Willkommen auf der Seite für Adressen, Veranstaltungen und Berichte aus Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage im Raum Hamburg
Wie geht es uns? Wie sehen wir die Welt?
Interview mit SchülerInnen aus verschiedenen Rudolf Steiner Schulen Hamburgs
Wie geht es heute jungen Menschen in Anbetracht der Weltlage und den Krisen unserer Zeit? Über das Verbot von Social Media und Handys wird weltweit diskutiert, aber wie sehen sie es selbst? Was sind die Botschaften, die über Social Media vermittelt werden, und wie gehen (manche) Jugendliche damit um? Wie werden Geschlechterrollen definiert, und wer verbreitet das? Wie stehen die jungen Leute zum Wehrdienst, der wieder eingeführt wird?
Das Interview ist keine repräsentative Jugendumfrage und gibt auch nicht wieder, was beispielsweise andere Jugendliche in Stadtteilschulen sagen würden. Die neun SchülerInnen sind aus den Rudolf Steiner Schulen Wandsbek, Bergstedt, Hamburg Mitte, Nienstedten. Und sie sind beeindruckend reflektiert, wach und sich der allgemeinen Lage bewusst. Sie erzählen ihre individuellen Wahrnehmungen und Meinungen, aber trotzdem beschreiben sie ähnliche Phänomene.
Geht es uns nicht alle an und hat uns zu interessieren, wie junge Leute heute in der Welt stehen?
(Alle SchülerInnen sind aus der 12. Klasse. Die jungen Frauen sind: Emmi, Lisou, Anna, Florina, Mara; die jungen Männer sind Thordes, Elias, Jonathan, Linus. Wir hatten uns im Interview auf duzen geeinigt.)
Christine Pflug: Wir leben in einer Zeit, in der wir Bedrohungen und zunehmenden Krisen ausgesetzt sind. Andererseits gibt es viele Möglichkeiten und Fortschritte. Was ist Euer allgemeines Lebensgefühl?
Florina: Ich bin grundsätzlich sehr froh in der heutigen Zeit zu leben, weil es doch viele positive gesellschaftliche Entwicklung gibt. Und ich schaue im Grunde auch hoffnungsvoll auf die Zukunft, weil ich von so vielen tollen Menschen umgeben bin. Andererseits ist es immer ein Abwägen zwischen diesem positiven Lebensgefühl und andererseits sich über die Geschehnisse in der Welt mit den negativen Nachrichten zu informieren. Das muss man für sich „rationieren“ und eine Grenze setzen, weil diese Geschehnisse sehr bedrückend sind.
C. P.: Und wer sind diese hoffnungsvollen Menschen?
Florina: Das sind Freundinnen und Freunde, begrenzt auch meine Familie und auch tatsächlich Leute aus den sozialen Netzwerken. So jemand wie Luisa Neubauer, Emma Watson, auch internationale Stars, machen mir Hoffnung.
Man verliert, dass man richtig geschockt davon ist.
Lisou: Ganz oberflächlich lebt man mit der allgemeinen Situation im Alltag, weil man es einfach gewohnt ist. Wenn ich aber wirklich ernst darüber rede, merke ich, wie krass das eigentlich alles ist und mir wird angst. Und vor allem sind das so große Themen, die man gar nicht fassen kann, und wir als Einzelpersonen haben nicht die Macht, etwas zu verändern.
Elias: Man verliert, dass man richtig geschockt davon ist, weil es immer so viel Neues gibt. Aber wenn man sich mal näher damit beschäftigt, dann kommen die Ängste.
Emmi: Jeden Tag bekommt man über Social Media schlimme politische Nachrichten. Manchmal machen wir darüber Späße, einfach um cool zu bleiben. Aber wenn man wirklich mal ernst drüber redet, ist es gar nicht lustig.
Thordes: Wir kriegen durch diese ganze Staatspropaganda vermittelt, dass wir leben um zu arbeiten und dann am Lebensende nicht mehr arbeiten müssen.
Mara: Beim Nachdenken über diese Frage werde ich bedrückt. Wenn man auf die politischen Ereignisse der letzten Zeit schaut, sowohl in Deutschland als auch im Ausland, kann man eigentlich nur die Hoffnung verlieren. Man fragt sich einfach, wie das alles sein kann und vor allem, wie es weitergehen soll. Aber es ist total wichtig, eben die Hoffnung nicht zu verlieren, und es gibt auch Dinge, die einem neue Hoffnung geben. Und gleichzeitig ist auch alles viel zu kompliziert, als dass man eine einfache Lösung hätte, um die Welt zu retten.
