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Mystik und Widerstand

- zur Erinnerung an Dorothee Sölle

Interview mit Rüdiger Sünner, Filmemacher und Frank Hörtreiter, Pfarrer der Christengemeinschaft

Rüdiger Sünner
Rüdiger Sünner

 

Frank Hörtreiter
Frank Hörtreiter

„Mystik und Widerstand“ ist der Titel des neuen Films von Rüdiger Sünner über die evangelische Theologin Dorothee Sölle (1929-2003). Sie war nicht nur bekannt für ihr politisches und feministisches Engagement, sondern beschäftigte sich auch zeitlebens mit den großen Mystikern. Als zeitgemäße Spiritualität konnte sie sich nur eine individuelle Gotteserfahrung jenseits von blind übernommenen Traditionen vorstellen. Mystik und Widerstand, so Sölles Entdeckung, müssen keine Gegensätze sein: gerade die Erfahrung des „göttlichen Funkens“ kann ein Impuls für soziales und politisches Engagement werden.

Am 13. April wurde der Film im Rudolf Steiner Haus gezeigt. Im Anschluss fand ein Podiumsgespräch statt, das an Sölles Zitat anknüpft „Die Religion des 3. Jahrtausend wird mystisch sein oder absterben“. TeilnehmerInnen waren Dr. Jörg Ewertowski (Anthroposophische Gesellschaft), Pastor Thomas Hirsch-Hüffell (Gottesdienstinstitut der Nordkirche), Pfarrer Frank Hörtreiter (Christengemeinschaft), Rüdiger Sünner, Bischöfin i.R. Bärbel Wartenberg-Potter (Nordkirche). Moderation: Pastor Ulrich Hentschel (Evangelische Akademie). Veranstalter: Rudolf Steiner Haus zusammen mit der Christengemeinschaft Hamburg, dem Gottesdienstinstitut der Nordkirche und der Evangelischen Akademie der Nordkirche.

Interviewpartner: RÜDIGER SÜNNER, geb. 1953, Studium der Musikwissenschaft, Germanistik, Philosophie an der FU-Berlin, Studium an der Deutschen Film- und Fernsehakademie Berlin (DFFB)

Christine Pflug: Was hat Sie dazu gebracht, den Film über Dorothee Sölle zu machen?

Rüdiger Sünner: Ich war fasziniert über diese mutige, vollkommen eigenständig denkende Theologin und Dichterin, die Spiritualität und politisches Engagement zu verbinden wusste.

C. P.: Welche Eigenschaften von Dorothee Sölle haben Ihnen persönlich am meisten imponiert?

R. Sünner: Neben dem oben erwähnten Mut ihre poetische Sprachkraft, die das Unsagbare hinter dem Begriff „Gott“ in Metaphern, Versen und Geschichten zu umkreisen versuchte. Ich bewundere ihre Weite in der Akzeptanz anderer Formen von Spiritualität (Sufismus, Judentum, Buddhismus, indianische Spiritualität etc.) Außerdem war sie eine Frau von persönlicher Bescheidenheit und Uneitelkeit.

C. P.: Dorothee Sölle sagte: „Die Religion des 3. Jahrtausends wird mystisch sein oder absterben“ – was meinte sie damit?

R. Sünner: Seltsamerweise scheinen sich die Mystiker der verschiedenen Weltreligionen oft besser verständigen zu können als die Orthodoxen, die gerne die Überlegenheit ihres Gottes ins Feld führen. Vielleicht ist das so, weil die Mystiker den Gottesbegriff offener lassen und mehr an individuelle Erfahrungen binden, als an festgeschriebene Dogmen. Fundamentalistische Positionen, womöglich noch in Bezug auf einen patriarchalisch verstandenen, alles wissenden und alles regierenden Gott werden im 3. Jahrtausend wohl keine Zukunft mehr haben, aber auch nicht eine rein pragmatische Religion ohne jede Spiritualität. Der mystische Weg – wie ihn Dorothee Sölle ausgiebig erforscht hat – bietet vielleicht eine Alternative.

