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männlich, weiblich, divers …

Über sexuelle Identität und Ich-Findung heute

Interview mit Frank Hörtreiter, Öffentlichkeitsbeauftragter der Christengemeinschaft

Queer, Transgender, Transsexualität – alles Begriffe, die in den letzten Jahren immer öfter auftauchen und zeigen, dass diese Themen in der Öffentlichkeit angekommen sind und immer mehr diskutiert werden. 2017 kam es durch eine Entscheidung des Bundesverfassungsgerichtes zur Einführung eines dritten Geschlechts. Seit Anfang dieses Jahres muss auf allen behördlichen Formularen neben „männlich“ und „weiblich“ auch der Begriff „divers“ vermerkt werden. Hinter „divers“ verbergen sich vielfältige geschlechtliche Möglichkeiten, die biologischer und auch seelischer Natur sein können.
Bei der deutschen ZEIT-Vermächtnisstudie 2016 gaben von den 3.104 Befragten 3,3% an, „entweder ein anderes Geschlecht zu haben als bei ihrer Geburt zugewiesen oder sich schlicht nicht als weiblich oder männlich zu definieren. Das heißt: Knapp 2,5 Millionen Deutsche […]“. Tania Witte: Andersrum ist auch nicht besser: Willkommen im Mainstream. In: Zeit Online. 15. Juni 2017, abgerufen am 8. November 2019.
In der ZEIT vom 20. Mai 2020 war in einem Artikel („Vom Recht, anders zu sein“) zu lesen, dass in „explodierenden Zahlen“ auch immer mehr Jugendliche mit ihrem Geschlecht nicht zurechtkommen. Sie lassen mit ärztlicher Behandlung eine Geschlechtsumwandlung durchführen. In Schweden stieg zwischen 2008 und 2018 die Zahl um 1.500 Prozent, in Deutschland ist der Trend ähnlich. Ein Thema, das auch bei Experten mehr Fragen als Antworten und kontroverse Positionen hervorruft.
Tritt mit dem Thema „Transidentität“ etwas in die Öffentlichkeit, was es immer schon gab, jetzt aber anerkannt wird und den Betreffenden eine neue Stimmigkeit in ihrem Körper und Leben verschafft?
Könnten es Anzeichen einer menschheitlichen Entwicklung sein, dass sich die Unterscheidung in zwei Geschlechter auflöst, wie Rudolf Steiner es für sehr zukünftige Zeiten beschrieben hat? Der Komponist Anton Webern, ein Schüler Schönbergs, sagte im letzten Jahrhundert: „Aus der Zweigeschlechtlichkeit ist ein Übergeschlecht entstanden.“ (Er sieht die Zwölftönigkeit als Fortführung der Dur-Moll-Tonalität, bei der Dur und Moll dem Männlichen und Weiblichen zugeordnet wird.) Beschleunigen sich heute Entwicklungen in einem Tempo, wie man es vor 100 Jahren nicht gedacht hätte?
Nächstes Jahr wird es von anthroposophischer Seite eine Fachtagung zu dem Thema geben „Mädchen, Junge, Divers? Das Geschlecht und seine Variationen“ (siehe am Ende des Interviews).
Wir haben es anscheinend mit einer kulturellen Entwicklung zu tun, die von uns verlangt, dass wir uns damit auseinandersetzen.

Interviewpartner: Frank Hörtreiter, geb. 1944, Studium der klassischen Philosophie und am Priesterseminar der Christengemeinschaft. Seit 1969 verheiratet, seit 1970 Priester, seit über 15 Jahren Öffentlichkeitsbeauftragter der Christengemeinschaft. Tätig als Pfarrer in Hamburg von 1970-1973 und 1996-2006, dazwischen 23 Jahre in Hannover und in Stuttgart und die letzten 14 Jahre wieder in Hannover; seit 5 Jahren emeritiert. Zurzeit schreibt er eine Studie Die Christengemeinschaft im Nationalsozialismus und ein Buch Geschichte der Christengemeinschaft. Seit ungefähr eineinhalb Jahren beschäftigt er sich mit dem Thema Transsexualität, seit ungefähr 25 Jahren mit gleichgeschlechtlicher Liebe.

 

Christine Pflug: Ich finde es interessant, dass Sie sich mit dem Thema gleichgeschlechtliche Liebe und Transsexualität nicht aus einer persönlichen Betroffenheit heraus beschäftigen (was abgesehen davon genauso gut wäre). Sie leben in einer „klassisch-konservativen“ Situation, sind seit über 50 Jahren mit derselben Ehefrau verheiratet, haben 4 Kinder, 8 Enkelkinder, wussten seit Jugendjahren, dass Sie Pfarrer werden wollen … Was ist Ihr Anliegen?

