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Unsere Angst

Interview mit Dr. med. Wolfgang Rißmann, Psychiater

Dr. med. Wolfgang Rißmann
Dr. med. Wolfgang Rißmann

Angst ist ein ganz zentrales Gefühl, das jeder Mensch kennt, und es ist ein normaler Zustand, den wir fortwährend erleben. Angst ist ein Negativ – Phänomen, d. h., wenn das Selbstgefühl nicht ganz da ist, dann ist eben „nichts“, und dieses Vakuum saugt die Angst an.
Unser Selbstbewusstsein in unserer Zeit des Wirtschaftswunders stützt sich auf materielle Güter und nicht auf innere Sicherheit. Wir haben Angst, dass dieser materielle Wohlstand gefährdet werden könnte und dass wir attackiert werden, durch terroristische Anschläge, Flüchtlingskrise etc. Diese Angst herrscht derzeit in allen westlichen Ländern und ist sehr elementar; die Leute sehnen sich dann nach autoritären staatlichen Strukturen. Wie kann man mit dieser Angst umgehen, und auch mit der Angst vor Tod, Leid, bei spirituellen Erfahrungen? Welche therapeutischen Möglichkeiten hat man bei pathologischen Ängsten?

Interviewpartner: Dr. med. Wolfgang Rißmann ist Facharzt für Psychiatrie und war leitender Arzt und Qualitätsmanager an der Friedrich-Husemann-Klinik in Buchenbach bei Freiburg. Er ist in der Ausbildung von Medizinstudenten, Ärzten und Therapeuten tätig. Vielfältige Vortrags- und Seminartätigkeit zu den Themen der allgemeinen Anthroposophie und Prävention psychischer Krankheiten. Besonderer Arbeitsschwerpunkt ist die Entwicklung von Arzneimitteln bei psychischen Krankheiten. Seit Februar 2014 Privatpraxis für Psychiatrie in Hamburg-Volksdorf.

Christine Pflug: Was ist Angst? Wie und wann erleben wir sie?

Dr. Wolfgang Rißmann: Angst ist ein ganz zentrales Gefühl, das jeder Mensch kennt, und es ist ein normaler Zustand, den wir fortwährend erleben, auf verschiedene Weise als kleines Kind, Erwachsener oder alter Mensch. Es unterscheidet sich von anderen Gefühlen wie Freude, Schmerz oder Trauer insofern, weil durch die Angst das Selbstgefühl und das Selbstbewusstsein unmittelbar irritiert sind. Deswegen schämen wir uns unserer Angst und zeigen sie nicht gerne. Insofern ist Angst auch stark mit Scham verbunden.

C. Pflug: Gibt man die Angst auch vor sich selbst nicht zu?

Dr. W. Rißmann: Ja, man verdrängt sie gerne. Den Zustand der Angst kennt jeder: Das Bewusstsein engt sich ein, der Atem ist beklemmt, wir schwitzen oder frieren, man ist entweder krampfhaft auf einen Focus oder eine Situation fixiert oder das Bewusstsein wird ganz diffus; man verliert leicht die Kontrolle, die man im Zustand der Angst gerade gerne behalten möchte, weil etwas Neues, Unverständliches oder Bedrohliches auf einen zukommt. Nachts im Wald ist es dunkel, dann knistert es, und man weiß nicht genau, was das ist. Sofort ist die Angst da. Das gilt auch im Alltag.

Angst ist ein Negativ- oder ein Vakuum-Phänomen

Der dänische Philosoph Kierkegaard, der selbst viel mit Ängsten und Depressionen zu tun hatte, brachte es auf den Punkt: Angst ist ein Negativ- oder ein Vakuum-Phänomen. D. h., wenn das Ichbewusstsein oder das Selbstgefühl nicht ganz da ist, dann ist eben „nichts“. Angst ist nichts. Sobald das Ichbewusstsein stark wird und den Willen einsetzt, verschwindet die Angst. Es ist wichtig, sich das klarzumachen, weil es für den Umgang mit sich selbst und auch für den Krankheitszustand immer das gleiche Muster ist: Sobald man in der Lage ist, sich selber zu ergreifen und tätig zu werden, wird die Angst weniger oder verschwindet. Angst und Ich ist wie Bild und Gegenbild.
Angst geht auch einher mit dem Verlust des Freiheitsgefühls; das Ich-Bewusstsein und das Freiheitsgefühl gehören zusammen.

