Willkommen auf der Seite für Adressen, Veranstaltungen und Berichte aus Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage im Raum Hamburg

Das aktuelle hinweis-Magazin zum Herunterladen

Magazin herunterladen

Hier geht es zu den aktuellen Veranstaltungen

Mehr erfahren

Mann und Frau, Liebe – Macht und Ohnmacht Teil I und II

Vortrag von Frau Dr. med. Michaela Glöckler

Michaela Glöckler
Michaela Glöckler

Was macht heute eine gute Beziehung zwischen Mann und Frau aus? Was ist eigentlich Menschlichkeit und welche Rolle spielt die Liebe dabei? Inwiefern ist dieses Mann-Frau-Spannungsfeld (un-)geeignet, Menschlichkeit zu entwickeln? Diese Fragen gehören zu den wichtigsten Themen unserer Zeit, und Michaela Glöckler beleuchtete sie in ihrem Vortrag unter verschiedenen Gesichtspunkten. Vor allem ging sie dabei auf die konstitutionellen Unterschiede zwischen Mann und Frau, auf heute wichtige Beziehungsqualitäten und die spirituellen Dimensionen ein.
Der Vortrag wurde gehalten am 4. November 2009 im Rudolf Steiner Haus und veranstaltet von ZeitZeichen für Kunst und Kultur e.V. und dem Bernard Lievegoed Institut.

Michaela Glöckler, Dr. med. geb. 1946; Studium der Medizin mit anschließender Weiterbildung zur Kinderärztin am Gemeinschaftskrankenhaus in Herdecke und der Universitätskinderklinik in Bochum. Zehnjährige Kinder- und schulärztliche Praxis. Seit 1988 Leitung der Medizinischen Sektion am Goetheanum, Freie Hochschule für Geisteswissenschaft, Schweiz.

Die Themen „Mann“, „Frau“, „Liebe“, Macht und Ohnmacht“ sind Bereiche, zu denen jeweils alleine sehr viel zu sagen wäre. So will ich zumindest andeuten, in wie weit sie sich aufeinander beziehen. Man hat Rudolf Steiner immer vorgeworfen, er hätte das Thema „Sexualität“ ausgespart: Als ich jedoch daraufhin die digitale Fassung der Gesamtausgabe durchschaute, war ich erstaunt, wie viel er dazu gesagt hatte – demnach wurde dies nur nicht zur Kenntnis genommen und genügend aufgearbeitet.
Die großen Fragen, wenn wir uns der menschlichen Konstitution nähern, beziehen sich nicht nur auf „Mann – Frau“, sondern auch auf: Was ist menschlich – human – und was ist unmenschlich? Das interessiert heute zunehmend. Bezüglich der Humanisierungs- oder Dehumanisierungstendenz halten sich die Geschlechter die Waage. Man kann nicht sagen, dass das eine Geschlecht humaner sei als das andere, zumal die Äußerungen inhumaner Verhaltensweisen und Ausdrucksformen im männlichen und weiblichen Kontext sehr unterschiedlich sind.

… damit die Gesellschaft nicht dehumanisiert

Diese Fragen „was ist eigentlich Menschlichkeit und welche Rolle spielt die Liebe dabei?“ und „inwiefern ist dieses Mann-Frau-Spannungsfeld (un-)geeignet, Menschlichkeit zu entwickeln?“ gehören zu den wichtigsten Themen unserer Zeit. Mich hat es im vergangenen Jahr sehr berührt, als die UNO-Behindertendeklaration verabschiedet wurde und darin immer wieder auftauchte, dass die Behinderten die gleichen Rechte haben müssen wie die Nicht-Behinderten, und zwar aus einem ganz zentralen Grund: Man braucht sie, damit die Gesellschaft nicht dehumanisiert. Sie leisten einen entscheidenden Beitrag zur Vermenschlichung der Gesellschaft. Diese Qualität ist beispielsweise unabhängig von der Geschlechtlichkeit.

Was nennen wir human?

Ich möchte im Sinne der paracelsischen Medizin „das Pentagramma Mensch“ aufzeichnen (siehe Zeichnung auf S. 7); das zeigt 5 Aspekt der Menschlichkeit auf.

In der Medizin gibt es fünf kardinale Wege zur Erkrankung und fünf kardinale Strategien zur Gesundung. Und das hängt mit den verschiedenen Schichten und Wesenseigenschaften unseres Menschseins zusammen.

die körperliche Ebene

Die erste Schicht ist das physische Alter, die körperliche Verfassung und auch der ganz klare Unterschied von der männlichen und weiblichen Konstitution. Wir durchlaufen alle dieselben Lebensalter, aber auf der körperlichen Ebene sind wir einfach verschieden. Das ist auch – nebenbei gesagt – einer der Gründe, warum Menschen immer wieder und ganz von alleine auf den Wiederverkörperungsgedanken kommen: Es wäre eine horrende Ungerechtigkeit, wenn man nur einmal leben würde und dann auf das Mann- oder Frausein beschränkt wäre – und von der anderen Hälfte des Menschseins keine Ahnung hätte. Also mindestens muss man zweimal leben! Und wenn man das dann schon eingesehen hat, wird einem klar, dass davon einmal auch nicht ganz reicht.
Die physische Ebene ist als Instrument der Seelen- und Geistestätigkeit altersabhängig entwickelt. Jeder physische Leib braucht zu seinem Alter eine jeweils passende Umgebung. Das ist ein Feld der Lebenserfahrung in Gesundheit und Krankheit, was durch diese Faktoren festgelegt ist.

