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„Angst und Scham – zur Psychopathologie der Gegenwart“

Zusammenfassung eines Vortrages von Dr. med. Olaf Koob

Dr. med. Olaf Koob
Dr. med. Olaf Koob

Angst ist ein Gefühl, das heute in unserer westlichen Kultur in verschiedenen Bereichen auftaucht. Sie kann gesellschaftliche oder persönliche Ursachenhaben. Die Anlässe sind vielschichtig: politische Ereignisse und die Auseinandersetzung mit Zerstörung können Auslöser sein. Oft steht das Ohnmachtsgefühl dahinter, die Dinge nicht mehr in den Griff zu bekommen, und letztlich gibt es auch leibliche Ursachen für die Angst.
Scham gehört in polarer Weise zur Angst dazu. Scham entsteht, wenn der Mensch zu einer Individualität wird und aus der Harmonie mit den anderen heraustritt. Angst und Scham können in einer pathologischen und in einer gesunden Funktion auftreten.
In der Auseinandersetzung mit der Angst kann und soll der Mensch das Böse, „die Widersachermächte“, verwandeln. Das ist die Signatur für die der Zukunft und die eigentliche Aufgabe der Angst.
Olaf Koob hat diesen Vortrag gehalten auf der Tagung „Angst – der innere Terror. Wie entwickeln wir uns daraus zur Freiheit?“ Diese Tagung wurde im Juni veranstaltet von Lucia e.V., einem Pflege- und Betreuungsdienst im Hamburger Nord-Osten. Tagungsort war die Lukas-Kirche in Hamburg-Volksdorf.
Olaf Koob, geb. 1943, seit 1972 praktischer Arzt und Schularzt, seit 1977 neben der ärztlichen Praxis auch in der Drogentherapie und als Dozent für künstlerische Therapie und allgemeinmedizinische Fragen tätig. Er ist Autor diverser Bücher zum Thema Depression, Drogen, Organkunde etc. In den letzten Jahren war er beruflich oft in Asien – Thailand, Burma, China etc.

Wir wollen uns die geistige, mehr menschheitliche Dimension der Angst anschauen, die uns weltweit herausfordert, Gegenkräfte zu entwickeln. Schon in der Apokalypse wird ein zeitlicher Rahmen genannt: etwa alle 1000 Jahre werden geistige Widersachermächte entbunden, man kann auch sagen „entfesselt“.
Ein Abschnitt von 1000 Jahren ist zu Ende gegangen bei dem großen der immer wieder zitierte 11. September. Das war eine „Initialzündung“ für Angst, die sich gerade in der westlichen Welt verbreitet hat. Es gibt dazu beispielsweise Bücher: „Imperium der Angst – die USA und die Neuordnung der Welt“. Man hat sehr wohl verstanden, welche Stimmung aus der westlichen Politik seitdem weltweit verbreitet wird: Man braucht nur einmal mit dem Flugzeug zu fliegen, um den Eindruck zu bekommen, dass man heute fast schon jeden Menschen verdächtigt, ein Terrorist zu sein. Diese Angst hat sich weltweit verbreitet.

