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„… gib jedem seinen eignen Tod“

Gedanken zum Sterben und zum assistierten Suizid

Interview mit Ulrike Steurer, Ärztin, Dr. med. Irene Stiltz, Ärztin, Jörgen Day, Pfarrer i.R.

      

… gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben
geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not.“ ¹Rainer Maria Rilke

Welchen Tod wünschen wir uns? Ist in einer extremen Situation eine Selbsttötung, sei es durch eine Assistenz oder alleine durchgeführt, Ausdruck oder Verletzung der Menschenwürde? Im Februar 2020 hat das Bundesverfassungsgericht die „Beihilfe zur Selbsttötung“ auf geschäftsmäßiger Grundlage für nicht mehr strafbar erklärt. Seitdem wird über den Handlungsbedarf und die Rahmenbedingungen auf gesellschaftlicher und politischer Ebene diskutiert.

HINTERGRÜNDE UND FAKTEN ZUM THEMA

Definition: Unter einem assistierten Suizid versteht man die „Beihilfe zur Selbsttötung“. Der Sterbewillige nimmt selbstständig eine Substanz zur Selbsttötung ein. Eine andere Person, das heißt ein Angehöriger oder nahestehender Mensch, ein Arzt oder Sterbehelfer hat hierzu einen Beitrag geleistet, z.B. die tödliche Substanz zur Verfügung gestellt.

Rechtslage: Von April 2019 bis Februar 2020 diskutierte das Bundesverfassungsgericht in Karlsruhe den ärztlich assistierten Suizid, mit dem Ergebnis, Paragraph 217 des Strafgesetzbuches als verfassungswidrig einzustufen und die Suizidassistenz auch auf geschäftsmäßiger Grundlage zu legalisieren. „Das allgemeine Persönlichkeitsrecht umfasst ein Recht auf selbstbestimmtes Sterben. Dieses Recht schließt die Freiheit ein, sich das Leben zu nehmen und hierbei auf die freiwillige Hilfe Dritter zurückzugreifen. Die in Wahrnehmung dieses Rechts getroffene Entscheidung des Einzelnen, seinem Leben entsprechend seinem Verständnis von Lebensqualität und Sinnhaftigkeit der eigenen Existenz ein Ende zu setzen, ist im Ausgangspunkt als Akt autonomer Selbstbestimmung von Staat und Gesellschaft zu respektieren.“ (Pressemitteilung Bundesverfassungsgericht)

Aktuell wird in Politik und Gesellschaft über den sich aus dem Urteil ergebenden gesetzgeberischen Handlungsbedarf diskutiert. Es gibt u.a. zu der geschäftsmäßigen Erlaubnis fraktionsübergreifend Gesetzesentwürfe, die aber noch nicht beschlossen sind.

Ausland: In der Schweiz ist die Suizidhilfe nur strafbar, wenn selbstsüchtige Motive vorliegen. Deshalb haben sich mehrere Sterbehilfeorganisationen etabliert, die ihren Mitgliedern dort zum Suizid verhelfen. Teilweise können auch ausländische Sterbewillige Suizidbeihilfe erhalten. In den Niederlanden, Belgien und Luxemburg ist die ärztliche Suizidbeihilfe unter Einhaltung bestimmter Kriterien wie dem freiwilligen Verlangen nach Tötung, aussichtslosem Krankheitszustand und der Bestätigung durch einen zweiten Arzt straffrei.

Die Statistiken zeigen: Ist der assistierte Suizid legal, steigt die Nachfrage, die Zahl der selbst durchgeführten Suizide dagegen fällt. Beispielweise war in der Schweiz im Jahre 1995 die Rate der selbst durchgeführten Suizide ca. 1.400 pro Jahr; im Jahr 2014 fiel sie auf ca. 1.000, aber die Rate der assistierten Suizide stieg um ca. 700.