„Sortiere mich dort ein, wo ich mich selber einsortiert sehen möchte“.

Frank Hörtreiter: Ich möchte als Priester der Christengemeinschaft und auch als Anthroposoph nicht, dass wir zu sehr meinen, Menschen verständnisvoll zu beurteilen, sie aber in Wahrheit in Schubladen stecken. Ich finde es übergriffig, wenn man gleichgeschlechtlich Liebenden oder einem Transmenschen, also einem Menschen, der sich in den falschen Körper geboren fühlt und der, nachdem er das Geschlecht gewechselt hat, sich in sich „mehr zuhause“ fühlt, irgendwelche Erklärungen andient und das als Wohltat versteht. Die Betroffenen fühlen sich dann oft beurteilt in einer Weise, wie sie das gar nicht möchten. Ich möchte dafür wirken, dass sowohl in der Christengemeinschaft als auch in der Anthroposophischen Gesellschaft solche Menschen erst einmal willkommen geheißen und vielleicht nachher, und nur nach ihrem freien Wunsch, auch ins Gespräch über ihre Eigenart gezogen werden. Kein gleichgeschlechtlich Liebender ist er selbst, weil er homosexuell ist, und keine Transfrau ist sie selbst, weil sie als Frau anerkannt wird, doch gibt es ein Bestreben, das man einfach respektieren sollte im Sinne von: „Sortiere mich dort ein, wo ich mich selber einsortiert sehen möchte“. Aber die eigentliche Frage bleibt ja immer noch „Wer bist du denn individuell?“ Rudolf Steiner schreibt in der „Philosophie der Freiheit“, dass jeder Mensch, im Gegensatz zu jedem Einzelexemplar eines Tieres, eine Gattung seiner selbst ist.

C. P.: Und wie sind Sie zu diesem Thema gekommen?

F. Hörtreiter: Mein Interesse hatte einen überraschenden Auslöser. Vor einem Jahr hatten wir eine Pfarrer-Synode, und ich sah dort eine reife Frau, stutzte plötzlich und dachte: „Das ist doch Herr Sowieso, ein Kollege von mir.“ Ich ging auf sie zu – sie hatte eine deutlich weibliche Frisur und ein bauschiges Sommerkleid – begrüßte sie und hatte glücklicherweise die Geistesgegenwart zu sagen: „Ich freue mich zu sehen, dass Sie anscheinend eine passendere Hülle haben als zuvor.“ Nachher hatte ich die Befürchtung, dass diese Dame das als übergriffig erlebte. Aber er/sie strahlte mich an und war so freundlich wie immer, nur eben jetzt als Frau. Es wurde dann auch in dem Pfarrerkreis berichtet, dass er sich von nun an als eine Frau betrachtet und auch so angesprochen sein möchte.

das Menschen-Ich hat kein Geschlecht

Zur gleichen Zeit wurde im Priesterrundbrief der Lebenslauf eines Weihekandidaten veröffentlicht, ein Herr mit reifem männlichem Gesicht; der schrieb über sein Leben: Bis in seine späte Schulzeit, weit über die Pubertät hinaus, habe er als ein junges Mädchen gelebt, dann aber gefühlt, dass das für ihn nicht passt; er hatte in einem langen und wohl auch problematischen Entwicklungsgang sich dazu entschieden, als Mann aufzutreten und ließ dann später bis ins Körperliche hinein die entsprechenden Eingriffe machen; jetzt ist er mit einer Frau verheiratet. Es ist bei uns so, dass solche Lebensläufe dazu dienen, dass die Pfarrerkollegen Einsprüche erheben können, wenn sie diese Weihe nicht für richtig halten. Ich weiß nicht, ob es Einsprüche gab, aber dieser Mensch ist geweiht worden. Und ich freue mich darüber! Ich dachte mir damals, wenn das schon bei Priestern so ist, die sich bestimmt nicht frivol aus einer Rollenschäkerei mal anders zeigen wollen, dann ist das Thema mit Sicherheit nicht nur eine rein modische, kokette oder selbstverliebte Angelegenheit. Es sind ja Menschen, die sehr wohl wissen, dass das Menschen-Ich kein Geschlecht hat, und sie halten eine Umwandlung für so wichtig, dass sie es der Mühe und des Lebensglückes wert finden, sich zum „richtigen“ Körper hin zu verändern.