„german Angst“

Es ist in der letzten Zeit immer wieder Literatur darüber erschienen, dass es nicht nur individuelle Ängste gibt, sondern spezifische Angstformen bei den verschiedenen Völkern. Es gibt einen Begriff, der schon Jahrzehnte alt ist, aber von Psychologen inzwischen genauer untersucht wurde: „german Angst“.
Vor zwei Jahren veröffentlichte der „Spiegel“ eine Titelserie mit dem Thema „Angst“ Der berühmte Psychotherapeut Dr. Wolfgang Schmidbauer aus München hat sich mit dieser „german Angst“ beschäftigt. Gerade wenn man aus anderen Ländern kommt, spürt man in dieser mitteleuropäischen Atmosphäre diese Labilität und Unsicherheit. Es herrschen hier Fragen wie: Können wir überhaupt noch überleben? Werden wir unsere Kinder noch ernähren können? Was ist mit den Renten? usw. Schmidbauer bezeichnet es als das „Hai-Syndrom“: „Weil ihnen die luftgefüllte Schwimmblase fehlt, können Haie im Wasser nicht anhalten ohne zu sinken. Sie müssen, um nicht unterzugehen, immerfort vorwärts schwimmen. Dem deutschen Hai-Syndrom, der Unfähigkeit, auch einmal etwas gut sein zu lassen, äußerst sich indirekt eine ängstliche Spannung, die zu der zwanghaften Forderung führt, auch solche Zustände permanent zu verbessern und zu verändern, die an sich gut sind, mit dem Hinweis auf die im Unterlassungsfall drohenden Gefahren. Das Hai-Syndrom hat mit dem Zwang zu tun, sich etwas zu beweisen. Diese Beweisnot hängt mit dem Perfektionismus zusammen, der dazu dienen soll, Selbstgefühlsmängel auszugleichen und traumatische Belastungen der Psyche ungeschehen zu machen.“
Es ist eine interessante Beschreibung, dass ein ganzes Volk, aus der Vergangenheit heraus, an einer spezifischen, fast angstneurotischen Beklemmung leidet. Man muss und kann Ängste auch völkerspezifisch anschauen. Wir haben in dem letzten Jahrhundert Dinge hinter uns, die so schrecklich gewesen sind, dass sie als tiefste Erschütterung und Unsicherheit immer noch nachwirken.

Haben wir die Dinge noch in der Hand?

Rudolf Steiner hat nach dem ersten Weltkrieg eine sehr wichtige Bemerkung gemacht, dass Angst immer dann eintritt, wenn der Mensch ein Ohnmachtsgefühl hat, dass er die Dinge nicht mehr in den Griff bekommen kann, um sie umzuwenden oder zu bearbeiten. „Aus Menschenschicksal müsste der Krieg im Jahre 1917 zu Ende gehen, sonst würde er zu etwas werden, was mit dem alten Begriff Krieg überhaupt nicht mehr fassbar wäre, denn der Mensch würde aus dem Lenken der Ereignisse völlig verdrängt und an die Stelle des von Menschen gelenkten Geschehens würde in die Zukunft hinein ein mechanischer Ablauf ahrimanischer Wirkungen treten,“ so Rudolf Steiner.
Das ist ein ganz wichtiger Hinweis, der auch die Grundstimmung der Menschen heute charakterisiert: Haben wir die Dinge noch in der Hand? Können wir sie noch aufhalten oder auch bestimmen? Welche Gegenkräfte müssen wir entwickeln, um diese Tendenz der Verselbständigung aufzuhalten?
Die Menschen haben eine intellektuelle Einsicht, aber trotz dieser Einsicht läuft alles automatisch weiter. Beispielsweise hatte ich neulich in Bangkok ein Gespräch mit einem Immunforscher, der ganz beeindruckt war, wie viel weniger Waldorfschüler im Vergleich zu Staatsschülern an Allergien leiden. Das liegt daran, dass sie weniger Impfungen bekommen und weniger Antibiotika und fiebersenkende Mittel einnehmen. Er hat das sehr gelobt, aber in seinem Institut geht die „alte Leier“ einfach weiter. Wir wissen, dass wir das Immunsystem der Kinder ruinieren, aber wir setzen dieses Wissen nicht um.
Die Menschen stecken wie in einem „Futteral“, sind wie eingesargt, haben Schattennaturen, aus denen sie nicht herauskommen. Sie sind wie entfremdet – sowohl von der Natur, als auch von sich selbst. Dass man ein Ich-Wesen ist, das die Dinge umwandeln und gestalten kann, wird den Menschen heute in weiten Bereichen ausgetrieben, und daher kommen die unbewussten Ängste des Versagens.

die positiven Seiten der Katastrophen

Diese Grundstimmung muss man verstanden haben, um dann zu therapeutischen Aktionen weiter schreiten zu können. Ich fand es beeindruckend, dass man im heutigen Journalismus auf ein geistiges Grundgesetz aufmerksam geworden ist. Bis dato war es so, dass man die Einbrüche in der Welt, Seuchen, Naturkatastrophen aller Art, immer sehr negativ bewertet hat. Vor einigen Wochen erschien in der „Zeit“ ein kleiner Artikel, in dem die positiven Seiten dieser Katastrophen formuliert wurden, inwiefern dadurch nämlich der Menschheit ermöglicht wird, Gegenkräfte und neue Gedanken zu bilden.

