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Nachtmeerfahrten

Rüdiger Sünner zu seinem Film über Carl Gustav Jung

Rüdiger Sünner
Rüdiger Sünner

Anlässlich des 50. Todesjahres von Carl Gustav Jung präsentiert der Filmemacher Rüdiger Sünner einen Film über die Biographie und das Werk von Jung. „In vielen Mythen muss der Held eine „Nachtmeerfahrt“ durchmachen, in der er rätselhafte Wesen und gefährliche Situationen begegnet. Der Psychologe Carl Gustav Jung (1875-1961) ging selbst auf eine solche Entdeckungsreise und befragte die Welt der Symbole und Archetypen auf ihre Bedeutung für unser Leben. Wie sehen heutige Nachtmeerfahrten aus? Welche Gefährdungen liegen auf ihrem Weg und welche Potentiale? Was erzählt unsere „Anima“ und unser „Schatten“ dabei? Enthalten die Bilder des Unbewussten auch spirituelle Botschaften? Eine filmische Reise in die Biographie C. G. Jungs und in die wirkmächtige Welt der Mythen, Träume und Symbole.“ (Aus dem Vorspann des Filmes).
Am 26. Juni wird im Rudolf Steiner Haus der Film gezeigt. Im Anschluss daran findet ein Podiumsgespräch statt zu „C. G. Jung und Rudolf Steiner“ mit Dr. Wolf-Ulrich Klünker, Dr. Jörg Rasche, Rüdiger Sünner. Veranstalter sind Bau-Verein Hamburger Anthroposophen e.V. in Kooperation mit der C.G. Jung-Gesellschaft Hamburg e.V.

Interviewpartner: RÜDIGER SÜNNER, geb. 1953, Studium der Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie an der FU-Berlin, Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB)

Christine Pflug: Wie sind Sie zu dazu gekommen, über C. G. Jung einen Film zu machen? Haben Sie dafür persönliche oder auch biografische Gründe?

Rüdiger Sünner: Seit 30 Jahren beschäftige ich mich mit Jung, da mich als künstlerisch arbeitender Mensch und Filmemacher Begriffe wie „Urbild“ oder „Archetyp“ immer besonders interessiert haben.
Auch sonst hat Jung viel zu bieten: seine Reisen, die Auseinandersetzung mit afrikanischen, indianischen Mythen und der indischen Glaubenswelt; seine Suche nach einer westlichen Spiritualität auch in kritischer Abgrenzung zu fernöstlicher Religion, wo z.B. das Ich keine so große Rolle spielt wie bei uns.
Jungs Beschäftigung mit den „Wotanskräften“ der völkischen Begegnung interessierte mich natürlich vor dem Hintergrund meines Film-/Buchprojektes „Schwarze Sonne“ ganz besonders, auch seine problematischen Äußerungen zum Unterschied von „arischem“ und „jüdischem Unbewussten“, überhaupt zur Völkerpsychologie.

C. P.: Warum haben Sie als Titel dieses Zitat „Nachtmeerfahrten“ gewählt? Es gäbe ja noch andere Zitate, bzw. Aspekte von Jung …

Rüdiger Sünner: „Nachtmeerfahrten“ ist eine wunderbar vieldeutige Metapher: ursprünglich aus der ägyptischen Mythologie kommend (die Unterweltfahrt des Sonnengottes), verwendet Jung sie auch für den Verlauf psychischer Erkrankungen. Und auch sein eigenes Leben war vielfach eine Nachtmeerfahrt mit Krisen und Gefährdungen.
So spiegelt das Rote Buch eine Gratwanderung entlang einer psychotischen Gefährdung. Auch Jungs manchmal ambivalente – und daher später heftig kritisierte – Äußerungen während des Dritten Reiches umschreiben ebenfalls eine Art „Nachtmeerfahrt“.

C. P.: Welche Äußerungen während des Dritten Reiches waren das? Wie sehen Sie seine politische Position?

Öl ins Feuer der Nazis gegossen

Rüdiger Sünner: Jung hatte 1933, sechs Wochen nach der Bücherverbrennung, in einer Rundfunkrede den ganzheitlichen „germanischen Geist“ gegen das zersetzende Denken von Freud und Adler gerühmt und damit ein bekanntes antisemitisches Klischee („zersetzend“) wiederholt, also Öl ins Feuer der Nazis gegossen. Er kam mit völkerpsychologischen Differenzierungen („das arische Unbewusste hat ein stärkeres Potential als das jüdische“) in einer Zeit, als bereits Juden verfolgt und boykottiert wurden. Er war aber kein Nazi und auch kein Antisemit, trug nur – zu einem völlig unpassenden Zeitpunkt – noch einmal eine Fehde mit Freud aus, der ihn wohl auch gekränkt hatte.

abgründige Phantasien

C. P.: Was ist das „rote Buch“?

Rüdiger Sünner: Es ist ein Tagebuch voller intimer Träume und Visionen, das Jung jahrzehntelang geheim gehalten hat. (www.youtube.com/watch?v=w_o9CpIzX6Y). Erst 2009 wurde es von seinen Erben zur Veröffentlichung freigegeben.

