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Was ist der Zeitgeist?

Was lebt in unserer Zeit? Was steht dahinter? Wozu werden wir herausgefordert?

Beiträge von Ulrich Meier, Maria Schulenburg, Thomas Mayer, Christine Rüter, Birgit Philipp, Matthias Bölts

Wir leben in einer sehr besonderen Zeit. Es ist die weltweite Pandemie, die unser Fühlen, Denken, Handeln, unser ganzes Leben in der Gegenwart stark beeinflusst. Es gab auch ein „Davor“, in dem man nach der Ursache für diese jetzige Lage sucht. In der Politik wird gegenwärtig heftig und kontrovers um einen angemessen Umgang gerungen. Und jeder stellt sich die Frage des „Wohin“: So, wie es davor war? Und wenn nicht: Was könnte das Neue sein? Viele von uns bemühen sich, die Bedeutung und den Hintergrund dieser besonderen Lage herauszufinden; man liest das in Zeitungen, tauscht sich in Gesprächen aus, und in kurzer Zeit sind schon einige Bücher dazu erschienen.
So entstand auch die Idee, einige Menschen im Hamburger Umfeld nach ihren Erlebnissen und Gedanken zu fragen.
Der Zeitgeist ist die Denk- und Fühlweise eines Zeitalters, die Eigenheit einer bestimmten Epoche. Aber interessanterweise hat nach den Forschungen Rudolf Steiners der „Zeitgeist“ auch noch eine andere Bedeutung: Es ist die Bezeichnung für ein geistiges Wesen, für einen Erzengel, der für eine Epoche die Menschheit prägt und bestimmte Entwicklungen anstößt.
In diesem Spannungsfeld haben sich die sechs Autoren bemüht, auf ein „Dahinter“ zu schauen. Es war meine Bitte, sich tastend, fragend, auch fragmentarisch um einen Beitrag zu bemühen. Fertige Lösungen und schnelle Antworten wären verkürzt. So sind sehr unterschiedliche, individuelle, auch kontroverse Sichtweisen dabei zusammengekommen, und Sie können sich als Leser*in auf eine spannende Lektüre freuen. (Christine Pflug)
 (Die Beiträge sind im September oder Anfang Oktober geschrieben worden, die genannten Zahlen und der Sachstand beziehen sich auf diesen Zeitraum)

Nachklänge des Sommers

Von Ulrich Meier, Priester in der Christengemeinschaft

Der Befund am Ende des Sommers 2020: In meiner Seele haben die tieferen Resonanzen der gegenwärtigen Zeitgeist-Bewegungen überraschend viel mit einigen durch die aktuelle Pandemie ausgelösten Fragen und Problemstellungen zu tun:

Was wir alles nicht wissen

Auch die neuesten medizinisch-naturwissenschaftlichen Erkenntnisse und Vermutungen lassen die zentrale Frage unbeantwortet: Wer steckt sich in welcher Situation bei wem mit dem Erreger an, und was wird dadurch ausgelöst? Für mich kann es da keine mechanistischen Eindeutigkeiten geben, und mir fehlt in der Diskussion schmerzlich der Aspekt des Lebendigen, die Frage der individuellen Disposition und Reaktion, vor allem aber der Schicksalsaspekt. Letzterer ist wohl die größte Herausforderung an die Seele, ohne überschaubares Wissen auskommen zu müssen: Schicksal in seiner grundsätzlich nicht erklärbaren Dimension annehmen lernen, auf eine spätere Möglichkeit zur Einsicht vertrauen. Lernfrage: Wie gehe ich mit dem Unbeantwortbaren um?

Social Distancing

Diese Vokabel weise ich zurück, denn sie hat sich für mein Verständnis als Fehler herausgestellt: Was wir im Umgang mit Ansteckungsgefahren vor allem lernen mussten und müssen, ist lediglich Physical Distancing. Auf tragische Weise hat sich aber das Unwort Social Distancing bewahrheitet, indem die sozialen Folgen der Bedrohung durch COVID-19 zu um sich greifender Vereinsamung mit noch nicht absehbaren Auswirkungen, zu schweren Differenzen und tiefen Spaltungen zwischen den Generationen, in Kollegien und Hausgemeinschaften geführt haben. Soziale Frage: Was kann, was muss jetzt zum Ausgleich an heilenden Initiativen ergriffen werden?

