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Organspende

– wie entscheide ich mich?

Interviews mit Dr. med. Helmut Kirschner, Dr. med. Nicola Herion, Jörgen Day, Pfarrer

Dr. med. Helmut Kirschner
Dr. med. Helmut Kirschner

„Wollen Sie OrganspenderIn sein?“ Das wird uns unsere Krankenkasse in diesem Jahr zum ersten Mal fragen. Auch in den Medien ist die Organspende aktuelles Thema. So aus dem Bauch heraus hat jede/r schon eine Antwort gefunden. Aber sind wir wirklich gut informiert? Sind uns die verschiedenen Blickrichtungen des Themas bekannt?
„Organspende – wie entscheide ich mich? Medizinische, ethische und juristische Kriterien“ lautet der Titel einer Veranstaltung am 17. November im Rudolf Steiner Haus. Gespräche mit den drei Interviewpartnern zeigen verschiedene Blickrichtungen auf das Thema. Auf einer Podiumsdiskussion unter Leitung der Journalistin Kerstin Michaelis (u.a. NDR, Hörfunk und Fernsehen) treten die Referenten in Austausch. Die Veranstalter sind Rudolf Steiner Haus e.V., Victor Thylmann Gesellschaft, Die Christengemeinschaft in Hamburg, K.d.ö.R.

Interviewpartner (und Referenten auf der Veranstaltung):
Dr. med. Helmut Kirschner, geb. 1953, Facharzt für Chirurgie mit Tätigkeit u.a. im AK Barmbek, Israelitisches Krankenhaus. Seit 2002 ärztlicher Koordinator bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO) im Schwerpunkt Hamburg. Deutsche Stiftung Organtransplantation, Infotelefon Organspende: 0800 90 40 4000
Dr. med. Nicola Herion, approbierte Ärztin seit 1985, 5 Jahre internistische Tätigkeit im Krankenhaus, dabei u.a. auf einer Dialyse-Abteilung und Zeugin einer Organspende-Entnahme bei einem jungen Unfallopfer. Erwerb der Zusatzbezeichnung „Psychotherapie“ 1994, Fachärztin für Psychiatrie 1997, ab 1997 am Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke psychiatrisch und über 10 Jahre psychosomatisch tätig. Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapeutische Medizin 2010. Anthroposophische Ärztin (GAÄD) seit 2008. Seit 02/2012 niedergelassene Ärztin in Hamburg-Rissen am Zentrum für individuelle Ganzheitsmedizin.
Jörgen Day, Pfarrer der Christengemeinschaft. Nach dem Studium der Slawistik und Politikwissenschaft in Marburg und in Hamburg für 5 Jahre tätig als Studienrat in einem Hamburger Gymnasium. Anschließend für 9 Jahre tätig als Klassenlehrer, Fachlehrer für Russisch, Politik und Musik an einer Hamburger Waldorfschule. Seit 1990 Pfarrer der Christengemeinschaft, seit 2001 in der Gemeinde Hamburg-Harburg. Gründer eines Pflegedienstes und einer Hospizeinrichtung, tätig in der Ausbildung von ehrenamtlichen Sterbe- und Demenzbegleitern.
Interview mit Dr. med. Helmut Kirschner,
Koordinator der Deutschen Stiftung Organtransplantation (DSO)

Christine Pflug: Was sind Ihre konkreten Tätigkeiten als Koordinator der DSO?

Dr. med. Helmut Kirschner: Die Kerntätigkeit von uns Koordinatoren umfasst die Spanne von der Betreuung der Organspender, d. h. von der Meldung im Krankenhaus eines „hirntoten“ Menschen, bei dem die Voraussetzungen für eine Organspende vorliegen, bis hin zur Entnahmeoperation und Transport der Organe in die Transplantationszentren. Darüber hinaus haben wir noch die Aufgabe der Krankenhausbetreuung, Gespräche mit der Krankenhausleitung, Vorträge halten, teilweise auch noch die wissenschaftliche Tätigkeit.