Medien und Öffentlichkeit: Der Autor und ehem. Rechtsanwalt Ferdinand von Schirach schrieb das Theaterstück „Gott“ (auch aufgeführt im Altonaer Theater in Hamburg), das im Jahr 2020 im Fernsehen gesendet wurde. Das Thema: Ein Mann wünscht einen öffentlich anerkannten assistierten Suizid. Nach der erstmaligen Ausstrahlung konnten die TV-Zuschauer ihre Stimme online und per Telefon abgeben. An der ARD-Befragung nahmen etwa 546.000 Zuschauerinnen und Zuschauer teil. Sie beantworteten die Frage: „Unter welchen Umständen darf man einem Menschen helfen, sich das Leben zu nehmen? Muss der Staat selbstbestimmtes Sterben ermöglichen?“ zu 70,8% mit Ja, zu 29,2% mit Nein

Interviewpartner*innen: Ulrike Steurer, niedergelassen als Allgemeinärztin im Hamburger Schanzenviertel in einer Kassenarztpraxis; palliativmedizinisch tätig im Hospiz Helenen Stift, beschäftigt sich seit vielen Jahren mit den Themen Tod und Sterben.

Dr. Irene Stiltz, niedergelassen als Allgemeinärztin in Hamburg-Bergedorf in einer Kassenarztpraxis; seit  vier Jahren tätig in einem spezialisierten ambulanten  Palliativteam (SAPV), d. h. in einer Gruppe von Pflegenden, die zusammen mit einem Arzt in der häuslichen Umgebung schwerkranke und oft auch sterbende Patienten versorgt.

Jörgen Day, Pfarrer der Christengemeinschaft im Ruhestand; seit ca. 25 Jahren im Bereich von Sterbe-und Demenzbegleitung tätig mit eigenen Seminaren; in den letzten 7 Jahren im Tobias Haus demenziell Erkrankte betreut; von Berufs wegen immer mit dem Thema Sterben und Tod zugange.

Christine Pflug: Was könnten die Gründe sein, dass in Deutschland ab dem Februar 2020 die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung nicht mehr strafbar ist?   

Ulrike Steurer: Die geschäftsmäßige Beihilfe zur Selbsttötung soll nun in Deutschland erlaubt sein, weil es Menschen gibt, die auf privatem Wege keine Suizidbeihilfe erhalten konnten und können, und die deswegen die Möglichkeit haben wollen, geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid in Anspruch zu nehmen. Im Laufe der vergangenen Jahre ist in diesem Zusammenhang ein immer größerer politischer Druck entstanden. Letztendlich wurde das Bundesverfassungsgericht eingeschaltet, um den Paragraphen 217, der die geschäftsmäßige Beihilfe zum Suizid unter Verbot gestellt hatte, zu überprüfen. Das Bundesverfassungsgericht hat im Februar 2020 entschieden, dass es in der Selbstbestimmung des Menschen liegen soll, auch geschäftsmäßig angebotene Hilfe zur Selbsttötung in Anspruch nehmen zu dürfen, um dem eigenen Leben ein Ende zu setzen. Es ist dem Gesetzgeber nun aufgetragen, die genauen Rahmenbedingungen, unter denen – auch eine geschäftsmäßig betriebene – Suizidbeihilfe straffrei möglich ist, zu regeln.

Jörgen Day: Wir haben heute weitgehend eine Medizin, bei der die Not der Patienten und die Möglichkeit der Behandlungen unter kommerziellen Gesichtspunkten gesehen werden. Dadurch entsteht ein Bewusstsein, dass die Menschen einer solchen Medizin ausgeliefert sind, bei der es um Geldverdienen geht. Man möchte in diesen Prozess nicht hineinkommen. Man möchte auch nicht in einemfast verstorbenen Zustand am Tropf hängen, mit Präparaten behandelt werden, bei denen man als Versuchskaninchen oder Geldbeschaffer dient. Die Menschen möchten einen würdevollen Tod und befürchten, dass dies in einer kommerziell betriebenen Medizin nicht möglich ist. Außerdem kommt der erschreckende Pflegenotstand in den Krankenhäusern dazu, der eine würdevolle Begleitung nicht möglich macht. Zu dieser Einstellung gehört auch, dass alle Menschen, unabhängig von ihrem Alter, also auch Jugendliche, das Recht auf einen assistierten Suizid haben. Es liegt grundsätzlich in der Autonomie des Menschen.

