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Veranstaltungen und Berichte aus Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage im Raum Hamburg

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Rudolf Steiners lebendiger Seeleninhalt in seinen Schriften

… nach mehr als 100 Jahren? — Für wen?

Artikel von Andreas Wilke, Seminarleiter

Um aber ein solches Verständnis wirklich möglich zu machen, muß der Darsteller des geistig Geschauten seine Schauungen bis zu einem richtigen Hineingießen in die Gedankenform bringen, ohne daß sie innerhalb dieser Form ihren imaginativen Charakter verlieren.

… Was nämlich von übersinnlichen Weltinhalten gewußt werden kann, das lebt in dem Darsteller als lebendiger Seeleninhalt; und lebt man sich in diesen Seeleninhalt ein, so entzündet dieses Einleben in der eigenen Seele die Impulse, welche nach den entsprechenden übersinnlichen Tatsachen hinführen. Man lebt im Lesen von geisteswissenschaftlichen Erkenntnissen auf andere Art, als in demjenigen der Mitteilungen sinnenfälliger Tatsachen. Liest man Mitteilungen aus der sinnenfälligen Welt, so liest man eben über sie. Liest man aber Mitteilungen über übersinnliche Tatsachen im rechten Sinne, so lebt man sich ein in den Strom geistigen Daseins. Im Aufnehmen der Ergebnisse nimmt man zugleich den eigenen Innenweg dazu auf. …

Rudolf Steiner: «Die Geheimwissenschaft im Umriß» — Goetheanum, 10. Januar 1925 [Unterstreichung von AW]

Rudolf Steiner spricht in einem Vortrag vor Mitgliedern der anthroposophischen Gesellschaft in Berlin – ganz kurz nach Eintritt der Vereinigten Staaten von Amerika in den ersten Weltkrieg – im April 1917 das Folgende:

„Es müssen die Menschen aber auch lernen, in bewußter Weise wiederum mitzuwirken in dem Weltenprozeß. Sie müssen lernen nicht bloß zu glauben: Wenn ich denke, da geht etwas in meinem Gehirn vor, sondern lernen zu erkennen: Wenn ich denke, da geschieht etwas im Kosmos! – Und sie müssen lernen so zu denken, daß anvertraut werde das Denken dem Kosmos, daß mit dem Kosmos das Menschenwesen selber wiederum in demselben Maße verbunden werde.“ ¹

Welch machtvolle Gedanken-Bewegungs-Kraft ruft er mit diesen Sätzen auf? – Könnte es tatsächlich sein, daß die ganze Tektonik des Weltenbaues durch den Willen einzelner, jedoch in einer solchen Gedanken-Bewegung zusammenwirkender Menschen in eine heilsame Entwickelungs-Richtung gebracht werden kann? – Ganz gewiß wird eine solche Denk-Willens-Anstrengung nicht in eigenen Nutzvorstellungen sich vollziehen können. – Wie aber dann? – … und wie überhaupt?

die Gerinnung seiner Denk-Anschauung in die Gedanken- und Schriftform

Beim Lesen dieser von mir in Schriftform aufs Papier gebrachten Frage-Gedanken ereignen sich zunächst in jedem Leser unbewußte Denk-Vorgänge, die je nach individueller Konstitution zu Vorstellungen führen, welche zum Inhalt des Geschriebenen in ein Verhältnis treten. Dabei befassen sich in diesem Falle meine Fragen mit im Vortragsverlauf gesprochenen Worten Rudolf Steiners, die an von ihm lebendig wahrgenommene Zuhörer gerichtet waren. Durch eine von ihm beauftragte Stenographin wurde es erst möglich, daß diese Worte gedruckt auf Papier erschienen und ich sie so aus ihrem lebendigen Zusammenhang herauslösen konnte. – Die Schriftform meiner Frage-Gedanken entstand wiederum durch mir unbewußte Denk-Vorgänge. Der Inhalt meiner Fragen hier ist mir bewußt, das Bilden ihrer Schriftform nicht in demselben Maße. – Im Gegensatz dazu beobachtet aber Rudolf Steiner in seiner Art zu formulieren die Gerinnung seiner Denk-Anschauung in die Gedanken- und Schriftform.