Systemrelevanz

Noch so ein Unwort. Ohne Frage: Im Notfall muss priorisiert werden – Überleben hat seine eigenen Regeln der Dringlichkeit. Aber können wir auf Dauer ohne reale menschliche Begegnungen, ohne Kunst und Kultur, ohne Schulen und Universitäten gedeihen? Sind Nudeln, Klopapier und Backhefe für das System Mensch unverzichtbarer als Seelennahrung und geistige Anregung? Andersherum: Wie lange können wir auf gute Gedanken, große Gefühle und hilfreiche Absichten verzichten? Heute und morgen kann ich vielleicht weitgehend ohne Wissenschaft, Kunst und Religion auskommen – nach einer Woche Kulturfasten fängt bei mir das große Unbehagen aber bereits an. Kulturfrage: Wie umfassend, wie lebendig, wie spirituell sollten wir das System Mensch – und menschliches Zusammenleben – auch im Notfall achten und versorgen?

 

„Es geht ein Rufton um die Welt“

Von Maria Schulenburg, ehem. Schauspielerin, Rhetorik- und Kommunikationstrainerin, anthroposophische Vortragsrednerin  

Am 23. Juni dieses Jahres erschien im Hamburger Abendblatt ein Bericht über zwei junge Männer (ein Arzt und ein Unternehmer), die nachts in einen Tiermastbetrieb eingebrochen sind, um sich über die dortigen Zustände zu informieren, unter denen die Tiere gehalten wurden. Die Zustände, die sie vorfanden, waren katastrophal. Da lagen blutende, verletze und tote Tiere herum. Ein kleines Ferkel wand sich wimmernd auf dem Boden und starb vor sich hin. Andere lagen in Plastikmülleimern. Muttersäue konnten sich in ihrem engen Gehege nicht zu ihren Ferkeln umdrehen und zerquetschten sie. Überall erblickten die Beiden Kot und Blut. Der Arzt entdeckte in diesem Mastbetrieb mehr Antibiotika als in der Klinik, in der er arbeitete. Den Tieren werden diese Medikamente kiloweise eingegeben, so sagte er, rein präventiv aufgrund der schlechten hygienischen Verhältnisse.
„Es gibt keine Beschreibung für das, was wir da drinnen gefühlt haben,“ äußerte er sich. “Für mich war es die Hölle auf Erden. Ich habe in die Augen der Tiere gesehen und ich sah gebrochene Seelen“
Warum erwähne ich diesen Artikel jetzt, wo ich über den Zeitgeist schreiben möchte?
Weil ich meine, dass diese unwürdige Quälerei in der Tierhaltung, dass diese „gebrochenen Tierseelen“ etwas mit unserer weltweiten Situation zu tun haben.
Dionysius der Areopagite forderte die Menschen schon im 1. Jahrhundert nach Christi auf, Verantwortung zu übernehmen für alle Lebewesen auf der Erde. Wir Menschen hätten Fürsorge zu tragen, Schutz zu geben für alles Lebendige, das uns auf dieser Erde anvertraut ist.
Haben wir das getan? Schutz gegeben, Fürsorge übernommen für Mensch, Tiere, Pflanzen, für alles Leben auf der Erde? Nein! Wir haben die Weltmeere mit Plastik und Müll verunreinigt, die Erde durch diverse Chemikalien vergiftet, Pflanzen ausgerottet, Tiere auf grausamste Art geknechtet, geschreddert, zermartert. Das fortwährende Streben nach noch mehr materiellen Lebensstandard, noch mehr Bequemlichkeit, noch mehr Befriedigung des persönlichen Egoismus war wie eine Spirale ohne Ende.
Währenddessen erreicht das Artensterben bei Pflanzen und Tieren ein kaum zu fassendes Ausmaß.
Und jetzt die Corona Pandemie. Weltweit. Es ist wie ein Ruf. Wie ein Aufschrei der Erde und ihrer Kreaturen: „Ändert Euren Sinn!“