C. P.: Es gibt immer wieder mal Berichte, dass ‚hirntote‘ Menschen bei der Organentnahme trotz Narkose Schmerzreaktionen zeigen. Können Sie zusichern, dass der Spender würdevoll und schmerzlos in den Tod übergehen kann?

Dr. med. H. Kirschner: Das kann ich zusichern, denn eine Hirntoddiagnostik, die von zwei Ärzten durchgeführt wird, nach dem „vier Augen Prinzip“, ist der definitive Nachweis, dass alle Hirnanteile – das Großhirn, Kleinhirn, der Hirnstamm und damit alle Zellen im Gehirn – vollständig abgestorben sind und dass dadurch keine Schmerzempfindung mehr möglich ist. Das kann man auf verschiedene Art nachweisen, es ist in den Richtlinien der Bundesärztekammer festgelegt, und an diese muss sich jeder Hirntoddiagnostiker halten.
Oft werden in der Laienpresse falscher weise die vegetativen Reflexe oder die Reflexe auf Rückenmarksebene für Anzeichen von Schmerzen gehalten. Diese Bereiche werden alle noch durchblutet, so wie die Organe, die transplantiert werden sollen; also alles, was unterhalb des Gehirns liegt, ist noch vital und funktioniert noch. Diese Reflexe laufen rein auf Rückenmarksebene ab, genauso wie das vegetative Nervensystem noch arbeitet, Schweiß absondert oder Rötungsreaktionen der Haut hervorruft. Diese Organsysteme sind noch intakt.
Laut medizinisch-wissenschaftlicher Definition ist ein Mensch verstorben, wenn der Hirntod nachgewiesen ist. Das ist auch aus rechtlicher Sicht der offizielle Todeszeitpunkt. Wenn jemand sagt, dass das für ihn nicht reicht, sondern er den Herztod als Zeitpunkt des Todes ansieht, ist das zu völlig zu respektieren.
Ich betrachte unter diesen Umständen eine Organentnahme durchaus als würdevoll und wir gehen auch sorgsam damit um. Zudem muss in Deutschland eine Zustimmung des Verstorbenen vorliegen, die er zu Lebzeiten verfasst hat.

C. P.: In Deutschland gilt die Zustimmungslösung zur Organentnahme; der Spender bzw. seine Angehörigen müssen zustimmen. Gibt es evtl. Ausnahmen?

Dr. med. H. Kirschner: In Deutschland gibt es keine Ausnahmen. Wir brauchen ultimativ eine Zustimmung zur Organspende, entweder von dem Verstorbenen selbst oder dass die Angehörigen, die befragt werden dürfen in einer erweiterten Zustimmungslösung, angeben, dass der mutmaßliche Wille des Verstorbenen eine Zustimmung gewesen sei. Das ist klar gesetzlich geregelt. Wir haben gelegentlich hirntote Patienten, bei denen trotz polizeilicher Suche keine Angehörigen auffindbar sind und es keinen Organspendeausweis gibt: da führen wir definitiv keine Organspende durch.

C. P.: Und wie wird das im Ausland gehandhabt? Wie kann man sich vor willkürlicher Organentnahme schützen – z.B. in Österreich?

Dr. med. H. Kirschner: Die ideale Lösung ist, dass jeder einen Organspendeausweis mitführt, in dem geschrieben steht, ob man für oder gegen eine Organspende ist. Wir wissen aus Österreich, Spanien und anderen Ländern, die eine Widerspruchslösung haben, dass auch dort selbstverständlich nachgefragt wird, ob es einen Widerspruch gibt; das gilt für die Einheimischen, aber auch für die Touristen. Man ist auf jeden Fall geschützt, und im Todesfalle werden auch die Angehörigen gefragt.