Das ist das äußere Bild.

Warum wollen Menschen eine Beihilfe zum Suizid?

C. P.: Was könnten die persönlichen Gründe der Menschen sein, die Beihilfe zum Suizid möchten?

J. Day: Die inneren Gründe können sein, dass Menschen Angst haben vor einem langen Leiden und vor Schmerzen, die sie nicht erleben wollen. Das ist eine Vorstellung, eine Befürchtung; ob es dann so sein wird, ist eine andere Frage. Ein klassisches Beispiel ist Hannelore Kohl, die Ehefrau des Altbundeskanzlers Helmut Kohl, die mit ihrer Licht-und Geruchsallergie im dunklen Raum isoliert leben musste und unerträgliche Schmerzen hatte und sich dann mit Tabletten das Leben genommen hat. Man kann verstehen, wie jemand, um dieses Leiden und die Isolation zu beenden, freiwillig den Tod gewählt hat.

Auch gibt es eine tiefsitzende Angst vor der Auslöschung der eigenen Existenz und damit der Wertlosigkeit des eigenen Lebens, die mit dem Tod eintritt. Das bündelt sich im Bereich der Seele und kann in einen psychopathologischen und auch psychosomatischen Bereich übergehen.

U. Steurer: Neben den Schmerzen, der Isolation und Vereinsamung kann der Wunsch nach einem raschen Sterben auch dann entstehen, wenn es ganz allgemein um schweres körperliches oder auch seelisches Leiden geht. Leiden kann in vielerlei Ausprägung vorhanden sein. Häufig spielen auch die Angst vor Abhängigkeit, und der zunehmende und schmerzlich erlebte Verlust der eigenen Autonomie eine sehr große Rolle. Auch Menschen in seelischen und/oder existentiellen Krisen, die aufgrund ihres Kummers oder ihrer biographischen Situation keine sinnvolle Perspektive mehr entwickeln, können den drängenden Wunsch haben, mit Hilfe einer Suizidassistenz aus dem Leben zu scheiden.

Irene Stiltz: Ich habe auch erlebt, dass es seelische Zustände sind, die mit der Vergangenheit zu tun haben. Nicht selten erinnern sich alte Menschen an bestimmte Erlebnisse aus früherer Zeit, z. B. Kriegserlebnisse. Und auch spirituelle Krisen spielen eine Rolle, z. B. die Angst, was mit dem Tod kommt. Es können in der Kindheit eingepflanzte Vorstellungen sein, was nach dem Tod passiert, Fegefeuer usw., die dann wieder eine Bedeutung gewinnen.

Der Schmerz ist auf den verschiedenen Ebenen, nicht nur auf der körperlichen, auch auf der seelisch-geistigen Ebene, und es kann jetzt plötzlich die Frage kommen, wie man zu einer höheren Welt steht. Auch soziale Bedrängnisse spielen oft eine Rolle, z. B. wenn die Pflege zuhause stattfindet, merken die Betroffenen, dass sie ihren Angehörigen viel abverlangen, und sie können deren Erschöpfung und Verzweiflung nicht mehr ertragen.

C. P.: Nach den Schilderungen, warum Menschen so etwas möchten, kann man volles Verständnis haben. Kennen Sie aus Ihrer Praxis Beispiele, dass Menschen trotz solcher Nöte sich dann anders entschieden haben?

