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Kriegsgefahr und Friedensperspektiven
Artikel von Dr. med. Christoph Bernhardt
Die dunklen Gewitterwolken des Krieges werfen wieder einmal ihre düsteren Schatten über Teile der Welt und der Menschheit. Das erschütternde Ausmaß von Leid und Tod, das mit den Kriegen der Gegenwart und Vergangenheit verbunden ist, konfrontiert uns mit der Frage nach unserer eigenen Verantwortung als Zeitgenossen dieser Ereignisse. Wie können wir dem Geist des Krieges den Geist der Versöhnung und Völkerverständigung entgegensetzen? Wie finden wir als Individuen, aber auch als soziale und politische Gemeinschaften Perspektiven des Friedens und der gegenseitigen Verständigung?
Die Anthroposophie kann zu diesen Fragen wichtige Perspektiven beisteuern.
Rudolf Steiner hat während des ersten Weltkrieges die Idee der Dreigliederung des sozialen Organismus als Friedensimpuls konzipiert. Im Sinne dieser Dreigliederung wird das Geistesleben, das Rechtsleben und das Wirtschaftsleben jeweils als ein autonomes Glied des sozialen Organismus verstanden, das sich selbst verwaltet. Das bedeutet, dass das Geistesleben und das Wirtschaftsleben komplett unabhängig von der staatlich politischen Sphäre werden. Der Staat muss sich dabei z. B. aus der Verwaltung der Schulen und Universitäten zurückziehen und auf jegliche Einflussnahme auf das Wirtschaftsleben, die über die rechtlichen Rahmensetzungen hinausgeht, verzichten. Er regelt dann nur noch die rechtlichen und verwaltungstechnischen Belange des Gemeinwesens. Während im Staatsleben dadurch das Prinzip der Gleichheit aller Bürger verwirklicht wird, kann im von staatlichem Zwang befreiten Geistesleben das Prinzip der geistigen Freiheit und in einem solidarisch konzipierten Wirtschaftsleben das Prinzip der Brüderlichkeit realisiert werden. Es ergibt sich dadurch ein harmonischer Ausgleich der drei Ideale Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit, indem jedes dieser Ideale in der ihm zukommenden Sphäre des gesellschaftlichen Zusammenlebens verwirklicht wird. In einem nach diesen Prinzipien dreigegliederten sozialen Organismus besteht für jeden Menschen die Möglichkeit eines menschenwürdigen Lebens in Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.
Wie wirkt sich die Dreigliederung des sozialen Organismus auf die Gefahren kriegerischer Konflikte aus?
Die meisten kriegerischen Konflikte resultieren entweder aus wirtschaftlichen Interessen oder aus ethnisch-kulturellen bzw. religiösen Konflikten, haben also ihre Ursache im Wirtschafts- oder Geistesleben. Solange beide mit dem Staat verflochten sind, können diese Konflikte in militärische Auseinandersetzungen übergehen. Der Staat setzt dann das Wirtschafts- oder Geistesleben mit militärischen Mitteln fort, weil es nicht streng von seiner Sphäre getrennt ist. Sobald diese Trennung im Sinne der Dreigliederung aber strikt durchgeführt wird, können sich die Konflikte des Geisteslebens und des Wirtschaftslebens nicht mehr militärisch entladen. Vielmehr muss dann für diese Konflikte in den autonomen Gebieten des Geistes- und Wirtschaftslebens auf friedlichem Wege eine Lösung gesucht werden.
Das Wirtschaftsleben und das Geistesleben bekommen, wenn sie komplett unabhängig vom Staatsleben sind, einen staatliche Grenzen überbrückenden, völkerverbindenden Charakter. Das im Sinne der Dreigliederung brüderlich organisierte Wirtschaftsleben schafft dann Assoziationen von Produzenten und Konsumenten, die sich nur nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten staatenübergreifend konstituieren werden und daher friedensstiftend und völkerverbindend wirken.
Das vom Staatsleben unabhängige Geistesleben wirkt völkerverbindend.
Geistige Ideen und Weltanschauungen werden sich, wenn Freiheit im Geistesleben herrscht, unabhängig von staatlichen Grenzen frei ausbreiten – entsprechend ihrer eigenen Fruchtbarkeit und Überzeugungskraft. Durch die Identifikation mit gemeinsamen Idealen und gemeinsamen weltanschaulichen Ideen entstehen bei einem freien Geistesleben länderübergreifende geistige Gemeinschaften. Auch dies entfaltet friedensstiftende und völkerverbindende Impulse.