C. P.: Was waren für Sie als Fürsprecher der Organtransplantation beglückende und auch enttäuschende Momente in Ihrer Arbeit?

Dr. med. H. Kirschner: Von enttäuschenden Momenten kann ich nicht sprechen, aber es sind immer schwierige Situationen bei den Organspendern, und es ist für uns belastend, mit den Angehörigen Gespräche zu führen. Wenn wir in wirklich tragischen Situationen, beispielsweise bei verstorbenen Kindern, mit den Eltern sprechen und diese dann sagen: „Wenn dieser sinnlose Tod noch einen Sinn haben soll, dann ist es vielleicht der, dass die Organe unseres Kindes dazu führen können, dass andere Kinder weiterleben können“ – dann erlebe ich das für mich als eine beglückende Erfahrung.

Dr. med. Nicola Herion
Dr. med. Nicola Herion

Interview mit Dr. med. Nicola Herion, Fachärztin für Psychiatrie, Psychotherapeutische Medizin und Psychosomatik, Ärztin für Anthroposophische Medizin (GAÄD).

C. P.: In Ihren früheren ärztlichen Tätigkeiten hatten Sie Umgang mit transplantierten Patienten. Was war für sie dabei eindrücklich?

Fr. Dr. Herion: Ich habe ein Jahr in der Dialyse gearbeitet. Dort erlebte ich, wie hart es für die Menschen ist, dreimal die Woche zur Blutwäsche zu kommen: Sie werden an eine Maschine angeschlossen, das gesamte Blut wird rausgenommen, in der Maschine gereinigt und dann wieder zurückgegeben. Diese Patienten sind von dieser Dialyse und natürlich von der Krankheit selbst sehr mitgenommen; das merkt man an ihrer Lebensfrische, ihrer Hautfarbe usw. Sie haben große Hoffnung, dass sie durch die Transplantation die Chance bekommen, ein normales Leben zu führen. Unser Oberarzt hatte damals großen Wert darauf gelegt, dass wir als medizinisches Personal alle einen Organspendeausweis bei uns tragen. Ich habe das damals auch gemacht. Mittlerweile habe ich ihn wieder in die Schublade gelegt, weil ich auch noch andere Erlebnisse hatte. Aber ich kann die Hoffnungen und die Ängste sehr gut verstehen, die ein Patient durchmacht.
Später in meiner psychotherapeutischen Tätigkeit hatte ich immer wieder mit Menschen zu tun, insbesondere mit jungen, die an Mukoviszidose erkrankt waren. Bei dieser Erkrankung sind sämtliche Schleimproduktionen im Körper zu zäh; am schlimmsten ist das bei der verschleimten Lunge, weil die Menschen keine Luft mehr bekommen. Die Lebenserwartung von diesen Menschen lag früher weit unter 20 Jahren; heute liegt sie bei höchstens 30 Jahren. Stellen Sie sich vor, eines Ihrer Kinder sei betroffen! Wenn man dann erlebt, dass so ein junger Mensch, wie die gesunden anderen auch, in sein Leben starten will, Begabungen, Pläne hat und dann durch die Krankheit völlig ausgebremst wird, kann man völlig verstehen, dass er auf ein Organ hofft. Andererseits habe ich auch erlebt, welch immenser Aufwand so eine Transplantation ist, welche Nebenwirkungen eintreten, die Infektanfälligkeit durch die Abwehr-schwächenden Medikamente, wenn beispielsweise lange Haare auf der Zunge wachsen – unglaubliche Dinge, die man sich vorher nicht so ausmalt. Dazu kommt, dass die Grundkrankheit des Menschen bleibt und dass das Organ in der Regel wieder davon befallen wird, so dass man nach einigen Jahren wieder ein neues Organ braucht.

man kann die Frage nach Organtransplantation nicht pauschal beantworten

Ich denke, man kann die Frage nach Organtransplantation nicht pauschal beantworten. Je genauer man sich mit der Thematik beschäftigt, sich informiert und die Sache differenziert betrachtet, umso besser kann man für sich individuell entscheiden, als Spender wie als Empfänger.