in Ruhe den normalen Sterbeweg gehen …

I. Stiltz: Gerade in der Palliativversorgung passiert es uns häufig, dass ein Patient schon beim ersten Besuch fragt: „Haben Sie etwas in Ihrer Arzttasche, womit Sie mein Leiden beenden können?“ Ein paarmal im Jahr werden wir mit solch einer Situation konfrontiert. Dann kommen wir ins Gespräch, um das Leiden dieses individuellen Menschen zu erfahren und zu ergründen. Unser Auftrag ist ja, Leiden zu lindern. Ich habe oft erlebt, dass wir auf verschiedenen Ebenen Linderung verschaffen können –u.a. durch Gespräche, Medikamente, gute pflegerische Zuwendung. Leider kommt von den Patienten selten die Frage nach einem Seelsorger, einem Priester. Sehr oft muss man eine bessere Pflegesituation schaffen, z. B. einen Pflegedienst oder ein Palliativteam einbeziehen, die die Angehörigen entlasten, oder auch ein Hospiz für den Patienten finden. Ein Hospizaufenthalt kann für alle Beteiligten eine große Entlastung sein und manchmal kommen die Schwerkranken sogar noch einmal in gebessertem Zustand nach Hause. Um ein Beispiel zu erzählen: Ich hatte einen Patienten, ungefähr im Alter von 40 Jahren, der durch einen Unfall schon jahrelang eine Querschnittslähmung hatte, dann noch eine Tumorerkrankung bekam und mich mit den Worten empfang: „Ich habe hier schon alles im Schrank, um mir das Leben zu nehmen. Ich brauche gar nicht Ihre Hilfe, ich weiß, wie das geht.“ Gemeinsam mit ihm habe ich geschaut, was es jetzt an Hilfen gäbe, die diese Entscheidung nicht notwendig für ihn machen. Alleine die Tatsache, dass jeden Tag Pflegende zu ihm kamen und sich intensiv mit ihm befasst haben, hat bewirkt, dass er den Suizidwunsch überhaupt nichtmehr erwähnt hat. Nach einigen Wochen war es so weit, dass er nicht mehr alleine sein konnte und auch nachts Ansprechpartner brauchte. Er konnte nur noch liegen, und nachts sind schmerzliche, traumatische Erinnerungen aus der Kindheit aufgetaucht, mit denen er nicht fertig wurde. Dann war der nächste Schritt nötig, die Aufnahme in ein Hospiz. Dort ist er nochmals aufgeblüht, hat noch vier Wochen gelebt und konnte dann in Ruhe seinen ganz normalen Sterbeweg gehen.

C. P.: Was heißt „aufgeblüht“? Kamen vor dem Tod wichtige Momente?

I. Stiltz: Er ist in desolaten Familienverhältnissen aufgewachsen, mit vielen Beziehungsabbrüchen. Durch den Pflegedienst und das Palliativteam kamen immer dieselben Menschen zu ihm. Sie begegneten ihm mit Offenheit und Interesse. Er war ein spirituell Suchender, und die Pflegenden erlebten den Umgang mit ihm auch für sich selbst als Bereicherung. Auch in den Gesprächen mit mir ging es um philosophische Themen. Er hatte sich intensiv mit indischer Philosophie befasst, kannte auch Aspekte der Anthroposophie. Wir alle kamen bereichert aus den Begegnungen mit ihm, was er selbst auch positiv erlebt hat.

auch diese letzte Lebensphase hat ihre Zeit und ist von besonderer Bedeutung für die Biografie         

U. Steurer: Im Hospiz erlebe ich immer wieder Menschen, die zunächst denken, es sei gut, wenn es jetzt ganz schnell zu Ende ginge. Wenn es dann gelingt, den Raum für den Gedanken zu öffnen, dass auch diese letzte Lebensphase ihre Zeit hat und von besonderer Bedeutung für die Biografie ist, wenn sie gelebt werden kann, kommen Menschen in ein Einverständnis, ihren Weg wirklich bis zum Ende zu gehen. Es kommen dann manchmal noch Fragen, ob es noch etwas zu klären gibt, ob nochmal ein bestimmter Mensch kommen soll, noch bestimmte Erfahrungen zu machen sind. Wenn man den Raum öffnen kann für die Entwicklungsmöglichkeit der letzten Lebensphase, kann dieser Weg oft in zunehmendem Frieden gegangen werden.

