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100 Jahre Anthroposophische Medizin

Interview mit Dr. med. Irene Stiltz und Thomas Klimpel, Anthroposophische Medizin (GAÄD)

„Nicht um eine Opposition gegen die mit den anerkannten wissenschaftlichen Methoden der Gegenwart arbeitende Medizin handelt es sich. … Allein wir fügen zu dem, was man mit den heute anerkannten wissenschaftlichen Methoden über den Menschen wissen kann, noch weitere Erkenntnisse hinzu, die durch andere Methoden gefunden werden und sehen uns daher gezwungen, aus dieser erweiterten Welt- und Menschenerkenntnis auch für eine Erweiterung der ärztlichen Kunst zu arbeiten.“

aus „Grundlegendes für eine Erweiterung der Heilkunst“ von Rudolf Steiner u. Ita Wegman

Heute wünschen sich die meisten Menschen eine Medizin, die wissenschaftlich und gleichzeitig ganzheitlich arbeitet. Seit 100 Jahren gibt es nun die Anthroposophische Medizin, und sie verbindet Schulmedizin und ergänzende Behandlungsformen. Der Mensch wird immer als Ganzes gesehen, mit Körper, Seele und Geist und daran orientiert sich die Diagnostik und Therapie. Krankheit hat einen Sinn für den betreffenden Menschen, und in der Heilung findet er zu einem neuen Gleichgewicht.

Interviewpartner:
Dr. med. Irene Stiltz, niedergelassen seit 1996 als Allgemeinärztin mit Schwerpunkt Anthroposophische Medizin; war über 20 Jahre Schulärztin an der Bergedorfer Rudolf Steiner Schule, einige Zeit auch als Ärztin in der Sozialtherapie tätig. Mitarbeit in einem Team, das  schwerkranke Patienten ambulant versorgt (Palliativmedizin). Im Zusammenhang damit entstand eine Mitarbeit in der Medizinischen Sektion in Dornach für Palliativmedizin; es wird dabei erarbeitet, was die Anthroposophische Medizin über die schulmedizinische Versorgung hinaus in der Palliativmedizin beitragen kann.

Thomas Klimpel, anthroposophischer Arzt, seit 2001 gemeinsam mit seiner Frau in einer Kassen-Hausarztpraxis in Hamburg niedergelassen. Facharzt-Ausbildung in der internistisch-anthroposophischen Abteilung im Krankenhaus Rissen. Seit 2000 auch ärztliche Versorgung von Erwachsenen mit Betreuungsbedarf in der sozialtherapeutischen Einrichtung Franziskus e.V.

 


Christine Pflug: Wie ist die Anthroposophische Medizin 1920 entstanden?

Thomas Klimpel: Rudolf Steiner hat schon vor 1920 Vorträge gehalten mit medizinischem Inhalt, aber nicht für Mediziner, sondern für die Öffentlichkeit und Mitglieder der damaligen theosophischen Gesellschaft. Steiner hatte schon 1910 bei seinen Vorträgen „Offenbarungen des Karmas“ Hinweise gegeben, dass er bestimmte Inhalte für die Ärzte vertiefen könne. 1913 fand der Vortragszyklus „Okkulte Physiologie“ in Prag statt, in dem er für Laien über medizinische Themen sprach. 1914 zu Beginn des 1. Weltkrieges hat er einen „Samariterkurs“ für Nicht-Mediziner gegeben, einen Erste-Hilfe-Kurs, um Kriegsverletzte versorgen zu können. Beeindruckend finde ich, dass er außer seinen Vorträgen auch selbst Verbände vorgezeigt und angelegt hat. Später wurde er dann von Ärzten gefragt, ob er nicht eine Ausbildung für Anthroposophische Medizin geben könne.

die eigentliche „Geburtsstunde“ der Anthroposophischen Medizin

Diese hat dann 1920 mit Ärzten und Medizinstudenten stattgefunden (Buch „Geisteswissenschaft und Medizin“) und das war die eigentliche „Geburtsstunde“ der Anthroposophischen Medizin. Es folgten weitere Vortragszyklen für Ärzte. Zwei Jahre später wurde Steiner von Medizinstudenten gebeten, ob er ihnen für ihr Studium einen speziellen Kurs geben könne; dieser fand dann als sogenannter Jungmedizinerkurs im Januar und Ostern 1924 statt.