C. P.: Was würden Sie Organempfängern raten, was genau sie differenziert betrachten sollen?

Dr. Herion: Ich glaube, dass sowohl die Empfänger als auch die Spender genau wissen sollten, wie das genau vor sich geht bei einer Organentnahme. Wenn es so ist wie bei Herrn Steinmeier, dass er zwei gesunde Nieren hat und eine einem geliebten Menschen geben kann, dann ist das eine absolute Ausnahme; normalerweise weiß man nicht, an wen man spendet oder hat unterschiedliche Gewebeverträglichkeiten. Das Problematischere ist auch weniger die Lebendspende, sondern vielmehr die Organentnahme bei einem sterbenden (!) Menschen. Der Mensch ist nicht tot, er kann nicht tot sein, denn wenn er es wäre, könnte man die Transplantation nicht durchführen, weil dann schon der Gewebsverfall stattgefunden hätte. Wenn die sicheren Zeichen des Todes, wie Todesstarre, Todesflecken eingetreten sind, ist das Organ kaputt. Und deswegen muss man überlegen, warum man in den Sterbeprozess eingreift. Das haben sich die Menschen interessanterweise schon im Mittelalter überlegt beispielsweise bei Frauen, die bei der Geburt verstarben: wenn die Ärzte damals sahen, dass die Frau so weit über die Grenze ist, dass sie jetzt als fast tot zu bezeichnen war, schnitten sie schnell noch den Bauch auf, um das Kind rauszunehmen. Wer sich wirklich damit beschäftigen will, dem empfehle ich die Dissertation einer ehemaligen Krankenschwester zu lesen, Alexandra Manzei. Sie hat über zehn Jahre an einer Uni-Klinik hirntote Menschen gepflegt und auf die Organtransplantation vorbereitet. Als Krankenpfleger ist man noch viel näher dran an dem Patienten als der Arzt: man wäscht den Menschen, merkt, dass er warm ist, dass er zuckt und reagiert auf Kältereize und Geräusche, dass er u.U. Schmerzen empfindet. Wenn die Organe entnommen werden, wird der hirntote Mensch betäubt mit einer Beruhigungsmedikation. Wenn man sich das klar macht, ist das schon gruselig, weil die Organentnahme den Menschen dann tötet. Das kann ich mit meiner Rolle als Ärztin gar nicht vereinbaren, denn auch der Spender bleibt ja mein Patient, dem ich bis zum letzten Augenblick als Hüter und Bewahrer seiner Gesundung verpflichtet bin.
Die Organempfänger sollten wissen, dass das eine aktive Sterbehilfe ist, die durch die Hirntoddefinition zwangsläufig passiert. Wenn sie sich damit arrangieren können und das bejahen können, dann ist es gut. Aber ein Mensch, der leidvoll mit einer schweren Krankheit ringt und absehbar sterben wird, hat verständlicher Weise vordringlich vor Augen, dass er mit dem Spenderorgan leben kann. Es ist schwer, sich in einer solchen Situation auf die Wenns und Abers wirklich einzulassen. Trotzdem wollen die meisten potentiellen Organempfänger nichts mit kriminell und unfreiwillig erworbenen Organen zu tun haben.
Gesundheit ist ein sehr hoher Wert und insofern gibt es dabei auch Schattenbereiche, d. h. kriminelle Machenschaften, die die ganze Branche in Verruf bringen. Man muss sich auch die enorm hohen Kosten verdeutlichen, die die Solidargemeinschaft dann tragen muss für eine Transplantation und auch für die medizinische Versorgung danach. Ein lebertransplantierter Mensch kostet die Krankenkasse pro Jahr ca. 150.000.-EURO. Natürlich ist das gerettete Leben eines Menschen nicht mit Gold aufzuwiegen. Aber ich finde es wichtig, sich auch mit einer gewissen Nüchternheit diese Zahlen anzusehen, einfach um eine Ahnung davon zu bekommen, welche Interessenvertreter hier u.U. auch Einfluss nehmen wollen.

