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Wie kann ich die Unordnung zwischen Menschen wieder ordnen? Teil II
Verzeihen und vergeben – was ist das? Welche Voraussetzungen sind dafür notwendig?
Interview mit Annette Horster-Schepermann, Traumatherapeutin und Ulrich Meier, Pfarrer


Wir leiden persönlich und weltweit daran, dass in den mitmenschlichen Verhältnissen vieles in Unordnung ist. Wir stehen heute in der Verantwortung, eigenständig zu prüfen, wie wir die Verhältnisse selbst wieder in Ordnung bringen. Gerechtigkeit wird nicht diktiert, sondern Gerechtigkeit wird geschaffen. Vergebung und Verzeihung ist ein Weg, diese menschliche Unordnung wieder in eine gerechte Ordnung zu überführen. Aber es gibt Prozesse, die vorher durchlaufen werden müssen, bevor ein wirkliches Verzeihen stattfinden kann. Religion und Therapie zeigen dafür Wege auf.
Interviewpartner:in: Annette Horster-Schepermann, tätig als Psychologin im Kinder- und Jugendpsychiatrischen Dienst in Eppendorf und in der waldorforientierten Psychotherapeutischen Praxisgemeinschaft Bergstedt. Mitbegründerin und fachliche Leitung des Isis-Institutes Hamburg für spirituell erweiterte integrative Traumapädagogik und Traumatherapie. Seit 2022 fachliche Leitung der Weiterbildungsgänge in waldorforientierter Traumapädagogik und Traumatherapie des Isis-Institutes Hamburg, seit 2025 fachliche Leitung des Weiterbildungsganges in Pentagramm-Traumapädagogik und -Traumatherapie am edu.Art-Institut der Alanus-Hochschule in Alfter. Mitbegründerin des Pegasos-Netzwerkes, einem freien Zusammenschluss waldorforientierter Traumapädagog:innen und -Therapeut:innen.
Ulrich Meier, Pfarrer der Christengemeinschaft seit 1990. Davor Ausbildung zum staatlich anerkannten Erzieher und zwei Jahre Tätigkeit im Landschulheim Schloss Hamborn. 16 Jahre Gemeindepfarrer in Hannover, seit 2006 in Hamburg Mitarbeit in der Leitung des Priesterseminars und Gemeindepfarrer in Hamburg-Mitte. Redakteur der Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“.
C. P.: Wenn man selbst weiß, dass man traumatisiert ist – wie geht man vor? Wie sind die Stufen, auch wenn man vielleicht nicht gleich zum Traumatherapeuten geht?
A. Horster-Schepermann: Es ist nicht unbedingt notwendig, eine Traumatherapie zu machen, wenngleich dies eine große Hilfe und Erleichterung für die Verarbeitung bedeuten kann. Aber die Schritte, in denen sich eine Verarbeitung vollzieht, sind – mit oder ohne Therapie – grundsätzlich ähnlich.
wieder in eine äußere Sicherheit kommen
Zunächst muss es darum gehen, dass ich wieder in äußere Sicherheit komme. Und Sicherheit bedeutet hier nicht nur physische Sicherheit, sondern auch soziale Sicherheit. Soziale Sicherheit heißt, dass ich einen sozialen Bezugsraum habe, in dem das Unrecht, das mir passiert ist, und mein Opferstatus bedingungslos anerkannt werden.
Solange ich in einem Bezugssystem bin, das dies infrage stellt, ist eine Verarbeitung ganz schwer.
Wenn diese Sicherheit aber erreicht ist, kann der Betroffene realisieren, was ihm wirklich passiert ist, und zwar in dem ganzen Ausmaß dessen, was es ihn gekostet hat und was es manchmal auch andere, zum Beispiel die eigenen Kinder, gekostet hat. Ein solidarisches, unterstützendes Bezugssystem, das das Unrecht klar beim Namen nennt, hilft, dass man nicht mehr selber verleugnen muss, was einem angetan wurde.
Zur physischen und sozialen Sicherheit gehört, neben dem Ende der Gewalt, aber auch ein räumlicher und sozialer Abstand zu den Täter:innen und Mittäter:innen als Vorbedingung für eine weitergehende Stabilisierung, welche die nachhaltige Verarbeitung des Erlittenen erst ermöglicht.