J. Day: Wenn mir die Aussage begegnete: „Ich will nicht mehr leben.“, war meine Antwort: „Sie wollen so, in diesem Zustand, nicht mehr leben. Aber können wir diesen Zustand ändern?“ Es ging also darum, Perspektiven aufzubauen. Dazu braucht es einen vertrauensvollen Kontakt zu diesem Menschen, dass er bereit ist, diesen Weg zu gehen und dass er in sich eine Resonanz auf diese Frage spürt, dass das, was jetzt lebensbegrenzend wirkt, geändert werden kann. Da kommt man an die leiblichen Bedingungen, auch an die belastenden seelischen in der Vergangenheit heran und auch an die Perspektiven für die Zukunft. „Wie können Sie trotz Ihres Zustandes noch sinnvoll weiterleben? Welchen Chancen, welchen Erfahrungen berauben Sie sich für das, was jetzt noch kommen kann?“ Ich als Priester habe einen sehr bewussten Hintergrund darüber, was im Nachtodlichen als Folge eines Suizids kommen kann, aber man darf auf keinen Fall daraus eine moralische Forderung stellen, oder gar mit einer moralischen Keule drohen.

eine schwere innere Arbeit und ein mühsamer Entwicklungsweg

U. Steurer: Man hat oft den Eindruck, dass es eine schwere innere Arbeit und ein mühsamer Entwicklungsweg ist, den der Mensch vor seinem Tod im Sterbeprozess leistet, und ich glaube, diese Tätigkeit hat eine Bedeutung, eine Wichtigkeit dafür, wie man dann durch die Todespforte hindurch geht und wie man auf der anderen Seite der Schwelle ankommt. Und wenn man diese Arbeit vor dem Schwellenübergang nicht tun kann oder will, kann es sein, dass man diese Arbeit dann als Aufgabe mitnimmt, um nachtodlich im seelisch-geistigen Raum weiter daran zu arbeiten.

I. Stiltz: Das setzt aber voraus, dass der Mensch davon ausgeht, dass nach dem Tod noch etwas kommt. Ich kenne aber in meiner Arbeit nur wenige Menschen, die diese Idee, geschweige die Gewissheit, haben. Und es gibt auch Menschen, die so schwer krank sind, dass nicht viel Zeit bleibt, solche Themen vorsichtig zur Sprache zu bringen.

die Schicksalsführung einer anderen Sphäre übergeben

J. Day: Es wäre die Aufgabe eines Priesters, diese Menschen so zu begleiten, dass man mit ihrem Engel Beziehung aufnimmt: „Tue du jetzt, was wir hier nicht können.“ Wir übergeben die Schicksalsführung einer anderen Sphäre; auch wenn das dann nicht unmittelbar erlebt wird, schafft das eine Realität. Der Mensch nimmt diese Zuwendung, auch wenn er davon nichts weiß, als Bestandteil seiner Biografie mit über die Schwelle des Todes

U. Steurer: Die Frage der Zuwendung ist ein wichtiger Punkt. Auch wenn wir die spirituelle Ebene nicht teilen können, so gibt es doch immer die menschliche. Da haben wir oft eine Chance und können uns begegnen. Das ist es, was trägt und was hält. Die menschlichen Beziehungen müssen verbindlich und tragfähig sein, ob sie durch Familie, Freunde oder professionelle Helfer kommen. Wer auch immer in dieser Begleitung ist, sollte Verbindlichkeit und Präsenz ausstrahlen. Dadurch kann es gelingen, das Element hineinzubringen, was dann ins Geistige führt.

Spiritual Care in Krankenhäusern

J. Day: An dieser Stelle sind wir in Deutschland noch Entwicklungsland. In den USA gibt es beispielsweise Spiritual Care in den Krankenhäusern. Eine Kollegin von mir bildet im Norden der USA, im St. Josephs Hospital in Bellingham WA, Priester verschiedener Konfessionen aus als geistlichen Beistand für die Patienten in Krankenhäusern. Dort gibt es in vielen Krankenhäusern speziell ausgebildete Seelsorger für alle Patienten. Und hier in Deutschland fangen wir damit gerade langsam an. Das, was andere uns so positiv vorleben, gibt es bei uns noch lange nicht – auch dies eine Frage der Finanzen und der Einsicht, was wichtiger wäre: Die Patienten oder die Rendite.