die Lebensebene

Ganz anders verhält es sich auf der Lebensebene: da finden Selbstheilung und Selbstregulation statt. Hier ist alles im Fluss und im Prozess, es herrschen fortwährender Auf- und Abbau, Rhythmen, die alles in Bewegung halten. Alles, was mit Üben, Charakter- und Gewohnheitsbildung zusammenhängt, alles was man nur durch tägliches Leben und Erleben erfährt und lernen kann, gehört in diese Schicht.

die Ebene der Beziehung

Eine dritte Schicht ist die der Beziehung. Da kommen wir bereits in die Innerlichkeit und in das seelische Erleben. Wenn wir die Augen schließen und in diesen Innenraum hören, gehen andere Räume auf. Wenn die öde und leer sind, d. h. das seelische Leben unterentwickelt ist, hält es der Mensch nicht aus und wird in der Regel aggressiv, wütend, überbeschäftigt oder zieht sich deprimiert zurück. Im krassen Fall zieht man sich wie ein Stein in sich zusammen und geht nicht mehr aus dem Bett.
Wir haben heute die Situation, dass die seelische und körperliche Reifung stark auseinanderklaffen. Manche Jugendliche sind körperlich altersentsprechend oder sogar verfrüht entwickelt und sind seelisch beispielsweise auf dem Stand eines Acht- bis Zehnjährigen. Das schafft Konfliktstoff für Beziehungskrisen und für Probleme, weil es eine Weile braucht, bis man merkt, dass in einer voll entwickelten Menschengestalt eine unterentwickelte, oft auch kleinkindhaft narzisstische Seelenkonfiguration steckt.

… was eine gute Beziehung ausmacht

Die Beziehungsforschung weiß inzwischen, wie wichtig die Beziehung ist und was eine gute Beziehung ausmacht; man kann mit den Methoden der heutigen Wissenschaft auch messen, wie ehrlich eine Beziehung ist oder wie stark Denken, Fühlen und Handeln auseinanderklaffen. Gerade junge Menschen sind enorm sensibel, ob ein Mensch kongruent ist; laut Umfragen halten sie Ehrlichkeit zu 80% für das wichtigste Kriterium in einer Beziehung.

… Interesse

Das zweite wichtigste Kriterium, was man bei dieser Umfrage festgestellt hat, ist das Interesse für den anderen. Es muss ein liebevolles Interesse sein. Wenn es egoistisch oder besitzergreifend ist, fördert das nicht die Beziehung. Wenn man sich wirklich für den anderen interessiert und nicht nur für sich selbst, indem man sich am anderen genießt, den anderen benützt, sich an ihm spiegelt – man meint, man liebt den anderen und merkt gar nicht, wie man sich nur selbst gut findet – , umso besser ist das für die Gefühle in der Beziehung.

… Respekt

Das dritte Kriterium, das ist bei jungen Menschen heute auch hoch im Kurs, ist der Respekt vor dem anderen. Dieser zeigt sich daran, wie man die Autonomie des anderen achtet. Man kann schon bei Erwachsenen erkennen, wie sie ein Kind im Arm halten: Geben sie Stütze, damit das Kind so da sein kann, wie es will, oder genießen sie den „Besitz“? Wenn man einen anderen beansprucht, ohne dass er sein Einverständnis gegeben hat, ist das eine Grenzverletzung. Solche passieren nicht nur im sexuellen Übergriff oder bei körperlicher Gewalt, sondern auch im Verbalen oder Emotionalen, auch im Denken und in der inneren Haltung eines Menschen dem anderen gegenüber. Das alles aufzuspüren und darin sensibel zu werden ist die hohe Schule des Respekts. Je mehr man sich selbst dabei kritisch betrachtet, stellt man fest, wo man überall übergriffig ist.
Die Wissenschaftler sind sich einig: je ehrlicher und respektvoller, je mehr von liebevollem Interesse geprägt, umso besser ist eine Beziehung.
Daran kann man sehen, wie viel von diesem allgemein-Menschlichem hereinstrahlt in die Beziehungskultur von Mann und Frau. Respekt, Ehrlichkeit und Interesse sind enorm wichtig, aber dort besonders schwer, weil man so verschieden ist. Aber je mehr man diese konstitutionellen Verschiedenheiten begreift, umso besser lässt sich damit umgehen.

was von der Wesenheit des Menschen ausstrahlt

Die letzte Wesensschicht ist die Person – „personare“ heißt „durchtönen“. Es ist das, was von der Wesenheit eines anderen Menschen wirklich ausstrahlt, wofür die Seele und der Körper wirklich durchlässig sind. Besonders bei Kindern merkt man: Wenn sie sich angenommen fühlen, kommt ihre Individualität viel mehr durch und sie können ihre Versagensängste überwinden. Wenn sie sich im Gegensatz dazu nicht sicher fühlen, „steigen sie aus“ – das ist der Gegensatz zu „personare“.