 

Irene Stiltz: Dabei finde ich bemerkenswert, dass damals auch Heilpädagogen teilnahmen, nämlich die ersten drei „Ur-Heilpädagogen“ Pickert, Strohschein und Löffler. Diese haben dann daraufhin wiederum um einen heilpädagogischen Kurs gebeten, der im Juni 1924 stattfand.

C. Pflug: Hat er schon damals, also von Anfang an, die Anthroposophische Medizin als ergänzend verstanden?

I. Stiltz: Er hat immer vorausgesetzt, dass Ärzte ein fundiertes, wissenschaftliches Studium absolviert haben. Im Jungmedizinerkurs hat er allerdings Andeutungen gemacht, wie so ein Studium eigentlich gestaltet werden müsste.

C. P.: Und wie ging es dann die nächsten 100 Jahre weiter?

T. Klimpel: Rudolf Steiner hat sehr früh intensiv mit der Ärztin Ita Wegmann zusammengearbeitet und eine anthroposophische Erweiterung gegeben. Sie war damals sehr initiativ und hat in Arlesheim bei Basel 1921 die erste anthroposophische Klinik gegründet, später auch heilpädagogische Heime. Sie hat sich in den 1930er Jahren sehr dafür eingesetzt, nationale und internationale Verbindungen unter Ärzten und Heilpädagogen zu fördern und zu intensivieren.

I. Stiltz: Vor dem zweiten Weltkrieg wurde auch das klinisch-therapeutisches Institut in Stuttgart und die Friedrich-Husemann-Klinik in Süddeutschland, damals Sanatorium Wiesneck, gegründet. Letztere war zum Teil eine Erholungsstätte, aber hauptsächlich eine psychiatrische Klinik. Die Patienten wurden übrigens alle über den zweiten Weltkrieg gerettet, keine/r ist der Euthanasie zum Opfer gefallen. Der leitende Arzt Dr. Husemann hat sich dem Naziregime standhaft entgegengestellt. Als beispielsweise Durchsuchungen des Hauses anstanden, schickte er die Krankenschwestern mit den Patienten in den Wald. Durch seinen Mut konnten auch viele anthroposophisch-medizinische Erfahrungen und Therapieberichte aus dieser Zeit gerettet werden.

Die Anthroposophische Medizin war während des Nationalsozialismus verboten.

T. Klimpel: Die Anthroposophische Medizin, wie auch die gesamte Anthroposophische Bewegung, war während des Nationalsozialismus verboten – Ärzte durften nicht praktizieren und wurden teilweise verfolgt. Das hatte zur Folge, dass sich die Anthroposophische Medizin ins Ausland, v.a. in die Schweiz und nach England, verlagert hat. Beispielsweise hat Karl König in Schottland gearbeitet und heilpädagogische Heime gegründet und Eugen Kolisko, der Schularzt der ersten Waldorfschule in Stuttgart ist nach London emigriert.
Im Lauf der Jahrzehnte hat sich die „Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte Deutschland“ (GAÄD) entwickelt, die Fortbildungen, Beratung, Adressen-Vermittlung usw. anbietet und z.B. auch unsere Medizin in politischen Fragen vertritt.

ein lebenslanges Studium

C. P.: Brauchen anthroposophische Ärzte eine Zusatzausbildung?

I. Stiltz: Es ist ein lebenslanges Studium der Anthroposophie und der Anthroposophischen Medizin erforderlich, um sich die umfassenden Grundlagen zu erarbeiten. Dafür gibt es u.a. Kurse, Tagungen, Seminare, kollegiale Qualitätszirkel. Gegenüber der Öffentlichkeit kann durch ein Zertifikat nachgewiesen werden, dass eine strukturierte Weiterbildung mit abschließendem Anerkennungsgespräch durchgeführt wurde. Dieser Nachweis ist Voraussetzung, dass einige gesetzliche Krankenkassen die Finanzierung von Anthroposophischen Therapien ermöglichen.