„Maria Röschl hat einmal Rudolf Steiner gefragt, ob es zu seiner Zeit Eingeweihte gebe, die so hoch und weit zu schauen vermöchten wie er. Seine Antwort war…: Das wohl, aber keinen, der das Erschaute in die Gestalt von Gedanken zu kleiden vermag, die es anderen ermöglichen, es im eigenen Denken nachzuvollziehen.

Denn das verlange, das geistig Wahrgenommene bis in das Gehirn hineinzutragen, und das sei ein Opfer, das keiner sonst zu bringen vermöchte.“ ²

Rudolf Steiner stellt in seinem Artikel «Sprache und Sprachgeist» ³ konkret dar, wie er dieses geistig Geschaute in die Sprachform bringt:

den «Sprachgeist» in seiner lebendigen Kraft entdecken

„Zwei Wege aber kann es geben, um heute den «Sprachgeist» in seiner lebendigen Kraft zu entdecken. Der erste zeigt sich derjenigen Seele, die aus dem bloß begrifflichen Denken zum wesenoffenbarenden Schauen vordringt. …

Wer in dieser Art schaut, der entfernt sich in seinem Schauen von dem, was durch die Sprache ausdrückbar ist. … Will er nun doch von seinen Schauungen Mitteilung machen, so beginnt sein Kampf mit der Sprache. Er sucht alles mögliche innerhalb des Sprachlichen zu verwenden, um ein Bild dessen zu gestalten, was er schaut. Von Lautanklängen zu Satzwendungen sucht er überall im Bereich des Sprachlichen. Er kämpft einen harten inneren Kampf. Er muß sich sagen: die Sprache hat etwas Eigenwilliges. Sie drückt schon für sich alles mögliche aus; auch du mußt erst dich an ihren Eigenwillen hingeben, damit sie aufnehme, was du schaust. Will man das geistig Erschaute in die Sprache gießen, so stößt man … auf einen «lebendigen Geist», auf den «Geist der Sprache».

Wenn man auf diese Art redlich kämpft, so kann der Kampf den besten, den schönsten Ausgang nehmen. Es kommt ein Augenblick, wo man fühlt: der Sprachgeist nimmt das Geschaute auf. Die Worte und Wendungen, auf die man kommt, nehmen selbst etwas Geistiges an; sie hören auf, zu «bedeuten», was sie gewöhnlich bedeuten und schlüpfen in das Geschaute hinein. -„

Er wird anwesend in seiner Schrift

Nun scheint es mir nur angemessen – mehr als hundert Jahre nachdem Rudolf Steiner vom 30. März 1925 an nicht mehr direkt gefragt werden kann, wie er das von ihm in schriftlicher Form Vorhandene meint – solche Ausführungen von ihm wirklich ernst zu nehmen. Denn da, wo beim gewöhnlichen Niederschreiben, so auch meiner Sätze, unbewußte Denkvorgänge sich vollziehen, ist im Gegensatz dazu Rudolf Steiner in seinem Schreiben bewußt anwesend, wodurch seine Worte und Wendungen „aufhören zu bedeuten, was sie gewöhnlich bedeuten“, sollte im Lesen diese Tatsache realisiert, verwirklicht werden. – Und vielleicht handelt es sich hierbei sogar, salopp gesagt, um ein „Alleinstellungsmerkmal“ Rudolf Steiners. – Er wird anwesend in seiner Schrift, wenn ein Lesender es wirklich will. – In solch ungewöhnlichem, neuen Lesen kann dieses Anwesend-Werden Rudolf Steiners in seiner Art zu Schreiben erst Wahrheit werden (insbesondere im Bewußt-Werden wie er das „wir“ hier schreibt):