Menschen trauen sich aus der Deckung zu kommen.

F. Hörtreiter: Meine Antwort muss ehrlicherweise gespalten ausfallen. Hat diese Zahl der Menschen zugenommen, oder wird die Anzahl dieser Menschen jetzt stärker beachtet? Ich denke schon, dass sich beides verändert hat, aber andererseits war früher die Dunkelziffer viel höher, weil sich die Menschen wahrscheinlich nicht trauten, sich als das darzustellen, was sie von sich empfinden. Und deswegen scheint es jetzt so ein steiler Anstieg zu sein. Was in der ZEIT im März geschrieben wurde, dass jetzt 3,8% der deutschen Bevölkerung betroffen seien oder bei den Transmenschen eine Steigerungsrate von mehr als 1.000 % vorliege, bezweifle ich, weil ich glaube, dass einfach nur mehr Menschen aus der Deckung kommen.

C. P.: Die Frage, wie fest heute Persönlichkeit und Leiblichkeit eines Menschen miteinander verbunden oder eben gelockert sind, würde sich erübrigen, wenn Sie davon ausgehen, dass früher die Dunkelziffer hoch war?!

Rudolf Steiner gibt um 1905/1906 mehrfach Beschreibungen, dass die Zweigeschlechtlichkeit aufhören wird.

F. Hörtreiter: Wenigstens teilweise. Dass die objektiven Zahlen sich steigern oder gesteigert haben, würde ich auf die letzten 200 Jahre beziehen. Gerade in der Romantik – damals wurde das noch als sehr gewagt empfunden – wurde beschrieben, dass Menschen eigentlich in ihrem Geschlecht nicht mehr festgelegt sind oder dass sie sich danach sehnen, ein anderes Geschlecht zu haben. Solche Figuren wie Mignon, auch wenn sie von einem Klassiker beschrieben wurde, kommen aus der Romantik. Dieses Motiv des Androgynen ist im 19. Jahrhundert allmählich heraufgekommen, und man fand knabenhafte Mädchen besonders interessant – was nichts mit Pädophilie zu tun hat. Danach kam dieses Erwachen für bestimmte Mythen, Märchenmotive und esoterische Fragen, und darin ist plötzlich der zweigeschlechtliche Mensch interessant. Zum Beispiel hat Chagall den Mensch als Doppelwesen gemalt.

Rudolf Steiner gibt um 1905/1906 mehrfach Beschreibungen, dass die Zweigeschlechtlichkeit aufhören wird und dass man auch nicht mehr körperlich Kinder zeugen wird. Und er deutet an, auf merkwürdig vorsichtige Art, dass die Beziehung zum Ätherleib und überhaupt zu den Hüllen sich ein wenig lockern wird.¹) Das ist in näherer Zukunft zu denken. Ich denke, dass einige von den Voraussagen Steiners in weite Ferne reichen, aber andererseits rast die Zeit, wir werden geistoffener, und so kann auch die kulturelle Beschleunigung (verglichen mit dem gleichen Zeitraum wie vor 100 Jahren) viel rascher geschehen sein. Das könnte dazu führen (aber das ist alles meine persönliche Spekulation) dass manche Dinge, die Steiner für die Zukunft beschrieben hat, näher an uns heranrücken, als wir noch vor 30 Jahren erwartet hätten. Doch abgesehen von diesen möglichen Beschleunigungen: Die Anthroposophie sieht den Menschen ohnehin vielfältig gegliedert und immer mit weiblichen und männlichen Anteilen. Wer daraus aber allzu simple Schlüsse zieht und Trans-Erfahrungen aus einem „fehlerhaften“ Zusammenspiel der Wesensglieder herleitet, der überzeugt mich nicht.

C. P.: Wie schätzen Sie die Situation ein, die auch in der ZEIT ²) beschrieben wurde, dass mit „explodierenden“ Zahlen gerade Jugendliche das Geschlecht wechseln wollen?

„Wer bist du selbst?“

F. Hörtreiter: Da bin ich skeptisch. Wie schon gesagt, denke ich, dass ein scheinbar starker Anstieg dem wachsenden Mut der Menschen entspringt sich zu outen. Und auch dem Gefühl, sich nicht wirklich gesehen zu fühlen.