Ich frage mich, ob wir überhaupt Schritte vorwärts machen.
Anna: Im Unterricht, PGW (Politik, Wirtschaft und Gesellschaft), behandeln wir zurzeit das Thema Innen- und Außenpolitik und damit natürlich so Themen wie Krieg. Ich merke da auch bei MitschülerInnen, dass nach dieser Doppelstunde irgendwie eine Negativität herrscht.
Ich frage mich, ob wir überhaupt Schritte vorwärts machen, also etwas wirklich verändern, wenn wir beispielsweise auf das Klima schauen. Bis 2030 wollen wir neutral werden, und trotzdem greifen wir wieder auf diese fossilen Brennstoffe zurück, die für unser Klima unglaublich schrecklich sind. Mich beschäftigt Klimawandel sehr stark, und wenn wir jetzt nichts ändern, wird eines Tages nichts mehr veränderbar sein. Ich fühle mich da von der Politik alleine gelassen. Ich bin eigentlich von Grund auf eher positiv gestimmt, aber da kommt es dann schon eher ins Negative.
Jonathan: Man bekommt sehr viel mit in der Welt, von allen möglichen schrecklichen, tragischen Ereignissen, und das kann bewirken, dass man hoffnungslos wird. Und deshalb, so finde ich, sollte man vor allem in dieser Zeit gerade auch die schönen Dinge genauso versuchen wahrzunehmen wie die unschönen, beispielsweise das Schöne in den einfachen Dingen, in kleinen Momenten etwas genießen, auch hier in der Schule; Freundschaften, Menschen, mit denen man etwas teilen kann.
Linus: Ich empfinde die aktuelle Lage als sehr überladen von Eindrücken und Krisen, durch die man gezwungen ist, seine eigenen Vorstellungen von der Welt zu hinterfragen. Wenn man sieht, wie schwere Menschenrechtsverletzungen wie in Palästina oder Sudan weniger Aufmerksamkeit bekommen als ein gestrandeter Wal, merkt man, wie schnell Dinge mittlerweile normal werden und wir immer nach etwas Neuem suchen, womit man sich beschäftigen kann. Ich sehe in der aktuellen Entwicklung eine sehr starke Individualisierung in politischen Bereichen, sowohl global (Menschen wählen viel eher Personen als ihre Inhalte, gut bei Trump zu sehen) als auch in ganz privaten Bereichen, wie der Ernährung oder der eigenen Sexualität.
Zudem scheint es in meiner Wahrnehmung eine Mischung aus Fortschritt und Rückschritt zu geben, was sich deutlich in einer starken Polarisierung bei gesellschaftlichen Fragen zeigt; so spaltet sich die Gesellschaft bei kulturkämpferischen Themen wie der gender-gerechten Sprache in sehr progressive und regressive Lager auf.
und Fridays for Future …?
C. P.: Vor circa fünf Jahren war Fridays for Future sehr aktuell, die Klimakleber oder ähnliches. Gibt es noch etwas in dieser Richtung?
Emmi: Mein Eindruck ist, dass es gerade in den Hintergrund rutscht, weil viele andere Sachen so aktuell sind und jeden Tag Neues passiert.
Elias: Themen, die jetzt ganz brandaktuell sind und über die jeder redet, sind dann in einigen Monaten oder auch schon Wochen wieder komplett in Vergessenheit geraten.
Thordes: Fridays for Future ist nicht ganz so präsent, weil Greta Thunberg gerade mit der Flottille wieder auf dem Weg nach Gaza ist. Die Gründungsmitglieder fokussieren sich mehr auf Gaza als auf Umwelt.
Lisou: Fridays for Future Demos waren deshalb so stark, weil man nicht in die Schule ging, und das machte damals einfach Druck. Man sieht ja, dass es nichts bringt, wenn man friedlich demonstriert.
Verbot von Social Media?
C. P.: Es ist in der öffentlichen Diskussion, Handys in der Schule und Social Media zum Teil zu verbieten, in Australien wird das bereits praktiziert. Wie seht ihr das? Ist das realistisch?
Florina: Ich weiß nicht, ob es realistisch ist. Alle Altersbeschränkungen auf Plattformen im Internet können sehr einfach übergangen werden.
