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„Meine künstlerische Muttersprache ist nun mal der Mensch“

Über den Künstler Ernst Barlach

Vor 150 Jahren wurde Ernst Barlach in Wedel geboren. Gerade in Norddeutschland und speziell in Hamburg hat er seine künstlerischen Spuren hinterlassen, z. B. im Barlach-Haus im Jenisch-Park, im Ernst Barlach Museum in Wedel, die Barlach-Stele in der Nähe des Jungfernstiegs. Barlachs Arbeiten setzen sich mit dem Menschen, seinen Lebensbedingungen und seinen Haltungen zum Leben auseinander. Es sind vor allem seine markanten Holzplastiken und Bronzen, seine „Gestalten auf der Bühne des Menschseins“, die einen starken Eindruck erwecken.
(Dieser Artikel enthält u. a. Auszüge aus einem Vortrag von Jörg Kirschmann, Pfarrer der Christengemeinschaft in Lübeck, der im August dieses Jahres einen Vortrag über Ernst Barlach in der Michaels-Kirche in Blankenese hielt.)

Ernst Barlach erblickte am 2. Januar 1870 das Licht der Welt. Er ist der älteste Sohn des Arztes Georg Barlach (1839–1884) und dessen Frau Johanna Louise.

Er erlebte seine Jugend als Sohn eines Arztes in den engen Grenzen einer Kleinstadt. Ernsts Vater praktizierte als Arzt in Schönberg in Mecklenburg (1872) und wechselte im Jahr 1876 für eine neue Anstellung nach Ratzeburg.

Als Ernst 14 Jahre alt war, starb der Vater. Die Mutter war fortan die wichtigste Person. Sie hatte auch in seinem weiteren Leben eine dominierende Rolle – viele Jahre bis zu ihrem Tod 1920 führten sie einen gemeinsamen Haushalt.

Bereits in sehr jungen Jahren begann Barlach sich literarisch und gestalterisch zu betätigen.

„Der Mensch wird, nicht ist …“

Von 1888 bis 1891 besuchte er die Kunstgewerbeschule Hamburg, worauf ein Studium an der Kunstakademie in Dresden folgte, die er 1895 erfolgreich abschloss.
Er tat sich schwer mit dem akademischen Stil, er sehnte sich danach, Leben zu erfassen, wo es am “leidenschaftlichsten quillt“: „Der Mensch wird, nicht ist … Unser Sein ist nichts als eine Quelle, aber unser Leben ein Strom des Werdens; und kein Ziel, immer neues Werden …“

1906 erlebte die Geburt seines geliebten Sohnes Klaus in Berlin, für den er in einem Rechtsstreit das alleinige Sorgerecht gewann.

Ein entscheidendes Erlebnis kam im selben Jahr mit einer Russlandreise auf ihn zu. Auf seiner Reise durch das große Land begegneten ihm die facettenreiche russische Landschaft und das bunte russische Bauerntum. Beides prägte später seinen Stil und die Art und Weise, wie er von dort an seine Skulpturen gestaltete. U.a. die ›Russische Bettlerin mit Schale‹ entstand unmittelbar nach seiner Rückkehr aus Russland und wurde 1907 auf der Frühjahrsausstellung der Berliner Sezession gezeigt.

Nach der Einberufung zum Landsturm im Jahr 1915 war eines seiner Hauptthemen der Erste Weltkrieg.

Barlach blieb seinem bescheidenen Leben der Kleinstadt treu.

Die Bildhauerin Marga Böhmer wurde 1927 nach der Trennung von ihrem Mann, dem Kunsthändler Bernhard A. Böhmer, Barlachs Lebensgefährtin. Sie begleitete ihn bis zu seinem Tod und sorgte darüber hinaus für den Nachlass.

Bereits Ende der 1920er Jahre diffamierten ihn völkisch-nationalistische Kreise wegen seiner öffentlichen Mahnmale zu Ehren der Toten des Ersten Weltkriegs. Barlachs scharfe Kritik am NS-Regime ist in zahlreichen Briefen dokumentiert, doch auch eine Geste der Zustimmung ist überliefert: Er bekundete seine Gefolgschaft zu Hitler am 19. August 1934. Das brachte ihm eine nachhaltig ambivalente Beurteilung und Positionierung bei der Betrachtung seines Gesamtwerkes und seines Lebens ein.