C. P.: Nach der schulmedizinischen Definition ist der Hirntod der Tod und alle Reaktionen sind Rückenmarksreflexe …

Dr. Herion: Da gehen die Meinungen auseinander. Wenn man unter dem schulmedizinisch-neurologischen Gesichtspunkt schaut, sind das dann Rückenmarksreflexe. Aber die Frage ist: Wie viel bekommt ein Mensch noch mit? Mein Hintergrund ist die Anthroposophie und von daher ist für mich der Mensch auch ein geistiges Wesen in einem physisch-körperlichen Gefäß. Wir machen es ja auch so, dass der Mensch nach dem Versterben drei Tage lang aufgebahrt wird, weil die Seele des Menschen um den Leib herum noch „webt und west“. Bei einem Komapatienten und einem hirntoten Patienten gehe ich davon aus, dass die Seele noch ein Stück dran und „drumherum“ da ist. Die Frage ist, ob wir wissen, was wir tun, wenn wir diesen Sterbeprozess aktiv beenden.
In der genannten Dissertation von Frau Manzei sind Statistiken zu lesen, wie lange Hirntote noch leben, wenn man die Maschinen abstellt: Die meisten sterben innerhalb von Stunden und Tagen, aber manche leben auch noch länger und in sehr seltenen Fällen wacht auch einer wieder auf; dann allerdings war die Diagnose eines Hirntodes rückblickend betrachtet falsch.

der Organspender war nicht tot, sondern befand sich in einem Sterbeprozess

C. P.: Was können Sie aus Ihrer ärztlichen Sicht über den Sterbeprozess bei einer Organentnahme sagen?

Fr. Dr. Herion: Ich hatte einmal die Gelegenheit dabei zu sein, als in unserem Kreiskrankenhaus ein verunfallter Mann eingeliefert wurde, dessen Angehörige sich zur Organentnahme entschieden hatten. In unserem kleinen OP wurde die Organentnahme vorgenommen, und es war für mich so lange eine ganz normale Operation, bis man die Kühlflüssigkeit einfließen ließ und dabei gleichzeitig das gesamte Blut in den Rinnstein abfließen ließ. Ich hatte das Gefühl: in diesem Moment starb dieser Mann; es war so, als ob das Wesenhafte aus ihm rausgehen würde und nur noch der Leichnam vor mir liegt. Es berührte mich sehr unangenehm, dass die Operateure den Tod dieses Menschen quasi aktiv herbeiführten. So jedenfalls habe ich es empfunden, und ich war damals noch nicht mit der Anthroposophie verbunden. Aus meiner heutigen Sicht auf diese Zusammenhänge war der Organspender nicht tot, sondern er befand sich in einem Sterbeprozess. Tot ist ein Mensch erst dann, wenn die Körpersubstanz zu zerfallen beginnt. Vorher verhindern dies seine Lebenskräfte. Und wir haben keine Ahnung davon, welche Konsequenzen das für diesen Menschen hat, für seine geistigen Hüllen, für sein nachtodliches Dasein und – wenn es denn welche geben sollte – für seine späteren Erdenleben.