C. P.: Welche Rolle spielt die Angst in unserer heutigen Gesellschaft, in der wir uns auf vielfältige Weise gegen „Gefahren“ absichern?

Dr. W. Rißmann: Das hat verschiedene Facetten. Zum einen hat es damit zu tun, dass in der heutigen Zivilisation und Kultur die Einsamkeit und Individualisierung immer mehr zunimmt. Der Schutz der Familie, Gruppe, Religion usw. ist immer mehr weggefallen, der Einzelne fühlt sich auf sich selber zurückgeworfen. Und das erträgt er noch nicht – da bekommt er Angst. Das ist der Kern des Problems.
In diese Lücke springt alles Mögliche ein, z. B. die Wirtschaft, Politik, aber auch im menschlichen Umgang kann man viel beobachten an Manipulation und Machtausübung durch Angst.

C. P.: Meinen Sie damit die Versicherungsagenturen?

Dr. W. Rißmann: Unser riesiges Versicherungswesen ist dabei ein Faktor. Am groteskesten war, als man 2001 darüber diskutiert hat, weltweit eine Versicherung bei Terroranschlag einzuführen; man wollte Milliarden investieren.
Um noch ein Beispiel zu nennen: In Buchenbach, wo ich wohnte, gab es einen Waldspielplatz für Kinder; der Gemeinderat kam auf die Idee, alle Bäume um den Spielplatz rundherum abzusägen, denn es könnte ja mal ein Baum umfallen, wenn Kinder dort spielen.

Manipulation mit der Angst kann man in der Politik beobachten: „Wenn wir nicht …, dann könnte … passieren.“

C. P.: Lässt sich auf diesem Hintergrund auch die momentane Angst vor Terroranschlägen verstehen? De facto sterben täglich mehr Menschen an einem Verkehrsunfall als bei einem einzigen Terroranschlag, aber trotzdem wird diese Angst massiv thematisiert.

Mit einem Terroranschlag ist etwas Perfides, Dämonisches verbunden.

Dr. W. Rißmann: Rein quantitativ spielen die Terroranschläge keine Rolle, aber es steht etwas anderes dahinter. Ein Autounfall geschieht entweder durch technischen Defekt oder durch menschliches Versagen. Aber ein Verkehrsunfall ist nie intentional, während ein Terroranschlag eine Intention hat. Da stehen einzelne Menschen dahinter, möglicherweise aus frustrierten oder aggressiven Gefühlen heraus planen sie Zerstörung und Mord. Mit so einem Terroranschlag ist etwas Perfides, Dämonisches verbunden. Wir können es nicht greifen, und davor haben wir Angst.

Die Angst vor Überfremdung.

Es gibt auch noch andere Aspekte, beispielsweise die Angst vor Überfremdung. Man kann bei sich selbst beobachten: Wenn man im Ausland ist und die Menschen in ihrer Sprache und Kultur nicht versteht, muss es nicht gleich Angst sein, aber es ist einem unwohl: „Was passiert da gerade?“ Ich habe es an mir selbst beobachtet: Wenn ich in der U-Bahn sitze und Menschen aus Afrika oder aus vorderasiatischen Ländern sprechen und gestikulieren – ich habe dann keine Angst, aber ein wenig merkwürdig ist mir schon.
Das Selbstbewusstsein heute in unserer Zeit des Wirtschaftswunders stützt sich auf materielle Güter und nicht auf innere Sicherheit.