Wenn jeder in einem freien Geistesleben seinen inneren Überzeugungen gemäß leben kann und seine materiellen Bedürfnisse in einem solidarischen Wirtschaftsleben brüderlich gestillt werden, kann jeder unabhängig von den Staatsgrenzen an jedem Ort, an dem die Dreigliederung verwirklicht ist, ein menschenwürdiges Leben führen. In Rudolf Steiners Schrift „Die Kernpunkte der sozialen Frage“, in der er die Idee der Dreigliederung erstmals systematisch dargestellt hat, steht daher der revolutionäre Satz: „Interessenzusammenhänge der einzelnen sozialen Organismen werden sich ergeben, welche die Landesgrenzen als unbeträchtlich für das Zusammenleben der Menschen erscheinen lassen werden“.
Die Landesgrenzen verlieren bei der Realisierung der sozialen Dreigliederung zunehmend ihre Bedeutung, weil sich das Geistesleben und das Wirtschaftsleben unabhängig von diesen Grenzen gestaltet. Und wenn Landesgrenzen ihre Bedeutung verlieren, gibt es auch kaum noch Gründe für Kriege, die in der Regel mit dem Ziel der Verschiebung von Grenzen geführt werden. Dies gilt umso mehr, da Kriegen zur Durchsetzung von Wirtschaftsinteressen durch die Trennung des Wirtschaftslebens vom Staat im dreigegliederten sozialen Gemeinwesen ebenfalls der Boden entzogen wird.
Eine Welt, in der Grenzen keine Bedeutung haben, ist eine Welt des Friedens.
Der oben zitierte revolutionäre Satz vom Ende der Bedeutung von Grenzen zeigt daher das enorme Friedenspotential der Idee der Dreigliederung. Denn eine Welt, in der Grenzen keine Bedeutung haben, ist eine Welt des Friedens, da es so gut wie keine klassischen Anreize für Kriege mehr gibt.
Dies sind nur einige Aspekte der Idee der sozialen Dreigliederung, die exemplarisch zeigen sollen, wie diese Idee der Gefahr von Kriegen vorbeugt, indem sie friedensstiftenden und militärischen Konflikten präventiv entgegenwirkenden Impuls darstellt.
Von einer spirituellen Perspektive aus betrachtet hängt die Gefahr kriegerischer Auseinandersetzungen auch mit der materialistischen Denkweise zusammen. Das kalte Verstandesdenken, das zur heutigen materialistischen Naturwissenschaft und zur heutigen Technik geführt hat, trägt die ahrimanische Tendenz des Zerstörerischen in sich. Diese inhärente Tendenz offenbart sich in den ökologischen Folgen dieser Technik. Sie führt aber auch in gerader Linie zu den technischen Möglichkeiten der modernen Kriegsführung, deren Zerstörungspotential mit zunehmender technischer Entwicklung in den vergangenen 150 Jahren exponentiell gewachsen ist. Auch das materialistische Profitstreben, das sich am zynischsten in der Rüstungsindustrie zeigt, hat die Tendenz, die Menschheit in Kriege hineinzutreiben. Wenn die Menschheit durch den Gebrauch der kalten Logik des materialistischen Verstandesdenkens die ahrimanischen Kräfte mehr und mehr in die Zivilisation hineinruft, macht sie am Ende die Erfahrung von Goethes Zauberlehrling: „Die ich rief die Geister, werd ich nun nicht los“ und muss erleben, wie diese ihrer eigenen Natur gemäß zerstörerisch wirken und Umweltkatastrophen und Kriege aus der ihnen wesensmäßig innewohnenden Tendenz herbeiführen. Rudolf Steiner hat daher den ersten Weltkrieg als das Karma des Materialismus bezeichnet, also als eine Folge der materialistischen Entwicklung in den Jahrzehnten davor.
Geistige Ideale können Menschen verschiedenster ethnischer und kultureller Herkunft zu Gemeinschaften verbinden.