Die Auseinandersetzung mit dem Bösen, mit der Angst und der Zerstörung ist die Signatur der Zukunft

Es wurde an erster Stelle die Katastrophe im Irawadi-Delta geschildert. Ich selbst bin in Burma gewesen, und man kann sich überhaupt nicht vorstellen, dass dort ohne den Einbruch der fürchterlichen Katastrophe solche Liebes- und Opferkräfte entwickelt worden wären, wie sie von allen umliegenden Ländern dann auch hinein geflossen sind. Dann wurde berichtet über das schwierige Verhältnis der Türken und Griechen und wie diese sich durch ein Erdbeben vor ein paar Jahren wieder annähern konnten. Natürlich wurde auch über China und Tibet berichtet. So tragisch das alles ist, fordern diese Ereignisse die Menschheit heraus, wirkliche Gegenkräfte zu mobilisieren. Ohne alles das würden wir vielleicht einschlafen. Die Auseinandersetzung mit dem Bösen, mit der Angst und der Zerstörung ist die Signatur der Zukunft.

Das zweite, was langsam in der Psychotherapie immer mehr bewusst wird, ist das Geschwisterteil der Angst: die Scham. Irgendwie spürt man, dass Angst auch mit Scham zu tun hat. Kaum ein Mensch hat in seinem Leben keine Traumatisierungen kleinster oder größter Art und ist in eine Situation gekommen, in der er sich geschämt hat. Bei dem gestrigen Vortrag wurde gefragt: Kann man sich vor sich selbst ängstigen? Und die jetzt folgende Frage lautet: Kann man sich vor sich selbst schämen? Und das ist tatsächlich der Fall. Die Scham kann einem von Außen zugefügt werden, man kann eine Beschämung verinnerlichen, und jeder von uns weiß, was dann passiert: Wir spüren, wenn unsere seelische Hülle verletzt wird, dass sich der Blutprozess gegen dieses Vernichtungsgefühl wehrt – wir werden rot.
Man kann Menschen entwerten, wenn man sie permanent in Situationen hineinbringt, in denen sie sich entblößen müssen, sich also schämen. Scham hat immer auch mit Entblößung zu tun. Ich habe eine Biographie gelesen von einem KZ-Insassen. Dieser schrieb, dass das schlimmste Erlebnis war, neben dem, dass er zu einer Nummer gemacht wurde, die Intimität aufzugeben und keine geschlossene Toilette zu haben, statt dessen in der Reihe stehen zu müssen vor einem so genannten Donnerbalken. Diese leibliche Entblößung war für ihn das Schlimmste.
Es gibt eine natürliche Scham, die ein Mensch hat. Man kann sich dabei heute auch die Frage stellen, welche Intimitäten verletzt werden, wenn beispielsweise im Fernsehen in manchen Sendungen die Menschen sich seelisch gewissermaßen ausziehen, um interessant zu sein.

Ich möchte auf zwei Veröffentlichungen hinweisen. Daniel Hell, ein Psychiater aus Zürich, hat sich mit den „Wüstenvätern“ beschäftigt. Diese Wüstenväter lebten im 4. Jahrhundert im vorderen Orient als Einsiedler. Der bekannteste ist der Heilige Antonius, der auf dem Isenheimer Altar dargestellt ist.