Jetzt hat es die Menschen erreicht. Das große Leiden und Sterben. Es gibt weltweit mehr als eine Million Tote, die in wenigen Monaten an Covid 19 gestorben sind.
Plötzlich wird so Vieles sichtbar. All die Mängel, die Unzulänglichkeiten, die Entfremdung von der Natur. Wir haben Vieles auch schon vorher gewusst, und doch, es tritt deutlicher hervor als je zuvor, im Zusammenhang mit unserer jetzigen Situation ist es, als wenn ein Vorhang weggezogen wird und die Erdennöte liegen vor uns, nackt und in ihrer ganzen Dringlichkeit.
„Ändert Euren Sinn“. Es ist wie ein großes Aufwachen.
Sind wir in der Zeit des Lockdowns genügend tief in die Stille gegangen, um den Rufton zu vernehmen? Kamen wir zu uns selbst? Überall tauchen die großen Sinnfragen unseres Lebens auf, es wird wieder darüber gesprochen, geschrieben, gesucht. Was ist wirklich wichtig? In der Konfrontation mit Krankheit und Tod fragen wir uns, wofür wir unsere Zeit nutzen, welchen Sinn wir unserem Leben geben wollen, welche Dinge es sind, die wir als wertvoll erachten und was für uns überflüssig geworden ist.
Sind wir in der Stille so weit in die Tiefe gelangt, dass sich für uns etwas Neues öffnen konnte? Dass wir das Licht erahnen konnten, dass hinter all dem Brüchigen, Aufgebrochenen steht und in unsere Welt hereinkommen will?
Oder haben wir uns verweigert, geleugnet, dass etwas Unerhörtes auf unserer Erde geschieht und damit unsere eigene Entwicklung ausgebremst? Halten wir weiter an unserem Egoismus fest? Reisen wir in Risikogebiete, feiern ohne jede Rücksichtnahme und sind wir zu so wenig Opfern bereit, dass sogar der Mund-Nasen-Schutz und das Abstand halten zu viel verlangt ist vom Einzelnen?
Dieses Licht, das hinter all dem Finsteren steht, hinter den Krusten des verfestigten Denkens, – das ist der Zeitgeist, der uns erwecken will, uns ermutigen will, sich den Anforderungen der Zeit zu stellen und Verantwortung zu übernehmen!
Mehr denn je werden wir dazu aufgerufen, global zu denken. Nicht nur national, es geht um die ganze Menschheit, es geht um die ganze Erde. Es geht um die Klimakatastrophe, es geht um die Corona Krise, es geht um die dadurch ausgelöste Wirtschaftskrise und es geht um Lebensfähigkeit für Pflanzen, Tiere, Menschen und Erde. Es geht alle Völker, alle Länder etwas an und muss gemeinsam bewältigt werden.
Das erfordert eine hohe Sozialkompetenz, die Bereitschaft, sich gegenseitig zuzuhören, sich zu helfen, füreinander da zu sein. Wir benötigen dafür eine unerhörte Wachheit, Mut und Aufrichtekraft. Wir benötigen die Beweglichkeit, Neues und Geistiges wirklich zu leben und zuzulassen.
Vielleicht wird uns die Pandemie so lange begleiten, bis wir begriffen haben, was notwendig ist.
Aber irgendwann, wenn wir nicht mehr gegen, sondern mit der Erde leben, wenn wir Fürsorge tragen für alles, was uns auf der Erde anvertraut ist, so wie Dionysius der Areopagite es gewünscht hat, dann – dann werde wir vielleicht in weiter Zukunft trotz aller Schwere bejahen können, dass dieser Ruf ertönte, der uns zum Aufwachen und Umdenken bewegt hat, der uns davor bewahrt hat, unseren blauen Planeten mit all seiner Vielfalt und Schönheit durch unseren Egoismus vollständig zu zerstören.
Immer wieder tönt das Gedicht von Heidi Overhage-Baader in mir, welches mir gerade in diesen Monaten brandaktuell erscheint:

