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09/2019

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„Unsere Gesellschaft altert“

oder: „Der Mensch braucht es, für andere von Bedeutung zu sein“

Zusammenfassung eines Vortrages von Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner

Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner
Prof. Dr. Dr. Klaus Dörner

Wir stehen das erste Mal in der Menschheitsgeschichte vor der Frage, wie wir mit der wachsenden Gruppe der alten Menschen umgehen werden. Das bisherige System, nämlich Altern in den eigenen vier Wänden oder im Heim, hat etwa 100 Jahre getragen, lässt sich aber nicht fortsetzen. Die gesellschaftliche Entwicklung hat uns heute dahin geführt, dass wir frei und selbstbestimmt leben wollen und uns nicht die Lasten anderer Menschen aufbürden möchten. Scheinbar … .
Klaus Dörner, selbst seit einigen Jahren in Rente, berichtet in diesem ersten Teil von der historischen und gesellschaftlichen Entwicklung unseres Sozialsystems. Durch seine Erfahrungen an der Basis erlebt er, wie es seit 1980 immer mehr Initiativen gibt, die einen dritten Weg der nachbarschaftlichen Hilfe praktizieren.
(Der Vortrag „Unsere Gesellschaft altert – welche Herausforderungen bringt das mit sich?“ wurde gehalten am 16. 6. im Rudolf Steiner Haus, Veranstalter: ZeitZeichen.)
Klaus Dörner, 1978 Prof. an der Uni HH. 1980-96 ärztl. Leiter der Westfälischen Landesklinik für Psychiatrie in Gütersloh. 1992 Lehrstuhl für Psychiatrie a. d. Uni Witten-Herdecke. Mitbegründer Deutsche Gesellschaft für Soziale Psychiatrie, Deutsche Hospizhilfe e.V.  und des Instituts f. Mensch, Wissenschaft und Ethik mit Sitz in Berlin. Auszeichnungen: 1990 Kulturpreis des Präses d. Evang. Kirche i. Rheinland, 1995 Salomon-Neumann Medaille, 1999 Bundesverdienstkreuz f. Verdienste der Psychiatrie-Reform.  Autor von „Bürger und Irre“, „Irren ist menschlich“, „Tödliches Mitleid“.

„Ich habe mein berufliches Leben mit den psychisch Kranken verbracht, und habe gedacht, dass sei das einzige und mit Sicherheit das größte Problem auf der Welt. Mit etwas mehr Abstand habe ich gemerkt, dass es quantitativ ein verschwindend kleines Problem ist, zumindest gegenüber der alles umfassenden und uns alle erreichenden Problematik des Altwerdens. Und so habe ich meinen Ruhestand dazu benutzt, um mir in diesem Bereich Nachhilfe zukommen zu lassen. Im Laufe der Zeit habe ich dann gemerkt, dass es umso interessanter wird, je mehr ich an der Basis schaue, was die Menschen dort machen. Insofern habe ich mich in den letzten 7 Jahren in kleine Bürgerinitiativen, Alzheimer-Gesellschaften, lokalen Pflegediensten etc. einladen zu lassen, um zunächst von ihnen zu lernen, aber im Laufe der Zeit ihnen auch etwas zurückgeben zu können. Ich gebe sozusagen einen Zwischenbericht von dem, was ich in den letzten Jahren erfahren habe.
Mir wurde aufgetragen, in diesem Vortrag auch Zukunftsperspektiven aufzuzeigen. Das Dumme ist aber, dass wir Menschen außerstande sind, gesicherte Aussagen über die Zukunft machen zu können. Das gilt sowohl individuell als auch allgemein. Individuell habe ich das im Selbstversuch erlebt: Als ich kurz vor meinem Ruhestand stand, dachte ich, dass ich theoretisch alles über das Alter wüsste. Als ich am ersten Tag nach meiner Berentung aufwachte, hatte ich mich sehr gewundert, weil ich überhaupt nicht wusste, wofür ich da sein sollte. Keiner, über meine Familie hinaus, wollte etwas von mir, niemand hatte Erwartungen an mich – ich kam mir vor wie in einem sozialen Niemandsland. Wenn ich jetzt darauf zurückblicke, hat es zwei Jahre Versuch und Irrtum benötigt, um einen für mich einigermaßen passenden Rhythmus zu finden.

