Willkommen auf der Seite für Adressen, Veranstaltungen und Berichte aus Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage im Raum Hamburg

Das aktuelle hinweis-Magazin zum Herunterladen

Magazin herunterladen

Hier geht es zu den aktuellen Veranstaltungen

Mehr erfahren

Spannungsfelder der Musik

Interview mit Professor Elmar Lampson, Präsident der Hamburger Musikhochschule

Elmar Lampson
Elmar Lampson

Musik erleben wir heute als eine ständige Beschallung, unabhängig von Ort und Zeit, mittels elektronischer Technik. Dazwischen versuchen Künstler mit ihren Live-Angeboten Räume und Aufmerksamkeit zu finden, um einem Publikum ihre Musik vorzuspielen. Elmar Lampson gestaltet als Präsident der Musikhochschule die Ausbildungsbedingungen so, dass Musikstudenten zwischen diesen Anforderungen ihren Weg finden und dass sie ihren Beruf immer als einen Teil Pionierarbeit verstehen und realisieren können.
Er selbst hat in seiner eigenen künstlerischen Tätigkeit unlängst auch Pionierarbeit geleistet, nämlich Musik für Rudolf Steiners Mysteriendramen komponiert. „In der Inszenierung haben wir immer die Momente für die Musik ausgesucht, in denen ein Wechsel der Ebenen stattfindet und das Bewusstsein durchlässig wird.“ Im Juni werden im Rudolf Steiner Haus einzelne Szenen davon aufgeführt.

Elmar Lampson: geboren 1952. Präsident der Musikhochschule seit 2004, inzwischen wieder gewählt für die dritte Amtszeit bis 2022.
In seinem ursprünglichen Beruf hat er Komposition und Geige studiert, hat viel dirigiert und komponiert. Er ist Professor für Komposition an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg und Professor für Phänomenologie der Musik an der Universität in Witten-Herdecke; er gibt viele Meisterkurse, vor kurzem gerade in Shanghai und in Jerusalem. Im März dieses Jahres wurde er zum Ehrenprofessor an der Musikhochschule in Shanghai ernannt.

Christine Pflug: Wenn wir die Kunst, besonders die Musik des 21. Jahrhunderts anschauen: Wo stehen wir damit? Welche Phänomene gibt es?

Elmar Lampson: Seit Beginn des 20. Jh. haben sich die Lebensbedingungen der Musik grundlegend verändert. Durch die elektronischen Medien ist Musik zu einem Massenphänomen geworden, zu einer verfügbaren Ware. Die Musikverbreitungsindustrie ist gigantisch und man könnte es auch so sagen: Es hat noch nie so viel Musik auf der Welt gegeben wie in unserer Zeit. Am Anfang des 20. Jh. war die Möglichkeit, Musik aufzunehmen und zu verbreiten noch ganz in den Anfängen. In früheren Jahrhunderten gab es Musik nur dort, wo Menschen sie gespielt haben. Musiker wurden überall da gebraucht, wo man Musik hören wollte. Wenn Brahms ein Stück von Chopin hören wollte, musste er das entweder selbst spielen oder jemand anders musste es ihm vorspielen; wenn Wagner ein Stück von Verdi hören wollte, musste er sich eine Opernaufführung anschauen. Oder man denke an die vielen Formen der Volksmusik oder an die Hausmusik.

Heute hat sich die Musik zu einem großen Teil von den unmittelbar musizierenden Menschen losgelöst.

Heute hat sich die Musik zu einem großen Teil von den unmittelbar musizierenden Menschen losgelöst. Ob man die Popularmusik anschaut oder die Verbreitung von Klassik: Musik aus Lautsprechern ist allgegenwärtig und die technischen Möglichkeiten sind in permanenten Entwicklungen begriffen. Alles ist inzwischen digitalisiert und dem Veränderungssog des Internets unterworfen. Die CD, die seit den 80-er Jahren des 20. Jh. den Musikmarkt revolutioniert hat, ist inzwischen veraltet. Heute wird Musik von Servern heruntergeladen, und wenn mir jemand aus Shanghai seine Musik vorspielen will, schickt er mir einen Link.
Daran kann man viele Fragen stellen. Aber eine Sache ist interessant: Diese tiefgreifende Veränderung im Verhältnis des Menschen zur Musik fand auf der ganzen Welt statt, aber es gibt nur wenige Diskussionen darüber, was dies für das seelische Verhältnis der Menschen zur Musik und für die Qualität der Wahrnehmung bedeutet. Es gibt zwar einzelne Menschen, die daran eine Frage haben, aber es ist kein allgemeines öffentliches Thema. Man nimmt die elektronisch erzeugten Klänge hin, als wären sie eine selbstverständliche Wahrnehmungswelt.
Es gibt große musikalische Strömungen, die ohne Elektronik gar nicht denkbar wären, und sie haben alle ihre Funktionen im gesellschaftlichen Leben; überall kämpfen Menschen um Aufmerksamkeit, um Profile, um Marktzugänge. Einige werden große Stars, an denen sich Viele orientieren, andere sind nur regional bekannt – elektronisch verbreitete Musik ist ein globales Massenphänomen.