die spirituelle Ebene

Als fünftes Prinzip kommt jetzt zu diesen Wesensschichten des Menschen noch die Frage nach seiner spirituellen Orientierung hinzu – nach seiner Entwicklungsperspektive. Welche spirituelle Orientierung brauchen Mann und Frau, damit Liebe als ein Heilmittel in Macht- und Ohnmachtskonflikten reifen und wachsen kann? Es hängt dies davon ab, wie man über bestimmte Dinge denkt.
Mit welchen Kräften – heute sprechen die Menschen auch gerne von Energien – denken, fühlen und handeln wir? Wenn ich an Gefühlen arbeite oder einen schwierigen Gedanken durchdenke, geht das nur, wenn ich will. Ich habe also Wille im Denken und Fühlen; ich kann mit Hilfe meiner Gedanken Willensimpulse durchleuchten oder kann Gefühle klären.

wir wissen von unseren Gefühlen nur das, was wir begreifen

Einige werden jetzt sicher sagen: „Das Denken ist doch so kalt und trocken, das wahre Leben spielt sich im Gefühl ab….“. Da ist es wichtig, sich klar zu machen, dass wir von Gefühlen nur das wissen, was wir begreifen. Gefühle sind unbewusst, wenn kein Licht darauf fällt. Alle Gedichte und Gefühlsausbrüche leben davon, dass wir wissen, was wir ausdrücken wollen oder ausgedrückt haben.
Wenn man Gefühle benennen kann, werden sie erst richtig schön; und wenn man sie nicht benennt, weiß man gar nicht, was man fühlt.
Man sollte also nicht eine von diesen Eigenschaften gegen die andere ausspielen, sondern sich darüber klar werden, dass unsere Seele aus drei ganz verschiedenen Kraftimpulsen aufgebaut ist. Rudolf Steiner hat herausgefunden, dass die Lebenstätigkeit des Körpers identisch ist mit der Denktätigkeit – nur dass das eine unbewusst und im Körper „inkarniert“ tätig ist und das andere „exkarniertes“, d. h. außerkörperlich am Gehirn sich spiegelndes, „reflektiertes“ bewusstes Leben der Gedanken ist. Das heißt, der Mensch denkt mit Hilfe der für den Körper und seine Regeneration nicht mehr benötigten Lebenstätigkeit.

Denken ist leibfreies, außerkörperliches „Leben“

Das Denken kommt so gesehen nicht durch komplizierte molekulare Prozesse zustande, ohne dass je einer hätte zeigen können, wie das passiert, sondern Denken ist leibfreies, außerkörperliches „Leben“. Das vergängliche Leben hingegen betätigt sich altersgebunden im physischen Leib. Am Lebensanfang haben wir viel Leben und wenig Denken, am Lebensende – wenn wir gesund altern – wenig Vitalität und ein großes, überschauendes, reifes, gedankenvolles Bewusstsein. Und in den Altersstufen dazwischen gibt es alle Übergänge. Das ist eine Metamorphose von biologischem Leben in spirituelles Leben. Rudolf Steiner sagt: Denken ist Geistesleben, also ein Leben im Geist, ein immaterielles, außerkörperliches Leben, und das Gehirn ist ein Reflexionsorgan für die Leib-freie Gedankenkompetenz, die aus dem Körper hervorkommt im Zuge des Wachsens und Reifens.
Analoges geschieht mit den Gefühlstätigkeiten. Was machen Gefühle in dem Körper? Wenn wir unser Gefühlsleben anschauen, scheint das musikalisch: Wir reden von Harmonien, Disharmonien, von guten und schlechten Stimmungen; jede Beziehung hat einen Ton und einen Klang. Wenn man sich das im Körper wirksam denkt, kommt man zu all den Prozessen, die wir in der Embryologie Differenzierung nennen. Proportionen, Zahlenverhältnisse haben direkt mit der Musik zu tun, und in dieser Weise ist auch unser Körper ganz und gar durchproportioniert und durchdifferenziert. Wenn diese Kräfte ihre notwendige Durchgestaltungsarbeit getan haben – und die größte Differenzierungsleistung des Organismus ist die Geschlechterdifferenzierung -, kommt die volle Gefühlswucht im Seelenleben erst hervor und steht den Jugendlichen zur Verfügung. Mit der Geschlechtsreife wird die Emotionalität aus dem Körper heraus „geboren“. So lange die Geschlechterdifferenzierung noch läuft, werden die Kinder zwar von Jahr zu Jahr emotionaler, aber sie verfügen noch nicht über die gesamte Gefühlskompetenz.