ich weiß nicht, wer ich danach sein werde

Ich denke, dass das vielleicht auch allgemein so ist: Wir Menschen können vor dem Übertritt in eine neue Lebensphase nicht wissen, wie wir danach leben wollen, weil wir danach jemand anderes sind. Das ist einerseits beunruhigend, aber andererseits auch recht reizvoll, weil man immer mit Überraschungen rechnen muß. Möglicherweise gilt das für die verschiedenen Stufen unseres Alterungsschicksals besonders. So wie ich es bei dem Übertritt in die Rentenschwelle erlebt habe, wird es mir wahrscheinlich ergehen, wenn ich eines Tages pflegebedürftig oder dement werde, wenn ich am Sterben bin und wahrscheinlich auch nach dem Tod – ich weiß nicht, wer ich danach sein werde.

chronisch Kranke und Menschen mit „Befindlichkeitsstörungen“

Auch soziologisch können wir nicht wissen, wie die Herausforderungen der alternden Gesellschaft aussehen werden. Es hat in der Menschheitsgeschichte noch nie eine Gesellschaft gegeben, in der der Anteil der alten Menschen so dramatisch groß geworden ist. Es gab schon immer alte und sehr alte Menschen als „Einzelexemplare“, und alles, was selten vorkommt, kann man leicht verehren. Aber wenn sich eine Bevölkerungsgruppe wie die Alten so massiv vermehrt, dann inflationieren und entwerten sich auch, sowohl in den Augen der anderen wie auch in den eigenen.
Das ganze wird noch dramatischer, wenn man hinzunimmt, dass eine andere gesellschaftliche Gruppe noch größer wird: die körperlich chronisch Kranken. Heute stirbt so gut wie kein Mensch an einer Akuterkrankung, aber zu dem Preis, als chronisch Kranker weiterzuleben. Dazu kommt dann noch eine weitere Gruppe der psychisch Kranken hinzu, und zwar eine besondere Spezies. Das sind Menschen mit „Befindlichkeitsstörungen“, die sich aufgrund des unglaublich angewachsenen Psychomarktes dann als psychisch krank diagnostizieren und therapieren lassen. Die Symptome sind leichte Formen von Depression, Angststörungen, Esstörungen, Schmerzstörungen, Mobbing-Kranke, Burn-outs – es kommen täglich neue Diagnosen auf den Markt.

Was also könnte auf uns zukommen, wenn wir alle älter werden? Das bisherige System für alterspflegebedüftige Menschen hatte zwei Pole: entweder ein Altenpflegeheim oder die eigenen vier Wände. Beides wird in Zukunft nicht mehr ausreichen. Was die Pflege im häuslichen Bereich angeht, wachsen die dazu erforderlichen Kinder nicht mehr nach. Auf der anderen Seite wird das Heim immer weniger von den Menschen gewählt. Das war noch vor ein paar Jahrzehnten anders, weil die Struktur des Altenheims das Prinzip der guten Mischung war: es gab rüstige und weniger fitte alte Menschen und die konnten sich gegenseitig so viel geben, dass man mit relativ wenig professionellem Personal auskam. Dieses Prinzip der gesunden Mischung wird nun von allen Seiten abgebaut. Auf der einen Seite von uns, die wir immer weniger, und wenn schon, dann immer später ins Heim gehen. Auf der anderen Seite müssen die Heime den Wünschen der Bevölkerung entgegenkommen, also bieten sie auch ambulante und teilstationäre Betreuung an. So ist das Heimsystem dabei, sich selbst zu einem Auslaufmodell zu machen, ohne es selbst zu wollen.
Dieses alte System – in den eigenen vier Wänden oder im Heim alt zu werden – hat ungefähr 100 Jahre funktioniert, aber jetzt brauchen wir neue Ideen.

Die gesellschaftlichen Veränderungen durch uns älter werdende Menschen werden so groß sein werden, dass sie alle Bürger in irgendeiner Form berühren und teilweise auch verändern werden. Wir werden im Jahr 2050 in irgendeiner noch unbekannten Weise eine andere Gesellschaft sein als heute.

„Es ist doch völlig normal, dass ein Drittel der Bevölkerung so alt ist“

Man kann nach dem Ziel einer solch gesellschaftlich umgreifenden Veränderung fragen. Um es in einem Bild auszudrücken: die in 2050 lebenden jungen Menschen könnten zu den älteren sagen: „Was regt ihr euch eigentlich so künstlich auf? Es ist doch völlig normal, dass ein Drittel der Bevölkerung so alt und dann auch pflegebedürftig ist – wir kennen es ja gar nicht anders und dann gehört sich das auch so.“ Dieses Ziel sollten wir in irgendeiner Form erreichen.