C. P.: Aber immer noch gehen Menschen ins Konzert …

Europäische Musikalität hat immer etwas mit Bildung zu tun

E. Lampson: Es gibt in diesem riesigen, globalen Musikgetriebe relativ kleine Gruppen von Menschen, die Konzerthäuser, Festivals und all die vielen größeren und kleineren Konzerte besuchen, in denen die klassische Musikkultur des Abendlandes, die Kultur des gegenwärtigen Spielens und Hörens, lebendig bleibt. Auch über Fragen der Musikpädagogik müsste ich hier sprechen, denn europäische Musikalität hat immer etwas mit Bildung zu tun. Es ist eine Kunstform, die sich über Verständnis erschließt, die eine innere Entwicklung voraussetzt und zur umfassenden Bildung von Menschen Entscheidendes beiträgt.
In vielen Musikhochschulen und in Musikerkreisen, wo an der klassischen Musik gearbeitet wird, stellen sich die Menschen die Frage: Wie finde ich mit dieser feinen, innerlichen klassischen Kunst eine Verbindung zu dem, was heutige Welt ist? Wo ist mein Platz, wie finde ich die Aufmerksamkeit anderer Menschen, wo finde ich innere und äußere Räume, in denen sie stattfinden kann? Wie kann man Berufsbilder entwickeln, damit Musiker dafür und davon leben können?

C. P.: Wenn man die elektronische Verbreitung von Musik und die klassischen Live-Konzerte gegenüberstellt: Was ist der wirklich bedeutende Unterschied?

Ein substanzieller Unterschied im Hören

E. Lampson: Ein Merkmal elektronischer Musik ist, dass sie zeit- und ortsunabhängig ist. Ich kann jetzt auf meinem Smartphone etwas erklingen lassen, was gleichzeitig ein Mensch in Amerika hören kann. Ich benutze ein Medium, das den Raum und die Zeit überwindet oder unterläuft, je nachdem, wie man es sehen will. Raum und Zeit als die die Koordinaten unseres Lebens werden ausgehebelt. Ein elektronischer Klang ist auf merkwürdige Weise überall und nirgends zugleich. Die Frage dabei ist immer: Entwickle ich ein Bewusstsein dafür oder benutze ich es einfach nur? In einem Konzert befindet man sich in einer konkreten Situation: Ein Mensch hat mit Herzklopfen darauf zu gelebt, hat dafür geübt, dann steht er auf der Bühne, und das Publikum sieht ihn, hört ihn; die Qualität des Vorspielens hängt dann auch von der Qualität der realen Hörintensität des Publikums ab. Welch konkrete Form von Gegenwart ist das! Vielleicht wird wiederum so ein Konzert aufgenommen und die Aufnahme ist vielleicht fantastisch. Wir hören sie dann, als ob die Musik wirklich stattfinden würde. Machen wir uns den substanziellen Unterschied im Hören wirklich klar?
Ich will das gar nicht bewerten, sondern nur ein Bewusstsein von den unterschiedlichen Realitätsebenen aufzeigen. Warum und wie man damit umgeht, ist zum einen eine ästhetische Frage, zum anderen eine ganz praktische Angelegenheit: Wie man Konzerte inszeniert und veranstaltet, wie man unverwechselbare gegenwärtige Momente vorbereitet, wie man Interesse für Konzerte weckt. Eine wichtige praktische Frage ist es auch, wie man die Möglichkeiten des Internets nutzen kann, um auf Livekonzerte aufmerksam zu machen und um überhaupt Aufmerksamkeit für ein lebendiges Konzertleben zu schaffen.