C. P.: Sie haben jetzt alle eindrücklich beschrieben, dass, wenn die Bedingungen förderlich sind und die Menschen sich dann doch für den Weg zu ihrem natürlichen Tod entscheiden, noch wesentliche Entwicklungen stattfinden können. Welche sind das?

Es können nochmal schwerwiegende biografische Themen hochkommen

U. Steurer: Was Frau Stiltz schon sagte: Es können nochmal schwerwiegende biografische Themen hochkommen, die Krisen mit sich bringen, oft handelt es dabei sich um Schuldthemen, oder auch um versäumte, verpasste Möglichkeiten, oder um das Gefühl, falsche Entscheidungen getroffen zu haben. Wenn Solches durchschritten werden kann, kann ein größerer Frieden kommen. Es kann auch sein, dass Menschen aus diesen Themen heraus nochmal den Kontakt zu Denjenigen suchen, mit denen sie einen Konflikt hatten und sich dann etwas glätten kann, was das ganze Leben mit Hader belegt war.

Wir erleben nicht selten, dass Menschen von Träumen, auch von Engelträumen, oder von ungewöhnlichen Bildern oder Wahrnehmungen berichten, oder dass sie lieben Verstorbenen begegnen; man hat den Eindruck, dass da schon ein Kontakt mit der Schwelle oder der jenseitigen Welt stattfindet, und es wird wie eine Brücke dorthin gebaut. Es öffnet sich ein neuer Raum, die Seele ist nicht mehr so fest mit dem Körper verbunden, und es finden schon Anknüpfungspunkte mit der anderen Seite statt. Eine Frau erzählte mir einmal: „Ich bin mit einem Flugzeug ins Licht geflogen, und jetzt bin ich plötzlich doch wieder da.“ Wenn solche Erlebnisse durchgangen werden, können Menschen häufig ein Einverständnis finden und in Frieden gehen.

solche Erlebnisse bekommen einen Wahrheitsgehalt

I.Stiltz: Auch können sie dann doch erleben, dass es eine höhere Welt gibt. Solche Erlebnisse bekommen einen Wahrheitsgehalt. Es geht oft hin und her: Sie sind plötzlich ganz präsent, wollen z.B. essen und trinken, und dann sind sie wieder weit entfernt.

J. Day: Sie können in Bezug auf die vergangene Biografie Momente der Erlösung erleben, wenn es gelingt, durch ein Gespräch auf diese Punkte hinzuführen, wo es Schuld und Verletzungen gab. Ich hatte ein Erlebnis mit einer Frau, die als Waldorflehrerin in verschiedenen Schulen tätig war und aus den Schulen immer nach einem Konflikt gegangen ist. Es ist uns in der Sterbebegleitung gelungen, die ehemaligen Konfliktpartner zu motivieren, noch mal auf die Punkte einzugehen; das haben sie zum Teil am Telefon oder auch in Briefen getan. Es war ein ungeheurer Segen für diese Frau, dass ihr für das vergeben wurde, was sie zu diesen Konflikten beigetragen hatte. Sie trug das dann nicht mehr als ungelöstes Problem mit sich in den Tod. Das hat für das nachtodliche Sein Konsequenzen. Da ist karmische Arbeit schon im Irdischen geleistet worden.

diese Themen in die Gesellschaft bringen

C. P.: Es ist wichtig, sich während des Lebens mit diesen Themen zu beschäftigen, so dass man nicht völlig unvorbereitet plötzlich davor steht. Wir brauchen eine Kultur und eine Gesellschaft, die das ermöglicht. Wie könnte das aussehen?

J. Day: Wir sollten das, was wir wissen und vertreten, so gut es geht, in die Öffentlichkeit hineintragen – soweit die Öffentlichkeit das hören möchte. Wenn wir gesellschaftlich aber hedonistische eingestellt sind im Sinne von „Jugend ist alles, Haben ist alles!“, kommen diese Fragen nicht zur Geltung. Nur in der existenziellen Not tauchen sie dann auf.

