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Kopf und Herz

Über den Maler und Philosophen Karl Ballmer

Interview mit Ulrich Kaiser, Klassenlehrer

Ulrich Kaiser
Ulrich Kaiser
Karl Ballmer
Karl Ballmer

Karl Ballmer – Philosoph und Künstler, Anthroposoph und Einzelgänger. Seine Begegnung mit Rudolf Steiner 1917 war lebenserhaltend, dabei blieb er aber immer ein kritischer Individualist. Hamburg war seine Wahlheimat, bis er unter dem Nationalsozialismus in die Schweiz fliehen musste. In Hamburg schuf der Avantgardist, der sich um 1930 der Hamburgischen Sezession anschloss, eine Kunst, die nach Essenz sucht und ins Universelle weist. In ihrer eigenwilligen Verschränkung von Intellekt und Intuition faszinierte Ballmers Malerei schon namhafte Zeitgenossen: Der Schriftsteller Samuel Beckett zeigte sich bei einem Hamburgbesuch 1936 nachhaltig beeindruckt, und Max Sauerlandt, der progressive Direktor des Hamburger Museums für Kunst und Gewerbe, zählte schon früh zu Ballmers überzeugten Förderern und Freunden. Anerkennend schrieb er über dessen Bilder: „Die phänomenale Wirklichkeit eines Augenerlebnisses ist anschaubare Empfindung, anschaubare Idee geworden.“
Vom 5. März – 18. Juni 2017 werden im Ernst Barlach Haus im Jenisch Park Werke des Malers Karl Ballmer ausgestellt. In Kooperation mit der Karl Ballmer-Stiftung und dem Aargauer Kunsthaus in Aarau versammelt sie mehr als fünfzig bedeutende Gemälde und Arbeiten. Die Ausstellung ist auf Initiative des Aarauer Kurators und stellvertretenden Museumsleiter Thomas Schmutz entstanden. Er stieß auf Ulrich Kaiser, der einen Artikel über Ballmer in „Die Drei“ geschrieben hatte.
Interviewpartner Ulrich Kaiser: Klassenlehrer in der Rudolf Steiner Schule Bergstedt, hatte auch in der Oberstufe viele Jahre Kunstgeschichte und Philosophie unterrichtet. Studium der Philosophie und Promotion über Husserl.

Christine Pflug: Was sind die wichtigsten biografischen Stationen von Karl Ballmer?

Ulrich Kaiser: Karl Ballmer ist in Aarau in der Schweiz geboren. Der Vater verstarb früh, und so wurde er in jungen Jahren selbständig, z. B. hat er sich selbst von der Schule abgemeldet. Er fing bei einem Architekten eine Zeichnerlehre an und wurde Maler; später studierte er in München. Während des ersten Weltkrieges arbeitete er als Armeejournalist und las viel. Das entscheidende Erlebnis war 1917 die Begegnung mit Rudolf Steiner und dessen Werk. Er war davor lange Jahre in einer existenziellen, suizidalen Sinnkrise und sagte, dass die Begegnung mit Rudolf Steiner diese Sinnkrise aufgelöst hätte. Von diesem Moment an studiert er Steiner, lernt ihn persönlich kennen, 1919 kommt er nach Dornach und arbeitet bis Ende 1920 am Bau des ersten Goetheanums mit. Er schnitzt, kümmert sich um Wohnungsbau, schreibt auch in der Presse und versucht die Anthroposophie nach außen zu vermitteln; er legt sich aber mit den Kritikern an, und zwar so heftig, dass er verklagt wird und es zu einem Prozess kommt. 1920 entscheidet er sich, von Dornach wegzugehen.

1922 nach Hamburg.