Wenn man nach neuen, zukunftstauglichen Wegen sucht, wählt man die bewährte Methode, einige Schritte in die Vergangenheit zu gehen und zu schauen, woher wir kommen, um dann vielleicht besser sagen zu können, wohin wir gehen sollten. Bei diesem Blick zurück stellt man fest, dass bis zum Beginn der Moderne – also des 19. Jahrhunderts – das Helfen bei Krankheit, Behinderung und Not praktisch Angelegenheit der Bürger selbst war. Es gab vereinzelt einen Armenarzt oder einen religiösen Orden, aber das war kein System. Ärzte konnten sich nur mit besser Gestellten abgeben, weil sie sonst keinen Verdienst gehabt hätten.
Dies alles geriet in Bewegung mit der Industrialisierung des Arbeitens, mit der Vermarktung der Wirtschaft, der Demokratisierung der Gesellschaft etc., also im Laufe des 19. Jahrhunderts. Bis dahin war Arbeiten, Wohnen und Leben eine Einheit gewesen. Das betrachtete man jetzt als Verschwendung von Ressourcen. Die Arbeit wurde industrialisiert, und in großen Fabriken wurden einzelne Arbeitsprozesse seriell und dadurch billiger und schneller.

Vor 100 Jahren entstand die Bewegung des professionellen Helfens

Die bis dahin in den Haushalten lebenden Pflegebedürftigen, vielleicht auch Kontrollbedürftigen, konnten dann dort nicht mehr bleiben, weil die Erwerbsfähigen zur Arbeit gingen. Daraus ergab sich auf der anderen Seite die Notwendigkeit, große soziale Institutionen zu schaffen, d. h. die Bewegung des institutionalisierten und professionellen Helfens entstand. Das Ganze fand seinen krönenden Abschluß mit den Bismarckschen Sozialgesetzen. Die besagten im Kern, dass die Bürger von ihrer Hilfenotwendigkeiten gegenüber hilfsbedürftigen Familienmitgliedern freigestellt wurden. Dafür gab man dann keine Zeit mehr, sondern Geld, in Form von Steuern, Kassenbeiträgen etc. und der Staat sorgte für die Hilfsbedürftigen. Das war zunächst schon ein Abschied von alten Gewohnheiten, aber im Großen und Ganzen lief das dann doch gut an, weil damit ein ungeheurer Gewinn an Freiheit und Selbstbestimmung für die Bürger verbunden war.

Der Preis für die Freiheit

Das geschah ab etwa 1880. Dafür mussten sie, was damals vor Begeisterung niemand gesehen hat, einen Preis bezahlen. Die alten, bürgerliche Solidarität stabilisierenden Institutionen, nämlich der familiäre Haushalt, die Nachbarschaft, die kommunale Gemeinde und auch die Kirchengemeinde, verloren zunehmend an sozialer Bedeutung und damit auch an Autorität. Damit begann der Abgesang der Familie als Institution, der früher eine Einheit von Leben, Arbeiten und Wohnen war. Die Arbeit wurde in die Fabriken ausgegliedert, der Hilfebedarf wurde von Institutionen abgegolten, Erziehung und Bildung wurden vom Schulsystem übernommen – welche Funktionen blieben dann noch für die Familie übrig, aus der sie Autorität und Haltekraft gewinnen konnte?
Man wird auch sagen müssen: Jeder Bürger wird einen versteckten Preis für die Freiheit bezahlt haben müssen!

all den Sinn meines Lebens ganz alleine aus mir selber ziehen …

Jeder Mensch ist von zwei vitalen Antrieben gesteuert: auf der einen Seite steht das Bedürfnis, möglichst selbstbestimmt, sich selbst verwirklichend, gesund, egoistisch zu leben, für die eigenen Interessen zu kämpfen. Aber auf der anderen Seite gibt es aber auch dieses vitale Grundbedürfnis – ich formuliere es bewusst abstrakt: eine Bedeutung für andere zu haben. Um Gottes willen nicht zu viel, aber bitte auch nicht gar nicht, denn wenn ich keine Bedeutung für andere habe, muß ich all den Sinn meines Lebens ganz alleine aus mir selber ziehen.
So leben wir heute immer noch in einer Gesellschaft, in der dieses Selbstbestimmungsbedürfnis gewissermaßen die ungefährdete Nummer 1 unter den Werten geworden ist. Nebenher gesagt: auch ist es das Grundbedürfnis, mit dem die Marktwirtschaft am besten arbeitet.