Unabhängig davon, wie es durchzusetzen ist, halte ich es aber für extrem sinnvoll, weil Social Media gerade junge Leute, aber auch alle anderen, sehr stark beeinflussen kann und auch viel Energie raubt: soziale Kontakte, Unternehmungslust, kritisches Denken, Kreativität, alles das geht durch Social Media sehr stark zurück. Das ist auch bewiesen. Social Media ist ein massiver Kreativitäts- und Zeitfresser, dem ich niemandem wünsche, aber ab einem gewissen Alter hat man das selbst zu verantworten.
Ich halte es für gefährlich, dass Kinder, bevor sie überhaupt lernen, kritisch zu denken, schon in Kontakt mit Social Media kommen.
Es gibt auf Social Media, wie Insta Reels oder TikTok, viele Fake News, immer mehr KI-Content, und gerade die KI-Videos sind schwer zu enttarnen. Und wie soll man das mit zwölf Jahren können?
Ich bin auf jeden Fall der Meinung, dass Kinder, solange es irgendwie geht, nicht damit aktiv in Verbindung sein sollten und vor allem nicht die Möglichkeit haben sollten, alleine damit stundenlang Zeit zu verbringen, weil es auch die Gedanken so sehr beeinflussen kann. Je jünger, desto leichter, und viele lassen sich davon beeinflussen. Ich glaube, wenn man mit 14 Jahren anfängt und in eine Blase rutscht, in der eine rechte Propaganda verbreitetet wird, ist das extrem gefährlich, weil es vor allem von den jungen Leuten angenommen wird.
Der Algorithmus hat dann sehr großen Einfluss auf das Denken und den Charakter der jungen Menschen.
Lisou: Social Media sind schädlich für Jugendliche, aber ich finde, Verbote sind immer der falsche Punkt, wo man eingreifen sollte. Man sollte schon viel früher mit Aufklärungsarbeit beginnen und früh lernen, wie man mit Medien umgeht. Social Media ist einfach ein großer Teil von der Welt und von der Jugend. Ich hätte mir gewünscht, dass ich von der Schule mehr Medienkompetenz beigebracht bekommen hätte; das war aber nicht der Fall.
Elias: Ich würde mir auch mehr Aufklärung wünschen, und dass junge und alte Leute mehr gebrieft werden für das Internet, wie man beispielsweise überhaupt KI erkennt.
Emmi: Bei Social Media könnte am noch viel besser organisieren, dass manche Portale schnell gesperrt werden, man könnte ja eingeben, wie alt man ist. Dann kann man den Content altersgerecht gestalten.
Lisou: Die Fehlinformationen auf Social Media sind zu 100% ein Problem von den Apps, aber man wird nie Fehlinformationen komplett aus dem Internet schaffen, weil sie von Einzel-Creatorn reingestellt werden. Deswegen ist es einfach so wichtig zu lernen: Was ist Fehlinformation? Wie gehe ich mit neuer Information um? Wie sortiere ich die überhaupt ein?
Social Media hat auch mit dem Rechtsruck unter Jugendlichen in Deutschland zu tun
Und ich glaube, Social Media hat auch mit dem Rechtsruck unter Jugendlichen in Deutschland zu tun. Man bekommt vor allem durch die Algorithmen immer öfter rechte Inhalte auf den Feed.
Mit den Influencern hat man schon fast ein freundschaftliches Verhältnis, und man denkt, “oh, die erzählen witzige Sachen, sehen cool aus, und ich relate damit”, und nebenbei am Rande bringen sie noch eine Botschaft rüber, die man dann aufschnappt und verinnerlicht. Da ist Aufklärungsarbeit sehr wichtig.
Thordes: Die größte Gefahr liegt darin, dass das Internet für Propaganda benutzt wird, um die Gesellschaft zu indoktrinieren. Man sollte das ganze Internet reformieren in dem Sinne, dass man sachliche Informationen bekommt und nicht irgendwelche Propaganda und Werbung.
