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Regt uns Christen der Islam an oder auf? Teil I und II

Christentum und Islam in Geschichte und Gegenwart

Zusammenfassung eines Vortrages von Milan Horák, Prag

Milan Horák
Milan Horák

Als das Christentum in die Welt kam, sahen die Christen darin die Vollendung aller Religionen. Als sechshundert Jahre später der Islam entstand, erhob er einen gleichen Universalitätsanspruch.
Es ist beinahe unmöglich, über den Islam zu sprechen, ohne dass man zugleich auch über das Christentum spricht. Der Islam ist für die Christen – oder für uns Christen – ein grundsätzliches Problem. Begegnen wir dem Islam, wird unser christliches Selbstverständnis angezweifelt. Wir fühlen uns auf bestimmte Weise für die ganze Welt zuständig – und die Muslime eben auch. Wie können wir damit fertig werden?
Milan Horák zeigt auf, wie an verschiedenen wichtigen Zeitpunkten der Islam in die Geschichte des Christentums trat, neue Fragen aufwarf und so indirekt in der christlichen Kultur neue Impulse setzte.
Sind wir fähig, auch bei der gegenwärtigen Konfrontation mit dem Islam das geistig Anregende aufzugreifen?
Diese öffentliche Vorlesung in der Reihe „Akzente christlicher Erneuerung“ fand statt am 8. Dezember 2010 im Hamburger Priesterseminar.

Milan Michael Horák, *1968, 1991 promoviert als theoretischer Mathematiker, 1997 Priesterweihe. Pfarrer in Prag, Pardubitz und Olmütz, Dozent für Religionswissenschaft an den beiden deutschen Priesterseminaren, Vorsitzender der Ökumenischen Akademie Prag. Publikationen in mehreren Zeitschriften und im tschechischen Rundfunk. Sein Buch „Cesta k Duchu – deset esej o vývoji náboženství“ („Der Weg zum Geiste – zehn Essays über die Entwicklung der Religion“) wurde auch von evangelischen Theologen positiv rezensiert.

Als das Christentum in die Welt kam, erhob es den Anspruch, die Krone aller bisherigen Religionen darzustellen. Mit Christus ist das Neue in die Welt gekommen. Von diesem Neuen wird alles Andere und Frühere überhöht. Mit der Entwicklung Schritt halten, heißt ein Christ zu werden. Man bleibt zurück, wenn man noch einer älteren Religion anhängt. Sechs Jahrhunderte haben die Christen so auf andere Religionen geblickt. Dann kam aber der Islam in die Welt und erhob denselben Anspruch für sich. Das Christentum, die neue Religion, wurde somit auch unter die alten, überholten eingereiht. Ein Widerspruch mit ungeheurem Konfliktpotential ist entstanden.

Wollen wir mit diesem Widerspruch fertig werden, müssen wir uns zunächst klar machen, was eigentlich das Neue ist, das das Christentum bei seiner Entstehung gebracht hat.

Das Heilige wurde den Menschen durch die Priester und Schamanen vermittelt

Die ältesten Religionen waren von den Eingeweihten geführte Gemeinschaften. Das Heilige wurde den Menschen durch die Priester und Schamanen vermittelt, die um dieser Aufgabe willen eine besondere Schulung durchmachen mussten. Sie mussten lange vorbereitet werden, um am Ende fähig zu sein, das Geistige wahrzunehmen und dann dem ganzen Volke zu vermitteln.

In einer solchen Religion brauchte ein Mensch auf seinem irdischen Wege einen speziell geschulten Vermittler des Göttlichen. Dieser Vermittler selber aber hatte seine Schulung nicht um seiner selber willen genossen, sondern um den Anderen den Anteil am Göttlichen zu ermöglichen. Ein gewöhnlicher Mensch konnte nicht direkt die Geisteswelt schauen, es sei denn, er wäre aus der Welt ausgestiegen und den Weg der Eingeweihten gegangen – zum Beispiel als ein Einsiedler. Wollte man in der Welt religiös leben, hatte man eben nur die Möglichkeit, innerhalb einer Volksgemeinschaft religiös zu leben, von den Eingeweihten geführt.

Das war die Situation, in die das Christentum hineinkam. Die Christen sagten: Das Heilige, der Gott selber, ist zu uns gekommen und hat unter uns als Mensch gelebt. Der geistige Gehalt der Welt, der früher nur den Eingeweihten zugänglich war, hat als das verkörperte göttliche Wort vor unseren Augen gelebt. Jesus Christus hat das Menschliche mit dem Göttlichen durchdrungen, und das vom Menschlichen verwandelte Göttliche wieder mit dem göttlichen Urgrund der Welt verbunden. Der früher nur für die Eingeweihten erreichbare Gott wurde Menschen zugänglich. Man muss nicht mehr zum Eingeweihten werden, um das Geistige wahrzunehmen. Durch die innere Verbindung mit Christus kann man schon am Anfang seines Weges das wahrnehmen und das erreichen, was früher nur den Eingeweihten zugänglich war.

als Christ kann man ohne Mittler mit Gott verkehren

Als Christ kann man also ohne Mittler mit Gott verkehren. Man weiß: Unser Herr begleitet uns. Bildhaft sagte man: Er sitzt zur Rechten des Vaters. Zur Rechten des Herrschers saß nämlich derjenige, der herausging, um den Willen des Herrschers in der Welt zu vollbringen. So einen Vollbringer sahen die Christen in Jesus Christus. Sie wussten, dass Er zwar einmal sichtbar wieder kommen soll, um der Welt die Endrechnung vorzuhalten, aber dass Er doch schon jetzt bei uns unsichtbar anwesend ist und den väterlichen Willen in der Welt vollführt. Doch Er vollführt ihn nicht als eine fremde Macht – er ist einer von uns gewesen, wir Menschen können uns in diesem Vollbringen wiederfinden.

Dies war also die neue religiöse Lage der Menschheit nach der Entstehung des Christentums. Es war zu Recht gesagt, dass etwas so Neues in die Welt gekommen war, dass man eigentlich nichts Neues mehr braucht.

… es ist etwas verloren gegangen

Doch schauen wir uns an ein paar Beispielen genauer an, wie sich dieses Neue auswirkte. Vor allem war es die erwähnte Empfindung der Gottesgegenwart. Sie kennen vielleicht das Wort „Parusie“. Griechisch bedeutete es ursprünglich „Gegenwart“. Mit diesem Wort wurde zunächst vor allem die von allen Christen gespürte Allgegenwart Christi bezeichnet. Heutzutage verstehen wir es aber nur noch als die Wiederkunft Christi. Da sieht man, dass uns hier etwas verloren gegangen ist.

Ein anderes Beispiel kann die christliche Beziehung zum geistlichen Stand sein. Die Priester der alten Religionen wurden mit dem griechischen Wort „hiereus“ bezeichnet. Dieses Wort wollten aber die Christen für ihre religiösen Vorsteher nicht gebrauchen, denn sie waren ja keine im alten Sinne von der Welt und dem Volk getrennten Eingeweihten. Deswegen wurden sie „Presbyter“ (davon kommt unser Wort „Priester“) genannt – „presbyteros“ heißt „der Ältere“. Priester sind „älter im Glauben“, aber sie sind keine übergeordnete Menschenart, die das Monopol für die Vermittlung des Geistigen hätte. Doch wir sehen, auch dieses Bewusstsein ist uns manchenorts verloren gegangen.