C. P.: Im Anschluss an die Vorführung Ihres Filmes im Hamburger Rudolf Steiner Haus fand eine Podiumsdiskussion statt. Was waren die haupttsächlichen Aussagen und Ergebnisse dieser Diskussion?

R. Sünner: Wichtig war, dass sowohl Anthroposophen als auch Vertreter der evangelischen Kirche jenseits ihrer Glaubensannahmen zunächst einmal Respekt vor der Persönlichkeit Sölles bekundeten. Beide Seiten schätzen ihren unbedingten Freiheitswillen und ihre individuelle, unabhängige Spiritualität. Ein wichtiges Ergebnis war auch, dass über so eine Persönlichkeit Gruppen in einen Dialog kommen können, die sonst nicht so nahe beieinander stehen. Divergenzen gab es sicher in der Frage nach dem Leben nach dem Tod.

CREDO

ich glaube an gott
der die welt nicht fertig geschaffen hat
wie ein ding das immer so bleiben muss
der nicht nach ewigen gesetzen regiert
die unabänderlich gelten
nicht nach natürlichen ordnungen
von armen und reichen
sachverständigen und uniformierten
herrschenden und ausgelieferten

ich glaube an gott
der den widerspruch des lebendigen will
und die veränderung aller zustände
durch unsere arbeit
durch unsere politik

ich glaube an jesus christus
der recht hatte als er
„ein einzelner der nichts machen kann“
genau wie wir
an der veränderung aller zustände arbeitete
und darüber zugrunde ging
an ihm messend erkenne ich
wie unsere intelligenz verkrüppelt
unsere fantasie erstickt
unsere anstrengung vertan ist
weil wir nicht leben wie er lebte
jeden tag habe ich angst
dass er umsonst gestorben ist
weil er in unseren kirchen verscharrt ist
weil wir seine revolution verraten haben
in gehorsam und angst
vor den behörden

ich glaube an jesus christus
der aufersteht in unser leben
dass wir frei werden
von vorurteilen und anmaßung
von angst und hass
und seine revolution weitertreiben
auf sein reich hin

ich glaube an den geist
der mit jesus in die welt gekommen ist
an die gemeinschaft aller völker
und unsere verantwortung für das
was aus unserer erde wird
ein tal voll jammer hunger und gewalt
oder die stadt gottes
ich glaube an den gerechten frieden
der herstellbar ist
an die möglichkeit eines sinnvollen lebens
für alle menschen
an die zukunft dieser welt gottes

amen.

Dorothee Sölle / Fulbert Steffensky (Hg.): Politisches Nachtgebet in Köln. Bd. 1. Stuttgart: Kreuz / Mainz: Grünewald 51971, S. 26-27

Christine Pflug: Wie war Dorothee Sölles Verhältnis zur Anthroposophie? Gab es überhaupt Berührungspunkte?

Frank Hörtreiter: Bisher kenne ich keine Hinweise auf Dorothee Sölles Verhältnis zur Anthroposophie oder zur Christengemeinschaft. Ich halte es aber für ausgeschlossen, dass sie gar nichts davon gewusst haben soll; dazu war sie viel zu gebildet. Vielleicht gibt es für sie mehr Berührungspunkte, als sie selber wusste. Aber ihr „politisches Nachtgebet“, ihre oft spontan und individualistisch geprägte Frömmigkeit hat sie wohl gehindert, eine so systematisch ausgebildete Weltsicht wie die der Anthroposophie (besonders auch die Lehren von der Weltentwicklung und dem Leben nach dem Tode) intensiver zu studieren. Und die Gottesdienste der Christengemeinschaft sind ja derart kultisch geprägt, dass sie ihr wohl kaum sehr nahekommen konnten.
Immerhin: zu Lehr-Verurteilungen neigte sie kein bisschen; ihre Leidenschaft galt eher der sozialen Gerechtigkeit. Ob sie dies in der Anthroposophie wiederfinden konnte? Ich weiß es nicht. Ich meine aber, dass dies soziale Engagement der Anthroposophie nicht fremd ist.