C. P. Was zeichnet die Anthroposophische Medizin aus?

Was liegt vor? Wo sind Schwerpunkte, Einseitigkeiten?

I. Stiltz: Wir haben durch Rudolf Steiner viele Anregungen erhalten, wie wir auf den Menschen und auf die Krankheitsprozesse schauen können. Zum Beispiel unter dem Aspekt der Dreigliederung des menschlichen Organismus, (Nerven-Sinnessystem, Rhythmisches System, Stoffwechsel-Gliedmaßensystem) und der Viergliederung (physischer Leib, Lebenskräfteleib, Seelenleib und Ich-Organisation). Ferner kann man auf polare Krankheitstendenzen schauen: Entzündung und Sklerose – liegt eher eine entzündliche oder eine verhärtende Krankheit vor? Desweiteren können die Temperamente eine Rolle spielen: jeweils ein Wesensglied hat einen besonderen Schwerpunkt bei dem jeweiligen Temperament und, wenn dieser Schwerpunkt zu stark ist, können Krankheiten entstehen. Im Heilpädagogischen Kurs gab Rudolf Steiner Grundlagen für die Konstitutionsbetrachtung, z. B. groß- und kleinköpfig, schwefelreich und eisenreich. So gibt es viele Aspekte, die wir individuell anwenden können auf die Patienten. Was liegt vor? Wo sind Schwerpunkte, Einseitigkeiten?

C. P.: Können Sie das an einem Beispiel illustrieren?

T. Klimpel: Wir versuchen zunächst, die vier Wesensglieder am Menschen zu erkennen und zu beschreiben. Ein erstes Wesensglied ist der physische Leib, der alles, was sichtbar, messbar, wägbar, anfassbar ist, zeigt; auch was man in Laborwerten darstellen oder mikroskopisch untersuchen kann. Eine weitere Ebene ist die Funktionsebene, der sog. Äther- oder Lebensleib: das ist die Kraft, die das Stoffliche im Menschen in lebendige Zusammenhänge bringt, regeneriert und lebendig erhält; alles, was aufbauend und im Fluss ist, kann man dieser Ebene zuordnen.

Das dritte Wesenglied ist der Astralleib oder Seelenleib, der innere und äußere Bewegung ermöglicht – innerlich im Sinne des Seelenlebens und nach außen hin durch die Funktion des Bewegungsapparates. Es ist das, was Seelenleben ermöglicht und auch in eine äußere Wirkung bringt: beispielsweise der Bewegungsapparat als Ausdruck der inneren seelischen Bewegung; die Hautfarbe, ob jemand errötet oder erblasst.

Wichtig ist auch noch der Zusammenhang mit den vier Elementen, der physische Leib hängt mit der Erde und dem Mineralischen zusammen, der Ätherleib mit dem Wässrigen; der Seelenleib mit der Luft, was einen Ausdruck erhält durch die Sprache. Als viertes Wesensglied ist die Ich-Organisation zu nennen, die in der Wärme lebt; sie drückt sich in der körperlichen Wärmedifferenzierung und in dem Wärmerhythmus aus und in allem, was individuell im Körper abläuft; die Organe sind individuell geprägt und nicht beliebig austauschbar. Individuell sind auch die Steuerung des Immunsystems und das menschliche Selbstbewusstsein.