Diese Angst vor Überfremdung kann man damit erklären, dass sich das Selbstbewusstsein heute in unserer Zeit des Wirtschaftswunders auf materielle Güter stützt und nicht auf innere Sicherheit. Es geht uns ja sehr gut, wir sind eines der reichsten Länder in Europa. Aber nein – wir haben Angst, dass an unserem materiellen Wohlstand geknabbert werden könnte und dass wir attackiert werden. Diese Angst herrscht derzeit in allen westlichen Ländern und ist sehr elementar; die Leute ziehen sich dann zurück auf autoritäre Strukturen des Staates, auf Nationalismus, auf sog. christliche Leitkultur (bei der man sich fragen kann, ob es die bei uns überhaupt noch gibt) usw.

Zur Selbstbeschwichtigung erklärt man den Tod als unnötige Panne.

C. P.: Welche Rolle spielt die Angst vor dem Tod?

Dr. W. Rißmann: Da spielt sie eine ganz große Rolle, weil wir nicht wissen, was der Tod ist. Wenn man im Geistigen keinen Halt hat, stützt man sich auf das Physische, und das verschwindet ja beim Tod.
Einerseits wissen wir genau, dass wir alle sterben werden, auf der anderen Seite wissen wir aber nicht, was dann passiert, ob wir endgültig verschwunden sind, ob es ein Weiterleben nach dem Tod gibt. Deshalb wird der Tod verdrängt. Ich möchte dazu Horst Eberhard Richter zitieren: „Zur Selbstbeschwichtigung erklärt man den Tod als unnötige Panne: Wer stirbt, hat falsch oder zu viel gegessen, hat geraucht oder unmäßig getrunken, sich zu wenig bewegt oder zu viel gearbeitet, sich unnötig gegrämt oder zu viel aufgeregt, nicht autogen trainiert, keine Kondome benutzt, zu wenig positiv gedacht – oder er ist Opfer falscher Medikamente, schlechter Ärzte oder eines blöden Unfalls. Der Tod darf alles sein, nur nicht unvermeidbar (…) Die atmosphärische Entfremdung zwischen Ärzten und Kranken wirkt sich bis in die bürokratischen Formalien hinein aus. Bevor sich das Krankenhaus auf einen frisch Aufgenommenen hilfreich einlässt, muss er neuerdings auf immer mehr Formularen bestätigen, was er zu dulden, zu veranlassen, zu unterlassen habe und dass er über alles belehrt sei. Steht ihm eine Operation bevor, muss er lesen, was alles schief gehen kann. Noch einmal muss er auf Fragebögen lückenlos alle Ereignisse seiner medizinischen Vorgeschichte auflisten und schließlich schriftlich versichern, keine weiteren Fragen zu haben (…) Das Sterben wird ein Problem der Entsorgung.“ (1)
Horst-Eberhard Richter geht weiterhin darauf ein, dass wir kein Gefühl mehr haben für den Tod, nicht mehr wissen, was er ist und wir haben auch kein Gefühl für das Schicksal.
Da ist wieder dieses Nichts, und dieses Vakuum saugt die Angst an. Das ist eine unglaubliche Behinderung der heutigen Medizin, dass wir als therapeutisch Tätige und als Ärzte bei jedem Handgriff überlegen müssen: Was könnte passieren und inwiefern könnte mich der Patient hinterher belangen? Das behindert den ganzen therapeutischen Elan. Am schlimmsten ist es bei der Geburtshilfe: Wenn da ein Fehler passiert, kommen die Angehörigen und Rechtsanwälte und fordern tausende Euro Schadensersatz. In Finnland gibt aus diesem Grund bei den Geburten bis zu 80% Kaiserschnitte.
Im Zusammenhang mit dem Absturz des Flugzeuges von Germanwings wurde neulich diskutiert, ob man bei seelisch Kranken voraussagen kann, ob sie sich suizidieren werden. Die Psychiater sagten, dass man das nicht könne, auch wenn man die Krankheit kenne. Ein Leser in einem Leserbrief schrieb daraufhin, das sei ja ungeheuerlich. – Man könnte für alle medizinischen Fachgebiete untersuchen, was am stärksten Angst macht. Es muss alles berechenbar sein, und wenn nicht – abgrundtiefe Angst.