Die Prozesse der Lebenstätigkeit hingegen differenzieren nicht, sie sind konstruktiv, integrativ, ganzheitlich, Gestalt-bildend. Deshalb muss ein guter Zusammenhang bestehen in der Gesamtgestalt, die in sich gegliedert wird. So, wie auch Denken und Fühlen zusammenarbeiten; das Denken klärt differenzierteste Gefühle ab und fügt sie wieder zu einem stimmigen Ganzen zusammen. Wir brauchen beides: das Bildende, Ordnende des Denkens und die Klänge, die Spannungen, die innere Opposition, die Differenzierungen der Gefühle.

leibfrei werdende Differenzierungskräften und leibfrei werdenden Wachstumskräfte

Wir fühlen mit den leibfrei werdenden Differenzierungskräften und denken mit den leibfrei werdenden Gestaltbildungs- und Wachstumskräften. Unsere Persönlichkeit hingegen erfassen wir am besten an der Art der Ausstrahlung des Menschen. Sie ist willensmäßiger Natur. Wir bezeichnen das auch als Charakter, oder ob jemand konsequent ist, Ausdauer hat – das gehört alles zum Willen. Das ist unsere Identität, unsere Ich-Kraft. Die arbeitet nach der Pubertät noch so lange am Körper weiter, bis wir ganz ausgewachsen sind. Wer Kinder in diesem Alter hat, kann regelrecht sehen, wie differenziert die Geschlechter auseinander fallen, wie der Reifungsprozess der sekundären Geschlechtsmerkmalen vonstatten geht und wie dann mit ungefähr 15 Jahren etwas beginnt, dass die Gesamtgestalt weiter wachsen und reifen lässt, bis alles wieder neu integriert und sich zur Persönlichkeitsstatur zusammengefunden hat. Wenn man wirklich ausgewachsen ist mit spätestens 23 Jahren, dann stimmt wieder alles zusammen. Manch ein Pubertierender denkt: „Ich werde doch nie normal“, aber wenn die Wachstumsprozesse abgeschlossen sind, hat sich etwas zurechtgestaltet von feinerer Art, was letztlich dann auch das wirklich erst voll Identitätsstiftende ist.
Diese Willenskraft kann die differenzierenden und proliferierenden (wuchern, übertr.: im Übermaß produzieren, Zellteilung; Anm. d. Red.) Kräfte gut aufeinander abstimmten und zur Gesamtpersönlichkeit ausreifen lassen. Diese Kräfte, die reiner Wille sind, werden erst mit der sog. Mündigkeit „leibfrei“, dann ist auch der Wille handhabbar, dann kann man seelisch Verantwortung übernehmen und zu seinen Entscheidungen stehen. Das wissen auch die Strafrichter: die volle Verantwortung kann man im Schnitt erst mit 21 Jahren haben.

Diese vier Ebenen sind bei Mann und Frau in gleicher Weise da, aber müssen in ihrem Funktionieren verschieden sein.
Auf physischer Ebene hat sich die Geschlechterdifferenzierung vollzogen. Was bedeutet das für die Lebensebene? Wie sieht es für die Lebens- und Gedankentätigkeit aus? Als ich im Rahmen meines Medizinstudiums Embryologie studierte, hat mich Folgendes sehr fasziniert: Ungefähr in der siebten Woche sprossen am Embryo die Großhirnbläschen aus, und es ist genau dasselbe Alter, in dem die Urkeimzellen in den Embryo einwandern und die ersten Gonaden – (von griech. gone (Geschlecht, Erzeugung, Same) und aden (Drüse) – deshalb auch Keim- oder Geschlechtsdrüse genannt, ist jenes Geschlechtsorgan, in dem Sexualhormone und die Keimzellen gebildet werden. Beim männlichen Geschlecht wird die Gonade als Hoden (Testis oder Orchis), beim weiblichen Geschlecht als Eierstock (Ovar) bezeichnet. Anm. d. Red.) hervorbringen.

Gehirnbildung und Fortpflanzungsausbildung geschehen also zeitgleich

Gehirnbildung und Fortpflanzungsausbildung geschehen also zeitgleich. Ich war von dieser Tatsache damals insofern sehr berührt, weil ich aus der mosaischen Schöpfungsgeschichte wusste, dass die Geschlechtertrennung mit dem Denken und dem Unterscheiden von Gut und Böse einhergeht – und nun sah ich, dass dies eigentlich eine total reale embryologische Tatsache ist. Das hat mich begeistert! Im Grunde braucht es keine Überlieferungen – man muss nur hinschauen und das, was real passiert, zu sich sprechen lassen.

Wir alle haben uns in den frühen Embryonalwochen den „Luxus“ geleistet, männliche und weibliche Fortpflanzungsorgane zu veranlagen

Und noch spannender ist: In den ersten sechs Wochen haben wir noch keine Geschlechtsorgananlagen. Erst dann beginnt dies – aber interessanterweise bei Mädchen und Jungens in Form einer gleich aussehenden bisexuellen Keimdrüsenanlage. Wir alle haben uns in den frühen Embryonalwochen den „Luxus“ geleistet, männliche u n d weibliche Fortpflanzungsorgane zu veranlagen.
Und erst ab der 7. Woche bildet sich das entgegengesetzte Geschlecht wieder zurück, d. h. wenn man einen weiblichen Chromosomensatz hat, bildet sich die männliche Anlage zurück und wenn man einen männlichen Chromosomensatz hat, bildet sich die weibliche Anlage zurück. Erst dann beginnt das Kerngeschlecht sich herauszubilden.