 „Das Resultat dieser Untersuchungen ist, daß die Wahrheit nicht, wie man gewöhnlich annimmt, die ideelle Abspiegelung von irgendeinem Realen ist, sondern ein freies Erzeugnis des Menschengeistes, das überhaupt nirgends existierte, wenn wir es nicht selbst hervorbrächten. Die Aufgabe der Erkenntnis ist nicht: etwas schon anderwärts Vorhandenes in begrifflicher Form zu wiederholen, sondern die: ein ganz neues Gebiet zu schaffen, das mit der sinnenfällig gegebenen Welt zusammen erst die volle Wirklichkeit ergibt. Damit ist die höchste Tätigkeit des Menschen, sein geistiges Schaffen, organisch dem allgemeinen Weltgeschehen eingegliedert. Ohne diese Tätigkeit wäre das Weltgeschehen gar nicht als in sich abgeschlossene Ganzheit zu denken. Der Mensch ist dem Weltlauf gegenüber nicht ein müßiger Zuschauer, der innerhalb seines Geistes das bildlich wiederholt, was sich ohne sein Zutun im Kosmos vollzieht, sondern der tätige Mitschöpfer des Weltprozesses; und das Erkennen ist das vollendetste Glied im Organismus des Universums.“ ⁴

Knüpft nicht das Anfangs-Zitat vom April 1917 „mitzuwirken in dem Weltenprozeß“ genau an diese Sätze an? –

“ … daß der Denkende das Denken vergißt, während er es ausübt“

In diesem Sinne möchte ich nun den Versuch machen, darauf zu deuten, wie ein Erwachen für die im Lesen von Rudolf Steiners Schrift sich vollziehenden unbewußten Denkvorgänge konkret eintreten kann. – Wenn er nämlich scheinbar allgemein in seiner «Philosophie der Freiheit» auf unbewußte Denkvorgänge deutet, überläßt er es der denkenden Lesetätigkeit, also seinem Leser, den Inhalt der geschriebenen „Worte und Wendungen“ auch direkt auf diese eigene denkende Lesetätigkeit selbst zu beziehen. Während gewöhnlich gerade diese nicht beobachtet wird, während der Inhalt des von ihm Formulierten vorgestellt wird:

„¹Das ist die eigentümliche Natur des Denkens, daß der Denkende das Denken vergißt, während er es ausübt. ²Nicht das Denken beschäftigt ihn, sondern der Gegenstand des Denkens, den er beobachtet.

³Die erste Beobachtung, die wir über das Denken machen, ist also die, daß es das unbeobachtete Element unseres gewöhnlichen Geisteslebens ist. “ ⁵

 Wer ist hier der Denkende, der das Denken (welches denn genau?) vergißt, während er es ausübt? – Hand auf’s Herz, wer hat diese vielleicht schon einmal gelesenen Zeilen auf die eigene konkrete beim jetzt gerade aktuellen Lesen aufgewendete Denktätigkeit bezogen? Wird nicht zunächst genau dieses Beziehen auf die konkrete gerade aktuell ausgeführte versäumt, und stattdessen abstrakt eine irgendwie allgemeine Denktätigkeit vorgestellt? – Wird aber im so abstrakten Vorstellen nicht auch Rudolf Steiner, wie er den lesend Denkenden direkt anspricht, vergessen?

– Darüber entscheidet vielleicht folgende Fragestellung:

Schreibt er in diesen «Denk-Beobachtungs-Zeilen» auch als „Darsteller des geistig Geschauten“, als der er sich in dem Eingangs-Zitat aus seiner «Geheimwissenschaft» zu erkennen gibt, indem die Formulierung seiner Schauungen den „imaginativen Charakter“ wahrt? –

Versuchsweise wende ich nun im Folgenden das Eingangs-Zitat auf diese 3 Sätze nacheinander fragend an. – Und dasjenige, zu was ich hier durch dieses Anwenden des Eingangs-Zitates auf die Sätze aus der «Philosophie der Freiheit», anregen möchte, kann nur durch das eigene energische Ausüben beim immer wieder erneuten Lesen und denkenden Beziehen wirklich eintreten und ist nicht etwas, was dann nur wiederholen würde, was mir schon sowieso klar ist. – Vielleicht ist solch aktives Denk-Ausüben, mehr als hundert Jahre nach Rudolf Steiners Todestag, aber gefordert.