C. P.: Ist das auch der Grund, warum Sie Ihren Organspendeausweis wieder in die Schublade zurückgelegt haben?

Dr. Herion: Ich habe das vor allem deshalb gemacht, weil ich denke, dass das Sterben und das Schicksal eines Menschen etwas sehr individuelles ist, und man muss sich sehr überlegen, ob man da eingreifen darf. Persönlich bin ich bei dieser Entscheidung ambivalent. Ich halte eine Organspende – und das geht jetzt in einen religiösen Bereich – für eine Opfertat. Wenn ich mich entschließe, für einen anderen Menschen etwas zu tun, selbst wenn ich die Konsequenzen nicht absehen kann, ist das eine Tat, die im Geistigen eine Wirkung hat. Für mich ist so ein Opfer ein christlicher Akt. Neulich wurde in der Presse das Ereignis beschrieben, dass ein dreijähriges Kind bei einem Kindergartenausflug in ein 25 Meter tiefes Loch gefallen ist. Die Erzieherin ist hinterher gesprungen und ich glaube, dass sie nicht wusste, dass sie in eine 25 Meter tiefe Röhre fällt. Sie hat also nicht gewusst, welche Konsequenzen das hätte haben können – sonst hätte sie es vielleicht nicht gemacht. Glückerweise ist es glimpflich für die beiden abgegangen. Aber sie hätten auch beide tot oder schwer verletzt sein können. – Ich will mit dem Hinweis auf dieses Ereignis vergleichend sagen, dass wir nicht wissen, was wir dem Spender und dem Empfänger antun, wenn wir Organe entnehmen und einpflanzen, jedenfalls nicht auf einer geistigen Ebene. Im Fall des Dreijährigen und der Kindergärtnerin haben vielleicht die Engel Schlimmeres verhütet, wenn man nicht an „Zufall“ glaubt. Ob was bei den zahlreichen Organverpflanzungen auch so verlässlich geschehen kann und wird, das weiß der Himmel. Es entbindet uns nicht von unserer Verantwortung.
Wir wissen nicht, welche Konsequenzen es hat, einem sterbenden Menschen ein Organ zu entnehmen und ihn damit aktiv zum Tod zu bringen – Konsequenzen für den Spender, den Empfänger und den Transplantierenden. Es ist ein Akt des Helfen-Wollens und das hat eine Qualität für sich. Aber was man aus guter Absicht tut, ist deswegen noch nicht gut. Unser Verantwortungsbereich geht über gute Absichten hinaus.

Jörgen Day
Jörgen Day

Interview mit Jörgen Day, Pfarrer der Christengemeinschaft

C. P.: Sie befassen sich schon sehr lang und intensiv mit dem Thema der Organtransplantation. Welche Wahrnehmungen haben Sie, wie und von wem das Thema in der Öffentlichkeit angegangen wird?

J. Day: In den letzten Jahren hat sich neben einer betroffenen Öffentlichkeit im Bereich der Fachmediziner eine differenziertere und kritische Haltung zum Hirntodkonzept ergeben. Es gibt mittlerweile eine breit aufgestellte, kritische Betrachtung der Hirntoddefinition: in dem Bericht des „President´s Council on Bioethics“ 2008, das ist die dafür verantwortliche Kommission in den USA; es gibt innerhalb der Publizistik ernst zu nehmende Beiträge, z. B. erschien in der „Beilage zu Politik und Zeitgeschichte“ vom 16. Mai 2011 eine ganze Serie zur Hirntodproblematik; im „Spiegel“ vom 13. Juni 2012 wird das Problem von der kriminellen Seite her beleuchtet; im „Flensburger Heft“ Nr. 115 vom Frühjahr 2012 gibt es kritische Betrachtungen, besonders das Interview mit Prof. Dr. Volker Fintelmann ist bemerkenswert; in der „Tagespost“, eine katholische Zeitung, steht im März 2012 ein Artikel mit dem Titel „Der Tod des Organs Hirn ist nicht der Tod des Menschen“. Auch von der Bundesärztekammer gibt es kritische Stellungnahmen, die Meinungen innerhalb der Ärzteschaft in Deutschland sind divergierend.
Neben dem, was wir an Hirntoddefinition haben, gibt es eine Definition des Todes vom wissenschaftlichen Beirat der Bundesärztekammer: „Der Tod ist die Desintegration des Körpers als Ganzem“. Das bedeutet, dass es nicht nur um die Desintegration eines Organs, also des Gehirns, geht, sondern um den gesamten Organismus.