der ätherische Organismus ist zweigeschlechtlich

Ich hatte damals meinen Professor gefragt, wieso sich der Organismus diesen Luxus leistet, weil das ganz untypisch ist, er arbeitet normalerweise sehr ökonomisch. Der Professor erwiderte, dass das wohl ein entwicklungsgeschichtliches Rudiment sei. Mir wurde dann aber klar, dass es nur einen Grund geben kann, warum das sinnvoll ist: Der ätherische Organismus, d. h. das System unserer Lebenskräfte, ist zweigeschlechtlich. Das macht natürlich sehr viel Sinn – dazu kann man auch das 1. Buch Mose betrachten -, denn wenn sich die Individualität beispielsweise entscheidet, Frau zu sein, geht sehr viel Lebenstätigkeit in die monatliche Eireifung, in den Auf- und Abbau der Uterusschleimhaut, im Falle einer Empfängnis gibt es sehr viele reproduktive Vorgänge etc. Da werden sehr viele Lebenskräfte abgezogen, und die Frauen merken es auch daran, dass sie in diesen Zeiten nicht mehr so gut denken können.
Aber – und das ist der interessante Unterschied nicht nur auf der physischen, sondern auch auf der ätherischen Ebene – wenn die Frau die weiblichen Fortpflanzungsorgane voll entwickelt und die männlichen zurückbildet, bzw. sterben lässt, dann hat sie dafür diese ganze männliche Potenz im Gedankenleben. Beim Mann liegt das Umgekehrte vor. Deshalb sind wir schon von Anfang an intelligente Wesen – denn obwohl wir wachsen und die späteren Kräfte des Denkens, Fühlens und Wollens noch nicht leibfrei für die Seelentätigkeit zur Verfügung stehen, hat doch jedes kleine Kind zumindest die leibfreien Lebenskräfte des jeweils anderen Geschlechtes zur Verfügung, um sich durch die nachahmende „sensomotorische Intelligenz“ schöpferisch mit seiner Umgebung in Beziehung setzen zu können.

Das typische, wirklich charakteristische Denken einer Frau ist männlich. Wenn sich die Männer über das Denken ihrer Frau aufregen, dann regen sie sich realistisch betrachtet über sich selbst auf. Denn sie erleben ihre männliche Potenz im gedanklichen Leben ihrer Partnerin– diese Selbsterkenntnis ist nicht angenehm.
Die großen philosophischen Werke sind von Männern geschrieben, aber bei jedem Philosophen lassen sich die weiblichen „Inspiratorinnen“ nachweisen, die geholfen haben, dass das philosophische Denken genügend Anregung hatte und „in Bewegung“ kam.

Das typische, wirklich charakteristische Denken einer Frau ist von seiner Grunddynamik her männlich. Wenn sich die Männer über das Denken ihrer Frau oder Partnerin aufregen, dann regen sie sich realistisch betrachtet eigentlich über sich selbst auf. Denn sie erleben ihre männliche Potenz in Form der spezifischen Funktionsdynamik des gedanklichen Lebens ihrer Partnerin – diese Selbsterkenntnis ist nicht angenehm.
Die großen philosophischen Werke sind zwar alle von Männern geschrieben worden – denn dazu braucht es ein spezifisch weibliches Denken. Aber es lassen sich jedoch die weiblichen „Inspiratorinnen“ bei diesen Philosophen unschwer nachweisen, die geholfen haben, dass das philosophische Denken der Männer/Freunde genügend Anregung hatte und „in Bewegung“ kam und blieb.
Denn der Mann, der physisch die typische männliche Potenz entwickelt, hat in der Grunddynamik seines Denkens die typisch weibliche Funktionsdynamik ihrer Fortpflanzungsfähigkeit – nur wiederum entsprechend als leibfrei reflektierte Gedankentätigkeit. Diese aber ist im Gegensatz zur männlichen in sich ruhend, nach innen orientiert, an Gleichmaß und Wiederholung reich. Daher besitzt der Mann eine von Natur aus bessere Veranlagung zum beschaulichen ruhigen Überlegen, zum reifen lassen von Gedanken im Gegensatz zur Frau, deren natürliche Begabung das spontanere, sprühende, anregende, mehr innovative, nach außen orientierte, mehr reaktiv-schöpferische Gedankenleben ist.

mit Hilfe seines leibfreien Seelenlebens ist man nicht an die Konstitution gebunden

Ich möchte einige charakteristische Beispiele für den Grundunterschied im Seelischen von Mann und Frau beschreiben, auch wenn es dabei selbstverständlich große individuelle Unterschiede gibt und Mann und Frau auch vieles bewusst voneinander lernen können. Denn das Schöne ist ja, dass man mit Hilfe seines leibfreien Seelenlebens nicht an die Konstitution gebunden ist und von daher vieles lernen kann – auch vom anderen Geschlecht. Frauen müssen also nicht ein typisch männliches Denken behalten und Männer auch nicht ein typisch weibliches – beide können daran arbeiten, ein mehr allgemein menschliches Denken zu entwickeln.
Was aber sind die typischen Unterschiede in der gedanklichen Dynamik bei Mann und Frau?