Ich kann mich vor mir selber schämen

Hell hat sich in seinem Buch „Seelenhunger“ weiter mit dem Gefühl der Scham auseinandergesetzt und stellt fest, dass hinter sehr vielen psychischen Problemen, wie Ängsten, Depressionen, auch Ekelgefühlen, das Problem der Scham steht. Er sagt weiterhin: Scham setzt Selbstbeurteilung voraus. Es genügt nicht, von anderen abgewertet zu werden, sondern man muss diese Abwertung in die Selbsteinschätzung übernehmen, um Scham zu erleben. Auch wenn sie äußerlich ausgelöst wird, setzt das einen inneren Prozess in Gang. Ich kann mich vor mir selber schämen.
Scham hängt mit der schuldhaften Nötigung zusammen, für uns selbst die Verantwortung zu übernehmen. Wer kein Selbst verspürt, das ist bei kleinen Kindern der Fall, kann keine Scham spüren. Aus der Forschung wird deutlich, dass Angst ganz früh auftritt und Scham etwa im dritten Lebensjahr. Das ist das Alter, in dem auch der erste Ich-Impuls erwacht und der Mensch in der Lage ist zu merken: Ich selber bin jemand, ich gehöre nicht mehr zum Kollektiv. Wenn wir noch ein Kollektiv wären, in dem alle etwas ähnliches denken, fühlen und tun, dann wäre es egal, ob wir hier mit grünen Hüten sitzen würden oder nackt – wir würden uns alle nicht schämen. Erst, indem man Individualität wird und aus der Harmonie mit den anderen heraustritt, kann Scham überhaupt auftauchen. Es geht dabei nicht um die negative Beurteilung, sondern um die Abweichungen. Es gibt Menschen, die so schamvoll sind, dass sie sich selbst nicht akzeptieren können. Das ist „Sartre pur“: Der Blick des anderen zwingt mich dazu, mich zu mich selbst zu bekennen; ich werde durch den Blick des anderen zum Objekt. Schaffe ich es, mich mit mir selbst zu identifizieren oder möchte ich am liebsten aus dem Raum „verpuffen“.
Das Ich des Menschen möchte sich in der Scham am liebsten – man möchte beinahe sagen „sulfurisch“ – davon machen. Scham wirkt „auflösend“ und ist ein übersteigerter Blutprozess. Deshalb bekommen wir einen roten Kopf. Bei der Angst ist es anders. Da tritt ein umgekehrter Prozess ein: statt des übersteigernden Blutprozesses liegt hier ein übersteigerter Nervenprozess vor. In diesen beiden Bereichen spielt sich die ganze Problematik Scham und Angst ab.
Ich möchte jetzt darauf eingehen, warum ich den Titel dieses Vortrages so ausgewählt habe. Es gibt einen frühen Vortrag von Rudolf Steiner, der auch völkerpsychologisch interessant ist, in dem er von zwei Seelenqualitäten spricht. Es gibt eine Seelenqualität, die mit alten Menschheitszuständen zu tun hat, die wir aber noch nicht überwunden haben. Diese Seelenqualität, so negativ sie ist, hat mit zukünftigen Kräften der Menschheit zu tun. Rudolf Steiner dazu: „In der Scham finden wir eigentlich noch ein altes Mondenbewusstsein wieder in der Menschheit.“ Mondenbewusstsein hatte der Mensch, als er noch ganz im Gruppenbewusstsein lebte und ganz in Harmonie mit seinem Volksstamm und seiner Umgebung war. Zur Ichwerdung musste er in die Disharmonie kommen und sich aus dem Kollektiv entfernen. Dadurch merkte er, dass er anders wurde, auch andere Dinge brauchte Wenn das Kollektiv ihn konfrontiert hat, heute würde man sagen mit dem „Über-Ich“, dann hat er sich schamvoll verhüllen wollen, weil er das als eine Art Verletzung gegenüber der Welten- und Stammesharmonie empfunden hat. In Asien kann man erleben, dass das in den meisten Ländern auch heute noch ein Grundempfinden ist. Ich habe mich mit einer Japanerin unterhalten: „Ihr habt doch das Wort „ich“. Benutzt ihr das auch im Gespräch?“ „Nein“, erwiderte sie, „das benutzen wir nicht. Das finden wir vielleicht in der Literatur, aber wenn wir uns mit anderen Menschen unterhalten, benutzen wir das Wort „ich“ nicht.“

„In Zukunft wird es ganz wichtig sein, dass der Mensch innerseelisch aus freien Stücken das vollzieht, was in der Angst physiologisch vollzogen wird durch Bedrohung von außen“