Als ein drittes Beispiel können wir das „christliche Leben“ nennen. Im ursprünglichen Sinne hatte es nichts mit konkreten Moralvorschriften zu tun. Man lebte mit Christus, indem man sich um die „Nachfolge“ oder „Nachahmung“ Christi bemühte. Wenn ich mich „Christ“ nennen wollte, dann versuchte ich, dass mein Wirken hier auf Erden so wäre, als ob Christus selber hier wirken würde – insofern es mir bei meiner Unvollkommenheit gelingen konnte. Das war am Anfang ein wesentlicher Zug des Christseins. Doch wenn wir heute fragen, was es bedeutet, christlich zu leben, bekommen wir von vielen Christen eine ganz andere Antwort. Also auch hier ging uns etwas verloren.

große Krisen, die langsam einen Verfall herbeiführten

Die Wahrnehmung von Gottesgegenwart, das unmittelbare Verkehren mit Gott im lebendigen Christus, das Leben in Christus – das war etwas, was die ersten Christen charakterisierte. Doch bereits im 2. Jahrhundert gab es im Christentum große Krisen, die langsam eine Veränderung, ja einen Verfall herbeiführten. Es hing zunächst mit den Ketzergestalten von Markion und Montanus zusammen.

Markion war ein Christ, der etwa in der Hälfte des 2. Jahrhunderts zu der Überzeugung kam, dass das ursprünglich lautere Christentum von einer Art jüdischen Verschwörung deformiert wurde. Den jüdischen Gott sah er als einen blutrünstigen Betrüger. Er versuchte, das Christentum zu reinigen. Er verbannte alles „Unreine“ aus den Schriften und der christlichen Lehre und wollte die ganze – damals noch gar nicht einheitlich organisierte – christliche Kirche reformieren. Und da haben es die anderen Christen nicht geschafft, ihn als einen zwar sonderbaren, doch immer noch christlichen Bruder zu integrieren. Sie nannten ihn Teufel und stießen ihn aus, und begannen sich untereinander zu organisieren, damit dieser Ausschluss von Markion überall unter den Christen gelte. Die von Markion daraufhin begründete Trotzkirche ist zwar nach paar Jahrhunderten „weggesiecht“, doch jener kirchliche Schritt gegen Markion hat sich in der Stellung der Christen zu den „Ketzeransichten“ tief ausgewirkt.

Nur wenige Jahrzehnte nach dem Auftritt von Markion kam dann die Krise mit Montanus, einem Schwärmer aus Kleinasien, der zunächst meinte, das Christentum sei sittlich verkommen und sollte gründlich gereinigt werden. Wo ist die Märtyrerbereitschaft der ersten Jahre, fragte er, die Bereitschaft für Christus auch zu sterben? Wo ist unser Fasten, wo ist unser enthaltsames Leben? So donnerte er nun gegen die inzwischen ziemlich bürgerlich lebenden und sittlich lauen Christen. Alle treuen Christen zu mir nach Kleinasien, nach Phrygien, rief er, hier wird sich das Gottesreich verwirklichen. Später kam er sogar zu der Erkenntnis, er selber sei der Heilige Geist, der kommen sollte. Und da zeigten sich die anderen Christen, die Hauptkirche, wieder außerstande, offen und gesprächsfähig zu bleiben, oder auch nur den berechtigten Teil der sittlichen Kritik anzunehmen und von dem anderen abzusehen. Man hat die von Montanus aufgestellte Trennung angenommen, Montanus ausgeschlossen, aber zugleich gesagt, was genau die sittlichen Anforderungen an einen Christen sein sollten.

die Christen kamen in eine Position, wo sie sich nicht mehr selber auf ihrem Weg führten, sondern geführt wurden

So entstand um das Jahr 200 herum etwas, was wir das „monarchische Episkopat“ nennen. Der „Episkopos“, also der Bischof, wurde ein Monarch in seiner Gemeinde. Bisher war ein Bischof vor allem Vorsteher des Gottesdienstes und organisatorisches Verbindungsglied zu anderen christlichen Gemeinden. Nun wurde ihm schrittweise auch die Vollmacht übertragen, die Glaubenslehre und die Sittenlehre zu bewachen, er wurde also zur gesetzgebenden, vollstreckenden und gerichtlichen Gewalt zugleich, ohne Einberufungsmöglichkeit. Wir sehen, dass da die Christen langsam in eine Position gedrückt werden, oder sogar selber freiwillig in eine Position übergehen, wo sie nicht mehr sich selber auf ihrem Weg führen, sondern geführt werden.

Ein weiterer Schritt wurde im 4. Jahrhundert getan, als der Kaiser Konstantin eine neue tragende Idee für das Römische Reich suchte. Im Christentum sah er eine Möglichkeit, sein Reich wieder zur ideellen Eintracht zu bringen. Nur wenige Jahre nach den härtesten Verfolgungen gewährt er den Christen volle religiöse Freiheit, doch er will von ihnen, dass sie ein einheitliches christliches Bekenntnis formulieren. Bisher lebte das Bekenntnis unter den Christen als ein Erfahrungsbericht, den es in verschiedenen Formen gab. Nun sollen aber auch kaiserliche Beamte erkennen können, wer ein Christ ist und wer nicht. So entsteht als das erste einheitliche Credo das „Nicänum“; es ist zwar noch die Möglichkeit für Ergänzungen und Veränderungen offen, aber doch ist mit diesem vereinheitlichenden Schritt eine ziemlich sonderbare Richtung eingeschlagen worden.

die ursprünglich empfundene Gegenwart Gottes trat immer mehr in den Hintergrund, entscheidend wurde das äußere Bekenntnis

Gegen Ende des 4. Jahrhunderts wird die verhängnisvolle Entwicklung noch deutlicher. Der Kaiser Theodosius erklärt im Jahre 380, dass dieses eine christliche Bekenntnis, das verabschiedet worden ist, von nun an für alle als verpflichtend gelten soll. Über die im offiziellen Credo festgesetzte Grenze hinaus darf man nicht mehr denken. Im Jahr 392 wurden dann alle heidnischen Kulte verboten. Nur die religiösen Handlungen sind im Römischen Reiche fortan erlaubt, die sich auf den anerkannten rechten Glauben stützen. Zwar ist es nicht möglich, das Verbot sofort zu verwirklichen, doch die eingeschlagene Entwicklungsrichtung wird bestätigt. Die ursprünglich empfundene Gegenwart Gottes, Gottesschau, Leben in Christus treten immer mehr in den Hintergrund, entscheidend wird das äußere Bekenntnis. Zum Christen wird man durch eine ausgesprochene Formel und nicht dadurch, dass man wie ein Christ lebt. Christliches Leben ist nämlich schwer zu beurteilen, während das formelle Bekenntnis leicht abzuhaken ist.

das Christentum hatte seine Hausaufgaben nicht erfüllt

Damit ist aber der Verfall noch nicht zu Ende. Zunächst wird zwar offiziell das ganze Römische Reich christlich, doch real wird noch Anderes gelehrt als die anerkannten christlichen Wahrheiten. Das Christentum hätte eigentlich die Aufgabe, diese anderen Gedanken aufzunehmen und zu verwandeln, zu „durchchristen“, stattdessen werden aber im 5. und 6. Jahrhundert diese Gedanken aus dem Reiche weggefegt. Im Jahre 489 wird vom Kaiser Zenon die nestorianische Akademie von Edessa geschlossen, also die nicht rechtgläubige christliche Hochschule, und 529, vom Kaiser Justinian auch die neuplatonische Akademie von Athen, also die berühmteste nichtchristliche Hochschule. Die geflohenen Nestorianer und Neuplatoniker finden dann im Perserreich, in der berühmten Akademie von Gundishapur einen Unterschlupf außerhalb der Reichweite der byzantinischen Staatskirche. Die Gedanken, die man durcharbeiten sollte, schiebt man stattdessen einfach ab; die Mehrheit der Christen will mit dem Denken nichts mehr zu tun haben. Das Christentum hat seine Hausaufgabe nicht erfüllt. So muss sich der liebe Gott eine neue Religion schaffen.