Ich erzähle das an einem Beispiel, über das mein Mann und ich immer schmunzeln. Wenn ich einkaufen gehe, weiß ich genau, was ich brauche; ich würde mir nie einen Zettel schreiben. Mein Mann hingegen liebt es, sich einen Zettel zu schreiben, auf dem haarklein steht, was er mitbringen will. Das geht erstens schneller, er kann ganz zielorientiert das nehmen, was er braucht, und dann kann er auch gleich wieder nach Hause. Ich dagegen sage: „Ich gehe schnell was einkaufen“, er ruft mir noch nach, was ich auf keinen Fall vergessen darf, und mir kann es dann passieren, dass ich es trotzdem im entscheidenden Moment vergesse und nicht mitbringe….
Im Prinzip weiß ich, was ich will, aber ich liebe es, die Dinge zu sehen und dann in der Gegenwart erst die endgültige Entscheidung zu treffen – auch auf die Gefahr hin, dass ich abgelenkt oder durch ein unerwartetes Gespräch aufgehalten werde. Wenn wir zusammen einkaufen, ist es für meinen Mann immer sehr anstrengend. Am besten ist es, wenn er eine Zeitung hat und damit warten kann. Er sieht sofort, ob etwas, was ich in der Hand habe, in Frage kommt oder ob ich mit dem Anschauen nur Zeit vertue, bzw. im Begriff bin etwas Unnötiges zu kaufen….

„man weiß doch, wie es gestern, vorgestern und vorvorgestern war“

Mir ist daran deutlich geworden, dass sich hier die typisch weibliche Funktionsdynamik in seinem Denken manifestiert: regelmäßiges, rhythmisches Reifen – alle vier Wochen – ein Ei. Alles wiederholt sich – „man weiß doch, wie es gestern, vorgestern und vorvorgestern war“. „Wir haben doch vor vierzehn Tagen die Dinge gründlich besprochen – wieso muss jetzt alles noch mal von vorne beginnen? Kann sie sich denn ihre immer wieder neuen Ideen nicht verkneifen?“ Oder: ER hatte sich extra Zeit genommen, einen Abend geopfert, war mal so richtig sozial – und dann SIE beim Frühstück: „Weißt du, heute morgen ist mir ein richtig guter Gedanke eingefallen, wie wir es noch besser machen könnten!“ Das ist für ihn ein Albtraum! Das männliche Denken ist anders als das weibliche. Bildlich gesprochen ist es ein ätherischer Uterus, der sich zwar gerne anregen lässt, aber dann möchte er dabei bleiben, mindestens vier Wochen, am liebsten ein oder mehrere Jahre. Insofern passen philosophische Systeme auch besser zum männlichen Denken: mühelos ein ganzes Leben lang ein einem einzigen System arbeiten ist männlich – nicht typisch weiblich. Aber das Innovative, bildlich ausgedrückt: der Wechsel, den lieben die Frauen im Gedanklichen. Im Körperlichen nicht so sehr, da mögen wir Frauen lieber das Konstante. Und beim Mann ist es genau umgekehrt.

Gedanken reifen lassen ist eine wunderbare Fähigkeit der männlichen Intellektualität

Das sind in der Grundveranlagung die Unterschiede im Körperlichen und Seelischen: Gedanken reifen lassen ist eine wunderbare Fähigkeit der männlichen Intellektualität; Spontanität, Fragen, Flexibilität, sich schnell anpassen, alles noch mal ganz anders sehen – das ist die weibliche Art; enorm anregend, aber auch anstrengend. Da müssen wir Frauen lernen, uns zu bremsen und dieses Potential nicht zu verschleudern, sondern gezielt und angemessen zum Einsatz zu bringen. Die Männer könnten auf der anderen Seite lernen, sich in ihrem Gedanklichen aus der bürgerlichen Verfasstheit, aus dem Gewohnheitsmäßigen, ein wenig entführen zu lassen.

das, was uns am meisten stört, sind wir selbst, mit unseren Eigenarten

Rudolf Steiner sagt sehr humorvoll: Wenn Männer und Frauen in einem ausgewogenen Verhältnis im Sozialen zusammenwirken, kommt etwas ganz besonders Schönes dabei heraus. Wenn man diese Möglichkeiten selbst erkennt und dabei auch den Humor im Zwischenmenschlichen kultiviert, wird man feststellen: Das, was uns am meisten stört, sind wir selbst, mit unseren Einseitigkeiten und Eigenarten.