Jonathan: Es ist eine Frage, ob ein Verbot realistisch ist, aber ich halte es auf jeden Fall für sinnvoll. Wenn das Handy immer in der Hosentasche ist, wird man ständig abgelenkt und hat andauernd das Gefühl, irgendwas zu verpassen oder nicht mitzubekommen, was andere vielleicht schon außerhalb der Schule machen. Wenn man beispielsweise KI sehr schnell und kostenlos zur Hand hat, verhindert das auch einfach das Lernen.
dumm-lustig, nicht wirklich geistreich oder es ist wirklich diese ganz offensichtliche Selbstdarstellung
Mara: Ein generelles Social-Media-Verbot für unter 16, oder sogar unter 14 würde ich total unterstützen. Es wurden die Gründe schon gesagt: Es zerstört die Aufmerksamkeitsspanne, die Kreativität, das Denkvermögen und auch die Fähigkeit, soziale Situationen und Interaktionen richtig einzuschätzen, wenn man die ganze Zeit konsumiert und Sachen aufnimmt, die nichts mit dem eigenen persönlichen Leben zu tun haben. Die ständige Konfrontation mit unrealistischen und doch perfekt scheinenden Darstellungen nimmt einem das Bewusstsein für die eigenen Interessen und bedroht die eigene Persönlichkeitsentwicklung. Deshalb halte ich es für eine wirklich große Gefährdung, die aber so alltäglich ist, dass man sie nicht mehr als solche wahrnimmt.
Und fast alles, was man auf Social-Media konsumiert, ist ja irgendwie dumm-lustig und nicht wirklich geistreich oder es ist wirklich diese ganz offensichtliche Selbstdarstellung. Beides ist nicht partout gefährlich, die Menge ist am Ende ausschlaggebend. Wenn man immer nur wahrnimmt, wie andere sich selbst darstellen, ohne in die soziale Interaktion zu gehen, verliert man die Begegnungsfähigkeit.
Deshalb wäre ich auch ganz klar für ein Handyverbot an Schulen.
Eigentlich wäre es total wichtig und Aufgabe der Eltern, dass Kindern beigebracht wird, wie man verantwortungsvoll und bewusst damit umgehen kann, weil wir es nicht ignorieren können und es uns unser Leben lang weiter begleiten wird. Das Problem löst sich nicht, wenn wir es für einen Schulvormittag lang ignorieren, trotzdem wäre ein solches Verbot in den unteren Klassen ein wichtiger Schritt, den eventuell auch die Eltern unterstützen würde.
C. P.: Wie steht ihr zu dem Thema Geschlechterrollen? Vor einigen Jahren (Hinweis Juni 2023) kam in dem Interview zur Sprache, dass manche junge Menschen ihr Geschlecht umwandeln, korrekt ausgedrückt „angleichen“ wollen und großen Wert darauflegen, jenseits aller Rollen als Mensch angesehen zu werden.
Florina: Für mich stellt sich nicht die Frage, ob jede Person ihre Sexualität ausleben oder eine Geschlechtsangleichung durchführen kann oder darf. Ich, und auch die Menschen in meinem Umfeld, halten das für selbstverständlich, und es sollte ganz normal sein, auch wenn das nicht von allen so gesehen wird.
Ich möchte aus diesen Geschlechterklischees ausbrechen und nehme bei jungen und auch älteren Frauen stark wahr, dass sie immer feministischer werden und von den Männern nicht mehr das dominante Verhalten erwarten. Was ich aber auf der anderen Seite auch wahrnehme: Die jungen Männer unserer Generation werden immer konservativer, z. B. der Mann bringt das Geld nach Hause, die Frau erzieht die Kinder und darf nichts entscheiden. Das merkt man auch in Gesprächen, manchmal in einen Witz verpackt, aber es ist oft der Wunsch nach einer sehr traditionellen Beziehung. Solche Haltungen werden auch zum Beispiel auf Social Media ganz stark verbreitet.
Die Frauen in meinem Alter wollen aber immer mehr aus genau diesem Rollenbild entfliehen. Und dadurch entsteht eine Kluft zwischen diesen beiden Geschlechtern, man redet aneinander vorbei, und das macht mir sehr doll Sorgen für die Zukunft unserer Generation.
frauenfeindliche „Alpha-Männer“
C. P.: Welches Rollenbild wird auf Social Media verbreitet und vom wem?
Anna: Um mal einen Namen zu nennen: es gibt den Youtuber Andrew Tate, der sehr misogyn unterwegs ist und dem viele junge Männer in seiner „Alpha-Male Community“ schnell folgen. Diese jungen Followers übernehmen dann diese Frauenverachtung und auch die politisch rechten Ansichten. Das ist miteinander verknüpft.
Vielleicht ist eine Ursache von diesen „Alpha-Males“ auch, dass sich die Geschlechterrollen auflösen und viele jetzt irgendwie ihre Richtung suchen, wo sie mitgehen können. Vielleicht fehlt den Männern der innere Halt oder sie haben das Gefühl, nirgendwo mehr so richtig zu passen und fallen dann in dieses Mann-Rollenbild.
