikanern und Mitteleuropäern. Wir haben uns gegenseitig erlebt, wie wir uns selber in unserm Ich begreifen und das auch sprachlich zum Ausdruck bringen. Das hatte eine ungeheure Palette. Die Japaner haben eigentlich ganz viele Ausdrücke für „Ich“, aber getrauen sich kaum, es auszusprechen, es ist wie verborgen, wie in einer Hülle geschützt, es erscheint noch gar nicht richtig. Man hat dann auch nicht den Eindruck, unmittelbar und direkt in eine Begegnung zu kommen. Polar gegenüber waren die Amerikaner, denen es ganz leicht fiel mit ihrem „you“ in einen direkten freien, frischen Austausch zu kommen. Man ist sofort im Gespräch, nach zwei Minuten meint man, dass sei mein bester Freund, und wenn das Gespräch zu Ende ist, ist die Beziehung vorbei. Das war ein Erlebnis: Wir haben ganz verschiedene Ausgangspunkte. Und wenn der Deutsche wählen kann zwischen „Du“ und „Sie“, muss er bewusst damit umgehen, ob eine Beziehung so ist, dass er in dem Du das mehr Freundschaftliche, Intime ausdrückt oder ob er, wie das bei Japanern fast durchgängig der Fall ist, mit dem „Sie“ stärker Abstand einhält. Wir Deutschen haben die Spannweite mit beiden Seiten umzugehen: in einem direkten Austausch in eine Verbindung zu gehen oder im anderen Extrem gar nicht wagen, den anderen zu berühren. In unseren kulturellen Anlagen liegen Möglichkeiten, die wir heute individuell ergreifen und füreinander fruchtbar machen können.

Völkerverständigung setzt auf der Ebene der Kultur an.

Völkerverständigung setzt auf der Ebene der Kultur an, das ist noch nicht institutionalisiert, aber sie findet überall statt, wo Begegnung und Austausch stattfinden – da bildet sich etwas an gegenseitiger Wertschätzung. Die Schwierigkeit ist, wie das in eine Sphäre des Rechtlichen hineinkommt, die dann im Zusammenleben auch einen Ausdruck in einer Staatenbildung findet. Die Ansätze gibt es. Europa hat auch eine besondere Rechtskultur: Die Schätzung des Individuums und die Würde des Menschen ist unantastbar. Das sind Werte, die darauf hinzielen, ebenso das Bewusstsein, dass Europa in einer Vielfalt besteht, aus der eine Einheit hervorgehen kann. Diese Ansätze sind in Europa stärker vorhanden als anderswo. Auch in diesem ausgeprägten Rechtsbewusstsein, das dem Individuum einen großen Wert zuspricht, dass in ihm die Quellkraft liegt, aus dem Geistigen heraus schöpferisch werden zu können. Das ist im deutschen Idealismus sehr gut verstanden worden, und muss heute auf neuer Stufe erkannt werden.