C. P: Wird das dann erfragt, gemessen, beobachtet?

I. Stiltz: Man sollte sich diese Wesensglieder nicht getrennt vorstellen, sondern permanent ineinander wirkend. In der Anamnese stellen wir zu den üblichen noch weitere Fragen: zum Beispiel nach den Vorlieben des Geschmacks (Süßes, Salziges, Pikantes, Bitteres) ob man viel oder wenig Durst hat, ob man eher bewegungsfreudig oder träge ist. Auf Grundlage dieser Anamnese erfolgt dann die Untersuchung: man fühlt am Körper des Patienten, ob er warme oder kalte Füße hat, ob die Leber- oder Nierengegend kalt ist oder ob die Wärme gleichmäßig verteilt ist. Wie ist es mit der Haut: ist sie feucht oder trocken? Wie ist die Hautfarbe, wie verändert sich diese? Dieses und mehr geben Hinweise auf das Verhältnis der Wesensglieder. Diese Vorgehensweise erfordert ein ständiges Üben und Reflektieren.

Jeder Mensch hat sein eigenes ideales Verhältnis der Wesensglieder.

C. P.: Das sind die Phänomene, aber wie kommt man dann zu einem Krankheitsbild und zu einer Diagnose?

T. Klimpel: Jeder Mensch hat sein eigenes ideales Verhältnis der Wesensglieder. Zur Krankheit kommt es, wenn ein Wesensglied gegenüber den anderen überwiegt oder in ein Gebiet, wo es so nicht hingehört, zu stark eingreift oder wenn eine Verschiebung stattgefunden hat. Konkret könnte das sein, dass sich im menschlichen Körper etwas zu stark verhärtet, zu kalt wird oder sich zu viel Luft ansammelt usw. Die Aufgabe in der anthroposophischen Diagnostik ist, die Verschiebung bzw. das geänderte Verhältnis durch die Anamnesefragen und die körperliche Untersuchung zu erkennen. Natürlich können auch die schulmedizinischen Befunde entsprechend zugeordnet werden.

Hauterkrankungen, Kopfschmerzen, Migräne, sklerotische Neigung …

I. Stiltz: Beispielsweise kann der Stoffwechsel zu sehr nach oben in den Nerven-Sinnes-Bereich verlagert sein, dann kann es zu Hauterkrankungen kommen oder der Patient hat Kopfschmerzen. Wenn die Nahrungsmittel nicht so weit abgebaut werden, dass ihr Fremdheitscharakter quasi vernichtet wird, kann es zu Migräne kommen. Bei sklerotischer Neigung kann es zu Ablagerungen kommen, die eine der vielen Ursachen für Bluthochdruck oder Herzerkrankungen sein können.

keine alternative Medizin, sondern eine Ergänzung und Erweiterung

T. Klimpel: Wichtig ist auch, dass wir am Anfang jeder Diagnose und Therapie schauen, was schulmedizinisch nötig und zu tun ist. Wie machen keine alternative Medizin, sondern eine Ergänzung und Erweiterung. Es wird immer abgewogen, ob eine schulmedizinische Untersuchung wie Ultraschall, Computertomographie usw. durchgeführt werden muss. Oder ob ein schulmedizinisches Medikament gegeben werden muss, u. U. auch in Kombination mit einem anthroposophischen Medikament. Und natürlich werden bei Bedarf Operationen, Chemotherapie, Gelenkersatz usw. angewandt.

C. P.: Was macht bei der Therapie ein anthroposophischer Arzt anders als ein Schulmediziner, bzw. was ist dann die Ergänzung?

I. Stiltz: Für die Therapie ist die Voraussetzung, dass man den Krankheitsprozess studiert und erkennt, also gewissermaßen eine erweiterte Diagnose stellt. Gesundheit und Krankheit sind ja immer fließende Übergänge. Am Abend beispielsweise wird man müde und ist dann in einer anderen, nicht so vitalen Verfassung wie am Morgen. Oder wenn ich beispielsweise bemerke, dass bei einem Menschen die sklerotisierenden Prozesse überwiegen, dann würde ich versuchen, diese mit einem Arzneimittel entgegen zu wirken. Möglicherweise wäre eine schwefelhaltige Substanz angemessen. Dann würde man wiederum schauen, ob man ein Mineral oder eine schwefelhaltige Pflanze verordnen will. Es gibt auch Heilmittel aus dem Tierreich.

