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Interview

Edith Maryon – Eine Bildhauerin an der Seite Rudolf Steiners

Artikel von Miriam Kessler
„Gibt es eine bestimmte Sache für mich zu tun?“ Dieser Satz stammt aus dem Briefwechsel zwischen Edith Maryon und Rudolf Steiner (Brief 3 GA 363). Ganz tief aus ihrem inneren Streben heraus stellte Edith Maryon diese Frage an Rudolf Steiner. Das war der Beginn, ihren bisherigen Weg noch weiter zu vertiefen durch den neuen Kunstimpuls, der damals von der Anthroposophie ausging.


Edith Maryon

Edith Maryon war eine der ersten Mitarbeiterinnen am ersten Goetheanum, dem Bau in Dornach, der „das Haus des Wortes“ werden sollte. Menschen aus neunzehn Nationen wirkten an seiner Entstehung mit. Dieses war etwas ganz Besonderes, da die Menschen aus freien Stücken kamen, um daran zu arbeiten – obwohl die Welt um sie herum brodelte und dieses Brodeln schließlich zum ersten Weltkrieg führte.

Beginn ihres Künstlerlebens

Louisa Edith Church Maryon kam in London am 9. Februar 1872 zur Welt.
Ihr Vater John Siemeon Maryon war Schneidermeister, ebenso wie sein Vater vor ihm. Ihre Mutter Louisa Church Maryon stammt aus einer Pfarrersfamilie aus Chelsea, ein Stadtteil Londons. Edith Maryon wuchs als zweites von sechs Kindern in London auf.
Die erste Schule, die Edith Maryon besuchte, war eine Mädchenschule, nicht weit entfernt von ihrem Elternhaus im Stadtteil St. Pancras, in der Nähe des Britischen Museums. Aus der Schulzeit ist bekannt, dass sie dort Französisch gelernt hatte; auch wurden hier ihre Begabungen für Poesie und Kunst angelegt. Nach Beendigung ihrer Schulzeit schickten ihre Eltern Edith nach Genf in die französische Schweiz, damit sie dort ihre Französischkenntnisse vertiefte.
Als Edith wieder nach England zurückkehrte, ließen ihre Eltern sie auf die Central School of Design gehen, da sie ihre künstlerische Begabung erkannten. Für junge Frauen war das zur damaligen Zeit nicht selbstverständlich. Schon ihr Bruder war zuvor Bildhauer geworden. So war die Kunst nichts Fremdes in ihrem Elternhaus.
Es wurde in dieser Kunstschule sehr viel Wert auf die Erlernung von praktischen Fertigkeiten gelegt, Edith Maryon lernte dort zeichnen, modellieren, holzschnitzen, steinhauen sowie den Umgang mit Gips und anderen Materialien. Darüber hinaus konnte sie die Herstellung von Bronzeguss erlernen. Edith wurde im Stil der Neoklassik unterrichtet, dieser Stil war damals sehr modern. 1896 wurde diese Ausbildungsstätte zum „Royal College of Art“ umbenannt.
Nach ihrer Ausbildungszeit arbeitete sie als freie Bildhauerin in England und Italien.
Bekannt ist, dass Edith Maryon dreimal in Assisi weilte, um dort die Malerei Giottos zu studieren. Auch richtete sie ihr Augenmerk auf die architektonischen Besonderheiten, die diese Stadt beherbergte. Schon Goethe schwärmte von diesem schönen Städtchen, welches etwas erhöht am Hang liegt. Vom Tal kommend strahlt der Diana Tempel uns in seiner vollen Pracht entgegen. Edith Maryon setzte sich in Italien mit der Schönheit und Anmut der dortigen Kunst auseinander.
Ihren Lebensunterhalt bestritt sie durch Aufträge, Ausstellungen und Wettbewerbe. Sie konnte ihre Werke unter anderem in der Royal Academy in London und der Walker Gallery in Liverpool auch in Glasgow im Royal Institut of fine -Arts ausstellen. Alle ihre Werke sind entweder freistehende Figuren oder Reliefplastiken. Porträts fertigte sie unter anderem von Lord Alfred Tucker und Queen Victoria an.
1898 wurde in Glasgow ein Modell aus Gips von ihr für ein öffentliches Gebäude gezeigt mit dem Titel: „Bekleide dich mit der ganzen Rüstung Gottes“ (Epheser, neues Testament). Sie war 27 Jahre alt!