C. P.: Damit wären wir auch an dem Punkt Deiner beruflichen Tätigkeit als Präsident der Musikhochschule. Was sind inmitten all dieser Themen Deine Aufgaben?

E. Lampson: Meine Tätigkeit hat sehr viele praktische Ebenen. Wenn man so eine Institution leitet, muss man sich um alle Belange kümmern: das Zusammenspiel der verschiedenen Menschen, das Schaffen der Strukturen; es geht weniger darum, abstrakte Ziele zu entwickeln, sondern darum, aus den Gesprächen, die die Menschen miteinander führen, Zukunftsideen für die Einrichtung zu finden, die dann auch alle verwirklichen wollen. Wo wollen wir hin? Welche Entwicklung steht für die Theaterakademie an? Welche Fragen sind für den Orchesterbereich, für den Jazz oder den Multimediabereich wichtig? Wie spielen die verschiedenen Bereiche zusammen? Es gehört zu meinen Aufgaben, solche Fragen anzuregen oder auch wahrzunehmen, die Räume dafür zu schaffen, die Diskussionen anzustoßen. Es gibt aber auch viele praktische Fragen, beispielsweise zur Internationalisierung, zur Budgetentwicklung oder um die Unterstützung durch die Politik.

Die regelrecht eine Sucht danach haben …

C. P.: Würdest Du jungen Menschen Mut machen Musik zu studieren?

E. Lampson: Es gibt einen berühmten Brief von Rilke an einen jungen Dichter, in dem es heißt, Künstler werden sollte derjenige, der sich nichts anderes vorstellen kann, der eine tiefe innere Notwendigkeit dazu spürt. Das gilt auch heute noch, denn dieser Beruf ist hart und sehr fordernd, und wenn jemand gerne und gut Musik spielt, aber sich auch vorstellen könnte, Arzt, Rechtsanwalt oder Kaufmann zu werden, würde ich ihm empfehlen: „Übe Geige, mach es mit Freude und so gut wie du kannst, aber mache es nicht zu deinem Beruf.“ Um die Musik oder das Theater als Beruf auszuüben, muss man besessen davon sein. Ich würde diesen Weg immer nur denjenigen Menschen raten, für die Musik das Lebenselement ist, das sie brauchen um zu existieren, nur denjenigen, die regelrecht eine Sucht danach haben, die ins Üben gezogen werden, die dafür leben und natürlich die entsprechende Begabung und Entwicklungsmöglichkeit dafür haben.

C. P.: Wenn man von Künstlerbiografien liest oder hört, könnte man auch sagen, dass es mitunter sehr extreme Menschen sind.

E. Lampson: Oft sind es unglaublich starke, konsequente Menschen, mit ganz außergewöhnlichen Biografien. Wer aber durch das Nadelöhr einer so spezialisierten Ausbildung gegangen ist, kann auch an den Punkt kommen, sich zu fragen, wie er sich wieder mit der Welt verbinden kann, wie er oder sie vielleicht doch zum Unterrichten kommt, mit der Außenwelt kommuniziert, Geld verdient, mit dem Scheitern umgeht etc. Im Laufe eines Künstlerlebens kann die Frage wichtig werden, wie sich die zunächst notwendigen Spezialisierungen überwinden lassen.

Transformationsprozesse begleiten

C. P.: Das bedeutet, dass hier auch Studenten ausgebildet werden, die so eine Künstler-Biografie nicht einschlagen…?

E. Lampson: Manche gehen ins Kulturmanagement oder werden Lehrer. Wirklich gute Künstler, die auch als Musiklehrer arbeiten, sind sehr wichtig für die Welt! Für eine künstlerische Hochschule ist es eine wichtige Aufgabe, gerade diese Transformationsprozesse zu begleiten, um entsprechend alternative Wege zu finden und zu zeigen, dass die Verlagerung des Schwerpunktes hin zur Pädagogik, zur Therapie oder zum Management kein Scheitern sein muß, sondern ein produktiver Wechsel. Es ist eine Erweiterung der Möglichkeiten, dass sich die künstlerischen und sozialen Aspekte durchdringen können.

C. P.: Du bist also auch so dicht an den einzelnen Studenten dran, dass Du sie in ihren persönlichen Berufsfragen begleitest?