Eine spirituelle Entwicklung ist daher per se ein Impuls, der Kriegsgefahren entgegenwirken kann. Denn im Gegensatz zum materialistischen Profitstreben, das sozialdarwinistische Tendenzen begünstigt, haben geistige Ideale keine spaltende Wirkung. Sie haben vielmehr eine vereinigende Kraft. Sie können Menschen verschiedenster ethnischer und kultureller Herkunft zu geistigen Gemeinschaften verbinden. Ein berührendes Beispiel ist die Tatsache, dass während des ersten Weltkrieges Angehörige von mehr als zehn Nationen, die sich großen Teiles verfeindet auf dem Schlachtfeld gegenüber standen, in Dornach als Mitglieder der damaligen anthroposophischen Gesellschaft gemeinsam am ersten Goetheanum gebaut haben. Die gemeinsamen Ideale der Anthroposophie waren also stärker und verbindender als der aus den kriegerischen Ereignissen resultierende Hass zwischen den sich auf dem Schlachtfeld bekämpfenden Völkern. Dieses Beispiel zeigt die vereinende Kraft des Geistigen: „Im Geiste sich finden, heißt Menschen verbinden.“ (Rudolf Steiner)
Es bedarf einer bewussten geistigen Aktivität, um Kriege zu verhindern.
Vor diesem Hintergrund kann verständlich werden, warum es einer geistigen Gesetzmäßigkeit entspricht, dass Kriege v. a. dann drohen, wenn die Menschen verlernen geistige Ideen zu haben: „Denn werden die Ideen in Zeiten des Friedens rar, dann müssen Zeiten von Revolutionen und von Kriegen kommen. – Zum Kriegführen und zu Revolutionen braucht man keine Ideen. Um den Frieden zu halten, braucht man Ideen, sonst kommen Kriege und Revolutionen. Und das ist ein innerer spiritueller Zusammenhang… Wird eine Zeit ideenarm, so schwindet aus dieser Zeit der Friede.“ (GA 185a, S. 212) Das bedeutet, dass es einer bewussten geistigen Aktivität bedarf, um Kriege zu verhindern. Da es in der Welt antagonistische Kräfte und sich entgegenstehende Interessen gibt, bedarf es geistiger Ideen, um diese auf friedlichem Wege zu harmonisieren. Jegliche Form von Friedensdiplomatie ist in diesem Sinne ein Versuch, Ideen zur Konfliktlösung zu entwickeln. Die spirituelle Dimension des o. g. Zitates Rudolf Steiners geht aber noch über das Prinzip des Diplomatischen hinaus. Denn eine Menschheit, die sich mit geistigen Ideen beschäftigt, verfällt nicht so leicht in die dumpfen und primitiven Ressentiments des Hasses und des Sündenbockdenkens, die den Nährboden bilden, auf dem sich Kriegspropaganda leicht entfalten kann.
Wie können wir selber zum Frieden beitragen?
Nach einer Anregung Rudolf Steiners tragen wir zum Frieden bei, wenn wir die Konflikte, die in der Welt herrschen, in uns hineinnehmen und in der eigenen Seele ausgleichen. Das ist ein spiritueller Weg, die Konflikte der Welt in sich zu versöhnen. Das setzt voraus, dass man nicht nur eine einseitige Position annimmt, sondern verschiedene Positionen nachvollziehen kann und sie in sich selber als unterschiedliche Perspektiven auf eine Tatsache zur Harmonie bringen kann. Umgekehrt entsteht Krieg und Unfriede, wenn wir die verschiedenen Perspektiven nicht innerlich nachvollziehend in uns hineinnehmen, sondern nur eine einzige Perspektive einnehmen und die andere externalisieren und als äußere Gegenposition bekämpfen. Es ist also am Ende eine spirituelle Frage, ob wir die Konflikte in unserer eigenen Seele austragen und zur Harmonie bringen oder ob wir sie hinaus projizieren und dann als äußeren Feind das bekämpfen, was uns nicht gelungen ist in die eigene Seele zu integrieren.
Europa wäre dazu aufgerufen, sich um eine vermittelnde, heilsame Wirkung zu bemühen.
Europa ist aufgrund seiner geopolitischen Lage zwischen Ost und West eigentlich dazu prädestiniert, Vermittler zwischen Ost und West zu sein. In alchemistischer Tradition ist das Vermittelnde zwischen zwei Polaritäten das Merkurielle, das in der beweglichen Tropfenform eine Mittelstellung zwischen der starren Form des Festen und der Formlosigkeit des Flüssigen hält. Das Merkurielle ist auch das Heilende. Merkur ist der Gott der Heilkunst und gleichzeitig der zwischen Himmel und Erde, Göttern und Menschen vermittelnde Götterbote. Wie der Bote versucht zwischen den beiden polaren Seiten einen friedlichen Ausgleich herzustellen, so versucht auch der Arzt im Sinne einer merkuriellen Heilkunst das gesunde Gleichgewicht im Organismus wieder herzustellen, das meist auch die Mitte zwischen zwei polaren Abweichungen darstellt.