C. P.: Warum hat C. G. Jung das so lange geheim gehalten?

Rüdiger Sünner: Vermutlich, weil so intime und abgründige Phantasien drin sind. Er wollte auch, dass jeder Patient sein eigenes Rotes Buch schreibt.

archetypische Gestalten

C. P.: Er spricht darin von Phantasien und Imaginationen. Was kann man sich darunter vorstellen?

Rüdiger Sünner: Im Roten Buch hat Jung all seinen Assoziationen freien Lauf gelassen, ohne jede Art von Zensur und Scham. Er stieß dabei auf Figuren, Bilder und Kraftfelder mit einem autonomen Leben, dem er zu folgen versuchte: Tagträume, archetypische Gestalten, aus denen Geschichten wurden, die auch in sehr dunkle Bereiche von Gewalt, Mord und Krieg führen. Aber auch zu heidnischen Götterfiguren, Gegenfiguren zu allem Christlichen. Möglicherweise hat er auch mit Kräften gerungen, die Steiner als Luzifer und Ahriman beschrieb.

„Nachtmeerfahrten“ auf den verschiedensten Ebenen

C. P.: Wie sehen heutige Nachtmeerfahrten aus?

Rüdiger Sünner: Heute finden „Nachtmeerfahrten“ auf den verschiedensten Ebenen statt: in persönlichen Krisen und Depressionen, in Filmen, Romanen, spirituellen Workshops, in der ganz persönlichen Odyssee, die viele Menschen heute durchmachen, die sich alleine durchschlagen müssen ohne Bindung an familiäre oder religiöse Sicherheiten. Der sensible Umgang mit den Stimmen und Symbolen, die aus unserem Unbewussten aufsteigen, kann hierbei ein Leitfaden im Dunklen sein – durchaus auch die Psychologie von C.G.Jung.

sich zum höheren Selbst bewusst durcharbeiten

C. P.: Hat Jung die westliche Spiritualität (nachhaltig) geprägt? Worin drückt sich das aus?

Rüdiger Sünner: Jung hat davor gewarnt, einfach fernöstliche Praktiken wie Yoga, Zen, Meditation etc. zu übernehmen. Für den Europäer – so glaubte er – gehöre auch die Auseinandersetzung mit seinem „Schatten“ dazu, auch der Kontakt zur Wissenschaft und Rationalität. Alchemie, Gralsmythen und Traumarbeit waren für Jung wichtige Instrumente zur Entwicklung einer westlichen Spiritualität, die nicht nur das Ich zugunsten irgendeiner diffusen Nirwanaerfahrung aufgibt, sondern sich zum höheren Selbst auch bewusst durcharbeitet.

Berührungspunkte zu Rudolf Steiner

C. P.: In der Podiumsdiskussion, die im Rudolf Steiner Haus im Juni stattfinden wird, werden Berührungspunkte zu Rudolf Steiner hergestellt. Worin sehen Sie diese?

Rüdiger Sünner: Jung und Steiner hegten zeitlebens große Wertschätzung z.B. gegenüber dem Hinduismus und Buddhismus, warnten jedoch gleichzeitig immer vor einer blinden Übernahme dieser Lehren in den Westen. Zwar konzedierten beide, dass Asien sich bis heute eine ganzheitliche Weltsicht bewahrt habe, die im einseitig auf Rationalität und Technik fixierten Europa längst abhandengekommen sei. Doch sie forderten dazu auf, eigene philosophische und spirituelle Traditionen zu reaktivieren, um diese Wunde wieder von innen zu heilen: „Es scheint mir, dass wir wirklich etwas vom Osten gelernt haben, wenn wir verstehen, dass die Seele genug Reichtümer enthält, ohne dass sie von außen befruchtet werden muss.“ (C.G.Jung: Gesammelte Werke, Solothurn und Düsseldorf 1995, Bd.11, 485)

nicht in die Leere des Nirwana flüchten

Rudolf Steiner argumentiert, dass man sich in der geistigen Geschichte des Westens richtigerweise immer mehr der materiellen Welt zugewandt habe, um Naturwissenschaften und Ichstärke zu entwickeln, beides höchstwichtige Elemente für folgerichtiges Denken und Handeln aus Freiheit. Daher sei es unzulässig, das irdisch-stoffliche Leben – wie im Orient üblich – als Verursacher von Leiden zu diffamieren und per Meditation in die Leere des Nirwana zu flüchten. Nicht sollten Ich und Denken abgeschafft werden, sondern sich zu mehr Kraft und Wahrnehmungsschärfe steigern, um illusionäre Aspekte der Realität zu durchstoßen und zu tieferen, auch ganzheitlicheren Ebenen zu gelangen.
Zudem habe in Europa das Christus-Ereignis stattgefunden, in dem sich eine hohe Wesenheit mitten ins Leben der Menschen hineinbegab, um deren Stofflichkeit, Zerrissenheit und Schmerz zu teilen. Dies war ein Jasagen zu Materie, Leid und individueller Existenz. Dieser „Christus-Impuls“ war für Steiner ein wichtiger und nicht mehr rückgängig zu machender Entwicklungsschritt, auch wenn er die Exzesse und Grausamkeiten der abendländischen Kirchengeschichte aufs schärfste verurteilte. Insofern gibt es hier auch interessante Berührungen zu C.G. Jung, der ja ebenfalls für den Westen eine Bewusstseinssteigerung durch historische, naturwissenschaftliche und christliche Errungenschaften fordert. (http://www.ruedigersuenner.de/dalai9.html)

Weitere Filme von Rüdiger Sünner:
Die Legende vom Nil (1991); Paul Klee in Ägypten
Der Nachlass (1994); Spielfilm mit Ernst Jacobi und Katrin Sass
Schwarze Sonne (1997); Mythologische Hintergründe des Nationalsozialismus
The Tree of Life (2004); Auf den Spuren von Dag Hammarskjöld in Lappland
Geheimes Deutschland (2006); Eine Reise zur Spiritualität der Frühromantik
Abenteuer Anthroposophie (2008); Rudolf Steiner und seine Wirkung
Das kreative Universum (2010); Naturwissenschaft und Spiritualität im Dialog