Man bezeichnet es so, dass der Asiate das Gesicht nicht verlieren möchte: er zieht sich zurück und lächelt; wenn man ihn etwas fragt, sagt er lieber nichts, weil er Angst hat, er könnte etwas Falsches sagen. Er tritt wie zurück in das Kollektiv hinein. Diese Hülle, die das Kollektiv oder auch die Familie bildet, hängen mit dem „Mondenbewusstsein“ zusammen.
Das kann man noch relativ gut nachvollziehen. Aber es wird schwierig, wenn man sich vorstellen soll, dass Angst etwas Zukünftiges hat. Dazu schildert Rudolf Steiner folgendes: „In Zukunft wird es ganz wichtig sein, dass der Mensch innerseelisch aus freien Stücken das vollzieht, was in der Angst physiologisch vollzogen wird durch Bedrohung von außen, dass nämlich das Ich in der Lage ist, das Blut nach innen zu ziehen um einen Mittelpunkt zu haben, um gegen Gefahren sozusagen aufmerksam zu werden.“ (Rudolf Steiner: Anweisungen für eine esoterische Schulung)
Das heißt, ähnlich wie die Scham hat auch die Angst eine gesunde Funktion. Wenn wir keine Angstgefühle produzieren könnten, würden die meisten von uns gar nicht mehr leben. Angst ist auch eine Hilfe, Gefahren zu erkennen und aus den Gefahren herauszukommen.
Wenn jetzt aber menschheitlich künstlich erzeugt wird, dass so viele Menschen permanent physiologisch-organisch Angst haben, dann wird diese Kraft, die man eigentlich aus sich selber erzeugen müsste, im Menschen geschwächt.
Ich kann das als Arzt nur so verstehen: Wenn ich einem Menschen, so wie bei Impfungen, keine echte Krankheiten, sondern künstlich erzeugte, permanent zufüge, wird er Kräfte „verplempern“, die er, wenn eine richtig massive Infektion kommt, dann nicht mehr hat. Das ist für mich quasi eine Eselsbrücke zum Verständnis dessen, was Steiner meint: die neue Fähigkeit, die wir entwickeln müssen und die ganz auf uns selbst gestellt ist, nämlich aus inneren Kräften furchtlos zu werden. Das wird für die Zukunft gebraucht. Es ist ein Angriff der Widersachermächte, dass eine Fähigkeit des Menschen ins Materielle gezogen und missbraucht wird für andere Dinge.

In der Vorstimmung des 3. Reiches wurde eine Führerpersönlichkeit gesucht, es wurde ein neues tausendjähriges Reich – diesen Begriff hat nicht Hitler erfunden – erwartet. Die Menschen hatten eine ungeheure Erwartungsstimmung, dass ein Mensch Deutschland aus dem Elend herausführt. Und wer ist gekommen? Nicht der, der etwas segnend vom Himmel gebracht hat, sondern die Kräfte hier unten, also quasi Stoffwechselkräfte, nach oben gebracht hat. Er hat nicht das Kreuz, sondern das Hakenkreuz gebracht. Das war damals auch eine Art Gegenbild zu dem, was eigentlich entwickelt werden sollte.
Genauso verhält es sich mit dieser Fähigkeit: sie wird verbraucht, wird „automatisiert“ und steht dem Menschen nicht mehr zur Verfügung.
Jetzt möchte ich die physiologische Seite darstellen. Rudolf Steiner erklärt diese Angstproblematik physiologisch. Wir haben im Organismus die beiden Bereiche: den oberen Menschen, d. h. den Bewusstseinsmenschen. Dann haben wir alles das, was im „Unterbewusstsein“ des Menschen vorgeht und seine Spiegelung im Bewusstsein hat.