Lisou: Es gibt tatsächlich sehr viele männliche Streamer, neben Andrew Tate z. B. Montana Black, Bachelor-Baby, die traditionelle Rollenbilder vertreten. Sie gehen davon aus, dass eine Frau weniger wert ist als ein Mann. Männer müssen starke Alpha-Menschen sein; sie propagieren die traditionellen Lebensformen, haben sexistische, rassistische und rechtsradikale Meinungen. Und das ist ganz schön krass, wenn ein kleiner Junge dann solche Videos mit diesen Typen sieht, die gut aussehen und voll viele Abonnenten haben; es gibt fast eine Armee von kleinen Jungs, die obsessed von ihnen sind.
Thordes: Die Botschaften kommen unterschwellig rüber. Im Fokus steht eher der Humor, und sie sind witzig ist und cool. Sie haben eine extreme Vorbildfunktion für die jüngere Generation.
Emmi: Frauen sind immer emanzipierter und bilden sich weiter. Und ich weiß nicht, ob Männer sich dann irgendwie in die Ecke gedrängt fühlen. Der zunehmende Rechtsradikalisierung ist ein gesellschaftliches Problem, aber jetzt in der Jugend sind es vor allem die Männer.
toxisches Verhalten und Rechtsradikalisierung
C. P.: Dieses „toxische“ Verhalten von Männern – erlebt Ihr das nur auf Social Media oder ist es auch im realen Leben verbreitet?
Lisou: Ich merke das auch im Alltag, durch entsprechende Kommentare von Mitschülern oder sexistische Witze. Ich bin echt darüber geschockt, dass das von Gleichaltrigen kommt.
C. P.: Und die jungen Männer, die wacher und fitter sind, machen die auch mit?
Thordes: Durchaus. Es ist halt viel einfacher, da mitzumachen, weil ein Gruppengefühl aufkommt. Ohne Gruppe sind wir niemand.
Jonathan: Ich bin nicht so viel auf Social Media unterwegs und kann nur sagen, was ich in meinem Umfeld mitbekomme: Da habe ich nicht den Eindruck, dass junge Männer dieses rein Traditionelle anstreben, und für mich würde ich absolut sagen, dass es auf jeden Fall eine Gleichberechtigung geben soll, vor allem in der Wichtigkeit und in der Bedeutung der beiden Geschlechter. Was ich nämlich etwas kritischer sehe, ist die zwanghafte Gleichheit zwischen ihnen, das ist dann nur noch einseitiges Schwarz-Weiß-Denken und kein Farbspektrum mehr, denn es gibt wichtige und gesunde Unterschiede, die nicht in den Fähigkeiten, sondern im Wesen selbst liegen.
Wehrdienst
C. P.: Der Wehrdienst wird wieder eingeführt. Wie steht ihr dazu?
Thordes: Ich habe schon das Anschreiben bekommen, man muss es ausfüllen, sonst kommt die Polizei. Das System baut darauf auf, dass du irgendwelche Menschen zu irgendwas zwingst. Aber allein die Tatsache, dass du dafür ausgebildet wirst, einen anderen Menschen umzubringen, ist verachtenswert. Also ich werde das ablehnen. Und im Endeffekt gewinnen bei Krieg eh nur die Banken und die Industrien.
Elias: Ich würde auch nicht für irgendwelche Konflikte, mit denen ich eigentlich gar nichts zu tun habe, sterben.
Jonathan: Ich habe das Schreiben auch schon bekommen. Generell würde ich sagen, dass das keine direkt schlechte Idee ist, die Weltlage wird immer angespannter. Falls es dann zu irgendeinem Ernstfall kommen sollte, ist es auf jeden Fall vorteilhaft für Deutschland, irgendwie bereit zu sein, auch wenn man das natürlich nicht hofft. Auch der Ersatzdienst im sozialen und gesellschaftlichen Bereich ist für Deutschland nichts Schlechtes. Vor allem der Pflegebereich und generell in gesellschaftlichen Sparten, wo es großen Arbeitskräftemangel gibt, würden dadurch sehr gut unterstützt werden. Und es würde auch niemandem schaden, wenn man aus der Schule rauskommt, erst mal so ein Jahr zu machen.
Als ich zu Hause den Brief bekommen habe, war ich nicht begeistert, eher im Gegenteil. Vor allem als ich dann auch den beigelegten Flyer gelesen habe, „Weil Demokratie Streitkraft braucht“, – das ist kriegsverherrlichend. Ich möchte es vermeiden, irgendwie direkt in der Bundeswehr oder an der Waffe zu dienen. Ich persönlich würde dann eher einen Ersatzdienst machen.