Die andere Frage ist auch: Ziehen sich die Jugendlichen „andere Kostüme“ an? Ich könnte mir denken, dass man die spießigen Rollenerwartungen, die man in meiner Kindheit und Jugend noch intensiver hatte, radikal ablehnt und meint, dass die Aufmüpfigkeit der 60-er Jahre noch lange nicht reicht. Wir werden immer noch, und auch wieder, da es eine Art Neo-Konservatismus gibt, in Rollenzwänge hineingesteckt, und insofern ist der Protest nicht vorbei. Ich erlebe immer wieder, und es ist ja wunderbar, wenn das humorvoll geschieht, dass man sich exzentrisch anzieht, andere Frisuren hat und spielerisch mit dem „Kostüm“ des anderen Geschlechts auftritt. Das sind alles „Lockerungsübungen“, die man nicht dramatisieren sollte. Ich bin ja selbst ein alter Mann und habe das Ideal, jeden Menschen, egal, wie er sich gerade verkleidet, so in die Augen zu schauen, dass er die Frage fühlt „Wer bist du selbst?“

C. P.: Wenn man diesem Zeitungsartikel folgt, handelt es sich aber nicht nur um eine Verkleidung, sondern die Jugendlichen wollen bis ins Physische hinein unwiederbringlich das Geschlecht wechseln.

F. Hörtreiter: Das ist der harte Kern, den es wirklich betrifft. Und diesen Menschen wird es ja nach wie vor sehr schwer gemacht: Sie müssen erst mal deutlich artikulieren, dass sie sich als Angehörige/r des anderen Geschlechtes fühlen; dann kommt eine psychologische, mitunter auch psychotherapeutische Prüfung. Wenn dann anerkannt wird, dass es zu diesem Menschen tief gehört, dass er sich so empfindet und nicht anders, dann werden Hormone gegeben – was immer noch reversibel ist; und danach erst kommt eine Operation. Ich meine, dass das viel bedächtiger geschieht, als man in den 50-er Jahren kaltschnäuzig Kindern, die nach der Geburt nicht eindeutig Junge oder Mädchen waren, der vermeintlich überwiegenden Geschlechtlichkeit mit einer Operation nachgeholfen hat, so lange das Kind „es noch nicht merkt“. Es gibt heute viele Menschen, die sich von diesen damaligen Eingriffen verletzt fühlen in einem doppelten Sinn, nämlich seelisch und auch körperlich verunstaltet. Ich sehe es auch nicht so, dass das medizinische Personal heute schnell und leichtfertig bei der Hand sei. Diejenigen, die damit zu tun haben, berichten davon: Z. B. gibt es ein Buch vom evangelischen Pfarrer Sebastian Wolfrum ³), der vorher eine Frau war, und er empört sich darüber, dass es den Betreffenden sehr schwer gemacht wird und dass sie lange Wartezeiten erdulden. Soweit ich weiß, war man da früher viel leichtfertiger und schneller. Ein Verwandter erzählte mir, dass man seinem Bruder den sechsten Zeh abmontiert hatte, damit er womöglich nicht zum lebensunwerten Leben gezählt wird. Da könnte man heute auf Körperverletzung klagen.

Ich habe den Eindruck, dass sich manche Menschen empören, weil ihnen aus Antipathie heraus die ganze Richtung nicht passt. Es gibt sehr wohl die Denkweise, wenn man jemand zu einer Norm „hinoperiert“, ginge es dem Betreffenden besser.

Ich trage sowieso eine Maske, wenn ich mich so „normal“ verhalte, wie es alle Leute erwarten.

C. P.: Da sind wir bei der Frage, was heute jeder Einzelne zum Umgang mit diesen Phänomenen in einer konstruktiven Weise beitragen kann?

F. Hörtreiter: Ich glaube es ist wichtig, Kinder nicht darin festzulegen, wie sie sein sollen: „Du bist doch ein richtiger Junge, und Jungen weinen nicht.“ Oder: „Mädchen schlagen nicht“. Alle Rollenzuweisungen, bei denen man sich schämt, wenn man einer Rolle nicht entspricht, sollte man vermeiden. Und andererseits sollten sie spielerisch und arglos alles Mögliche ausprobieren können; Kinder haben gar keine Probleme damit, dass beispielsweise Mädchen die Heiligen Drei Könige spielen. Das Alles würde sehr die Toleranz fördern. Auch kann man mit Kindern und Jugendlichen darüber sprechen, wie sie sich eigentlich „zuhause fühlen“ in ihrem Leib. Ich habe früher im Religionsunterricht versucht, mit den Mädchen zu sprechen, auf welche Weise sie vielleicht fromm wären, wenn sie Jungen wären und mit den Jungen entsprechend umgekehrt. Die Kinder kamen dann selbst auf weiterführende Beispiele: „Wenn ich jetzt aus dem Irak geflohen wäre und in der Moschee alle mir bekannten Menschen treffen würde, in der Schule mir aber alle fremd wären – wo kann ich am meisten ich selber sein?“ Dann entsteht im Selbstgefühl der Eindruck: Es ist schrecklich, ich trage sowieso eine Maske, weil ich mich so „normal“ verhalte, wie es alle Leute erwarten.