… so musste sich der liebe Gott eine neue Religion schaffen

Die Geschichte geht in Arabien weiter, auf der Arabischen Halbinsel, wo etwa im Jahr 570 ein Knabe namens Muhammad in der auf einem wichtigen Karawanenwege liegenden Handelsstadt Mekka geboren wird. Er verwaist früh und wird von einem Onkel erzogen, der ihn als Hirtenjungen arbeiten lässt. Da erlebt der Junge die Natur und ihre Herrlichkeit. Er sieht den Sternenhimmel in seiner Harmonie, er erlebt den Lauf der Jahreszeiten, den Lebensrhythmus der Schafe und Ziegen… So kommt er zur Überzeugung, es müsse einen allmächtigen Gott geben, der dies alles trägt und ordnet und der ganz anders ist als die alten heidnischen Götter, die im Heiligtum zu Mekka angebetet werden. Er verband also die Empfindung der Naturherrlichkeit mit diesem klaren Gedanken von einem allmächtigen Gott und blieb dabei nicht stehen, sondern er kam auch zu der Willensentscheidung: In diesem Sinne will ich leben. Ich weiß, dass dieser Gott mich einmal zur Rechenschaft ziehen wird. Wenn er die Welt trägt, muss er sie auch geschaffen haben und wird ihr einmal wieder ein Ende setzen, und dann will ich vor ihm stehen können und sagen: So habe ich in deinem Sinne gelebt, o Gott.

So wächst dieser Junge heran und trägt in seinem Herzen einen Begriff von der göttlichen Ordnung, dem göttlichen Frieden, der göttlichen Harmonie in der Welt. Er nennt das auf Arabisch salam. Dies wird gewöhnlich als „Friede“ oder „Harmonie“ übersetzt. Und er versucht nun, sich in diesen göttlichen salam einzufügen und sein Leben damit in Einklang zu bringen. Und dies heißt auf Arabisch ‚islam. Es ist ein von derselben Wurzel abgeleitetes Wort, so wie im Deutschen z.B. das „Sitzen“ und das „Gesetz“. Wenn man sich in ein salam hineinfügt, tut man den ‚islam. Und wer dieses tut, also „der in den Frieden sich Hineinfügende“, heißt dann auf Arabisch – wieder ganz regelmäßig grammatikalisch abgeleitet – muslim.

trotz seiner Jugend ist er dank seiner Bestrebungen, in ‚islam zu leben bald als ein ehrlicher und sittlicher Mann in der Stadt bekannt

Als erwachsener junger Mann bekommt Muhammad eine Arbeitsstelle bei einer reichen mekkanischen Witwe namens Chadidscha, die eine Handelsfirma von ihrem verstorbenen Mann übernommen hat. Trotz seiner Jugend ist er dank seiner Bestrebungen, in ‚islam zu leben bald als ein ehrlicher und sittlicher Mann in der Stadt bekannt. Er wird sogar als Schiedsrichter auch von viel älteren Männern geholt – denn man weiß im ganzen Mekka, dass er nicht lügt, dass er unbestechlich ist, dass er ehrlich bemüht ist, nach der Wahrheit zu entscheiden. Auch ein Kreis von Freunden hat sich um ihn gebildet, denen er seine Gedanken über Gott und die Welt darlegt. Auch Chadidcha, die er inzwischen geheiratet hat, befindet sich unter ihnen.

eine Engelsgestalt erscheint vor ihm

Doch als Vierzigjähriger erlebt er etwas ganz neues. Bereits als angesehener mekkanischer Kaufmann pflegt er sich immer wieder zum Gebet und zur Meditation in eine Höhle in den Bergen zurückzuziehen. Als er so einmal nachts in der Höhle verweilt, erlebt er eine Offenbarung. Eine Engelsgestalt erscheint vor ihm und ruft ihn auf, weiter zu rezitieren, was ihm offenbart wird. Er zweifelt zunächst, ob er vielleicht von zu vielem Beten und Meditieren verrückt geworden sei. Auf Rat von einem Christen wartet er dann letztlich eine Zeit, ob sich ein ähnliches Erlebnis wiederholt, damit man erkennen könne, ob es göttlich oder dämonisch ist. Erst nach längerer Zeit kommt eine zweite Offenbarung und dann weitere, und es stellt sich heraus, dass diese Offenbarungen mit dem göttlichen salam im Einklang sind, mit jener göttlichen Harmonie, die er erlebte und mit dem ‚islam anstrebte.

Er beginnt, diese Offenbarungen dem Kreis seiner Freunde zu rezitieren. Er versucht, immer so etwas wie eine Predigt, eine Auslegung, dazu zu geben, also er unterrichtet, vor allem auf dem Felde der moralischen Anforderungen, und bekräftigt diese Lehre durch die erhaltene Offenbarung. Immer mehr Menschen kommen zu ihm, so dass aus dem Freundeskreis die Urgemeinde der Muslime in Mekka entsteht. Von der Mehrheit der Mekkaner wird sie zunächst als eine harmlose Schwärmergruppe angesehen. Mit der Zeit aber, als immer mehr angesehene Bürger sich Muhammad anschließen, wird die muslimische Gemeinde den mekkanischen Herrschern ein Dorn im Auge. Die Muslime werden angegriffen und verfolgt. Auf Muhammads Anweisung verlassen sie in einigen Wellen die Stadt, im Sommer 622 geht als der letzte auch Muhammad selber. Er übersiedelt dann in die Oasenstadt Jathrib, das heutige Medina, etwa 300 km nördlich von Mekka.

der Beginn der islamischen Zeitrechnung

Dieser Zeitpunkt gilt zu Recht als der Beginn der islamischen Zeitrechnung. Durch den Auszug aus Mekka nach Medina wurde nämlich entschieden, dass der Islam nicht eine örtliche Sekte bleibt, sondern eine breite Bewegung wird, unabhängig von der Abstammung. Muhammad gibt seinem Glauben Vorrang vor der Familie, Verwandtschaft, Heimat. Er geht in eine fremde Stadt und die muslimische Gemeinde mit ihm, und sie organisieren sich fortan ohne Rücksicht auf ihre Herkunft, nur noch nach ihrem Islam.