Es geht ein Rufton durch die Welt
alle Sprachen
sind in ihm versammelt
alle Wesen und Völker
sind in ihm eins
unmissverständlich
kommt das Große
geht durch das Kleine
und Kleinste hindurch
wer Ohren hat zu hören
der höre
ein Rufton ruft
geht durch den Aufschrei
der Weltnacht hindurch

 

ZeitUngeister – drei Schmerzen

von Thomas Mayer, Bürgerrechtler, Autor und Lehrer in anthroposophischer Meditation (www.anthroposophische-meditation.de)

Unter „Zeitgeist“ wird eine „für eine bestimmte geschichtliche Zeit charakteristische allgemeine Gesinnung oder geistige Haltung“ verstanden. Das ist aber nichts Abstraktes, sondern die geistige Forschung und die Anthroposophie zeigen, dass es dafür Wesen gibt, in dessen Bewusstseinsräumen es sich abspielt. Diese Wesen werden in der traditionellen Engelslehre „Archai“ genannt, während sich die Archangeloi (Erzengel) um Sprachräume und Völker und die Angeloi (Engel) um einzelne Menschen kümmern.
Der leitende Zeitgeist ist derzeit Michael, der das eigenständige ichhafte Denken, aber auch Werte wie Freiheit, Gleichheit, Bürgerrechte und Demokratie unterstützt. Dass wir uns im Denken weltweit verstehen können, das ermöglicht uns Michael, der so die Menschheit eint. Es gibt aber nicht nur einen Archai, sondern es gibt viele Archai mit zum Teil gegensätzlichen Intentionen. Es gibt auch Archai, die zu den „gefallenen Engeln“, das heisst zu den ahrimanischen oder luziferischen Scharen gehören. Entsprechend tobt ein Kampf um das menschliche Bewusstsein zwischen Zeitgeistern und ZeitUNgeistern.
Seit dem Beginn der Coronakrise erlebe ich das schmerzhaft, ich meine das wörtlich. Der meditative Schulungsweg führt dazu, dass man Gedanken viel intensiver erlebt wie normal, sie werden farbiger, lebendiger, gefühlvoller, können aber auch mehr schmerzen. Es gibt nicht nur physischen Schmerz, es gibt auch geistigen Schmerz, der richtig weh tut. Einige Beispiele:
Das Coronavirus wurde über Monate in den Medien und von unseren Politikern als sehr gefährlich dargestellt und weltweit wurde das soziale und wirtschaftliche Leben lahmgelegt. Es gibt eine einfache Kennzahl, mit der man die Gefährlichkeit einschätzen kann und die von Anfang an bekannt war, nämlich das Durchschnittsalter der Verstorbenen mit positiven Coronatest (81 Jahre) im Vergleich zur allgemeinen Lebenserwartung (82 Jahre). Beide Zahlen sind in Deutschland fast gleich, in anderen Ländern ist es genauso. Das Coronavirus erhöht also nicht die durchschnittliche Sterblichkeit und ist nicht gefährlicher als die anderen Krankheitsmöglichkeiten. Wenn man nicht mit Coronavirus stirbt, so stirbt man in absehbarer Zeit an anderen Krankheiten. Es gibt natürlich individuelle Abweichungen, aber im Durchschnitt bleibt es so. Es geht einfach nicht, dass Menschen im Durchschnitt länger leben als das Durchschnittsalter. Auch die Gesamtzahl der Verstorbenen ist 2020 in Deutschland gleich hoch wie in den Vorjahren (jährlich sterben in Deutschland ca. 950.000). Auch in Schweden, das von Politikern und Medien heftigst kritisiert wurde, weil es keinen Lockdown machte, starben nur so viel Menschen wie im Mittel der Vorjahre. In Italien oder Spanien war es schlimmer, aber solche Jahre gibt es immer wieder, zum Beispiel war es im Winter 2014/2015 mit einer besonders starken Grippewelle ähnlich schlimm. Das heisst: Das Coronavirus ist nicht gefährlicher als das sonstige Leben. Dieser einfache, logische Schluß sollte eigentlich für jedermann und -frau einsichtig sein … ist es aber nicht. Stattdessen läuft der Panikmodus weiter und unsere Politiker wollen „die Zügel anziehen“ (Markus Söder) oder „brachial durchgreifen“ (Angela Merkel).