eine soziale Unterlastung

Möglicherweise ist dabei den Menschen entgangen, weil sie sich nicht mehr mit den Lasten der anderen beschäftigen und dadurch für andere von Bedeutung sind, dass sie mittlerweile in eine Art soziale Unterlastung hineingerutscht sind. Diese kann anfangs noch genossen werden, wenn aber eine bestimmte Schwelle überschritten ist, macht es nicht mehr freudig, sondern wirkt deprimierend und krankmachend.
Ab dem Jahr 1980 hat sich vieles geändert. Das modernisierte Hilfesystem hat 1880 angefangen und hat bis 1980 gedauert. Seit 1980 leben wir mit einer Kosten- und Strukturkrise im Gesundheits- und Sozialsystem von solch einem Gewicht, wie wir es bis dahin nicht gekannt haben. Auch haben wir erstmals in der Geschichte der Moderne, etwa seit 1980, kein großes ökonomisches Wachstum mehr. Daran hatten wir uns seit 100 Jahren gewöhnt, und jedes Jahr wurden neu die wachsenden Bedürfnisse damit finanziert. Die großen Wachstumssprünge sind inzwischen in die Schwellenländer abgewandert, nach China, Indien, Malaysia etc., und es könnte sein, dass unsere Wirtschaft gewissermaßen ausgewachsen ist. Das hat einschneidende Folgen für das, was wir uns an Hilfsmöglichkeiten wünschen.
Das einzige, was wir in Mitteleuropa tun können, um die Wirtschaft nicht ganz dümpeln zu lassen, ist das Steigern unserer Produktivität. Und es hat sich gezeigt, dass man das viel besser mit Technologien als wie mit der Beschäftigung von Menschen fördern kann. Das hat zur Folge, dass dieses riesige Ausmaß von Massenarbeitslosigkeit in Zukunft ein Dauerzustand sein wird, von dem wir schon froh sein können, wenn er sich nicht weiter verschlimmert.
Wenn man diese Fakten auf der einen Seite sieht und auf der anderen Seite diese menschheitsgeschichtlich neue Bevölkerungsgruppe, die auch ab 1980 einen gewissen Schwellenwert überschritten hat, lohnt es sich, darüber zu erschrecken und zu überlegen, wie man denn damit nun umgehen kann.

Der Staat hat versagt

Die Verantwortlichen haben das auch getan und sind dann zu dem Schluss gekommen: Wenn das so ist, dann sollte der Staat sich aus der Organisation der Hilfesysteme zurückziehen, denn er hat ja erkennbar versagt und statt dessen sollte es der Markt richten. Insofern haben wir seit 1980 viele Reformgesetze mit dem Trend, dass sie die Vermarktung des Helfens unter den Menschen verstärken.

Diesen Trend überschauen wir jetzt 25 Jahre. Ich mag zwar nicht hinreichend genug informiert sein, aber meiner Ansicht nach zeigt sich deutlich, dass das eine Milchmädchenrechnung war. Natürlich kann man mit Verschärfung von Wettbewerb, mit Fusionen und Konzentrationen anfangs immer Rationalisierungserfolge erzwingen, aber wenn man das ständig steigert, gräbt man irgendwann über das Optimum hinaus und dann verbessern sich nicht, sondern verschlechtern sich die Bedingungen. Das gilt für die qualitativen Aspekte und auch für die Kosteneinsparung. Es gibt eine Art Effizienzfalle, in die man dann hineinrutscht, die man aber nicht als solche erkennt und weil man immer mehr davon haben will, merkt man nicht, dass sich die Dinge inzwischen gewendet haben. Betriebswirtschaftlich gedacht, ist ein Betrieb, der nur stagniert, schon weg vom Fenster. Das ist bei der Auto- und Kühlschrankproduktion vielleicht noch hinzunehmen, aber im Bereich des Helfens hat das zwangsläufig zur Folge, dass man für einen solch wachsenden Betrieb auch mehr kranke Menschen braucht.

Es gibt keine Dornen ohne Rose – ab 1980 wie ein Märchen

Das ist nun alles ziemlich schrecklich und vielleicht sind Sie mir alle böse, dass ich Sie mit so traurigen Perspektiven versorge, aber – wie schon Hölderlin sagte – gibt es keine Dornen ohne Rose.

Wir reißen uns darum, uns mit den Lasten fremder Menschen zu beschäftigen …

Ebenfalls 1980 hat etwas angefangen, was eigentlich nur wie ein Märchen zu beschreiben ist, was kein Wissenschaftler glauben mag, obwohl es hieb- und stichfest und mit Statistiken zu beweisen ist. Seit diesem Jahr interessieren wir Bürger uns immer mehr für die Bedeutung, die wir für andere Menschen haben. Völlig mutwillig und anscheinend gegen den Zeitgeist reißen wir uns darum, uns mit Lasten fremder Menschen zu beschäftigen. Das mag man gar nicht aussprechen, weil man in der Zeitung das Gegenteil liest: wir sind alle Ellenbogen-bewährte Egomonster. Da könnte man überlegen, ob das Menschenbild in den Medien hinreichend vollständig ist oder ob da vielleicht etwas fehlt. Ich nenne ein paar Beispiele, die ich hinreichend vermehren könnte. Interessanterweise haben diese Beispiele ab 1980 angefangen, davor ist davon kaum etwas oder gar nichts zu spüren gewesen.