Wenn bei der Frau im Gedanklichen eine Funktionsdynamik und Potenz bereit steht, die so impulsiv, emotionell, vom Leib wegstrahlend und nach außen orientiert ist, spielt auch Denken und Fühlen anders zusammen. Es ist mehr miteinander verwoben als beim Mann. Der kann Gedanken und Gefühle besser trennen.
Ich kannte einmal einen Internisten, der Frauen in Lebenskrisen besonders gut behandeln konnte. Auf die Frage hin, wie er das gelernt hätte, sagte er: „Es ist ganz einfach: Ich habe mir klar gemacht, dass der männliche Astralleib wirklich anders ist als der weibliche. (Astralleib ist der Beziehungs- und Gefühlsorganismus). Der männliche Astralleib hat „Taschen“, d. h. da kann man was reinstecken, zumachen und damit sind entsprechende Probleme weg. Der weibliche Astralleib hingegen ist wie eine Frauenhandtasche: da ist alles drin – Autoschlüssel, Geldbeutel, Taschentuch, Briefmarken, Haarbürste, Puderdose, Hustenbonbons … Da freut man sich, wenn man suchen und finden kann. “
So ist das auch seelisch: Wenn eine Frau ein Problem hat, ist die ganze Seele in Aufruhr, und deswegen will sie es auch sofort besprechen und am liebsten so lange, bis es geklärt ist. Und wenn „er“ dann nicht dazu gestimmt ist und sagt: „Freitag Abend“, ist das ein Martyrium für sie. Es ist doch jetzt so dringlich! Und dann ist es irgendwann Freitagabend und er sagt: „Warum regt Dich das eigentlich so auf?“ Für sie ist das Empathielosigkeit pur. Für ihn:„Ich sehe dein Problem und kann es auch verstehen, aber es regt mich nicht so auf.“

Denken und Fühlen sind beim Mann mehr voneinander getrennt als bei der Frau

Denken und Fühlen sind bei ihm mehr voneinander getrennt als bei der Frau. Daher kann der Mann mühelos einen unangenehmen Gefühlskomplex packen und verstecken – „Reißverschluss zu“. Männer haben diese Fähigkeit, gerade eben herzzerreißende Dinge besprochen zu haben, dann auf die Uhr zu schauen: „So, jetzt muss ich weg.“ Und dann können sie weggehen, sind normal und geordnet, die Gefühle sind gut verpackt, das Denken ist frei für das Nächste, was jetzt kommt.
Diese ruhige, distanzierte, reflektierende, mehr nach innen gerichtete Art hat Vor- und Nachteile. Wenn man es genau studieren will, muss man ein Biologiebuch unter dem Gesichtspunkt lesen: Dieser Reichtum an körperlichen Funktionen, die zur männlichen und weiblichen Fortpflanzung gehören, findet sich beim anderen Geschlecht auf der seelisch-emotionellen und gedanklichen Ebene.

Das Allgemein-Menschliche überwiegt im Denken

Zum Glück ist ja nur das der Unterschied. Die anderen Organe und Organsysteme sind bei Mann und Frau nicht prinzipiell verschieden – höchstens graduell. Das bedeutet, dass die Wachstumskräfte dieser Organe – wenn der Organismus ausgewachsen ist – sich ebenfalls in Denktätigkeit, für das „geistige Weiterwachsen“ metamorphosieren können. Das heißt, das Allgemein-Menschliche überwiegt im Denken. Und je mehr wir daran arbeiten, unsere geschlechtsspezifische Tingierung des Denkens zu erkennen und entsprechend besser steuern zu lernen, umso leichter wird es, eine Beziehung kreativ zu gestalten.
Letztlich ist es eben doch der Geist, der den Körper formt – die Gedankenkompetenz, die den Leib bildet und sich dann wieder von ihm befreit für die Selbst- und Weltreflexion. Je mehr man durch Erziehung und Selbsterziehung diese frei werdenden Gedanken- und Gefühlskräfte kultiviert, umso autonomer und bis zu einem gewissen Grad unabhängig vom Körper lässt sich dann auch das das Seelenleben gestalten und beherrschen. Daher rührt auch die Fähigkeit, bei Bedarf von sich absehen zu können, unser Leben und Dasein in Frage stellen und nach dem Sinn des Lebens fragen zu können. Dies aber ist für jeden Menschen entscheidend wichtig.
Wir wissen nur dann – wie bereits beim Gefühlsleben beschrieben (Siehe Teil I im Februar-Hinweis S. 11), was wir wollen, wenn wir uns Gedanken darüber machen. Wollen tun wir immer etwas – aber wissen wir, was wir wollen? Diese Arbeit, darüber nachzudenken, müssen w i r unternehmen – sie kann uns niemand abnehmen.

je näher wir dem Tode kommen, umso bewusstere und selbst-bewusstere seelisch-geistige Wesen werden wir