Worin besteht hier das von Rudolf Steiner „geistig Geschaute“, zu dessen Darsteller er wird? –

Handelt es sich wirklich um „Mitteilungen über übersinnliche Tatsachen“?

Was kann sich ereignen, wenn realisiert würde, wie das, worum es in den beiden vorherigen Fragen geht, „lebt in dem Darsteller als lebendiger Seelen-inhalt“?

¹Schaut nicht Rudolf Steiner konkret geistig die eigentümliche Natur des Denkens, das sich dabei im lesenden Denker der „eigentümlichen Natur“ vollzieht, und stellt dar, daß dieser genau das beim Lesen aufgewendete Denken „vergißt, während er es ausübt“? – Dem lesend Denkenden bleibt genau diese Tatsache verborgen (okkult), indem er sich ein unkonkretes irgendwie allgemein bestehendes Denken abstrakt vorstellt, während Rudolf Steiner zum „Darsteller des geistig Geschauten“ wird, und dem Leser die „übersinnliche Tatsache“ mitteilt, daß „der Denkende das Denken vergißt, während er es ausübt“. Gleichzeitig verwirklicht aber so der Lesende im konkret gegenwärtigen Vergessen des gerade ausgeübten lesenden Denkens genau diese Tatsache, die Rudolf Steiner geistig schaut. – Muß ich mich nun nicht angesichts seiner Mitteilung über diese übersinnliche Tatsache neu fragen: Wie denke ich beim Lesen die

„eigentümliche Natur des Denkens“ ?

² Diese nämlich ist hier der „Gegenstand des Denkens“. Was kann an diesem besonderen Gegenstand beobachtet werden? In welchem Verhältnis steht das Vergessen des Denkens dazu, daß der „Gegenstand des Denkens“ den Denkenden beschäftigt? Wirkt nicht jeder andere „Gegenstand …, den er beobachtet“ so auf ihn, daß er sein aktuelles Denken dabei vergißt, ohne daß dies von ihm gewußt wird? Dieser besondere von Rudolf Steiner neu geschaffene „Gegenstand des Denkens“: „die eigentümliche Natur“ dieses Denkens selbst, läßt den Leser aber genau für das sich in ihm gerade naturhaft vollziehende Vergessen erwachen, wenn er den Inhalt des Gelesenen auf das gerade aktuelle Denk-Lesen selbst bezieht. – Diese eigentümliche Natur-Tat-Sache kann nun „von übersinnlichen Weltinhalten gewußt werden“ und ist Rudolf Steiners „lebendiger Seeleninhalt“. Im Gewahrwerden dieser „Mitteilungen über übersinnliche Tatsachen“ kann sich der Leser in diesen „lebendigen Seeleninhalt“ Rudolf Steiners einleben und den „Innenweg“ zu diesem Vergessen des eigenen lesenden Denkens aufnehmen. Denn nicht um das künftige Vermeiden dieses Vergessens geht es, sondern um das einen selbst verwandelnde Erwachen dafür! –

³ Den hierfür erwachenden Leser kann so Rudolf Steiner gegenwärtig auffinden und direkt ansprechen. Er bezieht ihn so in seine eigene Geistesschau mit ein und schreibt sich selbst dem lesend Denkenden lebendig ein, indem er „die erste Beobachtung über das Denken“ gemeinsam mit dem Leser tut: „die wir über das Denken machen“. Rudolf Steiner kann mit dem durch dieses neue Lesen sich wandelnden Denkenden von höherer, beobachtender Bewußtseins-Warte aus, „unser gewöhnliches Geistesleben“ und dessen unbeobachtetes Element zum Gegenstand der Beobachtung und des Denkens machen. –

