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Waldorfschule durch Jahrzehnte

Interview mit Mona Doosry, Oberstufenlehrerin an der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek

Mona Doosry
Mona Doosry

Die heutige Jugend macht wieder von sich Reden. Hatte man vor ungefähr zehn bis zwanzig Jahren den Eindruck, soziales und politisches Engagement sei für sie bedeutungslos, zeigen die jungen Leute heute ganz andere Bestrebungen. Welche Beobachtungen kann man bei den letzten Jugend-Generationen machen? Wie wirkt sich die Digitalisierung aus? Wie ist das Verhältnis zwischen Jugendlichen und Gesellschaft? Vor welchen Herausforderungen stehen dabei der Unterricht und die Waldorfpädagogik?

Mona Doosry ist Oberstufenlehrerin an der Rudolf Steiner Schule Wandsbek mit den Fächern Deutsch und Kunstgeschichte. Mit dem Unterrichten hat sie 1986 in dieser Schule schon während des Studiums begonnen. Sie ist auch selbst als Schülerin dort in die Schule gegangen. Es gibt diverse Veröffentlichungen von ihr, z. B. zu dem Thema „Pubertät“. Sie ist bekannt für ihre herausragenden Theateraufführungen mit den Oberstufenklassen (Anm. d. Red.).

Christine Pflug: Sie haben durch Ihre lange Zeit in der Schule viele Bewegungen, Schüler*innen und Generationen erlebt. Wie würden Sie die heutige Schülergeneration im Verhältnis zu früheren beschreiben?

Mona Doosry: Wenn ich von der heutigen Schülergeneration spreche, beziehe ich mich hauptsächlich auf Wahrnehmungen und Erfahrungen im Umgang mit Jugendlichen an unserer Schule, auf Gespräche mit ehemaligen Schüler*innen oder auch auf durch die Medien vermittelte Berichte. Ob meine Beobachtungen also repräsentativ sind, vermag ich nicht zu sagen.

die Welt kennenlernen und verändern, etwas für andere tun

Ich kann viele positive Veränderungen feststellen: Die Jugendlichen, die ich erlebe, wollen die Welt kennenlernen und verändern, etwas für andere tun; Themen wie alternative Lebensformen oder die Gender-Problematik spielen für sie eine große Rolle, im Umgang mit Diversität sind sie deutlich toleranter, das Interesse für soziale Fragen ist größer geworden Es ist schon länger so, dass die Schüler nach der Schule ein freiwilliges soziales Jahr machen,  oft auch im Ausland, zudem haben die Sozialpraktika in der elften Klasse einen großen Stellenwert. Viele Jugendliche haben ein großes Bedürfnis, etwas zu verändern. Einige versuchen sogar, ihre Anschauungen konsequenter umzusetzen, indem sie beispielsweise keine Kleidung mehr kaufen, sondern nur noch tauschen, sich vegetarisch oder vegan ernähren oder achtsamer mit der Umwelt umgehen.

eine erhöhte Sensibilität für seelische Vorgänge

Andererseits ist es schwierig „die“ heutige Generation zu beschreiben, weil auch die Individualisierung immer stärker wird. Wenn man eine Oberstufenklasse vor sich hat, tut sich ein ganzes Spektrum von Meinungen und Urteilen auf: Manche sind politisch interessiert und engagiert, andere zeigen wenig Interesse für gesellschaftliche Fragen.

Die Schüler*innen, die ich in den 80er und frühen 90er-Jahren erlebt habe, waren eher rational und kritisch eingestellt und haben deutlicher Position bezogen. Das ist heute anders. Im Umgang mit Literatur tauchen immer wieder Fragen auf, die das menschliche Dasein essentiell betreffen: Was heißt es, Vertrauen zu entwickeln, zu versagen, zu leiden, sich schuldig zu machen? Die heutigen Jugendlichen gehen differenzierter und offener mit diesen Fragen um als früher, auf der anderen Seite gibt es weniger das Bedürfnis, Erkenntnisfragen konsequent zu verfolgen oder in die geistige Auseinandersetzung untereinander zu treten. Die erhöhte Sensibilität für seelische Vorgänge führt dazu, dass die eigene Befindlichkeit stärker reflektiert und thematisiert wird. Diese Selbstreflektion wiederum lähmt das Handeln. Das wurde mir im letzten Schuljahr besonders deutlich, als eine Gruppe von Schüler*innen eine neue Schülerzeitung herausgegeben hat. Die erste Ausgabe trug den Titel: „Warum nicht einfach machen?“. Die Schüler*innen haben dieses Thema gewählt, weil sie ihr Bedürfnis nach sinnvollem Handeln spüren, gleichzeitig aber auch ein differenzierteres Bewusstsein davon haben, dass die Angst vor Blamage, die eigene Bequemlichkeit oder die Wirkung des eigenen Handelns auf andere sie davon abhalten, etwas zu tun.