U. Steurer: Ich fände es wichtig, sich in den Schulen und Familien damit zu befassen: Woher komme ich und wohin gehe ich? Ich persönlich fand es sehr hilfreich, als ich mich als Medizinstudentin mit den Inhalten der verschiedenen Weltreligionen auseinandergesetzt habe. Es gibt dazu in allen Kulturen tradierte und fundierte religiöse Fragestellungen. Mir wurde deutlich, dass es überall in der Welt etwas gibt, was über mein jetziges persönliches Leben hinausgeht. Das hat mir die Augen und den Raum eröffnet, sehr weitgehend über solche Fragestellungen nachzudenken. Wenn man sich solche Fragen stellt, arbeiten die in einem weiter. Mir persönlich geht es nicht um ein festgefügtes Bild, sondern darum, dass Menschen mit diesen Fragen leben und an ihnen innerlich arbeiten. Wenn ein Mensch dann schwer krank oder sterbend ist, oder in eine existentielle Krise geraten ist, dann hat er oder sie etwas, woran man anknüpfen kann.

I. Stiltz: Ich finde es immer spannend, wenn eine Mutter mit einem Säugling kommt, und es gibt schon größere Kinder in der Familie, und sie dann sagt: „Der ist so völlig anders als die Geschwister.“ Und wir kommen darüber in ein Gespräch, was so individuell anders ist als bei den Geschwistern. Da kann man auf den Gedanken kommen, dass etwas mitgebracht ist und auch, woher es mitgebracht wurde. Es gibt bestimmte Phasen im Leben, z. B. in der Schwangerschaft oder nach der Geburt, wo sich „der Himmel ein wenig öffnet“ für die Menschen. Manchmal entsteht dann die Gelegenheit, an solche Themen anzurühren.

U. Steurer: Da erlaube ich mir manchmal in einer Begegnung, wenn der Raum dafür da ist, zu fragen, ob der Mensch, mein Gegenüber, sich vorstellen kann, dass der Leib zwar stirbt, aber dass das Seelisch-Geistige weiter lebt. Man muss da sehr vorsichtig sein und niemandem etwas aufdrängen wollen, aber man kann manchmal anregen, anders – vielleicht neu – auf das Leben zu schauen.

I. Stiltz: Wichtig ist eine unvoreingenommene, offene Haltung, was aus der Begegnung werden kann. Es ist ja auch sehr interessant, was uns von den Schwerkranken entgegen kommt.

U. Steurer: Man kann erleben, dass jeder Mensch einen hochindividuellen Tod stirbt. Das hat zu tun mit der Sozialisation, den Lebensumständen, der gelebten Biografie, den familiären Umständen, der Pflegesituation und natürlich mit der Individualität dieses Menschen. Es ist immer wieder neu und anders und es ist beeindruckend, diesen Weg und diesen Prozess bis zu seinem natürlichen Ende begleiten zu dürfen.

 

¹ O Herr, gib jedem seinen eignen Tod. Das Sterben, das aus jenem Leben geht, darin er Liebe hatte, Sinn und Not. Denn wir sind nur die Schale und das Blatt. Der große Tod, den jeder in sich hat, das ist die Frucht, um die sich alles dreht. Rainer Maria Rilke

Aus: Rilke, Die Gedichte. Nach der von Ernst Zinn besorgten Edition der sämtlichen Werke, Insel Verlag 1957. Das Stundenbuch. Das Buch von der Armut und vom Tode, 1903

Weiterführendes:

https://www.goetheanum.tv›mediathek

Ethische Fragen im Umkreis des Sterbens -Ist der Assistierte Suizid Ausdruck oder Verletzung der Menschenwürde? 01:10:00. Mit Madeleen Winkler Dr. med., Allgemeinärztin, Holland; Raimund Klesse Dr. med. Psychiater, Präsident der Hippokratischen Gesellschaft Schweiz; Matthias Girke Dr. med., Vorstand, Leitung der Medizinischen Sektion, Dornach