C. P.: Welche Erscheinungsformen treten bei einem Hirntoten auf, die darauf hinweisen, dass der Mensch insgesamt nicht tot ist?

J. Day: Ich nenne dazu eine Reihe von Merkmalen, die Hirntote aufweisen: Das Herz schlägt auch ohne das impulsgebende Gehirn. Das Blut zirkuliert und erreicht fast alle Körperteile. In der Lunge wird das Blut mit Sauerstoff angereichert. Nahrung wird im Verdauungstrakt verwertet also ein umfassender Stoffwechsel findet statt. Das Blut wird gereinigt, Abfallstoffe werden in der Niere und Darm ausgeschieden. Das Immunsystem bekämpft eingedrungene Fremdkörper. Das Knochenmark produziert neue Blutkörperchen. Bei Kindern und Jugendlichen findet Wachstum statt und die Geschlechtsentwicklung setzt sich fort. Wunden heilen. Bei Männern kann es zu Erektionen kommen. Schwangere hirntote Frauen sind in der Lage, über Wochen und Monate ein Kind auszutragen; bis 2003 wurden 10 erfolgreiche Schwangerschaften dokumentiert.
Die Annahme, dass der Hirntod den Herzstillstand und die schnelle gesamte körperliche Desintegration bewirkt, ist durch 175 dokumentierte Fälle (bis 1998) widerlegt worden. Zwischen Hirntod und Herzstillstand kann eine Woche bis 14 Jahre liegen. Dann gibt es auch einzelne Fälle, bei denen nach der Diagnose Hirntod eine Wiederbelebung erfolgte und die ehemals Hirntoten heute quicklebendig leben. Wer sich dafür interessiert, kann sich unter dem Stichwort „Hirntod -Fehldiagnose“ oder unter dem Stichwort KAO (Kritische Aufklärung über Organtransplantation e.V.) im Internet informieren.

C. P.: Würden Sie aus diesen Gründen gegen Organentnahme plädieren?

J. Day: Nein, aber der Spender sollte wissen, was die Tat des Spendens beinhaltet. In der Regel wissen die Organspender das nicht. Dazu gehören wichtige Merkmale, die bei einer Organentnahme vorgesehen sind. Bei der Hirntoddiagnose wird der noch lebende Spender einem Testverfahren ausgesetzt, in dem das Ausreizen von starken Schmerzen vorgeschrieben ist, z. B. wird in die Nasenscheidewand gestochen, der Würgreflex wird ausgelöst, der Patient wird stark gekniffen und der Gehörgang wird mit eiskaltem Wasser gespült. Wenn man sich vorstellt, dass das jemand bewusst miterlebt, auch wenn er es nicht äußern kann, dann kommt das einer Art Folter gleich.
Es stellt sich auch die Frage: Warum, wenn man davon ausgeht, dass der Hirntod tatsächlich den Ganztod des Menschen bedeuten würde, werden dann Hirntote fixiert, bekommen Muskelrelaxantia und werden auch in vielen Fällen narkotisiert?

Da kommt der Begriff des Opfers hinein

C. P.: Aber welche Gründe würden dann für eine Organtransplantation sprechen!?

J. Day: Derjenige, der das alles weiß, kann sich frei entscheiden, diesen Weg zu gehen und das alles auf sich zu nehmen. Da kommt der Begriff des Opfers hinein. Wenn jemand sagt: Ich will das alles auf mich nehmen, weil ich über meinen Tod hinaus etwas Gutes tun will, dann kann man einen echten Opfertod sterben, um jemandem seine Organe zu geben. Das ist eine freie Entscheidung, aber sie ist nur insofern frei, als derjenige, der sich dieser Freiheit bedient, auch wirklich weiß, über was er entscheidet. Ich plädiere nur für saubere, umfassende Aufklärung – in das Problem: „Organspende ja oder nein“ habe ich mich nicht einzumischen. Das kann nur jeder individuell entscheiden.