„Die Liegenden“!?

C. P.: Neulich fiel mir ein Buch in die Hand, das vor 7 Jahren erschienen ist. Der Autor schildert darin Erfahrungen, die vielleicht 10 Jahre zurückliegen. Es heißt „Die Liegenden“. Ein verzweifelter Vater (Michele Serra, geb. 1954) beschreibt auf humorvolle Weise und auch mit Selbstironie seine Kinder: Der Sohn hat sich auf dem Sofa eingerichtet, Kopfhörer auf den Ohren, Laptop auf den Knien, in der einen Hand das Handy, in der anderen die TV-Fernbedienung – ständig in der Position des Liegenden. Ist das heute auch noch so? Wie erleben Sie das in der Schule?

Mona Doosry: Das erlebe ich in der Schule weniger; allerdings kann das Liegen auch als Metapher dafür verstanden werden, dass es Jugendliche gibt, die es anstrengend finden, innerlich in Bewegung zu sein und gründlich nachzudenken. Das mag mit der Digitalisierung und den damit verbundenen Ablenkungsmöglichkeiten zusammenhängen, die zugleich die Konzentrationsfähigkeit schwächen. Ich erlebe aber immer wieder, dass sich die Schüler*innen für Projekte in der Schule engagieren und dann motiviert und mit Einsatz bei der Sache sind.

C. P.: Wie und wann haben Sie erlebt, dass die Digitalisierung bei den Schülern anfing?

M. Doosry: Die Folgen waren für mich vor ca. 10 bis 15 Jahren wahrnehmbar, und in den letzten 5 Jahren werden sie immer stärker. 1997 war es ein einziger Schüler, der in der 12. Klasse ein Handy hatte. Heute ist das Smartphone nicht mehr wegzudenken und zum wichtigsten Informations-, Kommunikations- und Unterhaltungsmedium der Jugendlichen avanciert. Die Auswirkungen der Digitalisierung, die ich seit ca. 5 Jahren beobachte, zeigen sich vor allem darin, dass die Lese- und Schreibkompetenz, die Gedächtnisfähigkeit und damit einhergehend das Erinnerungsvermögen schwächer werden und es vielen Jugendlichen im Unterricht schwerer fällt, die Anstrengung von Denkprozessen auf sich zu nehmen und durchzuhalten.

C. P.: Und wie kann man als Lehrer damit umgehen?

M. Doosry: Die Jugendlichen sind ja nicht dümmer geworden – ihr Zugriff auf die eigenen gedanklichen Fähigkeiten wird allerdings dadurch erschwert, dass die Seele mit unendlich vielen Bildern und Informationen in Berührung kommt, die gar nicht alle gefiltert und verarbeitet werden können, sodass es nicht leicht ist, einen Blick für das Wesentliche zu entwickeln. Das wiederum wirkt sich auf die Urteilsbildung aus, die ja Voraussetzung dafür ist, im Leben bestimme Dinge erkennen und einordnen zu können, um auf dieser Grundlage zu einem sinnvollen Handeln zu kommen.
Es ist ein Auftrag an die Waldorfpädagogik, sich damit auseinanderzusetzen: Man müsste sich auf Grundlage der Anthroposophie mit Gedächtnis und Gedächtnisbildung beschäftigen und sich fragen, wie im Grundschulalter die Inhalte stärker aufgenommen und behalten werden können und wie sich im Unterricht wirksam damit umgehen lässt.

Es herrscht die liberale Einstellung, alles machen und alles denken zu können.