Während Kriege als soziale Krankheitsprozesse begriffen werden können, in denen zwei feindliche Pole unvermittelt aufeinandertreffen und sich die Polaritäten in militärischer Gewalt entladen, könnte man in diesem Sinne die Diplomatie als merkurielles Element begreifen, das im sozialen Zusammenleben zwischen zwei feindlichen Staaten einen merkuriell ausgleichenden, gewissermaßen therapeutischen Friedenskompromiss zu schaffen versucht.
Europa wäre nach der tragischen Erfahrung von zwei Weltkriegen moralisch dazu aufgerufen, sich um eine solche vermittelnde, merkuriell heilsame Wirkung zu bemühen und statt Waffen Impulse der Versöhnung und Verständigung in die Welt hinauszusenden, sowie geistige Ideen, wie sie z. B. in der Anthroposophie in großer Fülle enthalten sind.
Das geistige Klima setzt sich zusammen aus den Impulsen, die von den Einzelseelen ausgehen.
Jenseits des Politischen liegt es jedoch in der Macht und Verantwortung jedes einzelnen Menschen, ob von der eigenen Seele hasserfüllte oder friedfertige Impulse ausgehen. Am Ende entscheidet das geistige Klima, ob die Kräfte des Hasses oder der Friedfertigkeit gedeihen, wie das Klima einer Erdenregion entscheidet, welche Pflanzen in dieser Region gedeihen. Und das geistige Klima setzt sich zusammen aus den Impulsen, die von den Einzelseelen ausgehen. Strahlt von möglichst vielen Menschen Friedfertigkeit aus, beeinflusst das auch das geistige Klima der Welt in Richtung Frieden. Jeder Einzelne kann dadurch zum Frieden in der Welt beitragen und einen vielleicht sehr bescheidenen und anfänglichen aber doch wirksamen Beitrag dazu leisten, dass das allgemeine Klima der Zeit friedfertiger wird.
Denn nur wenn möglichst viele Menschen in der eigenen Seele zum Frieden finden, wird auch die Welt als Ganzes friedlicher. Friedensarbeit an der eigenen Seele ist also auch Friedensarbeit für die Welt. Denn spirituell gesehen überwindet man Feindschaft und Hass nur durch gegenseitiges Verständnis und liebevolle Empathie. Dieses hohe Zukunftsideal, mit den Impulsen der eigenen Seele zum Frieden in der Welt beizutragen, hat Rudolf Steiner einmal mit den schönen Worten beschrieben: „Wir pflegen die Liebe, und wir wissen, daß mit diesem Pflegen der Liebe der Kampf verschwinden muß. Wir stellen nicht Kampf gegen Kampf. Wir stellen die Liebe, indem wir sie hegen und pflegen, gegen den Kampf. Das ist etwas Positives. Wir arbeiten an uns in der Ausgießung der Liebe und begründen eine Gesellschaft, die auf Liebe gebaut ist. Das ist unser Ideal. … Nicht durch Kampf überwindet man den Kampf, nicht durch Haß überwindet man den Haß, sondern den Kampf und den Haß überwindet man in Wahrheit allein durch die Liebe.“ (GA 54, S. 56)
Dr. Christoph Bernhardt ist als Facharzt für Allgemeinmedizin in Hamburg tätig. Er hält Vorträge und publiziert zu anthroposophischen und medizinischen Themen. Er gehört dem Vorstand des Sophia- Zweiges am Rudolf Steiner Haus Hamburg an.
24. – 25. Mai
Rudolf Steiner Haus, So 16:00 – 20:30 Uhr / Mo 10:00 – 18:30 Uhr
Pfingsttagung: Europa zwischen Krieg und Frieden
Perspektiven für eine friedliche Zukunft Europas. Mit Luke Barr, Dr. Christoph Bernhardt, Gerhard Ertlmair, Dr. Michaela Glöckler und Dr. Valentin Wember. Vorträge, Gesprächsgruppen und künstlerische Aktivitäten, siehe Programmteil und beiliegender Flyer. Programm und Anmeldung unter www.anthrohamburg.de Anthroposophische Gesellschaft – Sophia-Zweig am Rudolf Steiner Haus