E. Lampson: Das kommt immer wieder vor; ich bin im engen Kontakt mit dem Kollegium und vielen Studierenden. Wir haben insgesamt 1.200 Studierende, davon sind viele auch in einem Fernstudium für Kultur- und Medienmanagement. In den künstlerischen und künstlerisch-pädagogischen Studiengängen sind ungefähr 900 Studierende. Mit vielen bin ich im Kontakt.

C. P.: Was macht Dir am meisten Spaß?

E. Lampson: Eigentlich macht es immer Spaß, wenn Entwicklungen gelingen. Es ist hier ein lebendiger Austausch mit den Menschen, und das macht, trotz mancher Durststrecken, auf allen Ebenen Freude.

C. P.: Du hast für die Mysteriendramen von Rudolf Steiner, von denen demnächst einzelne Szenen in Hamburg aufgeführt werden, Musik komponiert. Wann hast Du das gemacht?

E. Lampson: Das war ein langer Prozess, zwischen 2009 und 2011. Die Mysteriendramen sind ein Teil im Werk Rudolf Steiners, zu dem ich nie eine Beziehung hatte. Ich könnte auch jetzt nicht sagen, dass ich es leicht damit habe, aber ich habe einen Zugang dazu gefunden.
Vor etwa sieben Jahren bekam ich überraschend die Frage, ob ich Musik für die Dornacher Neuinszenierung der Mysteriendramen komponieren könne, und dann bin ich auf meine eigene Weise an das Thema herangegangen. Erst einmal fand ich es interessant, dass Gioia Falk und Christian Peter, die für die Inszenierung verantwortlich waren, keinen illustrierenden Beitrag wollten. In den Mysteriendramen geht es immer wieder darum, dass sich die handelnden Personen in unterschiedlichen Realitätsebenen befinden: Sie bewegen sich in einem physischen Hier und Jetzt, in dramatischen Seelenbereichen oder einer geistigen Welt. In der Inszenierung haben wir immer diejenigen Momente für die Musik ausgewählt, in denen ein Wechsel der Ebenen stattfindet. So ist die Dramaturgie dieser musikalischen Beiträge nicht an den vordergründigen Verlauf der Handlungen gebunden. Wir haben an verschiedenen Stellen die Musik eingesetzt, manchmal hinter die Texte gelegt, oder es wird in die Musik hineingesprochen, immer wieder dann, wenn das Bewusstsein durchlässig wird. Das hatte mich gereizt.
Ich hatte damals so angefangen, dass ich einzelne Szenen suchte, zu denen ich eine Inspiration bekam. Durch die Beschäftigung mit diesen Stellen merkte ich, dass es bestimmte Worte, Lautfolgen, Szenen gibt, die immer wieder in meiner Erinnerung auftauchten und ein Echo hervorriefen. Und dadurch kam ich in eine andere Schicht der Auseinandersetzung als einer rein ästhetischen. Es hat sich dann sehr flüssig und zügig ergeben, dass ich ca. 1 ½ Stunden Musik für die Dramen komponiert habe.

C. P.: Wird diese Musik von einem kompletten Orchester gespielt?

E. Lampson: Nein, es ist ein kleines Ensemble, 5 Streicher, 2 Schlagzeuger und eine Flöte. Oft klingt es aber wie ein Orchester. Es gibt auch Konzertfassungen dieser Bühnenmusiken, die auch in Konzerten aufgeführt werden. Simone Young hat beispielsweise Ausschnitte daraus zu einem Neujahrskonzert mit den Hamburger Philharmonikern gespielt, und die Musik ist auch in Japan und anderen Orten aufgeführt worden.
Jetzt habe ich mit Gioia Falk ein Projekt angefangen, bei dem sie zu Teilen der Musik eurythmische Formen entwickelt hat, unabhängig von den Dramen. Das wird dann auch in Hamburg aufgeführt.

C. P.: Würdest du sagen, dass diese künstlerische Gestaltungen die Mysteriendramen aktualisiert?

E. Lampson: Diese Musiken geben dem, was in den Dramen stattfindet, ein anderes Licht. Die Musik ist einerseits unabhängig, andererseits ist es wie ein Echoraum, in den die Sprache und die Gedanken eintauchen. Die Frage, ob Rudolf Steiner das gut gefunden hätte, habe ich mir nie gestellt. Es ist heute eine andere Zeit und eine andere Stimmung, die im Hintergrund steht.

CD: Mysterienszenen, all music composed by Elmar Lampson. Soloist ensemble of the International Mahler Orchestra Yoel Gamzou; col legno contemporary