Es folgen dann die Jahre, über die man viele spannenden Geschichten erzählen könnte, die wir aber hier nur flüchtig berühren können. Nach einigen Kämpfen zwischen Medinensern und Mekkanern wird dann letztlich von den Muslimen Mekka erobert. Diese Eroberung ist fast blutlos – es sich zeigt, dass Muhammads Überzeugungskraft inzwischen so groß ist, dass es nur zu ein paar kleinen Gefechten mit seinen Erzfeinden kommt, aber die Tore der Stadt werden ihm geöffnet, und er wird als der anerkannte Prophet empfangen. Er säubert das Heiligtum, das nach seiner Offenbarung Abraham selber erbaut hat – die Kaaba in Mekka – von den Götzenbildern und macht es zum Mittelpunkt seiner neuen Religion.
Diese Religion ist jedoch nach Muhammads Ansicht gar nicht neu – er betrachtet sie als eine Art Urreligion, die eigentlich dieselbe ist wie die der Juden und Christen, bloß eben von den Juden und Christen nicht ganz richtig begriffen, und daher im Judentum und Christentum etwas verballhornt. Er hat nicht mehr den Begriff von den älteren Religionen in dem Sinne, wie wir es beim Christentum gesehen haben. Die Religion der heidnischen Araber ist zu Muhammads Zeiten keine „alte Religion“ mehr, die man überwinden müsste – sie ist schon auch für ihre Bekenner nur eine äußerliche, vielleicht sogar lächerliche Tradition, sie erfüllt die Herzen der Bekenner nicht mehr. Man kann also verhältnismäßig leicht sagen, die heidnische Religion sei falsch, und es müsse wieder die richtige Religion an ihre Stelle treten. Der Islam versteht sich als eine Rückkehr zu der Religion dieser Welt. Eine ältere Entwicklungsstufe der Religion hat Muhammad gar nicht im Bewusstsein. Diese durchchristete Welt, in der man direkt mit Gott in Kontakt treten kann, ist eben seine Welt, und er kann sich keine frühere Welt vorstellen, die diese Möglichkeit nicht hätte. So kam aber der Islam nicht wie das Christentum in die Gefahr, in das echt Vorchristliche zurückzufallen.
Dadurch, dass der Islam sich der großen christlichen Veränderung der Welt nicht bewusst ist, ist er schwerfälliger in seiner Entwicklung. Eine Religion kann sich schwerer entwickeln, wenn sich ihre Anhänger nicht im Klaren darüber sind, dass sie durch eine Weltveränderung ermöglicht worden ist. Dadurch werden aber die Stabilität und die Klarheit im Umgang mit der neuen, veränderten Welt erkauft. Das, was für die Christen – wie wir gesehen haben – schwer geworden war, wird im Islam vom Anfang an abgefangen.

man kann nie zu der textkritischen Aushöhlung kommen, die wir so häufig unter den Christen antreffen

So formuliert Muhammad selber, was es bedeutet, an Gott zu glauben – und nicht nur an ihn allein, sondern auch an seine Engel, an seine Bücher, an seine Gesandten und an den jüngsten Tag. Nur derjenige, der diesen vielfachen Glauben hat, kann über sich sagen, dass er an Gott glaubt. Mit einem so formulierten Glauben kommt man nicht daran vorbei, die reale Wirkung Gottes in dieser Welt immer in Betracht zu ziehen. Es ist unmöglich, über Gott nur zu theoretisieren, wenn man den Engelsglauben, den Offenbarungsglauben, den Glauben an den jüngsten Tag nicht aufgeben darf. oder an Gottes Bücher, an eine Inspiration der Heiligen Schrift. Mit so einem Ausgangspunkt kann man sich zwar allerlei, was ein heiliges Buch betrifft, anders vorstellen, wenn man darüber eine Zeit wissenschaftlich geforscht hat, aber man kann nie zu der textkritischen Aushöhlung kommen, die wir so häufig unter den Christen antreffen.

die fünf Säulen des Islams

Und nicht nur der Glaube, auch die kultischen Pflichten der Muslime werden genau vorgeschrieben, also die grundlegende religiöse Übung, zu der man verpflichtet ist. Die erste von diesen Pflichten ist, immer wieder das Bekenntnis zu Gott im Bewusstsein zu bewegen. Dieses Pflichtbekenntnis hat sich zu einem Doppelten ausgebildet: „Es gibt keinen Gott außer dem Gott“ – Allah bedeutet eigentlich „der Gott“ im Arabischen – „und Muhammad ist der Gesandte Gottes“. Man soll sich dieses immer wieder klarmachen, im täglichen Gebet, ja bei allen äußeren und inneren Handlungen. Die täglichen Gebete, die in einer vorgeschriebenen Form durchgeführt werden sollen, sind die zweite Pflicht. Nicht nur das Beten selber, sondern auch eine äußere Form ist vorgegeben, so dass das Pflichtgebet nicht nur im Gedanken, nicht nur theoretisch verrichtet werden darf, damit es im Alltag nicht untergeht. Dann die dritte Pflicht, vorgeschriebenen Almosen – nicht nur eine allgemeine Aufforderung, Almosen zu geben, sondern eine ganz klare und konkrete Vorschrift, wie das Minimum an Almosen auszusehen hat, also wie man alles, was man von der Welt in seine Hände bekommen hat, abwägen soll, um davon Almosen zu bestimmten Zwecken zu geben. Und dann noch die vierte Pflicht – vorgeschriebenes Fasten, wiederum nicht beliebig, sondern klar und konkret geregelt. Und die fünfte und letzte – die bis in die Einzelheiten vorgeschriebene Wallfahrt nach Mekka. Diese fünf Pflichten sind die fünf Säulen des Islams – sie werden auch von den Muslimen so genannt. Durch sie bekommt der Islam seinen besonderen Charakter, einen Ordenscharakter, denn ohne diese konkrete religiöse Übung kann man nicht ein ordentlicher Muslim werden.

er muss sein Gewissen und sein Denken, aber auch sein Einfühlungsvermögen und seinen Willen anstrengen

Aus demselben Bewusstsein bildet sich auch das islamische Gesetz aus. Ursprünglich wird das Gesetz von Muhammad so aufgefasst: Der Muslim sieht die ihn umgebende Welt und erkennt den in ihr wirkenden Gott, auf der anderen Seite aber hat er die Offenbarungen, die der Welt ihr äußerlich unsichtbares Maß geben. So wird ihm die Offenbarung zum Quell der Erkenntnis, was richtig und unrichtig ist. Doch um Entscheidungen in den konkreten Situationen treffen zu können, wie er sich zu verhalten hat, muss er sein Gewissen und sein Denken, aber auch sein Einfühlungsvermögen und seinen Willen anstrengen. Und diese persönliche Anstrengung, die Bemühung, die richtige Entscheidung zu finden, wird ‚ijtihad genannt. Sollten Sie darin das Wort „Dschihad“ hören, ist es richtig, denn jihad bedeutet Mühe, Bemühung, und ‚ijtihad eine starke, ununterbrochene, zielgerichtete Bemühung. Also aus der Offenbarung und aus dem Idschtihad werden die moralischen Entscheidungen getroffen, wird das für den Muslim geltende göttliche Gesetz aufgebaut.

Der Begriff der Offenbarung, der für die ersten Muslime zunächst nur den Koran bedeutete, wird nach Muhammads Tod in bestimmter Weise erweitert. Nicht nur der Koran, der von Muhammad und seinen Nachfolgern rezitiert wurde – erst viel später wurde er auch aufgeschrieben – , sondern auch das, was Muhammad als eigene Meinung aussprach, was und wie er etwas tat und unterließ, was er gut und schlecht hieß, all das bekommt einen Offenbarungsanspruch. Es wird zwar streng unterschieden, was direkt von Gott offenbart worden ist, und was nur von seinem menschlichen Propheten dazu ergänzt wurde, doch die Sunna, also die Überlieferung von Muhammads Ansichten, Worten und Taten wird neben dem Koran zu einem zweiten wichtigen Quell der rechtlichen Entscheidungen. So haben die Muslime – bis auf eine Minderheit der streng- und allein korangläubigen reformierten Muslime – diese zwei Quellen, aus denen sie mit der Hilfe von Idschtihad zu einer konkreten moralischen Entscheidung gelangen können.

so hat der Islam einen Rechtsbegriff, der in gewissem Sinne anarchisch ist

So hat der Islam – zumindest der Intention nach – einen Rechtsbegriff, der keine Zentralisierung erlaubt, der in gewissem Sinne anarchisch ist. Das, was wir im Christentum als Aufbau der Patriarchate und des Papsttums erleben, ist im Islam unmöglich. Wenn sich auch später große und sture Rechtsschulen entwickeln, wenn auch später große Autoritäten aufgestellt werden, sind sie mehrere und erkennen ihre Vielheit grundsätzlich an; immer sind es einzelne Rechtsgelehrte, die mit ihren Meinungen zusammenkommen, beraten und auseinandergehen. Die Mehrheit mag ihre Meinung haben, es gibt immer einen, der mit der Berufung auf den Koran etwas anderes meint, und wird dabei von den anderen immer als Muslim angesehen. Ja, sie können ihn als einen Muslim ansehen, der Probleme macht – aber sie können ihm seinen Islam nicht absprechen.

