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07-08/2019

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„ImPuls für die Zukunft“

100 Jahre Soziale Dreigliederung

Rückblick auf die Tagung in Stuttgart von Dörte von Wietersheim

Dörte von Wietersheim
Dörte von Wietersheim

„ImPuls für die Zukunft“ war das Thema einer Tagung zum 100. Jahrestag der Idee der Sozialen Dreigliederung, die von Rudolf Steiner entwickelt wurde.
Was ist aus der Sozialen Dreigliederung geworden? Was haben ihre Mitstreiter heute zu sagen? In welchen Projekten und Unternehmen wird sie verwirklicht?
Die Tagung fand in Stuttgart vom 5.-7.4. 2019 statt, veranstaltet vom Forum 3, der Sektion für Sozialwissenschaften am Goetheanum, der Christengemeinschaft und dem Institut für soziale Gegenwartsfragen und anderen.

An dieser Tagung nahm ich teil (die Verfasserin, siehe Ende des Interviews), 48 Jahre nachdem mich die zugrunde liegenden Ideen begeistert und mein weiteres Gedanken-, Gefühls- und Berufsleben beeinflusst haben.
Hier eine der vielen Äußerungen, mit denen Rudolf Steiner dieses Thema, welches mir so ein zentrales Anliegen geworden ist, charakterisierte:

„Freiheit ist der Grundimpuls des geistigen Lebens, wo auf die Freiheit der individuellen menschlichen Fähigkeiten gebaut werden muss.
Gleichheit ist der Grundimpuls des Staats- und Rechtslebens, wo alles hervorgehen muss aus dem Bewusstsein der Gleichheit der menschlichen Rechte.
Brüderlichkeit ist das, was auf dem wirtschaftlichen Lebensgebiet herrschen muss in großem Stile.“

Als ich 1971 als sozialistisch eingestellte Jugendliche zum ersten Male von Steiners Sozialer Dreigliederung hörte, beeindruckten mich vor allem folgende Ideen:
die Abschaffung des Warencharakters von Grund und Boden,
des Verkaufes und der Vererbung von Produktionsmitteln
und sogar des Arbeits-Marktes selber.
R. Steiner geht davon aus, dass letzterer ein Relikt des Sklavenhandels ist. Arbeit ist eine ich-hafte Tätigkeit und damit unbezahlbar. Nur Produkte und Dienstleistungen können gehandelt werden.

Als Mitarbeiterin im Haus Tobias in Freiburg/Br. sowie als Mitglied in der Gründungsgruppe und anschließend als langjährige Mitarbeiterin von ZusammenLeben e.V. in HH-Bergstedt (beides sozialtherapeutische Einrichtungen) ging es mir dann in meinem Berufsleben darum, Inhalte und Methoden der Selbstverwaltung auf Grundlage der sozialen Dreigliederung in Einrichtungen der anthroposophischen Heilpädagogik und Sozialtherapie auszuprobieren, auszuwerten und weiter zu entwickeln.
Dieses Tun habe ich als enorm bereichernd, belebend und Sinn stiftend erlebt. Es war jedoch gleichzeitig ein intensives Ringen und Üben, weil es darum ging (und weiterhin geht), neue Fähigkeiten des Miteinander zu entwickeln, über die wir erst anfänglich verfügen.

100 Jahre Erfolge und Scheitern

Was war aus den unterschiedlichen Ansätzen in den drei genannten Bereichen geworden, was hatten die Mitstreiter für die Soziale Dreigliederung heute zu sagen?
Mit diesen Fragen fuhr ich zur Tagung.
Am ersten Abend gab es einen Rückblick auf den Beginn, als die Ideen der Sozialen Dreigliederung 1919 zum ersten Mal von Stuttgart aus in Deutschland in die Öffentlichkeit traten.
Es folgte ein Grußwort der Waldorfschulen, die sich damals wie heute darum bemühen, die benötigten neuen Fähigkeiten zu fördern.
In weiteren Veranstaltungen wurde dann auf 100 Jahre Wirken mit dem Impuls der Dreigliederung im Wirtschaftsleben, Rechtsleben und Geistesleben zurückgeblickt.
Die verschiedenen Redner stellten Erfolge und Scheitern dar bei den Bemühungen, die Ideen weiter zu entwickeln und zu erproben.
Vor allem jedoch ging es um die Frage, was heute hilfreich und notwendig ist. R. Steiner selber drückte aus, dass gesellschaftliche Zusammenhänge ständig in Bewegung sind.