Was ist das Ergebnis? Je näher wir dem Tode kommen, umso bewusstere und selbst-bewusstere seelisch-geistige Wesen werden wir. Wir wissen, was wir wollen, was wir erlebt haben und wer wir sind, je nachdem, wie wir unsere eigene Identität kraft einer spirituellen Orientierung und freien gedanklichen Selbstbestimmung entwickelt und gepflegt haben – zum Beispiel durch Selbsterziehung. Und wenn wir dann sterben, geht jemand aus dem Körper heraus, der ein Leben lang daran gearbeitet hat, dass sich der eigene seelisch-geistige Wesenskern vom Leib frei gemacht hat und selbst als leibfrei erkennt. So kann man verstehen, was im Evangelium und auch in anderen esoterischen Schriften steht, wenn vom „ersten“ und „zweiten“ Tod geschrieben wird. Der erste Tod ist, wenn man den physischen Körper ablegt. Der zweite Tod kommt, wenn wir mit diesem leibfreien Denken, unseren umgewandelten Lebenskräften, Gefühls- und Willenskräften nicht eine geistige Existenz aufgebaut haben. Dann sterben wir den „Seelentod“ und wissen nicht, wer wir sind und verlieren nach dem Tod das Selbstbewusstsein
Die ganze Biografie und die ganze Entwicklung ist im Grund dafür da, dass wir ein Bewusstsein bekommen davon, was es heißt ein Mensch zu sein, und damit, wenn wir sterben, das Bewusstsein nicht erlischt, sondern wir im Laufe der Biographie eine eigene Identität aufgebaut haben. So besagen es auch Sinnsprüche wie der: „Wer nicht stirbt, bevor er stirbt, der verdirbt, wenn er stirbt.“ Oder, so drückt es Meister Eckehart aus: „Wäre ich ein König und wüsste es nicht, ich wäre kein König.“ In Umgangssprache gesagt: Wäre ich eine tolle Person und hätte mir in meinem Leben aber nie klar gemacht, was es heißt, dieser Mensch zu sein, bin ich für mein Selbstbewusstsein quasi nicht da.
Das ist das Kernthema einer auf Entwicklung bezogenen Orientierung: Der Mensch wird als ein geistig-seelisch-körperliches Wesen verstanden, was sich in Geschlechter differenziert, dadurch für ein gegenseitiges Begegnungs- und Lernpotential sorgt, damit er so viel wie möglich von sich selbst und über den anderen erfährt.
Wenn das Mann-Frau-Sein im Lichte dieser menschlichen Entwicklung stattfindet, d. h. wenn die sexuelle Ebene ergänzt wird durch die gedankliche, wird man merken, dass es auch Anziehendes im rein Gedanklichen gibt.
Beispielsweise habe ich immer wieder die Erfahrung gemacht, dass es hilft, wenn Paare in Krisen sich nur einmal in der Woche eine Stunde regelmäßig verabreden und nach klaren Regeln unterhalten – beispielsweise darf jeder eine halbe Stunde in Anspruch nehmen. Es bedeutet ungeheuer viel, wenn der eine sagen darf, was er wirklich denkt, und der andere muss zuhören und darf ihm nicht ins Wort fallen. Die Aufgabe ist dabei, es wirklich ernst zu nehmen, dass das Erleben des Anderen a n d e r s als das eigene ist, auch die Erinnerung an Erlebtes. Wenn wir akzeptieren gelernt haben, dass wir verschieden sind, aber dass das Gemeinsame in unserer Entwicklung zu mehr Menschlichkeit, zum Humanen, liegt, d. h. dass wir beide menschlicher werden wollen und können, dann entfaltet dieses Spannungsfeld Mann-Frau das kreativste Potential zu diesem Lernprozess. Liebe ist – in diesem Sinne – der Wille zum Menschsein, zum menschlich werden. Wahre Liebe richtet sich auf den Menschen, auf das spirituelle Selbst des anderen; wir lieben unser Menschentum und lieben einen anderen Menschen umso mehr, je mehr er wirklich Mensch ist, bzw. wird. Wenn wir einen anderen Menschen lieben, beschreiben wir tief menschliche Wesenszüge an ihm. Die größten Enttäuschungen sind daher auch immer dann möglich, wenn man den anderen idealisiert hat, und nachher ist er gar nicht so menschlich und toll, wie man dachte. Wobei dann die Möglichkeit wirklicher Liebe hervorkommt, denn diese ist ein Kind der Ent-täuschung, und nicht der Täuschung.
Macht und Ohnmacht sind in dieser Konstellation ganz klar so verteilt, dass der Mann auf der physischen Ebene mehr Kraft und Macht hat, aber seelisch ist es umgekehrt. Die verbale und die emotionale Macht der Frau wird genauso gefürchtet, wie die physische Macht des Mannes. Jeder hat ein Feld, wo ihm der andere nicht das Wasser reichen kann, aber wir müssen lernen, mit diesem Übermachts- und Ohnmachtspotential so umzugehen, dass unter uns Menschlichkeit wachsen kann. Ich habe es durch meine ganze medizinische Biografie erlebt, wenn Paare sich trennen: es gibt keinen Grund, der zwingend ist, sich zu trennen, und es gibt keinen Grund, der zwingend ist, zusammenzubleiben. Es ist einfach die Frage, was man möchte und was man entwickeln will.
Im Konflikt von Macht und Ohnmacht ist entscheidend, dass die Gründe zu bleiben oder sich zu trennen, so frei wie möglich von einem selbst bestimmt werden: Will ich das – „verordne“ ich mir das –, weil ich bestimmte Dinge lernen will, oder „erleide“ ich es nur? Die wahre Macht liegt nicht darin, ob ich äußerlich in einer stärkeren Position bin, sondern ob ich Herr, bzw. Frau, meiner Entschlüsse bin.

Literaturempfehlung:
Bart Maris, Michael Zech: Sexualkundeunterricht an der Waldorfschule
Michaela Glöckler: Macht in der zwischenmenschlichen Beziehung (Johannes Meier Verlag)
Redaktionelle Bearbeitung des Vortrages: Christine Pflug