Er kommt schließlich nach Hamburg, 1922 lässt er sich nieder und lebt hier als Maler und ist gleichzeitig im anthroposophischen Pythagoras-Zweig engagiert. Gleichzeitig absolviert er ein freies Studium der Philosophie, Theologie, Physik. Er sucht die Auseinandersetzung mit den Zeitgenossen und will Rudolf Steiner an die zeitgenössischen Denker kritisch vermitteln. Das macht er Ende der 20er Jahre vor allem mit der Herausgabe der Zeitschrift „Rudolf Steiner Blätter“. Das sind sehr originelle Schriften, die auch noch heute interessant sind. Bei der Herstellung dieser Zeitung reibt er sich finanziell und kräftemäßig auf, so dass er nach Heft 5 damit wieder aufhört. In dieser Zeit wird er als Maler bekannt und in der Kunstszene entdeckt.

Wegzug unter dem Naziregime.

Max Sauerlandt, der Leiter des Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, fördert ihn, kauft Bilder für das Museum; in einer Vorlesung 1933 über Kunst behandelt er ihn als das herausragende Beispiel eines zeitgenössischen und zukunftsweisenden Maler. Aber Sauerlandt selber wird in diesem Jahr aus politischen Gründen von seinem Posten abgesetzt. Ballmers gerade begonnene Karriere ist ebenfalls mit dem Nationalsozialismus beendet. Seine Frau, die er erst jetzt heiratet, ist Jüdin; Ballmer erhält Arbeitsverbot und obwohl sie in Glinde noch ein Haus kaufen – das es heute noch gibt – verlassen sie Hamburg fluchtartig und gehen in die Schweiz zurück. Sie lassen sich im Tessin nieder, und dort lebt Ballmer bis zu seinem Tod 1958. Er schreibt viel, studiert unglaublich gründlich, publiziert in der Tagespresse, aber lebt eigentlich einsam. Als Maler fasst er nicht mehr den Boden, den er vorher als Mitglied der Hamburgischen Sezession hatte; als Schriftsteller hat er wenige Gesprächs- und Briefpartner, kann aber weder angemessen publizieren noch ausstellen. Er hat aber einige gute Freunde, z. B. Hans Gessner, der vorübergehend Lehrer an der Hamburger Waldorfschule gewesen war und ihm dann ins Tessin nachzog und später dann sein engagierter Nachlassverwalter wurde. Vor kurzem konnte ich dort Martin Gessner, seinen heute 85jährigen Sohn besuchen.

Die Begegnung mit Steiner ist das entscheidende Ereignis in seinem Leben.

C. P.: Wie war Ballmers Verhältnis zu Rudolf Steiner? Er hatte ihn auch immer wieder portraitiert …

U. Kaiser: Das war eine persönliche Begegnung. Er las zum ersten Mal von ihm in einem Zitat, das von dem Schweizer Anwalt und Autor Roman Boos zitiert wurde, und ging dem dann nach. Es gab nach 1917 eine starke Arbeiterbewegung in Zürich, und in diesem Zusammenhang entstand auch die Dreigliederungsbewegung. Boos war einer der Initiatoren, und in diesen Kreis stieß Ballmer dazu. Schließlich lernte er Steiner persönlich kennen und lebte in Dornach in seiner unmittelbaren Nähe. Die Begegnung mit Steiner ist das entscheidende Ereignis in seinem Leben; er sprach von dem „Ereignis Rudolf Steiner“. Mit „Ereignis“ ist nicht nur gemeint, dass es ein großartiger, charismatischer Mensch sei, sondern er meint das sehr sachlich als einen Begriff mit philosophischer Prägung. Er versucht damit Steiner als Schöpfer der Anthroposophie philosophisch zu denken.