Es gibt in der Anthroposophie einen Begriff, mit dem man viele Phänomene, auch psychiatrische, besser verstehen kann: Entfesselung. Im Stoffwechselbereich des Menschen sind Kräfte gebunden, die wir erahnen können und auf einer sprachlichen Ebene ausdrücken, z. B. „mir sitzt die Wut im Bauch“. Da liegt ein Zerstörungsherd größten Ausmaßes. Wenn wir diese Kräfte nicht hätten in der Galle, Bauchspeicheldrüse, Magen etc., würden wir die fremde Welt gar nicht verdauen können. Rudolf Steiner spricht von „Ich-Tätigkeiten im Stoffwechsel“. Wenn beispielsweise das Ich nach dem Essen mit der Verdauung engagiert ist, wird der Mensch in seinem höheren Seelenwesen friedlicher, das Ich ist an Tätigkeiten gefesselt. Wenn aber der Mensch hungert und das Ich entfesselt wird, können schlimmste Aggressionen aus Menschen herauskommen. Das kann man bei Revolutionen gut sehen: da wird das aggressive Tier, das in uns schlummert, geweckt.
Wir haben in dem unteren Bereich Kräfte, die den Menschen wie zusammenhalten und bis ins Mineralische hinein verdichten. Und das ist seelisch gesehen die Angst-Geste. Angst – „Angustia – Angina“ heißt „Enge“. Der Mensch verdichtet sich immer mehr, wird eigentlich mineralisch. Rudolf Steiner sagt, dass die stärkste Angstkraft, nicht seelisch, sondern als Grundgeste gesehen, in den Knochen sitzt. Hätten wir diese Kräfte nicht, würden wir keine Mineralisierung vollziehen können. Sobald Angst entsteht, geht diese Kraft in das Seelische hinein, und die Folge ist, dass sie im unteren Bereich als zusammenhaltende Kraft nicht mehr wirksam ist: der Mensch schwitzt und bekommt Durchfall, weil er Angst hat.

Auf einen anderen wichtigen Aspekt der Angst kommt man, wenn man darauf achtet, was während des Schlafens passiert.
Auf der einen Seite kommt es heute sehr darauf an, sich mit dem Bösen auseinanderzusetzen und sich daran weiterzuentwickeln. Auf der anderen Seite geht die Menschheit „über die Schwelle der geistigen Welt“. Das hat zur Folge, dass sich unsere Wesensglieder lockern, sie werden erschüttert und haben nicht mehr den Zusammenhalt wie im normalen physischen Leben. Was braucht die Menschheit, wenn sie über die Schwelle geht, um daraus heilende Kräfte zu entwickeln?
Rudolf Steiner spricht über die Stadien, die wir im Schlaf durchgehen, und aus diesen kann man eine therapeutische Konsequenz ableiten.
Wenn der Mensch einschläft, passiert etwas mit ihm, was er dann unterbewusst durch den Tag mitnimmt: „Wenn der Mensch einschläft, dann kommt über ihn zunächst eine Art unbestimmte Angst. Diese Angst wird im gewöhnlichen Erdenleben eben nicht ins Bewusstsein hinauf gehoben, nicht vorgestellt, aber diese ist als Vorgang im menschlichen Seelenleben und im menschlichen Ich vorhanden und der Mensch trägt die Folgen seiner Angst während des Schlafes durchaus in den Tageszustand mit herüber. Das sitzt unbewusst in uns. Würde er nicht diese Angst mit herüber tragen, würde diese Angst nicht als Kraft während des wachen Lebens im Physischen und im Ätherleib wirken, dann würde der Mensch nicht in der Lage sein, dass er zum Beispiel in der richtigen Weise Salze und ähnliche Stoffe absondert.“ (Rudolf Steiner: Intiatenerkenntnis)

An früherer Stelle habe ich den Vorgang geschildert von der innerlichen Konsolidierung und der Absonderung, und dieser hängt mit diesen zusammenziehenden Kräften zusammen. Wir brauchen das regelrecht. Die Absonderung, die für den Organismus notwendig ist, ist eine Wirkung der unterbewussten Angst während des Schlafes.