C. P.: Und was bedeutet das alles für den Empfänger?

J. Day: Für den Empfänger ist es sinnvoll und notwendig, dass er weiß, unter welchen Umständen er ein Organ gespendet bekommt. Nicht, dass das aus der Anonymität, wie sie im Gesetz vorgeschrieben ist, herausfallen sollte, sondern dass auch er über die Prozedur des Ganzen informiert ist.

C. P.: Angenommen, man ist Organempfänger oder Spender, weiß um all diese Dinge, und fühlt sich dadurch belastet. Wie kann man damit umgehen?

J. Day: Als Spender kann ich mit der Gesinnung in den Tod gehen, dass ich das Bestmöglichste tue, um anderen Menschen zum Leben zu verhelfen. Das kann eine karmisch weit reichende Tat sein, die mich in den Bereich eines Opfertodes bringt. Man hat aus Freiheit das Leben gegeben.
Als Empfänger kann ich ein Gefühl der tiefen Dankbarkeit empfinden, auch wenn man nicht konkret weiß, wer für mich diesen Weg gegangen ist und das alles auf sich genommen hat, um mir dieses Organ zukommen zu lassen.

Menschen, die danach aufblühten

C. P.: Kennen Sie Menschen, die ein Organ erhalten haben und denen es damit gut geht?

J. Day: Durchaus! Ich kenne etliche Menschen, die etwa wegen einer Muskoviszidoseerkrankung eine neue Lunge bekommen haben und danach aufblühen. Ich kenne Menschen, die eine neue Niere (keine Lebendspende) bekommen haben und viele Jahre und Jahrzehnte glücklich leben können, weil sie von der Dialyse befreit waren. Das ist alles dank einer Medizintechnik möglich. Wie weit Menschen sich ihrerseits öffnen und das Gefühl der Dankbarkeit und Neubewertung des Lebens zulassen, ist eine andere Frage. Diese Frage ist nur zu lösen, indem man von den schwierigen Bedingungen weiß, wie man ein Organ bekommen kann und dadurch tiefer in der Seele berührt ist, als wenn man denkt: „Ich kriege irgendwoher eine Leber, und wenn sie abgestoßen wird, kriege ich die nächste von einem Anderen.“

C. P.: Kann die Bibel/die Religion bei der Antwort für oder gegen eine Transplantation helfen?

J. Day: Ja und nein. Im dritten Buch Mose, Kapitel 19, Vers 18 treten zum ersten Mal die Worte auf: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst.“ Das schließt ein, dass man eine Eigenliebe und ein Interesse für die eigene Biographie aufbringen soll, d. h. sich nicht zu einer Organspende verpflichtet fühlen muss.
In Lukas 10, Vers 27 wird das aufgegriffen, nur gibt es dann noch ein anderes Wort, das ist aus dem Johannesevangelium, „Niemand hat größere Liebe als der, der sein Leben hingibt für seine Freunde“. Nun muss man voraussetzen, dass Christus diese Worte zu den Jüngern sagte und sie damit als seine Freunde bezeichnet. Und im nächsten Vers spricht er dann: „Ihr seid meine Freunde, wenn Ihr tut, was ich Euch gebiete.“ Damit ist ausgesagt, dass es nicht um eine allgemeine Opfergesinnung überall und um jeden Preis geht, sondern um eine sehr gezielte Ausrichtung. Nun hat Christus ja sein Leben hingegeben und gewusst, in den sog. Leidensverkündungen wird das ja ausgesprochen, was auf ihn zukommt. Und das ist eine Tat, in der er es nach meiner Meinung in der Organtransplantation auch gehen sollte, dass man nämlich weiß, auf was man sich einlässt und es dann dennoch tut. Dann ist das ein christlicher und hoch zu achtender menschlicher Akt.