Der zweite Teil dieses Vortrages erscheint im Juni-Hinweis:

So kam der Islam frisch in die Welt. Dessen erste Träger, die Wüstenaraber, stellten mit dessen Hilfe fest, dass sie ihre Kraft, statt in den ewigen Fehden gegeneinander, nach außen wenden können. Die harten Einzelkämpfer werden zum organisierten Heer und werden zunächst unüberwindlich. Noch zu Muhammads Lebzeiten wird fast die gesamte arabische Halbinsel erobert. Die nachfolgenden Kalifen, also die irdischen Vertreter des verstorbenen Propheten, erobern das Heilige Land, Syrien, Ägypten, Persien, Nordafrika, und stellen damit die jeweilige örtliche Religion auf die Probe. Es wird nicht gewaltsam zum Islam bekehrt. Die Christen müssen besondere Steuern zahlen, aber sie werden in ihrem Christentum belassen. Teile Syriens, Nordarabiens, das Heilige Land, Libanon bleiben weiterhin überwiegend christlich. Hingegen in Nordafrika geht die Mehrheit der Christen in relativ kurzer Zeit zum Islam über. Noch eindeutiger ist es in Persien, wo die alte Zarathustra-Religion nicht mehr die Herzen der Menschen erfüllen kann – da lassen fast alle ihre alte Religion freiwillig hinter sich und werden Muslime.

Das war die erste geistige Konfrontation zwischen dem Islam und dem Christentum. Doch es kam natürlich auch zu äußerer Konfrontation, die in zwei großen Zusammenstößen – im Osten und im Westen – gipfelte. Schon 674–678 wurde von dem Kalifenheer zum ersten Mal Konstantinopel belagert, und 717–718 zum zweiten Mal. Das Herz des Byzantinischen Reiches, ja, das Herz des Christentums, wurde zweimal tödlich bedroht und konnte nur dadurch gerettet werden, dass die Byzantiner bereit waren, ihr stolzes Selbstverständnis aufzugeben. So mussten sie zum Beispiel die barbarischen Bulgaren um Hilfe bitten und mit ihnen wie mit ihresgleichen verhandeln. Und durch dieses Erwachen zur Selbstreflexion wurde die Rettung möglich – man könnte sagen, vor Gottes Augen gerechtfertigt.

Ähnliches geschah im kleineren Maßstab im Westen. Im Jahre 711 stürzen die vordringenden Araber das Westgotenreich in Spanien und fahren über die Pyrenäen und durch das Rhônetal nach Norden fort. Die erste große Niederlage fügt ihnen der König Eudo von Aquitanien im Jahre 721 bei Toulouse zu, doch seine Kräfte reichen nicht zum vollen Sieg. Da schaffen es die damals zerstrittenen Herrscher der Länder, die heute das südliche Frankreich bilden, ein Bündnis zu schließen – Eudo mit seinem aus Franken und Basken gemischten Heer, Karl Martell als der Anführer des großen Frankenheeres, langobardische und sächsische Streitmacht, sogar eine friesiche Truppe – und 732 bei Tours und Poitiers die Araber zu schlagen. Im Vergleich mit der Belagerung Konstantinopels war es eine kleine Schlacht, und auch keineswegs die letzte und endgültige, doch sie hat durch dieses Bündnis derer, die allein für sich nicht hätten standhalten können, entschieden, dass das Frankenreich künftig nicht ein Nationalreich, sondern ein Vielvölkerreich würde.

Kulturaustausch zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Kalifenreich

So wurde, mit einem Aufwacherlebnis für die europäischen Christen, an diesen beiden Punkten im Osten und im Westen die islamische Expansion angehalten, und an die Stelle der äußerlichen Konfrontation konnte wieder die geistige treten – der Kulturaustausch zwischen dem christlichen Europa und dem islamischen Kalifenreich.

Rechtsschulen traten jetzt an die Stelle der persönlichen Wahrheitssuche

Doch so wie das Christentum, entwickelte sich auch der Islam. Genauso, wie das Christentum nach drei Jahrhunderten seiner Existenz in eine gewisse Routine und Oberflächlichkeit geriet, geschah es auch mit dem Islam. Etwa 300 Jahre seit der Entstehung des Islam waren vergangen, als etliche islamische Rechtsgelehrte zur Erkenntnis kamen, dass eigentlich alle Rechtsentscheidungen schon gefällt worden waren. Alles ist bereits durchdacht und entschieden worden, man braucht keinen Idschtihad mehr. Diese persönliche Bemühung, nach Koran und Sunna die moralische Entscheidung zu treffen, die eigentlich jedem Muslim zustand, wurde allmählich auf die Rechtstradition übertragen. Rechtspräzedenzen, Vereinbarungen der Rechtsgelehrten, Rechtsschulen traten jetzt an die Stelle der persönlichen Wahrheitssuche.

Im Unterschied zum Christentum hatte jedoch der Islam ein Potential gezeigt, das ihm ermöglichte, auch in diesem gewissen Verfall das Grundlegende nicht zu vergessen. Dadurch, dass jeder Muslim durch seine Pflichten gezwungen war, ständig in der religiösen Übung zu bleiben, ist das Bewusstsein der direkten Wirkung Gottes und der Gottesanwesenheit in der Welt aus dem Islam nicht verschwunden. Und dank diesem Bewusstsein bleibt es nicht bei diesem rechtlichen Sturwerden, sondern je mehr die äußere Form sich verhärtet, desto stärker wird eine Strömung, die durchaus auf dem Islam gründet, doch seine gewöhnlichen Grenzen immer wieder bricht – das Sufitum, die islamische Mystik.