C. P.: … also nicht seine Werke, sondern den Menschen?

U. Kaiser: Der Mensch ist das Werk. Er nennt ihn einmal in einem Brief einen „Kommenden“, damit meint der das Zukünftige an Steiner. Sein Verhältnis zu Steiner ist einerseits von größter Entschiedenheit und Verehrung, aber nicht im seelischen, sondern im geistigen Sinn, andererseits aber auch das zu einem Denker auf Augenhöhe. Das macht eben Ballmer zu einem ganz besonderen Anthroposophen.
Ihn unterscheidet von anderen Anthroposophen, dass viele damit zufrieden sind, zu wiederholen, was Steiner gesagt hat. Gleichzeitig war er dem Werk Steiners gegenüber sehr treu und hat aus dieser Haltung heraus viele Verantwortungsträger in der Edition des Nachlasses oder im Vorstand am Goetheanum in Briefen, auch in kleinen Publikationen heftig angegriffen.
Selber versuchte er durch seine Publikationen, wie er sagt, Steiner an die „Bildungshöhe der Zeit“ anzuschließen, also an den aktuellen Zeitgeist. Er hat Steiner immer verteidigt, nicht nur gegenüber Kritikern, sondern auch gegenüber Anthroposophen, von denen er meinte, dass sie die Anthroposophie unverstanden, verantwortungslos oder kurzatmig umsetzen.

C. P.: Dann hat er sich damals auch mit den Anthroposophen angelegt?

Er war ein sehr streitbarer Mensch.

U. Kaiser: Er war ein sehr streitbarer Mensch, der sich mit fast allen angelegt hat. Aber war zwar prinzipiell solidarisch mit der Sache und ist zum Beispiel meines Wissens nie aus der Anthroposophischen Gesellschaft ausgetreten, war aber in keiner Gruppierung längere Zeit und ist insofern ein Einzelgänger. Aber zum Beispiel im Hamburger Pythagoras-Zweig hat er einige Jahre die Bibliothek betreut und an den Studienseminaren des Nationalökonomen Bernhard Behrens teilgenommen.

C. P.: Sie selbst haben mehrmals über Ballmer geschrieben, setzen sich auch jetzt wieder für die Ausstellung ein. Was gefällt Ihnen an ihm?

U. Kaiser: Ich mag an ihm, dass er eigenständig ist, scharfsinnig denkt, er hat sich immer um die Zeitgenossenschaft bemüht und sich mit anderen auseinandergesetzt. Es hätte ihm nie genügt, in der anthroposophischen Welt zu leben, er wollte immer die Auseinandersetzung. Weil er nicht in vorgefertigten Spuren blieb, entwickelte er interessante Denkgesten, die auch heute eine große Aktualität haben, wie zum Beispiel der Ereignisbegriff. Ballmer hätte sich über die aktuell dazu erscheinende Literatur gefreut (aber sich auch streitbar damit auseinandergesetzt).

Seine künstlerische Art zu denken macht ihn aktuell.

C. P.: Was ist an ihm zukunftsweisend?

U. Kaiser: Eben dieser individuelle Zugang zu Steiners Werk, der Begriff der Individualität und des „Ereignisses“; er hat eine künstlerische Art zu denken. Das macht ihn aktuell. Er baut Brücken zum heutigen Denken innerhalb der Philosophie.
Es gibt dazu eine Anekdote: Als Ballmer am Goetheanum mitarbeitete, gab er Malunterricht für Kinder, und zwar in seinem eigenen Stil. 1920 hat Rudolf Steiner diese Bilder als Beispiele in die Lehrerkonferenzen nach Stuttgart mitgenommen. Die Lehrer darauf hin: „Aber Herr Doktor, wir sollen an der Waldorfschule so doch nicht malen!“ Sie verstanden nicht, warum er ihnen diese Bilder gezeigt hatte, denn sie waren nicht im Sinne der kunstästhetischen Kriterien der Waldorfpädagogik. Nach Steiner kam darin aber das Individuelle der Kinder gut zum Ausdruck – und das fand er entscheidend. Daran wird deutlich, dass Steiner selbst eine Offenheit und Toleranz hatte. Gerade heute fragt man sich in der Waldorfpädagogik, ob nicht vieles reine Tradition ist und einer tieferen Grundlage entbehrt.