Angst bei spirituellen Erfahrungen.

C. P.: Es gibt die Angst bei spirituellen Erfahrungen. (2) Beispielsweise gibt es in der Bibel etliche Stellen: Wenn der Mensch eine Begegnung mit dem Engel hat, ist von Angst und Furcht die Rede.

Dr. W. Rißmann: Es ist dasselbe Grundphänomen. Wirkliche spirituelle Erlebnisse sind so ungewöhnlich, dass wir sie normalerweise nicht kennen und auch nicht in dieser Art erwarten, wie sie dann auftreten. Dieses „Neue“ ist dann so ungewöhnlich, dass Angst auftritt. Das war wohl immer schon so, wie man beim Studium historischer Urkunden sehen kann; am deutlichsten wird es in den Evangelien, aber auch in den vorchristlichen Kulten geht es immer um die Bekämpfung der Angst.
Steiner sagt dazu beispielsweise: Unser irdisches Bewusstsein können oder konnten wir nur entwickeln, indem wir von der geistigen Welt getrennt wurden. Aber die Trennung von dem eigentlichen geistigen Quell zieht notwendigerweise Angst mit sich. Er sagt, dass sei wie ein Grundsatz, dass sich die Menschen sukzessive aus ihrem geistigen Zusammenhang herausentwickelt haben, und gleichzeitig kam die Angst. Die „Re-ligio“, also die Wiederverbindung ist der Weg, um diese Angst zu überwinden. Unbewusst erleben wir in jeder Nacht in den ersten Minuten des Einschlafens auch diese Angst, weil wir uns dann in der geistigen Welt ausbreiten; und dieses sich Ausbreiten und nicht mehr im Körper festhalten können, macht Angst. Diese Angst ist uns vordergründig nicht bewusst, aber sie erzeugt unbewusst das Bedürfnis nach „re-ligion“.

Schlafstörungen

C. P.: Kann man auf diesem Hintergrund auch Schlafstörungen erklären?

Dr. W. Rißmann: Genau – seelisch empfindsame und depressive Menschen haben oft Angst vor dem Einschlafen, was letztlich die Angst vor der geistigen Welt ist. Da kann man Schlafmittel geben, aber die eigentliche Therapie ist, die Menschen in ihrem Ich zu unterstützen und, falls sie das möchten, bei spiritueller Arbeit Hilfestellungen zu geben; dazu gehört alles, was als Schlafvorbereitung empfohlen wird: Gebet, Meditation, Rituale etc. Das ist nichts anderes, als letztlich das Ich kräftig zu machen. Man kann bei den Menschen dann auch erleben, dass es hilft.

Angst vor dem Leiden

C. P.: Mitunter haben die Menschen vor dem Tod gar nicht so sehr die Angst, weil sie meinen, dass danach sowieso alles vorbei ist, aber es ist mehr die Angst vor dem alt werden, gebrechlich werden …

Dr. W. Rißmann: Es ist ganz stark die Angst vor dem Leiden. Das haben wir auch verlernt.

C. P.: Wie kann man denn lernen zu leiden?

Dr. W. Rißmann: Jedenfalls nicht durch moralisieren, und man darf einem Schwerkranken niemals sagen, dass er jetzt leiden lernen müsse, sondern man kann ihn nur liebevoll begleiten. Es gibt dazu eine wunderbare Stelle von Rudolf Steiner in dem Vortrag „Wesen des Gebetes“, die den Menschen weiterhelfen kann (3); er spricht von Ergebenheit und das halte ich schlicht für lebenspraktisch. „Was auch kommt, was mir auch die nächste Stunde, der nächste Morgen bringen mag, ich kann es zunächst, wenn es mir ganz unbekannt ist, durch keine Furcht und Angst ändern. Ich erwarte es mit vollkommenster innerer Seelenruhe, mit vollkommener Meeresstille des Gemütes! Jene Erfahrung, die sich aus einem solchen Ergebenheitsgefühl gegenüber den Zukunftsereignissen ergibt, geht dahin, dass derjenige, der so gelassen mit vollständiger Meeresstille des Gemütes der Zukunft entgegenleben kann und dennoch seine Energie, seine Tatkraft in keiner Weise darunter leiden lässt, die Kräfte seiner Seele in der intensivsten Weise, in der freiesten Art zu entfalten vermag (…) Durch Angst und Furcht wird unsere Entwicklung gehemmt; wir weisen durch die Wellen der Furcht und der Angst das zurück, was in unsere Seele aus der Zukunft herein will. Aber wir nähern uns ihm in befruchtender Hoffnung, so dass es in uns hineinkommen kann, wenn wir ihm in Ergebenheit entgegenleben.“
Das soll Erfahrung werden! Da kann man sich auch wieder fragen, wie man das macht. Man kann nur bei sich selber anfangen und sich das immer wieder selbst sagen, meditativ, gebetsartig. Die eigene Sicherheit kann wiederum anderen das Vertrauen geben, es für sich selbst auch zu suchen.