C. P.: Und umgekehrt: Was bedeuten für Sie – als Pfarrer der Christengemeinschaft und als Anthroposoph – Sölles Impulse, Beiträge? Bereichert sie z. B. die Christengemeinschaft in irgendeiner Weise?

F. Hörtreiter: Zunächst einmal ganz subjektiv geantwortet: Dorothee Sölle hat in großartiger Weise den leidenden, besonders den mitleidenden Christus vielen Menschen nahebringen können. Ich bin jedem Menschen dankbar, der diese spirituelle Sicht des gegenwärtigen Menschenbruders vermitteln kann und dem oft allzu furchteinflößend erscheinenden Gotte gegenüberstellt.
In der Zeitschrift „Die Christengemeinschaft“ hat es mehrere Beiträge gegeben, in denen Sölles lebendige Frömmigkeit dankbar beschrieben wird. Es ist wichtig, dass die Christengemeinschaft keinen anderen Christen ausgrenzt, bloß weil er „nicht zu uns gehört“. Nicht nur „bei uns“ gibt es Christen – Gott sei Dank. Ich war auch froh, dass Jörg Ewertowski und ich das Podium nicht missbraucht haben, um Dorothee Sölle zu vereinnahmen. Es ist doch eine gute Sache, wenn man sich über jemanden freuen kann, der eigenständig, ehrlich und ohne Selbstbezogenheit sein Christentum zu leben versteht. Wir können froh sein, dass sie so eine mutige und undogmatische Christin gewesen ist, und dass sie die gegenwärtige Passion Christi so intensiv zu erleben und anderen zu schildern wusste. Rüdiger Sünners ruhig und bildstark gemachter Film hat das gut herausgebracht.

C. P: Sie spricht von Mystik. Was versteht sie darunter? Was versteht Rudolf Steiner darunter?

F. Hörtreiter: Da gibt es zunächst den Gegensatz, den Dorothee Sölle zwischen Mystik und kirchlicher Dogmatik sieht. Das persönliche Erleben kommt für sie zuerst. Hierin ist sie Rudolf Steiner durchaus verwandt: In dem gedankenstarken Vorwort zu seiner Schrift „Die Mystik im Aufgange des neuzeitlichen Geisteslebens“ (1901) hat er die Mystik in eine Parallele zu den Entdeckern und Erfindern, zu den eigenständigen religiösen Denkern gestellt, die sich nicht dogmatisch vereinnahmen lassen und dadurch – wie Dorothee Sölle – als Ketzer verdächtig machen. Doch gibt es zumindest im Stil einen auffälligen Gegensatz zur Anthroposophie und Christengemeinschaft: Dorothee Sölles Mystik ist oft poetisch ausgedrückt; Steiner geht da eher methodisch vor. Das wäre der vor einem Jahrzehnt verstorbenen Theologin vielleicht fremd erschienen. Und die Christengemeinschaft unternimmt ja das Wagnis, einen in sich ruhenden, aus der religiösen Vertiefung immer lebendiger werdenden Kultus zu pflegen: Er ist äußerlich unveränderbar, aber gewinnt an Stärke durch das gemeinsame Beten. Diese Beständigkeit braucht keine festgeschriebene Dogmatik und keinen seit dem Weltbeginn unveränderbaren Heilsplan; sie lässt den Glauben völlig frei. Ich nehme an, dass die Glaubensfreiheit der Christengemeinschaftsmitglieder und die Lehrfreiheit der Pfarrer ihr gefallen hätte. Jedenfalls: dass es Dorothee Sölle als christliche Persönlichkeit gibt, löst in mir Dankgefühle aus.“