T. Klimpel: Für die Therapiefindung ist wichtig, wie das Verhältnis der Wesensglieder im Organismus verschoben ist: Wo möchte man regulieren, wo stimulieren, abdämpfen oder beruhigen? Dann würde man entsprechend aus den verschiedenen Naturreichen ein Heilmittel nehmen und auch die entsprechende Potenz. Die differenzierte Diagnose kann zu dem Medikament leiten, was man dann auswählt.

Verwendet man die ganze Pflanze oder nur die Wurzel, die Blätter oder die Blüten?

C. P.: Was unterscheidet die Arzneimittelfindung der Anthroposophischen Medizin zur Homöopathie?

I. Stiltz: Im Vergleich zur Homöopathie werden die Pflanzen differenzierter angeschaut. Zunächst beachtet man die verschiedenen Charakteristika der Pflanze: Ist es eine Giftpflanze, überwiegt das Blütenhafte oder der Wurzelbereich oder ist es durchmischt wie z. B. bei der Taubnessel. Man würde dann entsprechend schauen, ob man die ganze Pflanze verwendet oder nur die Wurzel, die Blätter oder die Blüten, um sie entsprechend der Dreigliederung des Menschen einzusetzen. Dabei wird dem Kopfbereich die Pflanzenwurzel zugeordnet, dem mittleren System der Blattbereich und dem Stoffwechsel der Blütenbereich. Dann ist die Frage der Potenz: für den Nervensinnesbereich nimmt man eher den hoch-potenzierten Bereich (z.B. D30) und für den Stoffwechselbereich die wenig verdünnten Arzneimittel. Es gibt eine ganz spezielle anthroposophische Pharmazeutik. Es gibt Arzneimittel, die auf sehr aufwändige Art und Weise hergestellt werden, z. B. die sog. vegetabilisierten Metalle: Eine speziell zubereitete Metallsubstanz wird als Dünger an eine Pflanze gegeben, diese dann kompostiert und der Kompost als Dünger an die Pflanzen der folgenden Generationen gegeben. Nach 3-4 Jahren werden die Pflanzen geerntet und zum Heilmittel verarbeitet.

Wichtig finde ich z.B. auch noch die Metallspiegel: Es werden Metalle verdampft. Bei diesem Verdampfen werden sie nahezu aufgelöst und unsichtbar. Und aus diesem „Nichts“ schlagen sie sich dann an der Glasgefäßwand nieder. Von dort werden sie abgekratzt und zum Arzneimittel verarbeitet. Dies kann man nur mit bestimmten Metallen machen wie z.B. mit Stibium (Antimon), Eisen oder Silber. Grundsätzlich werden Arzneimittel aus allen Naturreichen hergestellt – also aus dem Mineral-, Pflanzen- und Tierreich.

T. Klimpel: Faszinierend bei den anthroposophischen Heilmitteln finde ich auch noch die Rh-Präparate: Sie werden nicht mit Alkohol konserviert. Die rein wässrigen Pflanzentinkturen werden in bestimmten Rhythmen dem Sonnenlicht ausgesetzt und auf 37 Grad erwärmt. Sie sind dadurch allein durch diese speziellen pharmakologischen Prozesse auch ohne Konservierungsmittel sehr lange haltbar und vom menschlichen Organismus leichter aufzunehmen – dadurch kann die Wirkung der Heilpflanze noch unmittelbarer sein.

I. Stiltz: Wichtig finde ich auch noch die äußeren Anwendungen, eine weit ausgearbeitete Domäne der Anthroposophischen Medizin. Dabei gibt man Substanzen nicht nur innerlich, sondern auch äußerlich als Wickel – oder Metalle als Salbenauflagen und Öle in Öldispersionsbädern. Letztere wirken dann über die Haut und rufen im Organismus eine deutliche Reaktion hervor.