Angst, das seelische Schwanken, das Stehen vor dem Abgrund

Wir treten also, wenn wir einschlafen, in eine Sphäre gewisser Ängste. Das hängt damit zusammen, dass wir unseren gewohnten Leib verlassen. Wir spüren, dass wir keinen Grund mehr unter den Füßen haben.
In der zweiten Stufe des Schlafes hat der Mensch einen Zustand, wo er hin- und herschwankt und wo er sich nicht mehr halten kann. Es ist eine Art Desorientierung.
Im dritten Stadium hat man das Gefühl, vor einem Abgrund zu stehen und nicht zu wissen, was kommt, wenn man da hinunter springt.
Nach meiner persönlichen Interpretation dieser drei Stufen – Angst, das seelische Schwanken, das Stehen vor dem Abgrund – weist das darauf hin, dass die Menschheit heute dabei ist, diese Schwelle ins Geistige zu überschreiten. Diese drei Stufen geschehen nicht mehr, wie früher, nur im Unbewussten des Schlafes, sondern werden ins Bewusstsein gehoben
Das sind drei Themen, die man heute in vielen Biografien wieder findet, manchmal treten sie auch einzeln auf, aber sie sind Grundthematik der heutigen Zeit. Das eine Thema ist die Angst, das zweite die Orientierungslosigkeit. Das dritte Thema ist das Stehen vor einem Abgrund und nicht weiter wissen. Ich habe gerade erschütternde Lebensberichte gelesen von Amerikanern, die durch die Immobilien ihr Haus verloren haben; sie wurden einfach aus dem Haus rausgeworfen und standen dann auf der Straße.
Die alten Ägypter haben das „die drei ehernen Notwendigkeiten“ genannt, die im Unterbewusstsein sitzen, damit wir überhaupt am Tag aus unserem Ich diese Kräfte ins Gegenteil verwandeln können. Das heißt, die Angst führt den Menschen zu einem Gefühl des Gottesbewusstseins: Ich stamme von Gott ab, er hat mich erschaffen, ich bin Teil der göttlichen Welt und kann diese Angst überwinden, indem ich ein Gottesgefühl entwickle. Rudolf Steiner sagt: Atheist zu sein ist eigentlich wie eine physische Krankheit. Ein Mensch, der sich gesund entwickelt in seiner Leiblichkeit, kann kein Atheist sein, denn er spürt, was er seinem Leib zu verdanken hat und wie wunderbar dieser Leib funktioniert. Das führt zu einem sehnsüchtigen Fragen nach dem Gottesbegriff.
Die Desorientiertheit ist etwas, so Rudolf Steiner, was die Menschheit langsam überwinden muss, indem sie sich immer mehr mit der Christuswesenheit beschäftigt, die wie eine Art Führer sein kann durch diese ganzen Abgründe des Lebens hindurch.
Das Stehen vor dem Abgrund ist etwas, was die Menschheit immer als etwas Erneuerndes empfunden hat: „Du kannst im Leben auch eine Wiedergeburt erleben, obwohl die Dinge zu Ende sind, du kannst aus deinem Ich immer wieder etwas Neues entwickeln“.
Für mich war das eine wesentliche Darstellung Rudolf Steiners, um die religiöse Seite in der menschlichen Natur ganz anders zu verstehen.
Ich möchte noch ein kurzes Zitat bringen über die Angst: „Wir haben gesehen, dass sich im Angstgefühl schon das neue Jupiter-Bewusstsein (das ist das zukünftige Bewusstsein, während das alte das Monden-Bewusstsein ist, Anm. Olaf Koob) ankündigt. Aber immer, wenn ein zukünftiger Zustand vor der Zeit aufzutreten beginnt (das, was jetzt als Angst auftritt, ist wie eine Art Verfrühung von etwas, Anm. Olaf Koob), dann ist es nicht recht am Platze und somit verderblich. (Es ist wie bei einer Pflanze: wenn man die zu früh erntet, dann geht sie ein, Anm. Olaf Koob). Gerade so ist es mit dem Angstgefühl, es ist auch heute so radikal nicht am Platze und noch viel weniger in der Zukunft. Und was geschieht beim Angstgefühl? Das Blut wird ins Zentrum des Menschen ins Herz gepresst, um dort einen festen Mittelpunkt zu bilden, um den Menschen stark zu machen gegenüber der Außenwelt. Die innerste Kraft des Ich ist es, die das bewirkt. Diese Kraft des Ich, die auf das Blut wirkt, muss immer bewusster und kräftiger werden. Und auf dem späteren Jupiter-Zustand wird der Mensch dann ganz bewusst sein Blut nach dem Mittelpunkt leiten und sich stark machen können. Das Unnatürliche und Schädliche daran ist aber auch das Gefühl der Angst, das mit dieser Blutströmung verbunden ist. Das darf in Zukunft nicht mehr sein. Nur die Kräfte des Ich, ohne Angst, müssen da wirken.“ (Rudolf Steiner: Anweisungen für eine esoterische Schulung)
Das ist sehr radikal ausgedrückt, aber es kann einem ja Hoffnung geben, dass, wenn wir das immer weiter entwickeln, dadurch langsam diese Widersachermächte verwandelt werden.