Nachbarschaftsvereine, Hospizsysteme, Familienpflege, generationsübergreifendes Siedeln, ambulante Wohngruppen …

Ab 1980 nimmt die Zahl der Freiwilligen jährlich zu. Ebenso die Zahl der Nachbarschaftsvereine. Es hat sich ab 1980 das Hospizsystem entwickelt; das ist eine vital notwendige Leistung, die sich fast flächendeckend aus der bürgerlichen Freiwilligkeit entwickelt hat. Zur Zeit sind es etwa 80.000 Menschen, die sich darum reißen, mit Sterben und Tod anderer Menschen herumzuschlagen.
Weiterhin haben uns die AIDS-Kranken vorgemacht, wenn man nur hinreichend ernsthaft äußert, in den eigenen vier Wänden sterben zu wollen, dass dann eine noch so schwere und qualvolle Pflege- und Sterbebegleitung organisiert werden kann. Wenn man alle Möglichkeiten und Hilfen zusammenkratzt, die Angehörigen, die Freunde, den Pastor, den Pflegedienste, also bürgerliche und professionelle Mittel zusammenbündelt, bekommt man das weit häufiger hin, als es bis dahin in bürgerlichen Zusammenhängen üblich war. Es ist die Frage, wie intensiv man etwas will und dann auch vertritt.
Seit 1980 ist die alte Institution der Familienpflege wieder auf den Markt gekommen, in der man einen psychisch kranken, einen geistig behinderten, neuerdings auch einen dementen Menschen in seine Familie aufnimmt. Es gibt inzwischen nicht wenige landwirtschaftliche oder auch handwerkliche Betriebe, die nur deswegen ihren Betrieb nicht einstellen müssen, weil sie ein oder zwei oder drei hilfebedürftigen Menschen in ihre Familie aufgenommen haben. Die Renaissance dieser Institution fällt genau auf das Jahr 1980. Ich weiß das besonders gut, weil ich mich, von der Moderne infiziert, immer dagegen ausgesprochen hatte, ich fand es ausbeuterisch usw.. Inzwischen habe ich Kollegen aufgesucht, die in Ravensburg, aber auch im städtischen Bereich, z. B. in Bonn, das unter anderen Bedingungen neu kultiviert haben und damit für viele Menschen ein wunderbares Instrument gefunden haben. Zumindest kann man eines sagen: Wir Professionellen mögen ja alles Mögliche können, wir sind aber nicht in der Lage, die Zugehörigkeit zu einer Familie zu simulieren. Das kann nur eine Familie selbst machen, und das passiert in den Gastfamilien, wenn es entsprechend gut geht.
1980 ist in systematischer Weise die Bewegung des generationsübergreifenden Siedelns zustande gekommen, bei der sich duzende oder auch hunderte Menschen zusammenrotten mit dem Versprechen, sich gegenseitig in guten und schlechten Zeiten zu helfen. In der Zentrale in Hannover „Gemeinsam Leben“ erzählte mir die Leiterin, dass sie es schwer hat, auch nur die Anrufe zu bedienen.
Auch seit 1980 nehmen die ambulanten und nachbarschaftsbezogenen Wohnpflegegruppen für Demente und anders schwer pflegebedürftige Menschen zu, in den letzten Jahren sogar explosiv. „Erfunden“ wurde das im Jahre 1979, einmal im Norden in Bielefeldt und zu anderen in Ettenheim bei Lahr in Baden.
Das ist quasi der dritte Weg zwischen dem Heim und den eigenen vier Wänden: Man bildet eine Wohngruppe und der ambulante Status wird aufrechterhalten; es ist keine Verheimung mit den entsprechenden bürgerrechtlichen Folgephänomenen. Mit dem Pflegedienst, den Angehörigen und den umgebenden Nachbarn bildet man eine Gemeinschaft, die man wie einen Haushalt führt. In diese Haushaltstätigkeit werden die Pflegebedürftigen alle einbezogen.

Ich habe viel Träger befragt, die beides betreiben, sowohl ein normales Pflegeheim und auch die ambulanten Wohngruppen.