Ihr Aufbruch

1912 nahm ihr bisheriges Leben eine Wendung an. Auf Anregung ihres Arztes, Herr Robert William Felkin, der Esoteriker war und von Rudolf Steiners Wirken wusste, sollte sie mit Dr. Steiner Kontakt aufnehmen, da sich ihr Krankheitszustand immer mehr und mehr
verschlechterte (Erst sehr viel später wurde festgestellt, dass sie an Schwindsucht litt.) Am 16. Oktober 1912 verfasste Edith Maryon den ersten Brief, verwies darin auf Herrn Felkin und bat Rudolf Steiner um eine Unterredung. Als sie keine Antwort erhielt, forderte Herr Felkin Edith Maryon auf, Rudolf Steiner ein Foto von ihrer letzten künstlerischen Arbeit zuzusenden. Sie schickte ihm ein Foto des Frieses: „Vom Sucher nach göttlicher Weisheit“. Auf diesem Fries sind vier Säulen mit ägyptischen Kapitellen zu sehen, in der Mitte steht erhöht der segnende Christus, um ihn herum sind neun Personen gruppiert. Auffällig ist die Bildgeometrie, eine Dreiecksform, die diesem Fries zu Grunde gelegt wurde.
Nach vier Wochen etwa schickte sie den zweiten Brief. Als sie auch auf den zweiten Brief keine Antwort erhielt, wandte sie sich an Herrn Collison, der Mitglied in der Theosophischen Gesellschaft war. Bei ihm hatte Edith Maryon bereits die Grundlagen der Theosophie (Anthroposophie) erhalten. Herr Collison wandte sich an Marie von Sivers (Steiner) und bat sie, für Maryon ein Gespräch mit Rudolf Steiner zu ermöglichen. Dabei sollte Marie von Sivers dolmetschen. Darauf kam Edith Maryon am 10. Dezember 1912 in Berlin an. Dort konnte sie sich kurz mit Rudolf Steiner besprechen, um ein Datum festzulegen, an welchem das eigentliche Gespräch stattfinden konnte. Sie verabredeten sich zum 31. Dezember 1912 in Köln. Es ist nicht überliefert, was in diesem Gespräch gesagt wurde, aber kurz danach schrieb Edith in einem Briefwechsel diesen Satz an Rudolf Steiner: „Gibt es eine bestimmte Sache für mich zu tun?“
An diesem selben Tag fand ein Vortrag statt, zu dem auch Gäste aus Russland
angereist waren. Es waren Assja Turgenieff (eine russisch-schweizerische Grafikerin, Glasschleiferin und Eurythmistin) und Andrej Bjelyj (ein russischer Dichter und Theoretiker des Symbolismus). Dies war der Beginn einer interessanten künstlerischen Zusammenarbeit für die Drei.
Für Edith Maryon stand danach fest, dass sie von England nach Deutschland umsiedeln wollte, um weiter den Kontakt mit Rudolf Steiner und Marie von Sivers zu vertiefen. Sie schaffte es, in kürzester Zeit die deutsche Sprache zu erlernen. Im Winter 1912/ 1913 gründete sich die Anthroposophische Gesellschaft aus der Theosophische Gesellschaft heraus. Edith wurde Mitglied und setzte nun ihr ganzes künstlerisches Schaffen für die anthroposophische Bewegung ein. Sie spielte bei den Mysteriendramen in München mit und zog schließlich in die Motzstrasse in Berlin ein, in der damals Rudolf Steiner und auch andere Menschen aus dem anthroposophischen Umfeld wohnten.