„prophetische Happenings“

Bereits in der zweiten Hälfte des 8. Jahrhunderts, als die künftig drohende Verkalkung im Rechtlichen sich anzukündigen begann, trat als die erste die heilige Rabea in Basra auf – eine Gottesfrau, die ähnliche „prophetische Happenings“ veranstaltete, wie wir sie von den alttestamentlichen Propheten kennen. Sie lief zum Beispiel mit einer brennenden Fackel und einem Eimer voll Wasser durch die Stadt, bis sich genug Menschen um sie versammelten. Da sprach sie zu ihnen: „Mit diesem Eimer Wasser will ich die Flammen der Hölle löschen, damit keiner den Weg zu Gott nur aus Angst vor der Hölle sucht. Und mit dieser Fackel will ich das Paradies anbrennen, dass keiner den Weg zu Gott nur aus Begierde nach den paradiesischen Wonnen sucht. Nur wegen Gott allein soll man Gott suchen.“ Die äußeren religiösen Vorstellungen werden relativiert, die Betonung wird auf das einzig Wichtige – das „unum necessarium“ der späteren, christlichen Mystiker – gelegt. Das ist die Intention der heiligen Rabea, das sehen wir in ihren Taten, das hören wir in ihren Aussprüchen: „Oh Gott, was Du mir an diesseitigem Gut zugeteilt hast, gib es meinen Feinden; was Du mir an jenseitigem Gut zugeteilt hast, gib es meinen Freunden. Du selber bist für mich genug.“

er untersuchte das Wirken Gottes im Menschen, bis er in diesem Wirken Gott selber entdeckte

Diese mit der heiligen Rabea angefangene mystische Bewegung war keineswegs eine Randerscheinung, sondern sie bewegte die ganze islamische Welt – desto mehr, je mehr das islamische Gesetz verkalkte. Etwa um das Jahr 900 herum sehen wir das islamische Recht schon sehr mit dem Staat verwachsen. Dem gewöhnlichen Muslim wird immer häufiger die Möglichkeit abgesprochen, auf dem Gebiet des Rechtes selber zu suchen und zu entscheiden. Und gerade da sehen wir eine der interessantesten Mystikerpersönlichkeiten auftreten – Hussain ibn Mansur al-Halladsch. Er lebte an mehreren Orten im heutigen Südirak und Südiran, mitunter auch in Bagdad, und sein Hauptanliegen war, das Wirken Gottes im Menschen zu untersuchen, bis er in diesem Wirken Gott selber entdeckte. Er rannte durch die Straßen von Bagdad und schrie: „an¯‘l-haqq“ – „ich bin die Wahrheit“, wobei aus dem Kontext „die Wahrheit“ hier als einer von Gottes Namen verstanden wird. Nur Gott könnte so einen Ausspruch machen.

Nach diesem Vorfall wurde al-Halladsch verhaftet, dann zunächst im Hausarrest gehalten. Er ließ aber von seiner Geistesforschung nicht ab, ja er traute sich immer weiter:

„Dein Geist mit meinem Geist hat sich vermischt,
allmählich im Werden und Vergehen.
Jetzt bin ich Du, Dein Dasein ist mein Dasein und mein Wille ist auch so.“

Wenn Sie an unsere trinitarische Epistel denken, also an das Gebet der liturgischen Zwischenzeit, wie wir es in der Christengemeinschaft kennen, finden sie eine ähnliche Stimmung. Ist aber der Mensch eine Wirkungsstätte Gottes, eine „Werkstatt Gottes“, müssen die äußeren Formen manchmal zur Seite treten, damit diese „Werkstatt“ richtig wirken kann:

„Ich bin ungläubig geworden in Gottes Religion und der Unglaube ist meine Pflicht, denn die Muslime hassen ihn.“

es darf nichts geben, was nicht in die göttliche Liebe mit hineingenommen ist

Der Unglaube, der als solcher gehasst wird, ist dadurch meine Pflicht. Es darf eigentlich nichts geben, was nicht in die göttliche Liebe mit hineingenommen ist. Wird etwas von allen gehasst, bin ich verpflichtet, dies zu lieben. Darin kann ich aber auch die schwachen Stellen dieses Hasses erkennen, die schwachen Stellen der gedanklichen Grundlage dieses Hasses, und umgekehrt das neue Entwicklungspotential dessen, was ich durch meine Liebe rette:

„Gott verberge dir das äußere Gebot,
Gott offenbare dir die Wirklichkeit des Unglaubens,
denn äußeres Gebot ist verborgener Götzendienst
und Wirklichkeit des Unglaubens ist offenbares Wissen.“

Da fühlten sich die damaligen Machthaber – sowohl weltlich, als auch geistlich – schon echt bedroht. Al-Halladsch wurde verurteilt und grausam hingerichtet.
Beinah zwei hundert Jahre hat es dann gedauert, bis der Hauptstrom der islamischen Theologie es schaffte, sich mit der Mystik zu versöhnen – und umgekehrt. Es ist hauptsächlich Verdienst von al-Ghazali, im Westen auch als Algazel bekannt, der die ganze Mystik theologisch reflektierte und für die nicht-mystischen Theologen beschrieb, aber auch für die Mystiker die Theologie mystisch beschrieb. So kam es zu einer Verflechtung der islamischen Theologie und Mystik, die bis heute ein Phänomen in der islamischen Welt ist.

Die Mystik wird immer weiter gepflegt

Gehen Sie in eine christliche Buchhandlung und fragen Sie, was sie von christlichen Mystikern an Literatur haben. Der Verkäufer wird sich vielleicht an Johannes vom Kreuz oder noch paar Namen erinnern und unter Umständen eine ältere Ausgabe finden, die irgendwo im Regal vergessen lag. Wenn Sie nach heutigen Mystikern fragen, wird er wahrscheinlich gar nicht ahnen, dass es solche gibt. Wenn Sie in eine islamische Buchhandlung kommen – falls es nicht eine der wenigen ist, die aus ideologischen Gründen die Mystik gezielt und gänzlich meiden – dann stammt die Hälfte der angebotenen Literatur von Mystikern, von verschiedenen sufitischen Schaichs aus allen Jahrhunderten, auch aus der heutigen Zeit, also von lebenden Zeitgenossen. Die Mystik wird immer weiter gepflegt, sie lebt im Hauptstrom der Religion.

viele Geister

Diese mystische Stimmung, die mit Islam in seiner ganzen Entwicklung verbunden war, hat es ermöglicht, dass es neben engstirnigen Glaubensverfechtern auch viele Geister gab, die fähig waren, auch in den anderen religiösen Formen ihren Gott zu finden. So sagt Ibn Arabi am Anfang des 13. Jahrhunderts:
„Mein Herz ward empfänglich für jegliche Form:

Es ist eine Wiese, wo Gazellen weiden;
Es ist ein Konvent christlicher Mönche;
Es ist ein Götzentempel;
Es ist die Kaaba der Pilger;
Es sind die Tafeln der Thora;
Es ist das Koran-Buch.
Ich folge der Religion der Liebe…“

Also nicht nur der Koran und die Kaaba, das mekkanische Heiligtum, sondern auch die anderen Religionen stellen einen Weg zu Gott dar, und zwar nicht nur die anderen monotheistischen Religionen, sondern auch das von anderen so geächtete Heidentum.

der zweite Akt des Begegnungsdramas

Nachdem der Islam diese Entwicklungsschritte durchgemacht hatte, konnte der zweite Akt des Begegnungsdramas zwischen Islam und Christentum stattfinden. Er beginnt, als die Christen, oder genauer die westlichen Christen – mehr aus der Ratlosigkeit mit ihrem Selbstverständnis, als aus einer äußeren Notwendigkeit – sich auf die Kreuzzüge begeben, und in der Zeit vom Ende des 11. Jahrhunderts bis zum Ende des 13. Jahrhunderts den Orient in vielerlei Hinsicht kennenlernen. Sie müssen auch die Ostkirche wieder kennenlernen – sie staunen unvorbereitet, wie viele und wie große christliche Tempel es im Osten gibt und wie reich diese Städte und Landschaften sind.