Die Menschen schätzen, dass sie wahrgenommen und ganzheitlich angeschaut werden.

C. P.: Welche Erfahrungen machen Sie mit Ihren Patienten?

T. Klimpel: Zum einen erlebe ich immer wieder, dass die Menschen wahrnehmen und schätzen, dass sie ganzheitlich angeschaut werden, verschiedene Aspekte ihres Lebens eine Rolle spielen dürfen und dass sie wahrgenommen werden in allen Bereichen, die sie belasten. Gerade bei den angesprochenen äußeren Anwendungen erleben sie, dass sie beispielsweise entspannen oder loslassen können und auch, dass sie dadurch für sich selber etwas tun können. Mit einem Wickel beispielsweise kann man seinen eigenen Heilungsprozess aktiv unterstützen.

I. Stiltz: Bei den Infekten erleben wir, dass die Eltern mit den äußeren Anwendungen für ihre Kinder etwas an die Hand bekommen, um bestimmte Symptome zu erleichtern. Hat man ein hochfieberndes Kind, das zu wenig trinkt: dann kann man Zitronen-Waschungen machen oder kleine Einläufe, um dem Kind Flüssigkeit zuzuführen und den Fieberzustand zu erleichtern.

Anthroposophische Medizin braucht wenige Antibiotika, wir können viele Infekte mit Hilfe unserer Arzneimittel und äußerer Anwendungen therapieren, zum Beispiel eitrige Angina, Lungenentzündung oder Abszesse. Wir haben sehr wirksame Mittel, Patienten in dem Krankheitsverlauf zu unterstützen.

Wie Antibiotika vermeiden?

In der Medizinischen Sektion gibt es einen Arbeitskreis, der sich mit den Antibiotikaresistenzen befasst und die Frage erforscht: Was können wir für die Welt tun mit dem großen therapeutischen Schatz, den wir haben, und den Erfahrungen von 100 Jahren, so dass man auch schwerwiegende Infekte mit den anthroposophischen Arzneimitteln behandeln kann?

T. Klimpel: Wichtig sind uns auch die künstlerischen Therapien und die Heileurythmie. Bei der Heileurythmie werden bestimmte Bewegungsübungen ausgeführt, die rückwirkend auf das Innere des Menschen, sowohl auf das Seelische als auch auf das Lebensmäßige wirken. Auch Maltherapie und Plastizieren, Musik- und Gesangstherapie und Sprachgestaltung als Therapie, sowie Biographiearbeit, haben anthroposophische Grundlagen und sind eine Möglichkeit, Menschen bei längeren und auch chronischen Erkrankungen oder biografischen Krisen zu unterstützen.

Mehr auf den Leib bezogen sind die Öldispersionsbäder, die Rhythmische Massage und die Presselmassage.

Die Idee der Sinnhaftigkeit einer Krankheit gibt es in der Schulmedizin nicht.

I. Stiltz: Wichtig finde ich auch, dass wir Patienten-Gespräche mit einem anderen Hintergrund führen. Die Idee der Sinnhaftigkeit einer Krankheit gibt es in der Schulmedizin nicht – dort ist Krankheit immer ohne Sinn und daher unter allen Umständen zu vermeiden. Wir als anthroposophische Ärzte haben den Hintergrund, dass die Krankheit und ihre Überwindung einen Sinn für das weitere Leben und etwas mit dem Schicksal – oder auch Karma – des Patienten zu tun hat. Wenn sich für den Patienten diese Sinnfrage stellt und er eine entsprechende Offenheit hat, kann man daran im Gespräch anknüpfen. Steiner hat sogar die Zusammenarbeit von Ärzten und Priestern zum Wohle der Patienten angeregt (im „Pastoralmedizinischer Kurs“)

Es ist eine zwiespältige Lage …

C. P.: Wie steht die Anthroposophische Medizin heute im sozial- und gesundheitspolitischen Umfeld? In Schweden beispielsweise wurde sie gerade verboten…