Dornach

Am 28. Januar 1914 traf Edith Maryon in Dornach ein. Etwa dreihundert Arbeiter waren am Bau des ersten Goetheanums beteiligt. Bis Ostern blieb sie in Dornach und widmete sich in dieser Zeit den Baumodellen und der Entstehung der bunten Glasfenster. In diesem Jahr wurde Edith Maryon zweiundvierzig Jahre alt.
Aus gesundheitlichen Gründen musste sie ihren Aufenthalt in Dornach unterbrechen und reiste nach England zurück. Unter Dr. Felkins Behandlung wurde sie wieder gesund. Im Sommer 1914 war es ihr wieder möglich, nach Dornach zurückzukehren.
Dort waren die Bautätigkeiten in vollem Gange. Das Goetheanum wurde noch von einem Baugerüst umschlossen. Im Inneren hatte man begonnen, die kleine Kuppel auszumalen. Zeitgleich begann die Arbeit am Menschheitsrepräsentanten, dessen Platz in dieser kleinen Kuppel im Osten des Bühnenraums sein sollte. („Der Menschheitsrepräsentant zwischen Luzifer und Ahriman“ ist eine mehr als 8 m hohe von Rudolf Steiner entworfene und gemeinsam mit der Bildhauerin Edith Maryon für das erste Goetheanum in Dornach geschaffene Holzskulptur. Aus: Anthro Wiki)
Bevor mit den eigentlichen Schnitzarbeiten an der Holzfigurengruppe begonnen wurde, entstanden zuvor sechs Gipsmodelle. Bis auf den ersten Entwurf, der ausschließlich von Edith Maryon entworfen wurde, sind alle folgenden Gipsmodelle von Dr. Steiner und ihr signiert.
Für die Entstehung dieser Figurengruppe aus Holz waren mehr als zwanzig Tonnen Ulmenholz nötig. Dessen Beschaffung war ein Glücksfall während der herrschenden Kriegszeit. Acht Jahre ihres Lebens war Edith Maryon ununterbrochen damit beschäftigt, diese plastische Figurengruppe zu gestalten. Stets hielt sie ihre schützenden Hände über diese Gruppe, damit sie nicht zu Schaden kam. Wenn Rudolf Steiner sich auf Reisen befand, übertrug er ihr die Leitung des Ateliers. Edith Maryon standen zahlreiche Helfer zur Seite. So half ihr Herr Stuten, Assja Turgenieff, ihre Schwester Frau Pozzi und andere Menschen bei diesem großen Vorhaben. Edith Maryon alleine war es vorbehalten, an der Christusgestalt zu arbeiten.

Entstehung der Eurythmie Figuren

Die Eurythmie hatte sie das erste Mal bei den Mysterienspielen gesehen. Edith Maryon war begeistert über diese “bewegte Skulptur“. Die Idee reifte in ihr, zu der Eurythmie Figuren zu gestalten. Zuerst begann sie, die Eurythmie-Figuren, vorwiegend zu den Vokalen, dreidimensional in Gips herzustellen.
Durch die Anregung Rudolf Steiner gestaltet sie dann die Figuren zweidimensional. Während der Entstehungszeit ging sie von schwarz/weiß-Zeichnungen zu farbigen Skizzen über, so entstanden Umrissformen aus Sperrholz für die Gebärden. In dieser Darstellung der Figuren zeigen sich die Bewegung, das Gefühl und der Charakter der Geste. Die Bewegung wird sichtbar durch den physischen Leib, in dem der Lebensleib wirkt. Das Seelische zeigt sich in der Schleierbewegung und dessen Farbe, der Charakter durch die Tätigkeit des Ich im Menschen, was an der Muskelspannung der Arme abzulesen ist. Bevor Rudolf Steiner am 17. August 1923 seinen Vortrag in Ilkley begann, stellte er voller Freude die neu entstandenen Eurythmie-Figuren der Öffentlichkeit vor und dankte Edith Maryon für ihre wunderbare Arbeit.

Entstehung der Bauten in Arlesheim und Dornach

Als Edith in die missliche Lage kam, ihre Wohnung aufgeben zu müssen und sah, dass es den anderen Arbeiter des Goetheanums ähnlich ging, entschloss sie sich zu handeln. Sie fasste den Plan, für die sogenannten Eurythmiehäuser, eine Gruppe von drei Wohngebäuden unterhalb des Goetheanums gelegen, einen Entwurf anzufertigen. In diesen Häusern gibt es nur Einzelzimmer, auf jeweils einer Etage befand sich eine Küche, die von allen genutzt werden konnte. Jedes Haus hatte nur eine Badewanne im Keller. Dieser Entwurf wurde vom Schweizer Architekt Herr Bay umgesetzt. Sie heißen deswegen Eurythmiehäuser, weil die meisten Eurythmisten, die in Dornach wirkten, dort lebten. Auch sie wohnte in einem dieser Häuser, immer in einem kleinen Zimmer, bis zu ihrem Tod.
Elisabeth Vreede und Edith Maryon waren sehr gut befreundet. Sie hatten sich in den Niederlanden kennengelernt. So lag es für Frau Vreede nahe, ein Haus für sich und ihre Eltern von Edith Maryon entwerfen zu lassen, welches in Arlesheim erbaut werden sollte. Edith Maryon war zwar keine Architektin, aber Bildhauerin mit überdurchschnittlichem Sinn für die Baukunst. Durch ihre langjährige Bildhauertätigkeit hatte sie sich ein Wissen für die Baukörper und deren Proportionen angeeignet.
Ein Bild vom Baumodell ist noch vorhanden, sowie das Haus selbst, welches in Arlesheim zu finden ist. Vreedes waren sehr dankbar und ihre Freude war sehr groß. Edith gestaltete auch das Haus van Blommestein.