C. P.: Wie können wir mit unseren „normalen“ Ängsten umgehen, die nicht in dem pathologischen Bereich sind?

Sich Rechenschaft über die eigenen Ängste geben

Dr. W. Rißmann: Als erstes ist es wichtig, sich Rechenschaft über die eigenen Ängste zu geben, sich anschauen und fragen: Wo hast du eigentlich Angst und merkst es nicht oder gibst es nicht zu – vor allem in der Begegnung mit anderen Menschen? Also nicht nur die Prüfungsangst, sondern man hat weit mehr Ängste, als man glaubt. Dann sich sagen: Angst ist keine Schwäche, sondern ein normales Gefühl, das kann man auch zugeben und zeigen. Ein nächster Schritt wäre, sich bewusst mit Ängsten zu konfrontieren: wenn man eine Prüfung hat, einen öffentlichen Auftritt – einfach in die Angst reingehen, weil man weiß, dass sie wieder nachlässt.
Ein wichtiger Punkt, der auch in der Therapie eine große Rolle spielt: energische Bewegung, d.h. die Gliedmaßen und den Willen aktivieren. Das hilft immer.

Die Angst hat ein Ausmaß angenommen, das den Betroffenen hindert, sein Leben normal zu führen.

C. P.: Können Sie kurz etwas zu den pathologischen Ängsten, also den Angststörungen schildern?

Dr. W. Rißmann: Sie sind neben den Depressionen die größte Gruppe seelischer Krankheit; man rechnet, dass 15 – 20% aller Menschen an leichten, mittleren oder schweren Angststörungen leiden. Das heißt, die Angst hat ein Ausmaß angenommen, das den Betroffenen hindert, sein Leben normal zu führen. Leichte Formen sind die Phobien: man hat Angst Aufzug zu fahren, Angst vor Spinnen, Angst mit dem Flugzeug zu fliegen usw. Es gibt die Agoraphobie, das ist die Angst, sich auf offenen Plätzen zu bewegen und auch in geschlossenen Räumen zu sein. Das heißt, man kann sein Selbstbewusstsein nicht zusammenhalten, sondern wird von der Umgebung wie „weggesaugt“.
Eine andere Form ist die Panikattacke; sie tritt ab dem frühen Erwachsenenalter auf. Aus heiterem Himmel treten Todesängste auf, oft ohne Auslöser. Der Atem stockt, Schweiß bricht aus, die Menschen haben Angst, augenblicklich zu sterben. Sie rufen den Notarzt an, bekommen dann ein EKG, und es ist nichts zu finden; im besten Fall erhalten sie die Empfehlung, zum Psychotherapeuten zu gehen. Wenn sich diese Panikattacken wiederholen, nennt man das Panikstörung; das ist sehr lästig, weil die Menschen in ihrer Lebensweise erheblich eingeschränkt sind.
Es gibt auch die „generalisierte Angststörung“, das sind diffuse, irrationale Ängste.