Der Unterschied wird beim Sterben deutlich

Sie sagen: der Unterschied wird insbesondere beim Sterben deutlich. Im Heim gibt es eine längere Phase des Siechens, in den ambulanten Wohngruppen nicht. Bis in die Stunde seines Todes hat man durch die besagten Tätigkeiten eine Bedeutung für andere, und dann erfolgt ein relativ schnelles Sterben, mehr oder weniger aus dem prallen Leben heraus.
Im Moment sieht es so aus, als ob das ein richtiger und guter dritter Weg wäre. Aber man muß wach dafür sein, ob morgen einem von uns noch etwas viel Besseres einfällt, auf was wir bisher nicht gekommen sind. Man darf niemals ideologisch erstarren.

Wenn man das alles zusammennimmt, könnte man zu der Behauptung kommen, dass es unendlich große Ressourcen gibt. Nicht zuletzt durch solche Bevölkerungsgruppen, die viel Zeit haben, weil sie in diesem dritten Lebensalter sind, wie beispielsweise ich selbst. In dem befinden sich mehrere Millionen Menschen, mit überwiegend gnadenloser Gesundheit, die dann dumm rumsitzen. Denen muß geholfen werden!
Es geht also nur um die Frage, mit welchem Charme man diese Ressourcen wach küssen kann.
Insgesamt gesehen kann man sagen, dass seit 1980 das Engagement der Bürger, sich für andere Menschen einzusetzen, so zugenommen hat, dass man den auf uns zukommenden Problemen damit gerecht werden kann. Es ist also nur die Frage, wie man das organisiert bekommt!

Ich möchte noch ein letztes Beispiel geben – das geht fast in die Metaphysik. Auch seit 1980 ist etwas ganz Verrücktes passiert: die Zahl der Suizide geht erstmals drastisch zurück. Über 200 Jahre, solange wir überhaupt Statistiken geführt haben, sind die Suizidziffern gestiegen. Jeder sagt: Ist doch ganz klar, die Hektik der Moderne, daran liegt das. Aber daran hat sich seit 1980 nichts geändert und die Suizidrate geht stabil zurück. So haben wir heute, 25 Jahre später, nur noch etwas mehr als die Hälfte der Suizide wie 1980. Dieses Phänomen kann sich keiner erklären, und wahrscheinlich werden wir erst in 50 Jahre den Abstand haben, um das einigermaßen richtig einschätzen zu können.
Nimmt man alles dieses zusammen, spricht vieles dafür, dass es seit 1980 einen tiefgreifenden kulturellen Umbruch in uns allen und mit uns allen gegeben hat. Wir können noch nicht wissen, wohin das alles führt, aber wir können es beobachten, darauf setzen, es nutzen und möglicherweise auch verstärken.