„Wie ein Organismus einige Zeit nach der Sättigung immer wieder in den Zustand des Hungers eintritt, so (tritt) der soziale Organismus aus einer Ordnung der Verhältnisse in die Unordnung. Eine Universalarznei zur Ordnung der sozialen Verhältnisse gibt es so wenig wie ein Nahrungsmittel, das für alle Zeit sättigt. Aber die Menschen können in solche Gemeinschaften eintreten, (Gemeinschaften bilden, die so gestaltet sind), dass durch ihr lebendiges Zusammenwirken dem Dasein immer wieder die Richtung zum Sozialen gegeben wird.“

R. Steiner

Christoph Strawe, der sich seit ca. 40 Jahren der Weiterentwicklung der Sozialen Dreigliederung widmet, drückt die aktuelle Aufgabenstellung folgendermaßen aus:

„Soziale Dreigliederung bedeutet, die Beziehungen zwischen den gesellschaftlichen Subsystemen von Ökonomie, Staat und Kultur so zu ordnen, dass die Menschen ihre sozialen Verhältnisse selbst gestalten können und (dass) der Komplexität und Differenziertheit der modernen Gesellschaft Rechnung getragen wird.
Aus der Bearbeitung dieser Kernfrage (nach der Richtung des dreifach Gegliederten) sollen immer wieder neu Wege zum Verständnis und zur Gestaltung sozialer Prozesse erschlossen werden.
Der Gedanke einer funktionellen Differenzierung des sozialen Ganzen in ein jeweils relativ selbständiges sozio-kulturelles, politisch-administratives und sozio-ökonomisches System ist als solcher nicht neu, sondern in der modernen Soziologie weit verbreitet.
Die Originalität der Dreigliederung des Sozialen Organismus liegt insbesondere im Aufweisen des Zusammenhanges zwischen Gliederung und Gestaltbarkeit, der aus der radikalen Frage nach der Durchlässigkeit der Sozialität für Freiheit, Verantwortung und Selbstverwaltung erwächst.„ 

Zu diesem riesigen Themen-Komplex, der unser gesamtes soziales Leben umfasst, gab es am zweiten und dritten Tag Vorträge, Workshops und Gesprächs-Foren. Ein “Markt der Möglich-keiten“, mit unterschiedlichste Initiativen, regte zum Kennenlernen neuer Zusammenhänge und zu Begegnungen an. Durch Musik und Kunstaktionen wurden noch andere Ebenen bei den Teilnehmerinnen und Teilnehmern angesprochen.

„Eigentum neu denken“

Aus der Fülle meines persönlichen Erlebens möchte ich mich beschränken auf das Thema eines Workshops, eines Vortrags und auf die  Reaktion einer Teilnehmerin, die mich besonders berührt haben.
In dem Workshop „Eigentum neu denken“ erzählte Arnim Steuernagel, der Gründer des „Waldorf-Shops“ und anderer Firmen, sehr lebendig anhand eigener unternehmerischer Erfahrungen von der Freude am Gestalten eines Wirtschaftsunternehmens, mit dessen Werten, Produkten und Auswirkungen man verbunden ist.
Und er beschrieb das allseits bekannte wirtschaftliche Handeln von Eigentümern und deren Managern, die nicht mit den von Ihnen erworbenen oder geleiteten Betrieben verbunden sind, die sie dementsprechend ausplündern und weiterverkaufen, sodass die Qualität der Produkte und die Arbeitsbedingungen für die Mitarbeitenden sich ständig verschlechtern.
In diesem Zusammenhang teilte Herr Steuernagel mit, dass 90% des Geldes, mit dem fortwährend gekauft, verkauft und erneut investiert wird, aus Versicherungen und Rentenkassen stammen. Diese haben den Auftrag, Gewinne zu machen für günstige Versicherungen und höhere Renten. Also sind wir fast alle in diesen Prozess verwickelt und somit auch verantwortlich.
Mit diesen Erfahrungen und Wahrnehmungen entwickelte sich bei ihm und anderen der Impuls, eine neue gesetzliche Form des Eigentums an Produktionsmitteln zu entwickeln. Gemeinsam mit Gerald Häfner, Udo Hermannstorfer und anderen entstand die Idee der Rechtsform eines „Verantwortungseigentums“, eines Betriebes in Eigentümer-Verantwortung.
Dieses beschreiben sie folgendermaßen:
Das Sinnprinzip: Gewinne sind Mittel zum Zweck
Unternehmen in Verantwortungseigentum betrachten Gewinne als Mittel zur Erfüllung des Unternehmenszwecks und nicht als reinen Selbstzweck (um Aktionäre oder Besitzer zu unangemessenen Einnahmen zu verhelfen). Die vom Unternehmen erwirtschafteten Gewinne werden reinvestiert, zur Deckung der Kapitalkosten verwendet oder gespendet. (Auch Gehaltserhöhungen oder Sonderzahlungen an die Mitarbeiter sind sinnvolle Verwendungs-Zwecke). Das Vermögen des Unternehmens ist nicht privatisierbar. (Sollte der Gründer des Unternehmens sich zurückziehen wollen, erhält er sein Anfangs-Kapital in einer für das Unternehmen verkraftbaren Form zurück.)
Das Selbstbestimmungsprinzip: Unternehmerschaft gleich Eigentümerschaft
Unternehmen in Verantwortungseigentum stellen sicher, dass die Stimmrechte bei Menschen liegen, die eng mit dem Unternehmen verbunden sind – damit ist das Unternehmen selbstbestimmt. Entscheidungen werden also von denjenigen getroffen und ausgeführt, die mit der Organisation innerlich verbunden sind, und nicht von anonymen Anteilseignern. Die Verantwortungseigentümer übernehmen die unternehmerische Verantwortung für das Handeln, die Werte und das Vermächtnis des Unternehmens.
Dazu gab und gibt es natürlich noch viele Fragen. Eine Informationsschrift, aus der diese Kurzbeschreibung entnommen wurde, ist über die Mailadresse „pupose-stiftung.de“ erhältlich.