Mit einem Wärmekreis an anteilnehmenden und solidarischen Menschen – das kann u.U. auch ein Netzwerk an professionellen Therapeut:innen, Lehrer:innen, Ersatzpflegeeltern oder Ähnlichem sein – kann eine Distanzierung von den Verursacher:innen des erlittenen Leides viel besser gelingen. Die Betroffenen können aus dieser neu zur Verfügung gestellten Beziehungssicherheit heraus oft erst die vergangenen destruktiven Bindungen wirklich in Frage stellen.
die eigene Geschichte realisieren und annehmen, wie sie war
U. Meier: Wie du, Annette, diese erste Stufe beschreibst, wird eine wirklich essentielle Voraussetzung deutlich: Verzeihen geht erst, wenn man die eigene Geschichte überhaupt so realisiert und annimmt, wie sie war.
C. P.: Man kennt das auch von kleineren Verletzungen – beispielsweise von dem, was man heute als „toxische Beziehung“ beschreibt: Wenn man einen anderen Ort aufsucht und eine zeitliche Distanz dazwischen ist, schaut man ganz anders auf das, was bislang passiert ist.
wieder bei sich ankommen
U. Meier: Ein alltägliches Beispiel: Jemand hat mich an der Ampel beschimpft, weil er sich geärgert hat, dass ich nicht stehen geblieben bin. Diese Beschimpfung muss ich ja, wenn ich gesund aus der Situation rauskommen will, für mich wieder in Ordnung bringen. Dafür muss ich vielleicht in Kauf nehmen, dass ich mich auch im Moment erst einmal aufrege. Wie finde ich wieder dazu zurück, wieder mit mir in Übereinstimmung zu kommen? Ich könnte sagen: Es gibt gar keinen Grund, dass dieser Kerl mich hier belehrt, aber ich muss zugeben, dass ich mich anders hätte verhalten können. Das ist eine innere Erlaubnis, wieder bei sich anzukommen.
A. Horster-Schepermann: Es gibt allerdings einen wichtigen Unterschied zwischen Alltagsbelastung und Traumatisierung. In dem Moment, wo ich angemessen wütend und empört darüber bin, dass jemand anderes sich mir gegenüber unhöflich oder verletzend verhalten hat, bin ich immer noch Herr meiner Sinne, ich bin immer noch in der Lage, meine Wut und meine Empörung wahrzunehmen und kann mich auch mit meinem Ich darüber stellen und das einordnen.
In der Traumatisierungssituation bin tatsächlich überwältigt von den Gefühlen und ich kann die Wut und Empörung, die angemessen wäre, ggf. gar nicht mehr spüren. Denn diese sind dann u.U. tatsächlich abgespalten und meinem Bewusstsein nicht mehr ohne Weiteres zugänglich.
C. P.: Was ist der nächste Schritt nach der physischen und sozialen Sicherheit?
- Horster-Schepermann: Wir brauchen dann für die weitergehende Verarbeitung zunächst einmal ausreichende wiedererstarkte Lebenskräfte. Um überhaupt die Kraft zu haben, nach der Wiederherstellung der äußeren Sicherheit auch eine innere Beruhigung und schließlich die Integration des Erlittenen anstreben zu können. Dafür braucht es erfahrungsgemäß eine gewisse Stabilität in den äußeren Lebensbedingungen, Wohnen, Arbeit, kontinuierliche Beziehungen spielen hier eine wichtige Rolle, aber auch eine gesundende Umgebung und Ernährung und im besten Falle auch eine gesundende Rhythmisierung des Alltags. Auch eine Rückbesinnung auf die eigene spirituelle Zugehörigkeit oder auch die innere Anbindung an höhere moralische Werte, die einem wichtig sind, kann hier zu einer Beruhigung und einem Wiedererstarken der Lebenskräfte beitragen.
Und wenn wir das dann erreicht haben, dass die Lebenskräfte wieder sprudeln, dann können wir diese nun gezielt dafür einsetzen, die inneren zerrütteten Seelenlandschaften wieder neu aufzubauen und zu ordnen.
Das ist jetzt die dritte Stufe, da sind wir jetzt, wenn wir von den Wesensgliedern her schauen, nach der Ebene des physischen Leibes und des Lebenskräfteleibes auf der astralischen oder Seelenebene angekommen.