Werden nicht so diese 3 Sätze zum Bild der im eigenen Denken tätig hervorgebrachten Bezüge und ihrer Wendungen? Das lebendig in willentlich aufgebrachter Denktätigkeit Ausgeübte kann im Bezugs-Bilde, in der Imagination, vor das sich an dieser 3-sätzigen Schriftform erbildende geistige Auge treten. Kann nicht so Rudolf Steiners Aussage, daß seine Schauungen „innerhalb dieser Form ihren imaginativen Charakter“ nicht verlieren, zu innerlicher Gewissheit werden?

ein Paradoxon

Dieses Bezugs-Bild enthält ein Paradoxon. Die geschriebenen Zeilen habe ich vor meinen sinnlichen Augen. Was aus ihnen spricht, kann ich erst vernehmen, wenn das sinnlich Gesehene innerlich hörbar wird. ⁶ Durch letzteres dringe ich jedoch zum begrifflich Denkbaren vor, das mir zunächst in eine feste Gedankenvorstellung gerinnt, welche der geistige Inhalt der sinnlich gesehenen Druckbuchstaben auf Papier zu sein scheint. In dieser Vorstellung ist jedoch mein tätig denkendes Vordringen zum begrifflich Denkbaren vergessen. Gleichzeitig kann mir dieses Vergessen durch Rudolf Steiners Schrift denkbar werden. Darin besteht die Paradoxie: sein Begriff des Denkens enthält, daß der tätig Denkende dieses Denken vergißt. – Das vollzieht sich an mir naturhaft wirkend. Und nun komme ich durch die mir vor Augen liegenden Druckbuchstaben dazu, dieses naturhafte Vergessen als Bestandteil meines ausgeübten Denkens zu begreifen, weil Rudolf Steiner dieses Vergessen in diese toten Buchstaben tätig bewußt vollzieht. Sie sind Träger dieses Vergessens – sein in die Schrift erstorbener tätig lebendiger Seelen-inhalt.

In seiner Arbeit mit Walter-Johannes Stein insbesondere zur «Philosophie der Freiheit» hat Rudolf Steiner in dessen Dissertation ⁷ folgende Sätze eingefügt:

 „Die Erinnerung bewahrt zwar … auch Werdeprozesse im Objektiven. Wir haben aber kein Erinnerungsvermögen für Werdeprozesse des Denkens. … Wir können sozusagen nur den Gedanken-leichnam⁸ erinnern. Das Tätig-lebendige des Denkens, das in fortwährender Metamorphose sich befindet, kann nicht erinnert werden. … Das Denken als aktuell gegenwärtiges ist aber kein festlegbarer, sondern ein belebter, in sich versatiler, durch und durch beweglicher Prozess, der in der Erinnerung wie erstarrt geworden ist. Es ist, wie wenn man im status praesens eine bewegte Wasserströmung sähe, die beim Wiederauftreten im status praeteritum zu Eis geworden ist.

…….

Wir haben gesehen, daß der nachträglichen Beobachtung des Denkens gegeben ist nicht der ursprüngliche Denkakt in seinem Werden als in einer Reproduktion seines unmittelbaren Wesens, sondern verändert als festgewordenes ideelles Gebilde. Er hat also im Ich einen nicht bloß erkenntnismäßig zu umspannenden, sondern einen vom Erkennen unabhängigen realen Prozeß durchgemacht. Das Resultat dieses Prozesses wird beobachtet und zeigt, daß man mit dem Denken nicht bloß in dem Subjektiven steckt, das man innerhalb des Bewußtseins vollzieht, sondern in einem objektiven Prozeß, der seiner Wesenheit nach ebenso in der Natur wie im menschlichen Subjekt ist.“

Wie klar das oben bemerkte Paradoxon in diesen wenig bekannten Einfügungen dargestellt wird, erscheint mir, gerade im Hinblick auf die Natur, fast erschreckend. – Schließlich sind auch Rudolf Steiners gesprochene Worte über sein Verhältnis zu den toten Druckbuchstaben und des geschichtlichen Werdens zu Druckbuchstaben geworden ⁹:

… zu dem Geiste, der in diesen kleinen Wesen, die wir als Druckbuchstaben kennen, waltet.