Verunglimpfung seiner Kunst

1937 kam es zur Verunglimpfung seine Plastiken in der Ausstellung Entartete Kunst, seine Werke wurden aus den öffentlichen Ausstellungen entfernt und er bekam Ausstellungsverbot. Auch seine Stücke wurden verboten, und er musste aus der Akademie der Künste austreten.

Das Original seines Werkes „Der Schwebende“ wurde aus dem Güstrower Dom entfernt und im Rahmen der „Metallspende des deutschen Volkes“ eingeschmolzen. In diesem „Schwebenden Engel“, (siehe Seite 11) so hatte Barlach seine überlebensgroße Bronze genannt, kann man eine intensive Auseinandersetzung mit der Schwere, in gewisser Weise deren Überwindung und in der Zerstörung die ganze Tragik seines Lebens sehen. Barlach dazu, ein Jahr vor seinem Tod: „Nun ist mein Engel nicht mehr. Jetzt ist auch meines Bleibens nicht mehr“.

Ernst Barlach starb am 24. Oktober 1938 in Rostock an einem Herzinfarkt, ein knappes Jahr vor Ausbruch des 2. Weltkrieges. Er wurde kurz darauf in Ratzeburg beigesetzt.

Zu seinem Werk

Barlach ist weit über seinen schleswig-holsteinischen Ursprung und seine Wahlheimat Mecklenburg bekannt. Er war keineswegs nur plastischer Künstler, sondern auch Zeichner, Grafiker und nicht zuletzt Schriftsteller und Dramatiker – “Eigentlich schreibe ich genauso gern, als dass ich Bildhauer bin.“ Er ist mit seinen Werken zwischen Realismus und Expressionismus angesiedelt.

Bei seinen Skulpturen tritt die Form zurück, um sich ganz dem seelischen Ausdruck unterzuordnen. Den Weg zur Gestaltung seiner Formen beschreibt Barlach so: „Zaghaft fing ich an, wegzulassen, was nicht zur Kraft einer Figur beitrug.“

Diether Rudloff (*1926 Kiel – 1989), ein anthroposophischer Kunsthistoriker schreibt über das Werk Barlachs: „Und seine Gestalten kreisen unaufhörlich um die geheimnisvolle Frage nach dem Wesen des Menschen; sie scheinen eingekerkert in die dunkle Materie, sie lösen sich kaum aus den Banden der nächtlichen Mutter Erde

eine wahrhaft erlebte und erlittene Kunst

… eine wahrhaft erlebte und erlittene Kunst in ganz persönlicher Weise, eine solche, auf die schon fast der herkömmliche Name ‘Kunst‘ nicht mehr ganz zutreffend erscheint.“

ein „Jahrmarkt mit metaphysischem Anspruch“

Für Gunnar Decker, den Autor der Barlach-Biografie ¹, sind Barlachs Gestalten (sowie seine Dramen und bildhauerischen Werke) ein „Jahrmarkt mit metaphysischem Anspruch; dabei mit höchsten Weihen für das im bürgerlichen Sinne Niedere“.

„Barlachs Figuren… sind auf erdnahe Weise einfach – und weisen dennoch auf eine metaphysische Dimension hin, die sie in sich tragen. Sie transzendieren! Barlach weiß, dieser doppelte Blick, den er hier in Material zu formen beginnt, birgt etwas Entscheidendes, das seine Arbeit bislang entbehrte: die Wucht des Menschlichen, die über sich hinaustreibt und allein durch die Form des Werks wieder eingebunden wird. So bildet sich die innere Spannung jener Figuren, an denen er nun (nach der Russlandreise, Anm. d. Red.) arbeitet. Barlach dazu: ›Ich habe nichts verändert von dem, was ich sah, ich sah es eben so, weil ich das Widrige, das Komische und (ich sage es dreist) das Göttliche zugleich sah‹“ (Gunnar Decker / Ernst Barlach S. 83).