Und diese innere Stabilisierung und Beruhigung ist dann am Ende die entscheidende Vorbedingung für die vierte Stufe der Traumaverarbeitung, die beinhaltet, sich auf der Grundlage wiedererstarkter Ich-Kräfte dem Trauma noch einmal in all seinen erschütternden Aspekten zu stellen. Dies kann z.B. in Form einer therapeutisch begleiteten Traumakonfrontation stattfinden, für die es heutzutage eine ganze Reihe an hochwirksamen Traumakonfrontations-Methoden gibt. Es geht dabei darum, auf der Grundlage der wiedererstarkten Ich-Kräfte und auf der Grundlage einer selbst wiederhergestellten Gelassenheit die unverarbeiteten Aspekte des Erlittenen noch einmal in den Blick nehmen, dadurch vollständiger verarbeiten und schließlich hinter sich lassen zu können.
im Ritual einen Heilungsweg suchen
- Meier: Im Religiösen können wir im Ritual einen Heilungsweg suchen. Das immer Ritual ist in dem Raum zwischen den Lebenskräften und dem Seelenbereich angesiedelt: seelisches Erleben in einer wiederkehrenden Form.
Eine feine Nähe zur leiblichen Ernährung besteht vor allem im Abendmahlsakrament. Rudolf Steiner machte vor 100 Jahren überraschend deutlich, was schon allein die Ernährung für das ganze Wesensgliedergefüge bewirkt, wie stark in diesem Umwandeln, in der Zerstörung der aufgenommenen Nahrung und im Wiederaufbau des eigenen Leibes, und zwar von innen her, der Menschen gestärkt wird. Durch das religiöse Prinzip der Wiederholung baue ich sozusagen auch an einem Lebenskräfteraum, einem Wärmeraum, in dem ich mich ganz anders aufgebaut fühlen kann. Das geschieht alles noch, bevor ich anfangen kann, mir zu überlegen, ob ich etwas verzeihen oder vergeben will.
Ich finde es schön, dass das alles Zeit braucht: Durch den Körper durchzugehen, durch die Lebenskräfte und die Seele und dass man nicht versucht, irgendwie vorschnell etwas zu erreichen.
- P.: Gibt es auch im Religiösen auf der astralischen Ebene eine Parallele?
- Meier: Es war Steiners große Idee, auch den Kosmos einzubinden, denn den Leib der Erde gibt es nicht ohne den ganzen Kosmos drumherum. Und so kann man auch sagen: Es gibt die Seele nicht ohne den Kosmos von Engeln und Götterwesen.
Wir haben immer zugleich auch da, wo Nährendes oder Stärkendes ist, einen Umkreis, also nicht nur das Zentrum des betreffenden Menschen. Ich verbinde mich im Beten oder im Opfern, das sind die beiden religiösen Grundtätigkeiten, mit dem ganzen geistig-moralischen Kosmos, bin aber darin jemand, der genährt und gestärkt wird.
Wenn ich ein Gebet verrichte oder wenn ich ein Sakrament vollziehe, habe ich ja auch auf der astralischen Ebene Erlebnisse, die überwiegend über das Wort gehen, aber natürlich ganz stark auch über das Schweigen und über die Bilder. Das sind Seelenlandschaften, das sind nicht die individuellen, biografischen Seelenlandschaften, sondern es sind die großen, letztlich menschheitlichen Landschaften.
alles, was abgespalten und verdrängt wurde, wieder zulassen und hinter uns lassen
- P.: Annette, was passiert in der Traumatherapie genauer während der vierten Stufe?
- Horster-Schepermann: Es geht während der vierten Stufe der sog. Traumbegegnung oder Traumakonfrontation ja am Ende darum, dass wir alles, was abgespalten und verdrängt wurde, wieder zulassen und hinter uns lassen können. Das sind zum einen vielleicht überwältigend erlebte Gefühle, die nun wieder ins Bewusstsein treten können. Indem wir diese Gefühle wirklich zulassen, können wir sie auch irgendwann wieder loslassen, ohne dass sie unterhalb unserer Bewusstseinsschwelle ihr Unwesen treiben und z.B. in Form von psychischen oder körperlichen Symptomen auf sich aufmerksam machen. Ähnliches gilt für unsere unterdrückten Handlungsimpulse. Wenn diese, z.B. aus überlebenstaktischen Gründen, unterdrückt, quasi eingefroren wurden, ist diese Situation in der Regel nicht über das Denken zu lösen, sondern wir müssen die unterdrückten Impulse dort abholen, wo sie feststecken – also im Körper. Indem wir den Betroffenen helfen, unterdrückte Impulse noch einmal symbolisch, zum Beispiel im Rollenspiel, ausleben zu können, kann im Köper festgehaltene Anspannung aufgelöst und hinter sich gelassen werden.