Das ist das erste Schmerzerleben. Einfache Fakten und logische Gedanken werden bestritten, damit erodiert die Kommunikationsbasis. Und wenn durch die Medien wieder eine Corona-Alarmmeldung auf mich zukommt, knirscht und kracht es in mir, wie das Lärmen eines Presslufthammers.
Dazu kommt ein zweites Schmerzerlebnis: Wenn ich solche einfachen Gedanken öffentlich äußere, riskiere ich einen „Shitstorm“, werde angegriffen, ausgegrenzt und zu einem Idioten, Aluhut, Verschwörungstheoretiker und in fulminanter Steigerung als Rechtsradikaler beschimpft. Für die falsche Meinung wird der soziale Tod gewünscht. Das ist die heutige soziale Realität und auch systematische Kommunikationslinie unserer Regierungen. Es werden bewusst Feindbilder aufgebaut, um Andersdenkende zu erniedrigen, anstatt zuzuhören und sich mit sachlichen Argumenten auseinanderzusetzen. Dieser Schmerz gleicht den Bissen einer Hundemeute.
Ich versuche zu verstehen. Um was geht es? Geht es darum, dass unsere Gesellschaft vergessen hat, dass das Leben mit dem Tod endet und nun mit einem allergischen Schock reagiert, wenn das Thema auftritt? Das könnte sein, denn Tod ist eines der am stärksten verdrängten Themen. Über Sterben spricht man nicht, über das nachtodliche Leben auch nicht, Sterben ist nicht vorgesehen, es geht immer nur ums Überleben.
Das erklärt es aber auch nicht wirklich, denn man stirbt mit oder ohne Coronavirus im Durchschnitt mit 82 Jahren. Warum gibt es bei anderen Todesursachen nicht dieselbe Reaktion? Infektionen mit Krankhauskeimen (jährlich ca. 20.000 Verstorbene) oder mit Influenza-Grippe (mit bis zu 25.000 jährlichen Toten) sind in Deutschland bedeutendere Krankheiten als das Coronavirus (ca. 10.000 Tote). Es wird aber nur über das Coronavirus gesprochen. Warum? Es ist doch kein Geheimnis, dass die Grippe vor allem bei alten Menschen mit Vorerkrankungen tödlich verlaufen kann, trotz Impfungen. Das ist jedes Jahr so. Warum dann so viel Aufregung wegen des Coronavirus? Ich habe zu dieser Frage keine wirklich nachvollziehbaren Antworten gehört, außer dass Corona ein Vorwand ist, um andere Ziele durchzusetzen. Das wäre wenigstens logisch, wird aber von den Shutdown- und Einschränkungs-Befürwortern zurückgewiesen. Damit bleibt nichts mehr, mein Denken greift ins Leere. Um was geht es? Wir leben auf getrennten Planeten, bzw. in getrennten Archai.
Dann gibt es noch ein drittes Schmerzerlebnis, ein loderndes Feuer in meinem Innern. Wegen des Coronavirus, das nicht gefährlicher als das sonstige Leben ist, wurde ein weltweiter Shutdown verhängt und wird laufend fortgesetzt, der die verheerendsten Folgen hat. In Deutschland gibt es geschätzt zwischen 5.000 bis 125.000 Tote durch verschobene Operationen und Behandlungen in den kommenden Jahren. Wir haben außerdem:
– etwa 900 zusätzliche Selbstmorde,
– über 100.000 zusätzliche Fälle häuslicher Gewalt,
– eine würdelose Isolierung und Vereinsamung von alten Menschen in Pflege und Altersheimen, die oftmals tötete,
– starke Einschränkungen des Kultur- und  Religionslebens,
– die größte Weltwirtschaftskrise seit 1929,
– Millionen Arbeitslose und Kurzarbeiter,
– unzählige zerstörte Existenzen,
– hunderte Milliarden neuer und erdrückender Staatsschulden,
– eine verängstige und teilweise traumatisierte Bevölkerung,
– ein starker Abbau der demokratischen Kultur und der Gewaltenteilung.
Weltweit verarmen große Teile der Bevölkerung, es wird Millionen zusätzlicher Hungertote geben und hunderttausende zusätzliche Malaria- oder Tuberkulosetote. Das alles nicht wegen dem Virus, sondern wegen den Shutdownbeschlüssen der Regierungen, die ohne Abwägung der Kollateralschäden getroffen wurden. Was für eine unfassbare Schuld! Das brennt wie Feuer.
Die Zeiten sind nicht einfach. Mir bleibt, mit diesen drei Schmerzen zu leben. Das Ganze als ein Kampf widerstrebender Zeitgeister anzusehen, hilft mir beim Verständnis und lindert deshalb schon etwas.