C. P.: War Steiners Anliegen damals: Wenn man das Individuelle fördert, sind alle möglichen Mittel in Ordnung?

U. Kaiser: Das kann man daraus ableiten. Dafür gibt es nicht viele Beispiele – die Existenz Ballmers ist eines dafür. Durch diese Anekdote kann man sehen, wie offen Steiner gedacht hat.
Ballmer ging mit Steiners Werk selbständig um, konnte vieles daraus erschließen; wenn man sich mit ihm beschäftigt, ist er eine Verständnishilfe für Steiners Schriften.

Werke, die man mit den Augen lesen muss.

C. P.: Gibt es an seiner Kunst etwas Zukünftiges?

U. Kaiser: Man könnte nicht sagen, dass die Bilder einen Stil beeinflussen oder eine „neue Richtung“ schaffen, aber die Betrachter – wenn man die Parallele mit dem Denken Ballmers sucht – können daran etwas erfahren. In einer visuelle Form sind sie ebenfalls sehr denkerisch – und darin liegt etwas Zukünftiges: Sie können Entwicklungsanreger sein für die Anschauung. Sie sind nicht gefällig, manchmal werden sie als verschlossen geschildert. Sie sind so etwas wie Arbeits- oder auch Denkbilder und regen einen Prozess an. Werke, die man mit den Augen lesen muss.

„geistig-seelische Tasterfahrung“

C. P.: Bei einigen, die ich angeschaut habe, stößt man seelisch an. Die üblichen Seherwartungen werden nicht bedient, beispielsweise gibt es ja keine rot-grünen Augen.

U. Kaiser: Man muss sich mit ihnen auseinandersetzen. Das fordert beim Betrachter sein Individuelles heraus. Durch das Anstoßen kann man wach werden. Nicht umsonst ist Ballmer dem Steiner im Jahre 1917 begegnet, in dem auch Steiner von der „geistig-seelischen Tasterfahrung“ geschrieben hat. Das passt auch gut zu diesen Bildern: die Seele stößt irgendwo an, und am Tasten differenziert sich eine andere Art der Wahrnehmung.
Darin würde ich das Zukünftige sehen.
Und was die Interpretation seiner Bildern anbelangt, war Ballmer streng: Hier wird nicht geredet, hier wird angeschaut.

Hier erhalten Sie Informationen rund um
Karl Ballmer:www.edition-lgc.de
VERANSTALTUNGEN im Ernst Barlachhaus:
(www.barlach-haus.de/)
Sonntag, 19. März 2017, 12 Uhr
Karl Ballmer, Max Sauerlandt und die Hamburgische Sezession um 1930
Friederike Weimar und Rüdiger Joppien im Gespräch über Ballmers Freunde und Förderer
Dienstag, 28. März 2017, 18 Uhr
Kuratorenführung
Ausstellungsrundgang mit Thomas Schmutz, der Initiator der Ausstellung
Sonntag, 30. April 2017, 12 Uhr
Karl Ballmer, Rudolf Steiner und die Anthroposophie.
Karsten Müller und Ulrich Kaiser im Gespräch über Ballmers Theorie und Praxis
Dienstag, 16. Mai 2017, 18 Uhr
Kuratorenführung
Ausstellungsrundgang mit Karsten Müller

7.-8. April . Tagung im Rudolf Steiner Haus
Das Ich-Verhältnis zur Farbe
Freitag, 7. April, 19 Uhr: Karl Ballmers Begegnung mit Rudolf Steiner als eine Leben oder Tod-Frage. Vortrag von Ulrich Kaiser
Samstag, 8. April, 15 Uhr: Karl Ballmer: Kopf und Herz. Besuch der Ausstellung mit Ulrich Kaiser. Kosten 15,- incl. Eintritt.
Veranstalter: Zweig am Rudolf Steiner Haus
24.- 26. März
Rudolf Steiner Buchhandlung, Rothenbaumchaussee 103, 20148 Hamburg,
VORTRÄGE UND SEMINARE ZU KARL BALLMER (siehe Terminteil)