T. Klimpel: Die Bedingungen, dass es eine anerkannte und für jeden zugängliche Medizin ist, werden zurzeit schwieriger. Es ist eine zwiespältige Lage: Einzelne Praxen und Krankenhäuser erfahren durchaus sehr viel Anerkennung auf inoffizieller Ebene, also im direkten menschlichen Kontakt. Andererseits gingen im Laufe der letzten zehn Jahre die stationären Behandlungsmöglichkeiten zahlenmäßig zurück. Inzwischen werden auch die Bedingungen für die ambulante Medizin immer schwieriger.

Es wird uns vorgeworfen, dass die Anthroposophische Medizin nicht wissenschaftlich sei.

I. Stiltz: Es wird uns vorgeworfen, dass sie nicht wissenschaftlich sei – das Menschenbild und der philosophische Hintergrund werden nicht verstanden. Das wird uns auch bei dem Thema „Sinnhaftigkeit von Kinderkrankheiten“ und der aktuellen Impfdebatte vorgehalten. Es ist ein Schritt in eine immer mehr materialistische Sichtweise und der spirituelle Hintergrund wird nicht akzeptiert.

C. P.: Und was erleben Sie in Ihrer eigenen Praxis?

I. Stiltz: Die Patienten selbst geben uns viel Anerkennung, weil sie merken, dass sie eine andere Begleitung während ihrer Krankheiten haben, und sie können dann in manchen Fällen auch eine Sinnhaftigkeit erkennen. Oder sie sind froh, dass sie nicht wegen jedes banalen Infektes ein Antibiotikum mit potentiellen Risiken verordnet bekommen.

T. Klimpel: Auf der persönlichen Ebene erhalte ich von Patienten sehr viel positive Rückmeldung – und sogar zunehmend von schulmedizinischen Facharztkollegen. Sie äußern sich positiv zu einem begleitenden Medikament oder einer therapeutischen Idee. Speziell in der Onkologie erlebe ich, dass die Kollegen immer offener und interessierter werden, auch mal nachfragen oder sogar Patienten zunehmend gezielt zu uns schicken.

C. P.: Welche Wünsche haben Sie für die Zukunft?

I. Stiltz: Ich wünsche mir, dass mehr anthroposophisch orientierte Kollegen den Schritt in die Kassenarztpraxis wagen. 85% der Bürger in Westdeutschland sind gesetzlich versichert. Anthroposophische Medizin sollte eine Medizin sein, die sich jeder leisten kann.

Das Medizinstudium ist für den Staat der teuerste aller Studiengänge. Wir bekommen es als Medizinstudenten geschenkt und ich persönlich möchte dies den 85% Kassenpatienten auch wieder zukommen lassen.

T. Klimpel: Ich wünsche mir, dass die Anthroposophische Medizin immer mehr aus ihrer Außenseiter-Ecke herauskommen kann, den Anschein des Exotischen verliert und dass immer mehr Menschen ihre heilsame Kraft als Patienten bzw. Betroffene erfahren und erleben dürfen.

 

– www.100JahreZukunft.de

– Gesellschaft Anthroposophischer Ärzte in Deutschland (GAÄD)
https://www.gaed.de Arztsuche:
https://www.gaed.de/nc/arztsuche.html

– www.damid.de  Dachverband Anthroposophische Medizin in Deutschland

– GESUNDHEIT AKTIV ist ein Bürger- und Patientenverband, der sich für mehr Transparenz im Gesundheitswesen einsetzt.
https://www.gesundheit-aktiv.de/

Seminar im Rudolf Steiner Haus HamburgSamstag / Sonntag, 17. / 18. April 2020

100 Jahre „Geisteswissenschaft und Medizin“ Festveranstaltung mit Prof. Dr. med. Volker Fintelmann, Markus Treichler, Eva-Maria Batschko, Iselin Bunge und Manuela Garve