Ich-stärkende Übungen machen

Angststörungen führen fast immer dazu, dass man der Situation ausweicht. Sekundär kann es zu depressiven Verstimmungen kommen und zu einer erheblichen Einschränkung des Lebenskreises. In schwierigen Fällen sitzen die Menschen nur noch zuhause, müssen versorgt werden und zittern Tag und Nacht. Das bekommt man in der Bevölkerung nicht mit, aber es ist nicht selten.
Grundsätzlich werden Angststörungen anders behandelt als Depressionen. Eine Angststörung ist vor allem psychotherapeutisch zu behandeln, bei einer Depression braucht man in schwierigen Fällen zusätzlich zur Psychotherapie auch Medikamente. Bei einer Angststörung haben Medikamente nie eine nachhaltige Wirkung, sie verschleiern nur die Symptome und sollten vermieden werden. Angsttherapie heißt meines Erachtens immer: üben. Die Verhaltenstherapie macht heute Expositionstraining, man nähert sich mit Hilfe des Therapeuten dem angstauslösenden Focus. Wenn man Angst hat vor Rolltreppen, fahren sie zusammen Rolltreppe usw. Aber auch das Expositionstraining hält in seiner Wirkung nicht dauerhaft an, sondern man muss gleichzeitig Ich-stärkende Übungen machen – Konzentrations-, Achtsamkeits-, Willensübungen etc. Diese Übungen sind heute in der ganzen Achtsamkeitskultur verbreitet. Durch die Anthroposophische Medizin wissen wir, dass die Kunsttherapie wesentlich helfen kann. Auch spirituelle Übungen, Umgang mit Bildern, Märchenarbeit sind eine Hilfe. Dadurch bekommen die Menschen ergänzend zur Therapie einen neuen, positiven Seeleninhalt.

Adams K, Rißmann W, Roknic M: Das innere Gleichgewicht finden, Seelenübungen für Achtsamkeit, Herzenskultur und Willensstärkung. Verlag Gesundheit Aktiv, Berlin 2015

(1) Richter, Horst- Eberhard: Umgang mit der Angst. ECON-Verlag, Düsseldorf 1993, S. 28, 31, 41
Horst-Eberhard Richter (1923-2011) befasste sich als bekannter Psychoanalytiker (Psychosomatisches Zentrum der Universität Gießen) sehr eingehend mit dem Kulturphänomen Angst. Er kommt zu der Anschauung, dass der seit dem 19. Jahrhundert einsetzenden Verleugnung des Todes eine tief sitzende Angst zu Grunde liegt, die vielfältig überspielt und verdrängt wird. Auch die Medizin habe verlernt, den Tod als ein grundlegendes Element des Lebens zu betrachten und suche ihn zu verdrängen und zu verleugnen.
(2) Rudolf Steiner beschreibt diesen Vorgang in seiner Schrift „Die Schwelle der geistigen Welt“: „Die geistige Welt ist für die Seele, bevor sie von dieser erkannt wird, etwas ganz Fremdes, etwas, das in seinen Eigenschaften nichts von dem hat, was die Seele durch ihre Erlebnisse in der sinnlichen Welt erfahren kann. So kommt es, dass die Seele vor diese geistige Welt gestellt sein könnte und in ihr ein vollkommenes „Nichts“ sähe. Die Seele könnte sich fühlen, wie in einen unendlichen, leeren, öden Abgrund hineinblickend. – Ein solches Gefühl ist nun in den zunächst unbewussten Seelentiefen tatsächlich vorhanden. Die Seele hat dieses Gefühl, das der Scheu, der Furcht verwandt ist, sie lebt in demselben, ohne dass sie davon weiß. Für das Leben der Seele ist aber nicht allein maßgebend dasjenige, wovon sie weiß, sondern auch dasjenige, was in ihr, ohne ihr Wissen, tatsächlich vorhanden ist.“
Steiner, Rudolf: Die Schwelle der geistigen Welt. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 2009
(3) Steiner, Rudolf: „Das Wesen des Gebetes“ Vortrag vom 17.2.1910, in: Metamorphosen des Seelenlebens, GA 59. Rudolf Steiner Verlag, Dornach 1984, S. 114, 117