Insofern steckt da etwas Kerniges und Gesundes dahinter

Was ist das Gemeinsame an dieser solidaritätsorientierten Bürgerbewegung? Als erstes muß man sagen, dass die Menschen primär kein moralisches Motiv haben. Wir kennen die Begriffe der Ehrenamtlichen und Freiwilligen, was in der Vergangenheit ein Alibi war – „Es gibt Gott sei Dank noch ein paar gute Menschen“. Diese neue Bewegung ist so nicht. Mein Lieblingsphilosoph Immanuel Levinas sagte einmal: kein Mensch ist aus freien Stücken gut. Anders ausgedrückt: man kann nicht aus vollem Herzen sagen, dass es das Schönste sei, einem anderen Menschen zu helfen. Der psychische Gewinn des Helfens kann immer nur sekundär kommen, zuerst belastet man sich und es geht erst einmal gegen den eigenen egoistischen Willen. Dieses Gefühl wird von den Menschen, die diese Initiativen betreiben, offen zugegeben. Insofern steckt da etwas Kerniges und Gesundes dahinter.
Nach einer Repräsentativbefragung über gesellschaftliches Engagement gibt es drei Drittel: ein Drittel ist bereits aktiv; das zweite Drittel will damit nichts zu tun haben; das dritte Drittel sagt: Ich kann mir schon vorstellen tätig zu werden, aber bis jetzt hat mich noch keiner gefragt.
Wenn es um das eigene Verhältnis um einen Menschen in Not geht, ist man davon schon betroffen. Dazu muß aber so etwas wie eine eigene Not noch hinzukommen. Das kann eine innere oder eine äußere Not sein. Die innere Not ist die Tatsache, dass es immer mehr Menschen gibt, die an zu viel sinnfreier Zeit leiden. Das ist die bereits erwähnte Gruppe des dritten Lebensalters, weiterhin die Langzeitarbeitslosen. Die Kürzung der Wochenarbeit auf 35 Stunden – vor 100 Jahren waren es noch 80 — , oder die Technisierung des Haushaltes führen ebenfalls zu freier Zeit.
Wenn sich jemand im Zustand der Überlastung befindet, im 19. Jahrhundert galt das für alle arbeitenden Menschen, dann kämpft man mit allen Kräften um die Verringerung der Arbeitszeit. Jede Stunde ist dann ein Gewinn und wird von Herzen genossen. Das geht aber nur bis zu einem Optimum. Wenn das überschritten ist, führt das nicht mehr zu einem zunehmenden Genuss, sondern zu einem Leiden, wenn man diese freie Zeit nicht sozial sinnvoll erdet. Das macht sich keiner bewußt klar. Jürgen Habermas hat das in die Formel gekleidet „wir sind in der Post-Säkularen Zeit“, in der die Entzauberung der Welt angesagt ist. Das ist verbunden mit dem Versprechen der Modernen, dass jeder alleine genug Sinn in seinem Leben aus sich selber herausfindet. Es hat sich aber gezeigt, dass das nicht geht. Um hinreichend Sinn für unser Leben zu haben, brauchen wir auch andere Menschen, wir wollen für sie etwas bedeuten. Das ist zwar ärgerlich, aber nicht zu umgehen!
Dazu kommt noch die äußere Not dazu. Es gibt immer mehr Haushalte, die sich durch Erwerbsarbeit alleine nicht mehr finanzieren können und Zusatzverdienste brauchen. Insofern gibt es in dieser neuen Bürgerbewegung Menschen, die nicht nur Zeit schenken, sondern für ihre Tätigkeiten auch Geld nehmen. Es ist inzwischen schon der Typ des neuen Bürgers, des sozialen Zuverdieners oder auch Semi-Profi, entstanden. Das muß man genau beobachten und unterschiedlich bewerten, es ist aber eine gewisse gesunde Realitätsgebundenheit, wenn man soziale Tätigkeit mit Geld in Beziehung setzt.
Aus allem dem könnte man Unterschiedliches folgern, ich möchte mich aber auf einen Aspekt spezialisieren. Man kann einen neuen Sozialraum entdecken, den wir seit 100 Jahren zu sehen vergessen haben: den dritten Sozialraum der Nachbarschaft. Sämtliche bekannte Kulturen der Menschheitsgeschichte haben diesen dritten Sozialraum immer gebraucht: für den überdurchschnittlichen Hilfebedarf, mit dem jede einzelne Familie überfordert war, weiterhin für Alleinstehende und auch für diejenigen, die keine weiten Strecken gehen können.

Es gibt ein Funktionsgeheimnis von Nachbarschaft

Es gibt ein Funktionsgeheimnis von Nachbarschaft. Das konnte ich in Gütersloh erleben, als ich das Projekt initiierte, bei dem psychisch kranke Menschen, die auf Lebenszeiten in Heimen untergebracht sein sollten, auf sinnvolle Weise in eigenen Wohnungen leben konnten. Das wurde dadurch erreicht, dass diese Menschen eine Bedeutung für andere gehabt haben, und wenn es das Ausführen von Hunden war. Es war uns gelungen, die Bürger in hinreichendem Maße in Nachbarn zu verwandeln, d. h. sie konnten deshalb vermehrte Unruhe, Lästigkeit und manchmal auch Angst in Kauf nehmen. Dieses Projekt hat mich das Funktionsgeheimnis von Nachbarschaft gelehrt. Ich traf auf Aussagen folgender Art: „Also wissen Se, dass mit Ihren psychisch Kranken, damit hab´ ich überhaupt nix am Hut, die könnte man auf den Mond schießen. Aber die psychisch Kranken, die neben mir in meiner Straße wohnen, das ist was völlig anderes. Mit denen hab ich was zu tun, weil: das sind ja unsere psychisch Kranken.“ Wenn die Menschen einen überschaubaren Raum haben, der als „Wir-Raum“ erlebbar ist, dann werden sie sozial verantwortlich.