Das wichtigste für den europäischen Westen war aber die Begegnung mit der islamischen Kultur. Bei aller Feindschaft begegneten die Kreuzfahrer im Orient unzählig vielen Kulturphänomenen, von denen sie lernen konnten. Auch viele Texte – islamische Texte, aber auch arabische Übersetzungen von antiken Texten – kamen nach Europa und wurden ins Lateinische und hie und da auch in weitere Sprachen übersetzt. Und dank diesen Übersetzungen erwacht in Europa ein neues Interesse für die antiken Werke, aber auch für die Naturwissenschaft, Philosophie und Mystik. Dann finden wir z. B. bei Meister Eckhart ab und zu einen Vermerk: „Ein heidnischer Weise sagt…“ Und siehe da, es ist ein Zitat von Ibn Arabi. Und was Eckhart so an ursprünglich islamischem Gedankengut übernimmt, wird weiterhin von Tauler und Luther ausgearbeitet und findet unter anderem in der Reformation seinen Ausdruck.

Nachdem Europa auf diese Weise die im Orient vorbereiteten Impulse aufgenommen hat, treten die Mongolen auf den Plan. Die Mongolen sind zu der Zeit Christen – zumindest die Oberschicht des Volkes hat nestorianisches Christentum, also eines der östlichen christlichen Bekenntnisse, angenommen – doch das hindert sie keineswegs daran, einen Kriegszug nach Europa zu beginnen. Die Schlacht bei Liegnitz ereignet sich 1241, ein Jahr nachdem in Damaskus Ibn Arabi gestorben ist. Und dann wenden sich die Mongolen gegen das muslimische Persien, gegen Irak, gegen Bagdad, also gegen das Kalifat, jenes große muslimische Reich, das damals von Indien bis nach Spanien reichte. Gerade in Bagdad saß der Kalif, der Vertreter des Propheten und der „Beherrscher der Gläubigen“. Und gerade gegen Bagdad führt der Khan Hülegü, ein christlicher Fürst, seine Heere. Wir wissen nicht mit Sicherheit, in welchem Maße er selber das christliche Bekenntnis angenommen hatte, doch sowohl seine Mutter, als auch seine Frau waren bewiesenermaßen Christinnen, und Hülegü selber war den Christen sehr wohlgesonnen. Er nimmt Bagdad ein, und beinahe hunderttausend Muslime werden nach seinem Befehl geschlachtet, die Christen aber verschont; der Kalifenpalast wird sogar dem christlichen Patriarchen als neuer Amtssitz übergeben – man kann sich wohl vorstellen, wie dies auf die Muslime wirkte, und wie es wiederum die Stellung der Christen erschwerte, als später Bagdad von den Muslimen zurückerobert wurde.

nachdem das Kalifenreich seine geistigen Früchte dem christlichen Westen übergeben hatte

Nachdem also das Kalifenreich seine geistigen Früchte dem christlichen Westen übergeben hatte, wurde es mit dem Fall Bagdads 1258 in seiner bisherigen Form irreparabel vernichtet. Schon 1260 werden zwar die Mongolen von den Mamluken geschlagen, also von der türkischen Elitegarde der ägyptischen Statthalter, doch nie mehr wird der islamische Orient zum Weltzentrum der Kultur und Wissenschaft. Die westlichen Christen konnten sich nicht mehr auf die islamische Kultur in ihrer Blüteform stützen. So mussten sie allein unter sich damit umgehen, was sie empfangen hatten.

Und die westlichen Christen gingen damit tüchtig um. Die deutsche Mystik des Spätmittelalters baut deutlich auf diesen Impulsen aus dem Orient auf, doch sie stellt auch eine Weiterentwicklung dar. Dann die deutsche Reformation, die wiederum auf der deutschen Mystik gegründet ist, vor allem auf dem mystischen Erleben, dass Gott bei uns ist, dass wir alle auch ohne kirchenrechtliche Vermittlung in Gott leben und handeln können. Doch im realen Leben und Handeln der europäischen Christen treten diese Impulse immer wieder zurück. Das christliche Europa wird nicht gotterfüllter, sondern vielmehr zerstritten. Schon in der frühen englischen und böhmischen Reformation zeigt sich – vor allem in der Haltung der katholischen Kirche, aber teilweise auch bei den Reformatoren – eine Unfähigkeit, die innere Berechtigung von anderen Ansichten anzuerkennen, die Geistigkeit der anderen Seite zu verstehen.

Als ein Prüfstein der europäischen Christenheit steht der Fall Konstantinopels da. Nachdem die Osmanen das islamische Reich neu organisiert hatten, gerieten die Byzantiner unter starken militärischen Druck. Sie baten die christlichen Herrscher Europas wiederholt um Beistand, doch das von Eigeninteressen zerstückelte Europa hat sich dazu nicht aufraffen können. Der Papst, der vielleicht noch zur wirksamen Hilfe aufrufen konnte, stellte Bedingungen, die wiederum für die Griechen unakzeptabel waren. Es zog sich hin und her, bis 1453 Konstantinopel fiel. Die Ostmetropole der Christenheit, das Herz des christlichen Ostens wurde türkisch, und hiermit auch islamisch.

die europäischen Christen ließen sich nicht belehren

Doch die europäischen Christen lassen sich nicht belehren. Nur in wenigen Fällen wird versucht, das eigentlich Christliche zu finden und aufzubauen – als einen dieser wenigen Zukunftskeime können wir die 1457 begründete Brüder-Unität nennen. Der größere Teil des christlichen Europas bleibt in seinen sturen Schemen. Die Reconquista in Spanien und Portugal, die zunächst als Freiheitskampf anmutete, gestaltet sich letztlich als ein katholischer Eroberungszug. Bevor 1492 Granada kapituliert, wird unter den Bedingungen auch die Bekenntnisfreiheit ausgehandelt, doch nur einige Jahre später werden die Muslime und Juden vor die Wahl gestellt, sich katholisch taufen zu lassen, oder aus dem Land vertrieben zu werden.

Was soll der liebe Gott mit so einer Christenheit machen?

Was soll der liebe Gott mit so einer Christenheit machen? Die Osmanen, die bis zum Ende des 15. Jahrhunderts ganz Griechenland einnahmen, ziehen 1526 weiter ins europäische Inland. Es beginnen die Türkenkriege. Noch im selben Jahr 1526 wird durch die Schlacht bei Mohács das ungarische Königreich zerschlagen. 1529 belagern die Türken zum ersten Mal Wien, nur um Haaresbreite wird die Stadt gerettet. Da beginnen die zerstrittenen europäischen Christen miteinander zu reden. 1532 wird der sogenannte Nürnberger Anstand, also der Nürnberger Religionsfrieden geschlossen. 1538 wird er in Frankfurt durch den Frankfurter Anstand bestätigt, 1540 findet das Religionsgespräch zu Hagenau statt. Und sobald sich dieser gegenseitige Gesprächswille zeigt, ziehen sich die Türken zurück.

so erschienen die Türken wieder, um die Europäer aufzurütteln

Dann geraten die gegenseitigen Gespräche wieder ins Stocken. Die Katholiken und Protestanten ziehen wieder gegeneinander ins Feld. Das Konzil von Trient geht auf die strengste Distanz zur Reformation. So erscheinen die Türken wieder, um die Europäer wieder aufzurütteln. Das gesamte 17. Jahrhundert ist dadurch gezeichnet. Erst durch eine ganze Reihe Zugeständnisse, die die zerstrittenen europäischen Christen aneinander machen, wird ein Sieg möglich. Die Machtbereiche, die Kirchenstrukturen, der Nationalstolz müssen abseits bleiben. So muss z.B. bei der zweiten Belagerung Wiens der österreichische Kaiser Leopold sich dem polnischen König Jan Sobieski militärische unterordnen, doch dadurch können dann die Türken am Kahlenberg geschlagen werden. Sobald aber die Türken nach Ungarn getrieben werden, fallen die Franzosen den Österreichern in den Rücken; die Türken haben wieder freie Hände und kommen zurück. Im wiederholten Hin und Her werden die Europäer immer wieder daran erinnert, dass ihre Aufgabe anderswo liegt, als in gegenseitiger Bemessung von staatlicher und kirchlicher Macht.