Ihr Bemühen

Edith Maryon nahm sich noch anderer Aufgabengebieten an, die ihre Verbundenheit mit der Geisteswissenschaft deutlich zeigten. Auf ihre Intention hin wurde es möglich, dass 1921 eine große Pädagogische Tagung am Goetheanum stattfinden konnte, zu der viele Lehrerinnen und Lehrer aus England anreisten. Aber auch das Zustandekommen von Vorträgen Rudolf Steiners in England, wie in Ilkley, Pennmaenmawr, Oxford, Torquay und London in den Jahren1922, 1923, 1924 gingen auf ihr Bemühen zurück.
Ihr Schutz

Bevor das Goetheanum ein Raub der Flammen wurde, hatte Edith Maryon kurz zuvor die Bitte Assja Turgenieffs ausgeschlagen, den Menschheitsrepräsentanten auf seinen Platz in der kleinen Kuppel zu stellen. Sie war der Ansicht, dass der Zeitpunkt für den Umzug noch nicht der richtige war. Wie Recht sie hatte, zeigte sich am Silvesterabend 1922 auf 1923, an dem durch Brandstiftung
das Goetheanum in Flammen aufging.
Edith Maryon befand sich im Vorraum in einem der Eurythmie Häuser, in dem sie wohnte. Vor Aufregung stand sie wie gelähmt! Sie ging dann in die Richtung des brennenden Goetheanums und fand Dr. Steiner vor der Schreinerei. Die Flammen waren sogar bis Freiburg zu sehen!

Der Ausklang ihres reichen Künstlerlebens

Edith Maryon sah in dieser Brandnacht fast alles zerstört, woran so viele Menschen mitgewirkt hatten; das versetzte ihr einen solchen Schock, so dass ihr altes Leiden wieder in ihr aufflammte. Über ein Jahr war sie ans Bett gefesselt. Trotzdem versuchte sie, vom Krankenlager aus noch künstlerisch tätig zu sein.
Der Charakter ihrer Zusammenarbeit wurde an der Weihnachtstagung 1923 deutlich. Dr. Steiner übertrug ihr die Leitung der Sektion für die Bildende Künste am Goetheanum. Diese Funktion war ihr inne bis zu ihrem Tod am 2. Mai 1924. Sie wurde zweiundfünfzig Jahre alt. In den letzten Tagen ihres Lebens ließ sie sich einen Spruch des Jesus Christus aus Matthäus11.28 am Bett befestigen: „Kommet zu mir, die ihr mühselig und beladen seid“.

Am 6. Mai 1924 fand die Kremation statt, zu der Dr. Steiner die Ansprache für Edith hielt. Zu diesem Anlass schilderte er, was sich einmal im Atelier ereignet hatte, noch am Anfang ihres bildhauerischen Wirkens in Dornach: Sie befanden sich beide auf dem Gerüst des Menschheitsrepräsentanten, um dort am Modell zu arbeiten. Es passierte, dass Rudolf Steiner durch eine Öffnung des Gerüstes herunter zu stürzen drohte und von einer scharfen Spitze, die sich an einem Pfeiler befand, aufgespießt zu werden. Edith Maryon gelang es, seinen Fall aufzufangen. Edith Maryon schwieg und erzählte niemanden darüber etwas. Erst am Tage ihres Abschieds schilderte Rudolf Steiner diese Begebenheit.
Es war bezeichnend für sie, dass sie schwieg, denn das war ihre Wesenseigenschaft, so wie ihre besonnene, ruhige, humorvolle Art. Edith Maryons umsichtiges Verhalten und ihr treues Wirken zeichneten sie aus und die Bereitschaft, dem Wort Gottes durch die Kunst zu dienen.

Artikel von Miriam Kessler, ehemalige Studentin der Kunstakademie Hamburg, z. Zt. in Ausbildung zur Kunsttherapeutin