„Wir lesen und schreiten vor von dem bloßen Anschauen und Beschreiben desjenigen, was wir doch eigentlich einzig und allein von der bedruckten Seite vor uns haben, zu dem Sinn der Sache, den wir eben nur kennenlernen können, wenn wir vom Beschreiben des Augenscheines zu dem fortschreiten, was wir vermögen mit der beschriebenen oder bedruckten Seite anzufangen, wenn wir uns mit unserem eigenen Geiste und seinen Kräften in eine Beziehung setzen können durch dasjenige, was da bedruckt oder geschrieben ist, zu dem, von dem das ausgeht, was bedruckt oder geschrieben ist: zu dem Geiste, der in diesen kleinen Wesen, die wir als Druckbuchstaben kennen, waltet. So sucht Geisteswissenschaft … zu lesen, nicht bloß das Geschaute zu beschreiben, sondern zu lesen in den Tatsachen der Welt. Denn … so sind uns … diese Tatsachen der Natur und der Geschichte gewissermaßen Lettern, Buchstaben, die wir lesen können, wenn wir auf diesem Gebiete lesen lernen … So suchen wir den Sinn auch des geschichtlichen Werdens, suchen die konkreten Kräfte, die hinter diesem geschichtlichen Werden stehen und es gewissermaßen hervorzaubern aus sich, so wie der Schreiber aus seinen Gedanken hervorzaubert dasjenige, das wir nachher aus den toten Buchstaben der beschriebenen oder bedruckten Seiten lesen.“

 

¹ Vortragsnachschrift, Berlin, 12. April 1917 (GA 175 – Stenogramm: Hedda Hummel)

²Ernst Lehrs: Gelebte Erwartung, Stuttgart 1979, S. 321

³ «Das Goetheanum» [Zeitschrift], Dornach 23. Juli 1922

⁴  Rudolf Steiner: «Wahrheit und Wissenschaft», Weimar 1892, Vorrede

⁵ Rudolf Steiner: «Die Philosophie der Freiheit», 1918 [1894], III. Das Denken im Dienste der Weltauffassung

⁶  Siehe hierzu Rudolf Steiners Skizze für die große Kuppel des ersten Goetheanum im Titelbild diese Heftes.

⁷ W.-J. Stein / Rudolf Steiner – Dokumentation …, S. 121, 126, hrsg. Th. Meyer 1985

⁸  Vgl. «Von Seelenrätseln» … Berlin 1917, S. 213-218: „Von der Abstraktheit der Begriffe“.

⁹ Vortragsnachschrift, Dornach, 23. September 1916 (GA 171 – Stenogramm: Helene Finckh)

 

Andreas Wilke: abgeschlossenes Studium der Mathematik und Physik, wissenschaftlicher Mitarbeiter in Wissenschafts- und Kunstgeschichte an der Uni Hamburg,

seit 27 Jahren EDV- und Kommunikations-Beratung und Seminar-Leitung f. Kultur- und Bildungs-Einrichtungen

14 Jahre Mitarbeit im Christian-Rosenkreutz-Zweig, Hamburg unter Leitung von Lothar-Arno Wilke,

12 Jahre Leiter desselben,

7 Jahre Mitarbeit im Studienkreis der Anthroposophie und sozialen Baukunst Rudolf Steiners in Kempten/Albris unter Leitung von Sigurd Böhm,

seit 16 Jahren Leiter eines anthroposophischen Arbeitskreises Am ManStein in Ottensen

 

 

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Zusammengestellt von Matthias Niedermann, 16.12.2023 ()

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