Und Ähnliches gilt auch für das Gedankenleben. Denn in der Traumasituation entstehen in der Regel negative Selbstüberzeugungen, mit denen man quasi das, wie der Täter einen behandelt hat, auf sich selber nimmt. „Ich bin schlecht, ich bin hilflos, ich kann nichts machen“ zum Beispiel.
Hier ist es von Bedeutung, dass über diese verzerrten, dysfunktionalen Selbstüberzeugungen noch einmal reflektiert werden kann und sie in angemessenere, positivere Selbstüberzeugung verwandelt werden dürfen.
Dies ist alles Teil der Phase der sog. Traumakonfrontation, in der wir uns noch einmal Kraft unseres Ich damit auseinandersetzen, was in der überwältigenden Situation des Traumas eigentlich an Gedanken, Gefühlen, Körpersensationen und Handlungsimpulsen da gewesen ist, bevor diese ggf. verdrängt werden mussten.
- P.: Und was passiert dann in puncto verzeihen und vergeben?
Und gerade damit ist die bestehende Unordnung tatsächlich in eine neue,
heilende Ordnung geführt.
- Meier: Der Zustand, der nach diesen Stabilisierungs-Stufen und nach der Konfrontation mit dem Trauma eintritt, besteht im Idealfall darin, dass du für dich in der ganzen Geschichte zur Ruhe kommst. Und genau das ist die allererste Voraussetzung, um überhaupt anzufangen, über Verzeihung und Vergeben zu sprechen – und nicht vorher.
In einer Heilungsgeschichte geht es um einen Gelähmten. Er war 38 Jahre gelähmt. Und plötzlich kann dieser Mann geheilt werden. Warum? Weil der Heiler, der Meister, der zu ihm tritt, die alles entscheidende Frage offenbar zum richtigen Zeitpunkt stellt. „Willst du gesund werden?“ Daraufhin erklärt der Gelähmte noch, dass das immer nicht geklappt hat, weil er immer der Letzte war, er konnte nicht als erster in den heilenden Teich Bethesda hinein. Und dann schweigt das Evangelium und wir hören nur noch das Wort Christi: „Nimm dein Bett und wandle.“
Und der Geheilte folgt diesem Wort. Er bricht das Gesetz, auch Jesus bricht ja hier das Gesetz. Und gerade damit ist die bestehende Unordnung tatsächlich in eine neue, heilende Ordnung geführt. Und zum Zeugnis trägt er dann seine Bahre durch die Gegend.
- P.: Und was war der auslösende Moment der Heilung?
- Meier: Das wissen wir nicht. Wir hören nur von einem 38 Jahre gelähmten Menschen, der plötzlich gesund geworden ist. An dieser Geschichte wird nach meinem Verständnis deutlich, dass es eventuell sehr viel Zeit braucht, um an den Wendepunkt zu kommen, an dem sich Heilung ereignen kann, dass man dafür vielleicht auch therapeutische Hilfe braucht.
Diese Geschichte kann Menschen, die verzeihen oder vergeben möchten, in dem Sinne Mut machen: „Überfordern Sie sich nicht, lassen Sie diesen Bereich beiseite, bis die Zeit dafür reif ist. Kommen Sie bitte erst einmal wieder zu sich selbst.“
Man spürt die moralische Kraft, die dahintersteht.
- Horster-Schepermann: Es gibt Menschen, die kommen zu uns in die Psychotherapie und sagen schon am Anfang: „Ich habe meinen Peinigern bereits verziehen.“ – Also erst einmal ist das ja unbedingt zu würdigen. Diese Menschen wollen verzeihen und sie können das Verzeihen auch denken. Manchmal sogar sehr differenziert. Man spürt die moralische Kraft, die dahintersteht. Diese Menschen haben den Schritt zum Verzeihen vom Denken und auch vom Wollen her also schon sehr beeindruckend hinbekommen. Und das ist eine großartige Leistung, die anerkannt sein will. Was dann aber manchmal noch fehlt, ist das Anerkennen und Zulassen des Gefühls, das sie in der Traumasituation abspalten mussten, um zu überleben oder durchzukommen. Und dann geht es darum, dass sie sich mit Unterstützung der Therapeut:innen auch dem Schmerz noch einmal vollständig stellen dürfen.