C. P.: Wie ist heute das Verhältnis zwischen Jugendlichen und Gesellschaft?

M. Doosry: Die Jugendlichen sind heute mit großen gesellschaftlichen Herausforderungen konfrontiert. Sie stehen unter einem enormen Leistungsdruck, da Erfolg und Karriere, gepaart mit körperlicher Fitness und Attraktivität eine unvermindert wichtige Rolle spielen. Das sieht man auch an den Schulabschlüssen: Das Abitur ist für viele Jugendliche und deren Eltern ungeheuer wichtig geworden, während die Mittlere Reife gesellschaftlich eine immer geringere Rolle spielt. Außerdem erleben die Jugendlichen Wohlstand und Konsum als wesentlichen Bestandteil der Gesellschaft: Man kann eigentlich alles haben, sofern man nicht zu den gesellschaftlich Benachteiligten gehört; es herrscht die liberale Einstellung, alles machen und alles denken zu können. Es wird schwieriger, Beziehungen zu führen, althergebrachte Familienstrukturen lösen sich auf; der technische Fortschritt schreitet rasant voran, überhaupt bestimmen Schnelligkeit und Schnelllebigkeit das gesellschaftliche Leben. Dazu kommt der seltsame Gegensatz von Imagekultur und unverhohlen geäußerter negativer Emotionalität, den wir im Internet vorfinden.

Wir haben es bei den Jugendlichen mit starken Individualitäten zu tun.

Immer wieder habe ich den Eindruck, dass wir es bei den Jugendlichen mit starken Individualitäten zu tun haben, die den geschilderten gesellschaftlichen Einflüssen ausgesetzt sind und lernen müssen, bewusst mit ihnen umzugehen – und das in einer Zeit, in der es immer weniger allgemein verbindliche Werte gibt, die Orientierung und Halt bieten. Von ihnen wird eine Ich-Kraft und Bewusstheit gefordert, die ihnen so noch nicht zur Verfügung stehen, die sie ja gerade erst entwickeln – sie leben also ständig am Rande der Überforderung.

C. P.: Ich persönlich kenne Beispiele, in der die Jugendlichen für die Eltern Eheberatung machen oder sie überhaupt in ihrer Lebenssituation beraten, was voraussetzt, dass sie die Situation überschauen und beurteilen müssen.

M. Doosry: Manche Jugendlichen erfahren große Belastungen in ihren Elternhäusern. Auch der Trend, dass in Familien mit einem gewissen Bildungsgrad alles auf partnerschaftlichen Konsens angelegt ist, überfordert sie. Es fehlt dann der Streit, die klare Auseinandersetzung, die ja auch die Chance bietet, Position zu beziehen, sich abzugrenzen und dadurch die eigene Persönlichkeit zu stärken. Deswegen halte ich es für erzieherisch wichtig, dass wir Erwachsenen Position beziehen und gleichzeitig die Jugendlichen in ihrer Urteilsbildung ernst nehmen.

die Fridays for Future-Bewegung

C. P.: Man hat erlebt, dass die Generation Y, die sog. Millennials, die heute ca. 30 bis 40 sind, meist unpolitisch waren, manche hat man in ihrem Lebensstil als konservativ erlebt, und es stellte sich die Frage: Welche Impulse bringt die Jugend in die Gesellschaft? Und jetzt, in kurzer Zeit, ausgelöst durch Greta Thunberg, entsteht ein enormes politisches Engagement für die Umwelt. Auf der letzten Demo im Mai waren nach offiziellen Angaben in Hamburg 17.000, nach Angaben der Veranstalter 25.000 Demonstranten und in ganz Deutschland 320.000. Das ist ja gigantisch! Haben Sie Ideen, woher das kommt?

Es ist sicherlich ermutigend für die Jugendlichen zu erleben, dass die Demonstrationen eine deutliche wahrnehmbare Wirksamkeit entfalten.

M. Doosry: Es fällt mir schwer, die Fridays for Future-Bewegung endgültig zu beurteilen. Bislang erlebe ich Jugendliche, die sich begeistert für den Klimaschutz einsetzen. Die Motive sind vielfältig. Die Liebe zur Natur, die Angst vor der Klimakatastrophe, die unmittelbare Betroffenheit und die konsequente Haltung von Greta Thunberg spielen sicherlich eine wichtige Rolle, aber auch die Tatsache, dass man sich öffentlich und merkbar für etwas Richtiges und Wichtiges einsetzen kann. Ich habe vorhin davon gesprochen, dass die Jugendlichen sich danach sehnen, sinnvoll zu handeln. Seit einigen Jahren kann man beobachten, dass das politische Interesse der Jugendlichen wieder zunimmt, dass die Umweltproblematik, der zweifelhafte Umgang mit Tieren und Natur die Jugendlichen bewegt. Und es könnte sein, dass von Greta Thunberg die Initialzündung ausging, die endlich auch politisches Handeln in Form von Demonstrationen ermöglicht. Endlich gibt es etwas Konkretes zu tun! Es ist sicherlich ermutigend für die Jugendlichen zu erleben, dass die Demonstrationen eine deutliche wahrnehmbare Wirksamkeit entfalten; ich bin gespannt darauf, was aus dieser Bewegung wird, wie nachhaltig das Engagement sein, wie stark es Eingang in das Alltagsleben finden wird. Wie sieht es zum Beispiel mit dem Klimaschutz in der Schule aus?
Ich sehe die Aufgabe von uns Erwachsenen darin, die Jugendlichen zu unterstützen und ihnen dabei zu helfen, das politische Handeln und die Betroffenheit zu reflektieren und Projekte anzuregen, die ein nachhaltiges Handeln ermöglichen.