Rollen können eine Hilfe sein, weil man nicht alles immer neu und spontan definieren muss, aber sie haben auch etwas Drückendes und Einengendes. In Basel gibt es den wunderbaren Spruch, wenn dort die Fastnacht zu Ende ist: Ab jetzt gilt wieder Maskenzwang! Man erlebt, wenn man ins „Normale“ hineinkommt, dass man beispielsweise als Geschäftsmann ein Jackett und ein schönes Hemd anziehen muss und somit eine Rolle spielt; diese ist nicht schlecht, aber das bin noch nicht ich selbst. Und wenn man bei Kindern und auch älteren Menschen dieses Gefühl frühzeitig anregt, dass man auch Menschen lieben kann, die den eigenen Normalitätsvorstellungen nicht entsprechen, dann kommt man weiter.

C. P.: Wie kann man Menschen darin stärken, so wie Sie es auch schon angedeutet haben: „Wer bist du denn wirklich? Was ist deine tatsächliche Identität, jenseits der Masken und Rollen?“

F. Hörtreiter: Ich hatte manchmal mit gleichgeschlechtlichen Menschen Gespräche und wies darauf hin: „Wenn Sie Ihre Eigenart gefunden und bejaht haben: schön! Aber denken Sie bitte nicht, Sie seien damit auch schon sich selbst begegnet. Jeder von uns ist besonders.“ Das Coming Out ist nicht der letzte entscheidende Schritt für das ganze Leben, sondern die Betreffenden werden merken, ganz gleich in welchen Körper oder in welcher Rolle sie sich stecken: Sie werden sich selbst nicht entgehen können. Auch ich selbst – ich entspreche ja sehr dem Mainstream mit einer heterosexuellen langjährigen Ehe, festgelegtem Beruf, ohne den Wunsch, daraus auszubrechen – hatte immer das Gefühl: Das ist nur eine Bahn, um dem näher zu kommen, was ich eigentlich will.

Man sollte sich die Frage stellen: Welcher Mensch in meinem Umfeld ist so, dass ich ihm vertrauen kann, und wer ist so, dass ich in der Auseinandersetzung und in den Aufgaben, die ich an ihm erlebe, mir selbst begegne? Ich finde mein Ich nicht, indem ich in mich hineinlausche und Nabelschau betreibe, sondern wo ich Aufgaben begegne, die ich für mich als typisch erlebe. Wenn man darauf schaut, was das Leben von einem fordert, soll man das als Chance zur Selbstbegegnung annehmen.

Alles ist nur eine Bahn, um dem näher zu kommen, was man eigentlich will.

C. P.: Wenn man das unter dem Aspekt anschaut, dass alles nur eine Bahn ist, um zu sich selbst zu kommen, können alle Bahnen gleichwertig nebeneinander stehen.

F. Hörtreiter: Ja. Wenn man das so fühlt, merkt man auch, dass man dabei selbst möglichst bescheiden sein muss, also nicht im Sinne von „Ich habe mich ja selbst längst gefunden und bin völlig in Ordnung“. Sondern man sieht, dass man auf dem Wege ist und jeden anderen nur geschwisterlich anstrahlen kann, weil er auch auf dem Wege ist. Die Menschen, die sich ihrer Verkörperungsbedingungen nicht so sicher sind, leisten dabei Zusätzliches.

Vorstellungen von einem festgelegten Lebensziel ??