 

Angst als Wahrnehmungschance

Beitrag von Christine Rüter, Heilpraktikerin und Vorstand Anthroposophische Gesellschaft Deutschland

In dem Dorf, in dem meine Mutter aufwuchs, gab es einen kleinen Kolonialwarenladen. In diesem Laden standen gleich vorne auf der Theke drei Glasbonbonieren: Die erste war gefüllt mit trockenen Keksen, die zweite mit Bruchschokolade und die dritte mit Bonbons. – In meiner Kindheit gab es im Lebensmittelgeschäft um die Ecke schon ein ganzes Regal mit Lollis, Bonbons, Keksen und salzigen Knabbereien. –  Heute gibt es statt einer Bonboniere für jede Leckerei ein ganzes Regal, außerdem extra Aufsteller für z.B. Schokolade und außerdem zuckerfreie und vegane Naschereien. Durch die immer individuelleren Bedürfnisse der Menschen, die von der Industrie sofort erfüllt wurden, haben sich enorme Folgeprobleme entwickelt: Da war und ist die Klimakrise; die Wirtschaftskrise; gefolgt von der Flüchtlingskrise und zuletzt die Gesundheitskrise, der wiederum eine neue Wirtschaftskrise zu folgen scheint.
Also, in nicht einmal einem Jahrhundert ist unsere wachsende Gier nach Luxus zu einem eklatanten Weltproblem geworden. Während wir z. B. von unseren Übergewichtsproblemen sprechen, wissen die Flüchtlinge im Zeltlager von Lesbos nicht, ob sie am nächsten Tag etwas zu essen haben werden. Wir wissen das und ändern unser Verhalten trotz alledem nicht. Wie kann es sein, dass wir wider besseren Wissens immer weiter auf einen Abgrund zu rennen und nicht die Kraft zu einer Wendung finden? Rennen wir eigentlich – oder bleiben wir auf der Stelle stehen? Wo und was ist die Heilungschance für die gegenwärtige Situation?
Unsere derzeitige Krise sah zunächst nach einer Gesundheitskrise aus. Die Welt war in Sorge, dass die vielen zu erwartenden kranken Menschen nicht angemessen versorgt werden könnten. Man befürchtete eine große Übersterblichkeit. Mittlerweile ist dies längst kein Thema mehr. Aber die Krise dauert an. Viele Menschen sind von einer zunehmenden Angst erfasst, die individuell verschieden in Erscheinung tritt. Das Spektrum reicht von der Angst vor dem Tod über Angst vor Krankheiten, Angst vor Armut, der vor anderen Menschen, bis hin zu einer Angst vor Freiheitseinbußen, und dem Niedergang der Demokratie. Was verbindet diese verschiedenen Ängste miteinander? Eine Angst oder Sorge dreht sich immer um ein Geschehen in der Zukunft. Man könnte sterben, erkranken, verarmen. So könnte man sagen, dass die Angst vor der Zukunft die Zusammenfassung oder auch Überschrift aller Ängste ist. Die Angst lässt uns innehalten oder im Extremfall erstarren.
Angst ist eine mächtige Kraft, die uns an unserem Lebensweg, an unserer Entwicklung hemmen kann; sie macht uns ihrer Natur nach enger und kleiner als wir sind. Wir zögern, ziehen uns zurück. Das Leben scheint gefährlich zu sein. – Es braucht Mut und Besonnenheit, um das Mögliche unter den gegebenen Umständen zu tun und den eigenen Weg zu gehen und nicht zu erstarren.
Wie merkwürdig, gerade noch konnten wir nicht genug Luxusgüter und andere Freuden und Reize des Lebens haben. Wir haben uns sozusagen über die ganze Welt mit großer Maßlosigkeit ausgebreitet. – Und nun, von einem Tag auf den anderen werden wir auf unsere nächsten Menschen und uns selber zurück geworfen. Fühlen uns begrenzt. Da steht also auf der einen Seite die Gier: Durch die Gier wollen wir mehr als uns zusteht. Sie führt uns in die Maßlosigkeit. Es braucht Überblick, Entschlossenheit und Durchhaltevermögen, um sich so zu beschränken, dass auch unsere Kinder noch auf dieser Welt werden leben können. Auf der anderen Seite steht die Vorsicht, die Sorge, die Angst, die uns zusammen ziehen lässt, unser Leben reduziert. Ist die Angstwelle vielleicht eine berechtigte Gegenbewegung zu unserer Maßlosigkeit?
Mir selber geht es so, dass ich mir in der letzten Zeit viel genauer überlege, ob ich wirklich einkaufen muss, ob ein Termin wirklich nötig ist etc. Auch meine persönlichen zwischenmenschlichen Beziehungen haben sich in den letzten Monaten ganz neu sortiert. Jede Entscheidung scheint ein wirkliches „Ja“ zu erfordern. Ein „Vielleicht“ oder „heimliches Nein“ funktionieren nicht mehr. Ich erlebe, dass ich nur dann, wenn ich aus meinem inneren Zentrum heraus für mein Leben das richtige Maß zwischen Maßlosigkeit und Ängstlichkeit finde, in die Lage komme, mich in meinem eigenen Leben zurecht zu finden.
Vielleicht ist diese Angstwelle eine Hilfestellung, ein Wahrnehmungsorgan dafür, dass wir nicht länger darauf warten müssen, dass unsere Probleme von außen gelöst werden; dass wir von unserer Maßlosigkeit und der damit einhergehenden Zerstörung unserer Erde befreit werden. Vielleicht hilft die Angst, uns aufmerksam für unsere Fähigkeiten und Möglichkeiten zu machen.
Ich denke, wir müssen aufmerksam und wachsam für unsere eigenen Fähigkeiten, für unsere eigene Weisheit, unsere eigenen Impulse werden, damit wir in die Lage kommen, aus der Schreckstarre zu erwachen und durch kleine persönliche Heldentaten uns zunächst wieder in unserem eigenen Leben zurecht zu finden und als Folge davon zu einer gesunderen und besseren Welt beizutragen.

 

Wie nehmen Sie den Zeitgeist wahr?