- P.: Und wie ist die Lage für den Täter?
- Horster-Schepermann: Auf der Seite der Täter:innen passiert es häufig, dass diese die Tat in sich selbst wie ungeschehen machen wollen. Scham und Schuld sind Gefühle, die keiner von uns gerne fühlt und gut aushalten kann. Um als Täter:in das Geschehene akzeptieren und ein Stück weit hinter sich lassen zu können, musst man erst einmal respektieren, dass die Tat ein Stück des eigenen Lebens geworden ist. Und dann kannst man im Bewusstsein dessen, was geschehen ist und u.U. auch im Bewusstsein dessen, was vielleicht noch an Wiedergutmachung offen ist, weitergehen.
Dann kommt vielleicht der Wunsch, sich zu verändern, zu bessern, wiedergutzumachen, nicht wieder zur Täter:in werden zu müssen. Vielleicht auch der Vorsatz und schließlich die Durchführung.
- Meier: Der Wunsch zu verzeihen ist wirklich wertvoll, weil es tatsächlich für Täter und Opfer entscheidend sein kann. Es kann für mich etwas bedeuten, dass ich als Opfer die Anklage zurücknehme, aber die Wirklichkeit des Schadens bestehen lasse.
Ich nehme die Anklage zurück, insbesondere wenn ich mit diesem Menschen keinen Kontakt habe oder haben will. Ich kann mit ihm nichts aushandeln mehr von Geben und Nehmen, damit wieder Ordnung geschaffen wird. Ich kann durch diesen freiwilligen Verzicht, dich weiter anzuklagen, etwas für mich tun: Die Schuld besteht, aber ich nehme meine Anklage zurück. Das ist schon eine andere Ordnung für mich, aber sie kann auch einen Raum für den Anderen eröffnen. Wir haben alle irgendwann einmal erlebt, dass man durch die Verzeihung des Anderen plötzlich selber einen Schritt machen kann.
- Horster-Schepermann: In dem Moment, wo es mir gelungen ist, die Traumafolgen in mir selber zu heilen, ist das in gewisser Weise eine Art Wiedergutmachung, die ich mir selber ermögliche. Also im Grunde habe ich die Arbeit übernommen, das auszugleichen, was der andere eigentlich wiedergutmachen müsste. Aber damit kann ich mich selbst befreien. Es kostet mich zwar noch etwas obendrauf. Aber es macht mich auch frei. Und am Ende gehe ich deutlich gereifter und mit einem gestärkteren Ich daraus hervor. Das ist etwas, wofür ich vielleicht sogar Dankbarkeit empfinden kann.
- Meier: Das ist für mich aber schon die Grenze zum Vergeben. Verzeihen ist immer noch ein Schaffen einer Ordnung auf Distanz. Vergebung setzt aber noch eine andere Stufe in Bewegung, nämlich dass wir tatsächlich zu einer Art Wiedergutmachung kommen.
Gott vergibt, das ist meine religiöse Überzeugung, weil er das kann und weil er das auch überschaut. Er gibt jedem sozusagen das, was den entsprechenden gerechten Ausgleich braucht. Aber er setzt dadurch eine Befreiung in Gang, die tatsächlich mehr ist, als die Krankheit nicht mehr zu haben, nämlich Gesundung.
Und die Vergebung ist eine wirkliche Tat. Verzeihen ist erst mal eine Zurücknahme und vergeben heißt, ich gehe aktiv auf den anderen zu, nach den ganzen Bewältigungsprozessen, über die wir gesprochen haben. Wenn ich es zu früh mache, auch für den anderen zu früh mache, dann sagt er vielleicht: „okay, vergiss es“.
Es ist eine falsche Idee, wenn man meint, man könne Verletzungen über das Vergessen regeln. Man sollte versuchen, die Dinge groß genug zu denken und nicht meinen, ich kann eine Abkürzung wählen, auch wenn der Wunsch verständlich ist, dass ich etwas weg haben will aus meinem Leben.
Verzeihen am Lebensende
- P.: Wie ist das am Lebensende? Da entsteht noch deutlicher der Wunsch von Verzeihen und Vergeben, und es gibt eben nicht mehr diese symbolischen 38 Jahre, um die Prozesse durchzulaufen.
- Meier: Das hängt davon ab, wie jemand sich auf sein Sterben eingerichtet hat.