Ein idealer Raum, der die Größe und Überschaubarkeit einer Nachbarschaft hat

Ein idealer Raum, der die Größe und Überschaubarkeit einer Nachbarschaft hat, ist die Kirchengemeinde. Selbst wenn man mit Kirchen gar nichts anfangen kann, müsste man für ihr Bestehen weitersorgen, um das zu machen, was die bayrischen Bauern im Landkreis Schwandorf sich haben einfallen lassen. Das zauberhafteste Sozialsystem, was es in Deutschland zur Zeit gibt! Dort sind 40 Pfarreien und jede betreibt mit grösster Selbstverständlichkeit einen Krankenhilfe- oder Nachbarschaftsverein. In diesem Vereinen sind ein Fünftel der Bevölkerung Mitglied, auch mit dem Bezahlen von Beiträgen, und geben ihr Zeit. Es gibt außerdem noch vier andere Vereine, in denen die Bürger sich organisieren, die für diese pflegerischen Tätigkeiten Geld nehmen und zuvor eine Grundausbildung absolviert haben. Auf der dritten Ebene sind die professionellen Einrichtungen, z. B. die Caritas, die wegen dieser Entwicklung eine Reihe von Arbeitsplätzen verloren haben. Das finden sie aber in Ordnung, weil sie sich jetzt auf die Arbeit konzentrieren, in der sie als Professionelle unersetzbar sind.
Obwohl dieses Projekt nur einige Jahre existiert, haben sie es geschafft, dass nicht nur wie üblich 30% der Pflegebedürftigen, sondern 60% in ihren eigenen vier Wänden sterben.

Auf einem anderen Wege ist so etwas in Bielefeld zustande gekommen. Dort hat eine Gemeindeschwester, als die Sozialstationen rationalisiert wurden, auf der Stelle das Modell der ambulanten Wohnpflegegruppe gegründet, auch um 1980. Das hat dazu geführt, dass Bielefeld die Großstadt ist, wo die Besiedlung mit diesen ambulanten Wohnpflegegruppen am dichtesten ist und auch von der Nachbarschaft durch aktive Hilfe mitgetragen wird. Nach einem Beschluß des Rates der Stadt Bielefeld mit allen Parteien wird dort angestrebt, dass Bielefeld in einigen Jahrzehnten die erste Heimfreie Stadt in Deutschland wird.

Wenn man in der Bibel nachliest, ist das die Umsetzung biblischen Denkens, weil nämlich die Einheit von Menschendienst und Gottesdienst verlangt wird.

Die Einheit von Menschendienst und Gottesdienst

Wenn diese Einheit auseinandergenommen wird, ist der Teufel drin. Wie wir uns alle erinnern können, haben die Kirchen um 1850 herum, mit Herrn Wichern an der Spitze, diese Arbeitsteilung zustande gebracht. Sie haben der einzelnen Kirchengemeinde den Menschendienst weggenommen, in großen Anstalten institutionalisiert und professionalisiert, damit sich die Gemeinden ganz auf den Gottesdienst konzentrieren konnten. Das hat auch etwa hundert Jahre so gehalten, aber etwa auch seit 1980 beginnt dieses serielle Kirchensterben. Das darin die Ursachen liegen, scheint einzelnen gerade zu dämmern, aber noch nicht der Kirchenleitung.

wenn wir gewissermaßen sozial nachreifen, geht es vielleicht sogar auf

Insofern denke ich, dass der nächste Schritt darin bestehen sollte, dass wir den Bereich, wo wir wohnen, auch mit den Augen des dritten Sozialraumes von Nachbarschaftlichkeit wahrnehmen lernen und schauen, ob wir nicht irgendwo einen Kristallisationspunkt finden, wo so eine Initiative entstehen kann. Das kann ausgehen von einer Gruppe von Bürgern, von Angehörigen, von einem ambulanten Pflegedienst, von Wohnungsbaugesellschaften, sogar von Heimen. Man muß das beobachten und plötzlich findet man jemand, der sich dafür eignet oder es ergibt sich eine glückliche Konstellation.
Eine solche Nachbarschafts-AG könnte bei einem Einzelfall beginnen, vielleicht bei einem alleinstehenden, altersverwirrten Menschen, wo das soziale Netz zerrissen ist, den man dann eben nicht in ein Heim schickt. Es reicht dafür auch die Methode des Klinkenputzens, dabei kann man jemand finden. So weit haben sich die Bürger in diese Richtung schon entwickelt, ohne es bewußt zu wissen.
Wenn man in diese Richtung weitergeht, dämmert es einem irgendwann einmal. Der alte Hegel würde das die „List der Vernunft nennen“: auf der einen Seite werden wir epidemisch überflutet mit der Zahl der alten Menschen. Und auf der anderen Seite, wenn wir gewissermaßen sozial nachreifen, geht es vielleicht sogar auf. Vielleicht brauchen wir gerade so sehr viele alte Menschen, weil es auf der anderen Seite so sehr viele andere Bürger gibt, die an einem Mangel an „Bedeutung für andere“ leiden. Das ist gewissermaßen ein Geschenk an die Gesellschaft und es lässt sich eine Gesamtrechnung daraus machen.

Redaktionelle Bearbeitung: Christine Pflug