von Birgit Philipp, Geschäftsführerin der Rudolf Steiner Buchhandlung

„Wie nehmen Sie den Zeitgeist wahr?“ wurde als Frage gestellt. Daraus ergab sich mir die Frage: Nehme ich den Zeitgeist wahr, wenn ich auf das Zeitgeschehen schaue, oder wirken hier nicht Geister in der Zeit, die aber nicht der erfragte Zeitgeist sind?
Schon fielen mir mehrere in unserer Zeit wirkende Geister ein – wie die Schnelligkeit. Alles muss schnell gehen. Geschwind ist die Arbeit erledigt. Schnell rasen die Autos die Stadtstraßen entlang, und wehe man ist nicht schnell, so ist man ein Hindernis.
Schnell haben sich die Kinder zu entwickeln. Man eilt geplant durch den Tag.
Oder wirkt sich nicht auch so einiges in unserem Fortschrittsglauben aus? Die digitale Welt, um eines der beliebten Stichwörter zu nennen, prägt unser Leben in der Zeit ungemein. Immer mehr Bereiche unseres Lebens werden ihr übergeben. Unglaubliches wird geleistet und noch Unglaublicheres wird angestrebt.
Wer bewirkt das? Sind wir noch mit vollem Bewusstsein dabei? Könnten wir uns dem noch gegenüberstellen?
Man kann es noch weitertreiben, aber wesentlich ist der Blick, den die Menschheit auf sich selber hat.
Wirken nicht auch Geister in unserem Denken? Wer denkt in uns die künstliche Intelligenz?
Kürzlich hörte ich eine wunderbare Kolumne, in der der Autor beschrieb, wozu der Mensch seine Intelligenz genial einsetzt, und er beschrieb letztendlich die Konsequenz, wie all dieses Streben in der Entwicklung von technischen Maschinen und eben in dieser Künstlichen Intelligenz hineingegeben wird, und er stellte zum Schluss fest, dass sich der Mensch in seinem und mit seinem ganz besonderen Denkvermögen selbst abschafft.
Nun haben wir aktuell eine Zuspitzung dieser Geister in unserer Zeit. Sie wirken in der Angst vor Krankheit, Leid und Tod.
Keiner möchte sich diesem aussetzen und in jedem sitzt auch die Angst.
Wie aber damit umgehen? Das ist die Herausforderung. Fordern uns da nicht die Geister in der Zeit heraus? Bedrängen sie uns nicht mit ihrem Wirken in den verschiedenen Ereignissen, die sich unterschiedlich ausprägen und zu der jeder ganz alleine eine Haltung finden muss?
Die Angst vor Krankheit, sowie die Angst unmündig gemacht zu werden, ist für jeden einzelnen ein intimes Erleben. Er kann sich solidarisieren, aber auch das hat seine Grenzen, und letztendlich weiche ich der eigentliche Frage aus: Was will sich in diesem aktuellen Geschehen aussprechen?
Wir gehen von einem selbstverständlichen Wissen über den Menschen aus. Keine Zeit hat sich so intensiv medial über Viren, Medizin und naturwissenschaftlichem Wissen über den Menschen auseinandergesetzt, und es wird genommen wie etwas Allmächtiges. Es wird so gut wie nicht hinterfragt, ob diese Erkenntnisse, ob diese Methoden wahr sind. Man meint, sie seien objektiv, macht sich aber keine Gedanken, wer der Denker ist, der die Ergebnisse eines wissenschaftlichen Versuchs deutet und interpretiert.
Es wird nicht die Frage gestellt: Wie denkt sich der Mensch?
Wenn wir für diese Frage wach werden, könnte etwas beginnen. Denn dann habe ich bemerkt, dass ich eigentlich immer von einer unbewussten Voraussetzung ausgehe, die ich angenommen habe, und meistens ist es die rein physisch-materielle Annahme des Menschseins. Das liegt mir am nächsten, das sehe ich, und das will ich vor diesem Virus bewahren.
Dieser Gedanke schafft alles Lebendige im Menschen ab, denn nur das zu Ende Gekommene und das Leblose kann ich betrachten, aber nicht das Lebendige, und so funktioniert auch die Naturwissenschaft.
Und diese Geister in der Zeit bedrängen uns damit, wirken mächtig und bewirken, dass die Seele des Menschen in Frage steht, und in diesem Moment könnte ich dafür erwachen, dass es vielleicht noch eine andere Geistigkeit gibt, die erkannt werden möchte und in diesem Erkennen der Mensch erst zu sich als Mensch wirklich findet.
Dass ich aufs Höchste aufgefordert bin, all meine innersten Kräfte zu bewirken, um mich darin halten zu können und mich nicht einer Seite der Angst hinzugeben, oder besser: mich immer wieder neu aufzurichten an der innersten Maßgabe, die ich mir auch an der Anthroposophie Rudolf Steiners immer wieder neu erarbeiten kann.
Das erscheint mir als die Herausforderung dieser Zeit. In diesem Sinne wirken die Geister in der Zeit und fragen durch uns nach dem Zeitgeist.