Europa konnte auf friedlicher Weise die sogenannte orientalische Weisheit wieder entdecken

Am Anfang des 18. Jahrhundert kann endlich das belehrte Europa eine neue Geistigkeit hervorbringen, die sich z.B. in der Erneuerung der Brüder-Unität durch Zinzendorf, in der Formation des modernen Freimaurertums oder in den Anfängen der Methodisten-Bewegung zeigt – und zugleich können dann die Türken immer weiter militärisch vertrieben werden. Da kann Europa auf friedlicher Weise die sogenannte orientalische Weisheit wieder entdecken. Die Märchen aus tausendundeiner Nacht werden 1704 auf Französisch herausgegeben, das ist die erste westliche Ausgabe, auf die bald andere folgen. Kurz darauf erscheinen erste direkt aus dem Arabischen übersetzte westsprachliche Koranausgaben. Unsere großen Geister lesen diese östlichen Schriften. Goethe ist vom Koran schier begeistert und bearbeitet seine Inhalte in seinem „West-östlichen Diwan“. Das weitbekannte „Gottes ist der Orient, Gottes ist der Okzident…“ ist ein Koranzitat (Sure 2, Vers 115). Sowohl die eigene, als auch die andere Geistigkeit wird also am Anfang des 18. Jahrhunderts neu entdeckt, und der kulturelle Austausch ermöglicht eine intensivere Entwicklung der europäischen Christenheit. Eine neue religiöse Toleranz und Vertiefungsdrang wacht langsam auf. Das Christentum bekommt eine Chance, endlich das Christentum zu werden.

Doch dann wird diese hoffnungsvolle Entwicklung durch die Nationalgedanken gebrochen. Es mutet an, dass Europa doch nichts gelernt hat. Eine ganze Reihe von Nationalkriegen im 19. Jahrhundert und der erste Weltkrieg, in dem auf beiden Seiten im Namen Christi gekämpft wird. Dann der zweite Weltkrieg als Fortsetzung und Steigerung, wo man versucht, den Namen Christi ganz aus dem Spiel zu bekommen. Nach dem zweiten Weltkrieg eine Chance, ganz neu zu beginnen, die aber schnell vertan wird. Sehen wir uns das Beispiel Deutschlands an: 1949 wurde die neue Bundesverfassung erstellt, mit einer Präambel, in der zum ersten Mal in der Geschichte die grundsätzliche menschliche Verantwortung vor Gott erwähnt wird, gleich im ersten Satz. Doch gleich im nächsten Satz wird diese hohe Idee weggeworfen, indem man sagt, dass hier nur von den Deutschen gesprochen wird: „Die Deutschen in den Ländern Baden-Württemberg, Bayern…“ Man vergisst dabei völlig, dass in den deutschen Ländern auch etliche andere Völkerschaften leben, und zwar alteingesessen, keine Neuankömmlinge – z. B. die Holländer, Dänen, Ostfriesen, oder die Sorben. Vom erhabenen, vielversprechenden Anfang verrutscht es also wieder in das Alte. Was anders blieb dann den weltgeschichtlichen Mächten übrig, als von außen einen neuen Erziehungsschritt einzuleiten? Wenn wir beim Beispiel Deutschlands bleiben: 1955 sieht man hier, dass man mit der vielen Aufbauarbeit selber nicht fertig wird, und so wird der erste Gastarbeitervertrag geschlossen. Erst mit Italien, dann mit Spanien, 1961 mit der Türkei. Und gerade die Türken werden in den folgenden Jahren zur wichtigsten Gruppe der Gastarbeiter. Wieder kommt aus der Welt des Islam in die Welt des Christentums ein Impuls, der uns zur Frage führt, ob und wie wir das ernst meinen, wozu wir uns am Anfang bekannten.

eine Spiegel-Religion, die den Christen ihre Schwächen und Lebenslücken vorhält

So ist die gemeinsame Geschichte von Christentum und Islam. Wo die Christen mit ihrem Glauben sich von der Erde abwenden, so dass der christliche Glaube und das christliche Handeln auseinandergehen; wo die Christen sich selber nicht ernst nehmen und nur theoretisieren; wo die Christen vergessen, dass jeder Mensch einen direkten Zugang zur göttlichen Welt hat: da erscheint immer wieder der Islam auf dem Plan. So zeigt sich der Islam als eine Brüder-Religion des Christentums – eine Doppelgänger-Religion, die im Guten und im Schlechten das ergänzt, was die Christen vernachlässigen, und eine Spiegel-Religion, die den Christen ihre Schwächen und Lebenslücken vorhält und zum Bewusstsein führt.

die so oft anzutreffende Kluft zwischen dem christlichen Glauben und dem christlichen Handeln

Eigentlich würde es reichen, sich diese drei Punkte zu vergegenwärtigen, die wir gerade genannt haben – das Handeln nicht vom Glauben trennen; den Glauben nicht abstrakt-theoretisch, sondern konkret-ernst nehmen; mit der direkten Anwesenheit Gottes in uns und in der Welt um uns stets rechnen. Denken wir nur an die so oft anzutreffende Kluft zwischen dem christlichen Glauben und dem christlichen Handeln: Wer von unseren sogenannten christlichen Politikern – um ein Beispiel zu nennen – lebt in einer vorbildlichen, christlichen Armut, in der Abwendung von den vergänglichen Gütern? Und wie ist es mit uns selber? Da schließt sich direkt die Frage des konkreten und ernsten religiösen Leben an: Wann haben Sie zum letzten Mal gefastet? Oder wie steht es mit Ihren Almosen? Oder, wie Christus sagt: „Ein Freund gibt sein Leben für seine Freunde hin…“. Wie viele Freunde in diesem Sinne haben Sie? Endlich, wenn wir an die Anwesenheit Gottes in der Welt und an die Möglichkeit denken, mit Ihm ohne Vermittler zu verkehren: Wie viele Christen trauen sich, selber in die Welt zu schauen, um daraus über Gott zu denken? Oder wie viele Kirchen erlauben ihren Bekennern, auf diese Weise über Gott zu denken? Wie schätzen wir unsere realen Gott-Erlebnisse im Vergleich mit dem, was uns durch eine Autorität offenbart wurde? Zu jedem dieser Punkte könnte man viele Beispiele finden, wo wir als Christen gegenüber dem versagen, was uns von Anfang an aufgetragen wurde.

Ja, wir brauchen eine solche Spiegelung

Ja, wir brauchen eine solche Spiegelung. Und wir brauchen eben eine Spiegelung, die genau einen solchen Anspruch erhebt, welchen auch wir Christen für uns erheben. Wir sind berechtigt diesen Anspruch zu erheben, doch wir müssen ihn durch unser eigenes praktisches religiöses Leben, durch unseren eigenen inneren Reichtum, durch unser eigenes inneres Wachstum zeigen und bestätigen. Und der Islam wird uns immer weiter in unserem Bestreben widerspiegeln – und zugleich immer wieder anregen für unser künftiges Christentum.

Es ist geplant, diese Vorlesung von Milan Horák zusammen mit einer Auswahl anderer Vorlesungen aus der Reihe „Akzente christlicher Erneuerung“ im Verlag Urachhaus in Buchform erscheinen zu lassen.