Jemand hat bei mir angerufen und gesagt „Ich möchte mein Haus bestellen, kommen Sie bitte nächste Woche zur Beichte, eine Woche später zum Abendmahl und dann zur Letzten Ölung.“ Das war ein Mensch, der Sinn für Ordnung hatte. Und er hatte Tiefe, auch zu sagen, was wirklich an Last durch ihn in die Welt gekommen war. Aber es war nicht so, dass das vor dem Sterben noch eskaliert.
Es gibt andererseits auch Menschen, die plötzlich merken, wenn der Tod näherkommt, was sie versäumt haben. Dann ist die Frage, wie weit man diese Menschen stärken kann, indem man sagt: „Nimm mal an, dass der Tod jetzt nicht das Letzte ist, sondern ein Übergang.“ Dann bekommt man ein anderes Gefühl dafür, was du jetzt gerne möchtest und was du auch noch mitnehmen kannst in die andere Welt.
Können sich Gruppen, Gemeinschaften, Völker vergeben?
- P: Und was meint Ihr: Gibt es zum Beispiel in Zeiten des Krieges auch eine Möglichkeit, dass sich Gruppen, Gemeinschaften, Völker vergeben können?
- Meier: Das ist für mich eine neue und überraschende Frage und zunächst würde ich zögern, sie einfach mit Ja zu beantworten. Dafür ist mir das individuelle Feld von Verletzung und Vergebung zu wichtig. Von Rudolf Steiner habe ich den Gedanken aufgenommen, dass wir untereinander und gegenseitig die Lasten unsere Schicksale tragen können und dadurch bis in die Schicht von Karma und Reinkarnation etwas Gutes und Verwandelndes bewirken können. Aber auch da, so verstehe ich Steiner, geht es um die freie Tat des Einzelnen aus seinem Ich. Man kann Frieden genauso wenig über Appelle erreichen wie Verzeihen und Vergebung. Aber jede individuelle Tat kann sich öffnen für die Dimension größerer Gemeinschaften. Das ist etwas anderes als die Rede von der Kollektivschuld oder von der moralischen Verpflichtung, sich für die Schuld anderer verantwortlich zu machen.
- Horster-Schepermann: Ja, ich glaube, dass auch zwischen Völkern Versöhnung grundsätzlich möglich ist. Aber sie kann nicht auf der Basis erfolgen, dass das Geschehene einfach vergessen wird oder dass vorhandene Schuld oder Verantwortung verleugnet wird. Sie kann nur Schritt für Schritt entstehen, wenn vorhandenes Leid anerkannt, Schuld und Verantwortung benannt und Trauer zugelassen wird. Und zwar auf beiden Seiten. Erst wenn dem Geschehenen in seinen unterschiedlichen Facetten Raum gegeben wird, kann mit der Zeit wieder Vertrauen entstehen. Versöhnung sollte deshalb weniger als ein einzelner Akt, sondern vielmehr als ein langer Prozess verstanden werden, der erst mit der Zeit neue Begegnung und eine andere Zukunft möglich macht.
Vergebung kann also auch hier nicht der erste Schritt sein und sollte schon gar nicht als moralische Pflicht verstanden werden. Zunächst braucht es eben die Anerkennung des erlittenen Leids, der Verantwortung und – wo möglich – auch von Gerechtigkeits- und Wiedergutmachungsbedürfnissen.
Auch in der einzeltherapeutischen Arbeit geht es ja zunächst einmal darum, das Geschehene anzuerkennen und Trauer, Wut, Scham und Schuld ihren Raum zu geben – auch damit sie nicht unbewusst an die nächsten Generationen weitergegeben werden müssen.
Und auch bei der Versöhnungsarbeit mit Gemeinschaften, Volksgruppen oder Völkern ist die entscheidende Frage weniger: „Können wir vergeben?“, als:„Was brauchen wir, damit wir uns wieder begegnen können, ohne das Geschehene verleugnen zu müssen?“ Dann kann Versöhnung mit der Zeit wie als eine Frucht des zugelassenen und vollzogenen Trauerprozesses reifen.
Aber das erfordert in der Regel einen längeren Prozess, der u.U. viel Zeit und Raum benötigt. Dieser Prozess kann therapeutisch unterstütz,t aber nicht unbedingt abgekürzt werden. „Gut Ding will Weile haben“ gilt häufig auch in der therapeutischen Arbeit – sowohl mit Einzelnen als auch mit Gruppen.