Was braucht die Waldorfpädagogik für die Zukunft?

C. P.: Einiges haben Sie schon angedeutet, aber noch einmal speziell die Frage: Was braucht die Waldorfpädagogik für die Zukunft?

M. Doosry: Für die Waldorfpädagogik wird in der Zukunft entscheidend sein, wie stark das eigene Unterrichten und der Umgang mit den Schülern von der – gerne auch kritischen – Auseinandersetzung mit der Anthroposophie befruchtet wird. Damit hängen auch bestimmte Gedanken zusammen, die Rudolf Steiner bei der Gründung der ersten Waldorfschule betont hat. Beispielsweise hat er immer wieder davon gesprochen, dass man es bei den Kindern mit geistigen Individualitäten zu tun hat, die viel mehr hinter sich haben und viel Größeres vor sich haben als man selbst. Diese Gedanken gilt es weiter zu ergründen und zu bewahren. Damit hängt die Frage der sogenannten „Erziehungskunst“ zusammen: Was bedeutet das eigentlich? Ausgehend von Goethe, an dem sich Steiner hier orientiert, geht es darum, dass man sich so mit den Kindern und Jugendlichen beschäftigt, dass über die Wahrnehmung der momentanen Lebenswirklichkeit, des Charakters und Verhaltens eine Ahnung dessen entsteht, was die Individualität des Kindes und Jugendlichen ausmacht. Daraus erfolgen dann im Zusammenhang mit entwicklungspsychologischen Tatsachen das pädagogische Handeln und die Unterrichtsgestaltung. Vor diesem Hintergrund hat Rudolf Steiner angeregt, sich in der kollegialen Arbeit immer wieder über die Schüler*innen auszutauschen, d.h. ein System zu entwickeln, nach dem die Kinder und Jugendlichen wahrgenommen und in ihrer Individualität erkannt werden können. Auch in diesem Bereich sehe ich eine wesentlich Aufgabe der Waldorfpädagogik in der Zukunft. Die Gründung der Waldorfschule 1919 sollte eine „Kulturtat“ sein, die Waldorfschule also eine Institution innerhalb der Gesellschaft, die den Herausforderungen der Zeit Rechnung trägt. Sie sollte Bestandteil des freien Geisteslebens sein. Im Zusammenhang mit dem Prüfungswesen nimmt der behördliche Einfluss in letzter Zeit eher zu; wir kommen nicht umhin, Kompromisse zu schließen. Dennoch wäre es meines Erachtens wichtig, die Autonomie der Waldorfschule auch zukünftig deutlich zu betonen und zu schützen.
Die Selbstverwaltung, also die Organisation der Schule, die ohne Direktorat und Hierarchie durch gleichberechtigte Lehrer gestaltet wird, ist ein weiterer wesentlicher Bestandteil der Waldorfschule, der eine große Herausforderung für alle Beteiligten darstellt und in seinen Abläufen immer wieder weiterentwickelt werden muss; hier befinden wir uns immer noch in den Anfängen, weil die Selbstverwaltung stark von der Haltung und sozialen Gesinnung des Einzelnen, also auch von seiner Selbsterziehung abhängt.
Insgesamt fände ich es eine wertvolle Arbeit, sich noch einmal die Gründungsimpulse vor Augen zu führen: Was ist daraus geworden? Welche Aufträge ergeben sich daraus für die Zukunft? Steiner sagte, dass die Gründung der ersten Waldorfschule aus der Not seiner Zeit entstanden sei und die Lehrer „prophetisch“ zu unterrichten hätten; das bedeutet: Durch eine intensive  Beschäftigung mit den Zeitereignissen haben wir vorauszuahnen, in welche Richtung sich die Gesellschaft entwickeln wird und womit es die Jugendlichen in Zukunft zu tun haben werden; auf diese Herausforderungen soll der Unterrichte theoretisch und praktisch vorbereiten. Das sind gewaltige Aufgaben, in denen Schule und Leben miteinander verbunden sind.