„…zu tragen mich in mir.“

Von Matthias Bölts, Musiker, Leitung von MenschMusik Hamburg

Wesen, welche für einen bestimmten Zeitraum innerhalb einer Kulturepoche die geistige Führung der Menschheit übernehmen, werden aus der Perspektive der Anthroposophie Zeitgeister genannt. Seit dem Jahr 1897 bis ca. 2300 ist das auf Grundlage der Forschungen von Rudolf Steiner der Erzengel Michael. Er ist in besonderer Weise mit dem Weg des Menschen zu einem freien Wesen verbunden. Michael hält dem Menschen vertrauensvoll den Raum auf seinem Freiheitswege, welcher seine Dynamik in der Auseinandersetzung mit den Drachenkräften erhält. Der „Drache“ ist eine Imagination für die in der menschlichen Seele wirkenden, zerstörerischen und verführenden Kräfte. Sie bewirken in der Seele eine Tendenz zu Verhärtung, Angst, Selbstzerstörung oder zu Verfließen, Selbstüberschätzung und Weltflucht. Die innere Nähe zu Michael kann als stärkendes Krafterlebnis erfahren werden. Diese Michaelkraft ermöglicht es, sich immer mehr auf sich selbst zu stellen, eine innere Aufrichte zu bilden, sich in sich zu halten – „…zu tragen mich in mir.“ Das alte Bild der Schlange, die sich in den eigenen Schwanz beißt, deutet darauf hin.
Der Zugang zu dieser Kraft ist verbunden mit der Verwandlung des eigenen Denkens. Den Ausgangspunkt bildet ist die wache Aufmerksamkeit, die in einem mehrstufigen, meditativen Umschmelzungsprozess gesteigert wird. Diese Aufmerksamkeit ist normalerweise an den Denkinhalt gebunden. Sie kann durch innere Aktivität auf den Denkverlauf gerichtet werden, also auf die Verbindungen und Übergänge „zwischen“ den Begriffen. Man nehme beispielsweise die „Säulenworte“ Rudolf Steiners: „Das Es – An Es – In Es – Ich…“. Wie komme ich von „an“ zu „in“, was geschieht im Übergang von „In Es“ zu „Ich“? Ein intervallisches, gleichsam musikalisches Denken ist hier gefragt, um die „unhörbaren“ Zwischenräume zu realisieren. Das Denken wird flüssig, beweglich und lebendig. Dies führt zu einem Bewusstsein der eigenen Denkkraft als einem Erlebnis von inhaltsfreier Intentionalität.
Das Herz wird auf diesem Wege neu verbunden mit der Gedankenbildung. „Aber jetzt spüren Sie innerlich, dass Sie nicht mehr so hoch oben denken, sondern dass Sie beginnen, mit der Brust zu denken. Sie verweben tatsächlich Ihr Denken mit dem Atmungsprozesse.“ Rudolf Steiner (12.10.1922). Das Herz wird zum Quellpunkt einer klaren und durchwärmten Gedankenbildung.
In eindrucksvollen Worten beschreibt Steiner dieses zukünftige, vollmenschliche Verhältnis zum Denken. Der Mensch „denkt zwar mit dem Kopfe, aber das Herz fühlt des Denkens Hell oder Dunkel; der Wille strahlt des Menschen Wesen aus, indem er die Gedanken als Absichten in sich strömen hat.“ (16.11.1924) Es ist der Hinweis auf ein Auferstehungserlebnis im Denken, welches die Gefangenschaft und den Tod in den Automatismen kalter, seelenloser Logik überwunden hat.
Dieses kann sich weiter zu einem Kommunionserlebnis steigern. Denken im michaelischen Sinne beinhaltet dieses erweiterte Bewusstsein von der eigenen Seele als Schauplatz geistiger Wesen und Wirksamkeit. „Nicht ich denke bloß, sondern es denkt in mir“ kann als zentrale Formel dieser Umwendung verstanden werden. Noch konkreter beschreibt Steiner dieses Erlebnis in einem seiner Michael – Briefe: „…dann werden sich den belebten Gedanken Seelen und Geister der übersinnlichen Welten neigen…“.
Damit knüpft er an seine grundlegende Beschreibung des Vorgangs der Meditation an, die in dem Buch „Wie erlangt man Erkenntnisse der höheren Welten?“ zu finden ist: „Solches Leben der Seele in Gedanken, das sich immer mehr erweitert zu einem Leben in geistiger Wesenheit, nennt die Gnosis, die Geheimwissenschaft Meditation (beschauliches Nachdenken).“
Die gegenwärtigen Zeitereignissen sind eine besondere Herausforderung, sich dem hier Angedeuteten so zuzuwenden, dass es zur Kraftquelle wird in der Begegnung mit den „Drachen–Kräften“. Das, was außen drachenartig erscheint, kann auch in der eigenen Seele wirkend gefunden werden. Denn die Seele ist Schauplatz und Kampfplatz von Weltenmächten. In diesem Sinne auf die eigene Seele zu blicken und täglich neu um wirkliche Freiheit zu ringen, bildet für mich einen wesentlichen Aspekt von Zeitgenossenschaft.