Ich halte das Ganze für  eine wichtige Initiative, die eines Tages zu einer Gesetzes-Vorlage und einer neuen, sinnvollen Form von Eigentum führen kann.

Die Entwicklung von künstlichen Intelligenzen – wird die Menschheit ausgeschaltet?

Als zweites hat mich im Verlauf dieser Tagung der Abendvortrag von Nicanor Perlas (philippinischer Soziologe und Umweltaktivist) zutiefst betroffen gemacht.
Aus unterschiedlichen Quellen schöpfend, breitete er sein Wissen darüber aus, dass an verschiedenen Stellen der Welt die Entwicklung von Super-Intelligenzen (Künstlicher Intelligenz (KI), extrem weit entwickelten Computern) voran getrieben wird, die untereinander kommunizieren.
Es klingt wie Sciencefiction, scheint aber wahr zu sein, dass diese Kommunikation ungeplant bereits über das hinaus ging, was ihre Konstrukteure verstehen konnten.
Diese superintelligenten Computer werden laut Nicanor Perlas voraussichtlich bald in der Lage sein, die Fehlerhaftigkeit der Menschen zu erkennen und die Menschheit konsequenterweise auszuschalten
Es gibt einen Ansatz wissenschaftlichen Denkens, der dieses auch als folgerichtig ansieht, dass die durch Zufall entstandene Menschheit und ihre Lebenswelt sich durch diese Erfindungen selbst wieder vernichtet.

… oder gibt es doch eine höhere Macht, die hinter allem steht?

Ein anderer wissenschaftlicher Ansatz zeigt auf, dass die Entstehung der Menschheit und eines Planeten mit diesen, unseren Lebensbedingungen in der Gesamtheit des erforschten Alls so extrem unwahrscheinlich ist, dass eine höhere Intelligenz dahinterstehen muss, die dieses will.
Nun liegt es an jedem Menschen, der an eine höhere Macht glaubt, Ihr vertraut und uns Menschen durch unsere Entwicklung zu einem Miteinander von Erde, Mensch und geistiger Welt als Mit-Schöpfer erlebt, zu protestieren, sich für das als richtig Erkannte einzusetzen, aktiv zu werden, zu wählen usw.
Auf der technischen Ebene wird zur Weiterentwicklung und Verbreitung dieser so genannten Super-Intelligenz der Mobilfunkstandard 5G benötigt, deren Einführung gerade läuft und deren Gefahren inzwischen vielfach diskutiert werden.
Als Drittes, beim abschließenden Rückblick, erschütterte mich der Aufschrei einer jungen Frau, die es nicht beim Reden belassen wollte und unter Tränen rief:
JETZT MÜSSEN WIR ETWAS TUN!
Genau in diese Richtung zielte dann auch der künstlerische Abschluss der Tagung von Lena Sutor-Wernich und Marco Bindelli, wo es zuletzt darum ging, das Schwert Michaels und die eigene Freiheit zu ergreifen, um bis ans Ende der Welt zu kommen.

– Sind wir unterwegs?

Dörte v. Wietersheim, geb. 1953, Sozialpädagogin grad. sowie Waldorfkindergärtnerin, Heilpädagogin und Sozialtherapeutin auf anthroposophischer Grundlage, 8 Jahre Arbeit und kollegiale Mitgestaltung im Haus Tobias, Freiburg./Br. und 27 Jahre bei ZusammenLeben e.V., wo sie Teil der Gründungsgruppe und des ersten Kollegiums war, außerdem tätig in der Region Nord des anthroposophischen Sozialverbandes durch Vernetzung wie auch Fort- und Ausbildung im Bereich der Arbeit für Erwachsene mit Unterstützungsbedarf.