Aus meiner eigenen Biografie habe ich eine Anekdote, die genau das wiedergibt, wovor mir graut: Ich habe einmal, als ich selbst noch in die Schule ging, einem Mädchen Nachhilfeunterricht gegeben und war zu dumm zu bemerken, dass sie sich in mich verliebt hatte. Als ich ihr einmal wieder eine Stunde gab, führte sie mich mit verschämtem Blick in ihr Zimmer, öffnete ihre Schränke und zeigte mir ihre fertige Aussteuer. Ich entwickelte Fluchtreflexe, weil ich das Gefühl hatte, mich zum einen nicht vereinnahmen lassen zu wollen und zum anderen war ich noch viel zu jung, um mich zu binden. Bei ihr war die Rolle festgelegt: Sie wollte geheiratet werden, sie brauchte keine Ausbildung, hatte genügende Mitgift. Wenn sie einen Mann und Kinder bekommt und später ein Eigenheim, dann ist das Lebensziel erreicht. Das finde ich traurig! Wer solche Vorstellungen von einem festgelegten Lebensziel hat, der ist gefährdet, dass er Menschen, die anders leben, nicht genügend atmen lässt.

C. P.: Vielleicht ist auch wichtig zu sehen, dass man sich auf diese Weise selbst nicht genug atmen lässt. Ich finde es einen wichtigen und schönen Gedanken, dass man die Lebenserfüllung nicht findet in einer Rolle oder einer Vorstellung, die man sich vom Leben macht, sondern alles als einen Weg betrachtet zu etwas anderem.

Der Unterschied von Mann und Frau in schwindelerregender Höhenlage

F. Hörtreiter: Wenn man sich übrigens dazu das Trauritual der Christengemeinschaft anschaut, findet man darin viel davon enthalten. Es erscheint zunächst als eine skandalöse Beschreibung, wenn vermeintlich davon gesprochen wird, dass der Mann zeigen soll, wo es lang geht und die Frau ihm folgen soll. Ich halte das für ein grobes Missverständnis. Aber noch vor dem zweiten Weltkrieg haben es viele Mitglieder der Christengemeinschaft und auch Priester so verstanden, dass der Mann das Sagen hat und die Frau ihm treu die Gefolgschaft schuldet. Erst nach dem Krieg haben wir begriffen, dass das ganz anders gemeint ist. Wer „die Hosen anhat“ wird im Trauritual gar nicht beschrieben, und das Wort „folgen“ bedeutet keinen Gehorsam. Es wird sozusagen in schwindelerregender Höhenlage von dem Unterschied von Mann und Frau gesprochen, und der größte Teil des Traurituals ist in der Ansprache von Mann und Frau sowieso gleich. An der Stelle, wo der Unterschied angesprochen wird, geht es darum, wie man in einer seelischen Ganzheitlichkeit (die Frau mehr als geistig-seelisch verbundener und der Mann mehr als willensstrebender Mensch) die Beziehung zu Christus gemeinsam hat. Die Christus-Beziehung, die sehr besonders ist, wird da angesprochen, und nicht die irdische Abschattung. Ob äußerlich jemand mehr dominiert oder dem anderen sich unterordnet, wird im Trauritual überhaupt nicht festgelegt. Und ich bin auch äußerst froh, dass wir in den Gemeinden ersichtlich Paare haben, bei denen der Mann der Frau folgt. Ich selbst finde es am ersprießlichsten, dass auf jedem Lebensfeld, sei es wirtschaftlich oder die Geselligkeit, Haushaltsführung, Kindererziehung etc. betreffend, es von beiden frei vereinbart und am besten alle paar Jahre wieder neu angeschaut wird. Sonst wäre es zu viel Trott, Gewohnheit und Gedankenlosigkeit und könnte auch zu stummem Protest oder stummer Resignation führen. Man sollte nicht mit dem Polterabend schon festlegen, wie man etwas verteilt, sondern immer wieder prüfen: Wie sind bei uns die Lebensbereiche gewichtet, ist das so noch gut, oder wollen wir das wieder mal ändern?

 

1) Vgl. Vorträge vom 13. April und 4. Juni 1908 in Rudolf Steiner: ›Das Hereinwirken geistiger Wesenheiten in den Menschen‹ (GA 102), Dornach 2001.

2) Artikel in der ZEIT vom 20. Mai 2020 „Vom Recht, anders zu sein“

3) Sebastian Wolfrum: ›Endlich Ich. Ein transsexueller Pfarrer auf dem Weg zu selbst‹, aufgezeichnet von Daniel Staffen-Quandt, München 2019.

  • Artikel von Frank Hörtreiter: „Im falschen Körper? Leiblichkeit und Ich-Erfahrung“ In die Drei 4/2020
  • Tagung 5.- 6. März 2021: Mädchen, Junge, Divers … Das Geschlecht und seine Variationen. Fachtagung zur anthroposophischen Kinder- und Jugendpsychiatrie. in Witten-Annen. www.prokid-herdecke.de