Materielle Not und religiöse Hingabe, Betteln und Beten scheinen nicht mehr unterscheidbar.

Besonders nach der Russlandreise durchziehen Hungernde, Alte, Versehrte und Bettler*innen das bildhauerische und grafische Werk Ernst Barlachs. Das Schöne ist für Barlach nicht leicht, es ist schwer. Seine Figuren zeigen, dass auf materielles Auskommen, Gesundheit, geistige Kräfte kein Verlass ist. Gleichzeitig gehören sie wie einer spirituellen Sphäre an – materielle Not und religiöse Hingabe, Betteln und Beten scheinen nicht mehr unterscheidbar. Die Figuren drücken aus: Das Betteln wird geadelt!

Ernst Barlach schreibt in einem Brief an Vetter Karl: „meine Lieblingsthemen: Bettler, Beter, mit ihrem Nichts vor dem Tiefsten und Höchsten“

Diese scheinbaren Widersprüchlichkeiten beschäftigen ihn fortan, was er auch in seinen Skulpturen zum Ausdruck bringt. Die „Bettlerin mit Schale“ ist eine Menschengestalt mit massigem Körper, gleichzeitig einer ungeheuren Präsenz. Die Bettler*innen sind in ihrer Bedürftigkeit auf andere angewiesen, andererseits keine gebrochenen Menschen.

höllisches Paradies oder paradiesische Hölle

Barlach dazu: „ … nein, die unerhörte Erkenntnis ging mir auf, die lautet: Du darfst alles Deinige, das Äußerste, das Innerste, Gebärde der Frömmigkeit und Ungebärde der Wut, ohne Scheu wagen, denn für alles, heiße es höllisches Paradies oder paradiesische Hölle, gibt es einen Ausdruck, wie denn in Russland eines oder beides wirklich ist. Da sieht dann das Geistesauge die in den Himmel ragenden Gestalten, deren verklärte Formen die Erfüllungen der drängenden Sehnsüchte darstellten, aus der Tiefe, die Antwort auf die Gebete eines ganzen Lebens, die Entpuppung des Geistes aus der Irdischkeit, die Gestalt der Steppe als Seele“

Barlach notiert dazu am 8. August 1911 in einem Brief […]: ›Tatsächlich ist mir seelisch der russische, der asiatische Mensch, der nur mystisch zu verstehen ist, verwandter als der typisch gebildete Zeitgenosse. Das Phänomen Mensch ist auf quälende Art von jeher als unheimliches Rätselwesen vor mir aufgestiegen. Ich sah am Menschen das Verdammte, gleichsam Verhexte, aber auch Ur-Wesenhaft, wie sollte ich das mit dem landläufigen Naturalismus darstellen!‹. Die Menschen, die Barlach zeigt, sind weder erlöst noch verdammt, sie befinden sich in einem spannungsreichen Zwischenzustand. Bestenfalls sind sie auf dem Weg der Erlösung, die nicht aus ihnen selbst kommen kann, aber die sie auch nicht von einem transzendenten Gott erwarten“ (Gunnar Becker ¹ / Ernst Barlach S. 11 f.).

Seine Arbeit ist außen wie innen: Form und Inhalt decken sich auf’s genaueste.

Käthe Kollwitz, die mit Barlach künstlerisch und freundschaftlich verbunden war, sagte über sein Werk:

„Wenn ich mich frage, worauf der starke Eindruck beruht, den Barlachs Arbeiten auf mich machen, so glaube ich, ist dies, wie er es selbst einmal formuliert hat: Es ist innen wie außen. Seine Arbeit ist außen wie innen: Form und Inhalt decken sich auf’s genaueste. Nirgends fällt etwas auseinander, nirgends ist Füllsel. Was er aus sich herausstellt, alles seinige, das zusammen, dies ist das Überzeugende in seiner Arbeit.“

Gunnar Decker ¹ „Ernst Barlach, Der Schwebende“ Eine Biographie

(Text: Christine Pflug)