Linus: Die Wiedereinführung der Wehrpflicht hat auf uns Jugendliche derzeit einen großen Einfluss. Für mich wirft dieses Thema seit letztem Dezember viele grundsätzliche Kritikpunkte auf. Zunächst empfinde ich die schrittweise Wiedereinführung der Wehrpflicht als erschreckend undemokratisch. Nicht nur, weil die betroffenen Bevölkerungsgruppen keine Möglichkeit der politischen Teilhabe haben, sondern auch, weil die CDU dieses Vorhaben zu keinem Zeitpunkt vor der Wahl klar an die Wählerschaft herangetragen hatte. Des Weiteren stört mich an der Debatte, dass viele Menschen, und vor allem die großen Medienhäuser, über keine Kritik an der Kriegsvorbereitung generell, sondern höchstens über die persönliche Freiheit, berichten. So, als wäre das Sterben tausender Menschen schon in Ordnung, solange es nur die eigenen Kinder nicht betrifft. Ich selbst denke jedoch, dass die Kriegsvorbereitung selbst das viel größere Problem darstellt.
Der Militärdienst im generellen, egal ob freiwillig oder unfreiwillig ist ein ziemlich menschenfeindliches Prinzip. Er bedeutet sein Leben an den Staat zu verkaufen, welcher frei über selbiges entscheidet. Man begibt sich für ein mittelmäßiges Gehalt in eine Ausbildung, welche dem Ziel dient völligen Gehorsam, grundloses töten auf Befehl und das Brechen jedes Eigenwillens zu erreichen.
Zudem muss bedacht werden, dass viele Jugendliche ohne Abitur kaum eine andere Möglichkeit als den Militärdienst haben, wenn sie in der Ausbildung genug für Miete und Essen verdienen wollen. Diesen Missstand scheint die Regierung gezielt auszunutzen. Die massiven sozialen Probleme der Jugend, aber auch der ganzen Gesellschaft, werden so nicht nur durch den Sozialabbau befeuert, sondern auch noch ausgenutzt. Zumal der Sozialabbau ja wiederum der Militarisierungen dient. Für mich wird derzeit immer deutlicher klar, dass unsere Regierung nicht in unserem Interesse handelt und uns außer Protest und Streiks keine Möglichkeit bleibt uns zu wehren. Unter vielen Jugendlichen in meinem Umfeld schwankt das Vertrauen in die Politik.
Mara: Mich betrifft es natürlich nicht in erster Linie, aber vor dem Hintergrund der weltpolitischen Lage finde ich das schon sehr beängstigend, dass das Thema Krieg immer näherkommt.
Die Art, wie das auf der website der Bundeswehr dargestellt wird, finde ich problematisch, weil das so sehr positive Formulierungen sind: Man erlernt beispielsweise „Fähigkeiten zum Einsatz im Heimatschutz“ oder es geht um „militärische Gemeinschaft“, man kann „sich mit der Bundeswehr für die Sicherheit Deutschlands einsetzen“ und so weiter. Das stimmt einerseits, und ich wüsste auch nicht, wie man es besser machen könnte, wenn Leute gebraucht werden.
Andererseits vergisst man bei diesen positiven, verherrlichenden Formulierungen, dass es dabei eigentlich um Krieg geht.
Ich finde so ein soziales Pflichtjahr beispielsweise total richtig, die Gesellschaft würde auf mehreren Ebenen davon profitieren. Gerade in unserer Generation kommen viele Menschen nicht aus ihrer Bubble heraus und machen viel zu wenig soziale Erfahrungen.
Wir sind trotzdem gut drauf, sind glücklich und haben Spaß.
C. P.: Gibt es noch etwas, das Ihr mitteilen möchtet?
Lisou: Wir haben jetzt viel über Jugendliche geredet, dass sie wieder rechts werden und anderes Negative. Aber mir ist noch wichtig zu erwähnen, dass es immer noch viele junge Leute gibt, die aktiv und progressiv dagegen halten. Oft wird es in den Medien so dargestellt, als wären wir durch die Corona-Zeit eine traurige, kaputte Generation. Ich sage jetzt nicht, dass wir dadurch keine Schäden haben, aber wir sind trotzdem gut drauf und halten dagegen. Wir sind keine zerstörte Generation, sondern auch glücklich und haben Spaß.
