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09/2019

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Freiheitsfragen

Interview mit Lars Grünewald

Lars Grünewald
Lars Grünewald

Bedeutet Freiheit, dass man machen kann, was man will? Laut Wikipedia benennt die Philosophie Freiheit als einen „Zustand der Autonomie eines Subjekts“. Rudolf Steiner schrieb 1894 „frei ist nur der Mensch, insofern er in jedem Augenblicke seines Lebens sich selbst zu folgen in der Lage ist“.
Wie erringt man sich Freiheit? Was ist eine freie Handlung? Wie wirkt sich diese auf andere und auf die Gesellschaft aus? Wie weit darf Selbstbestimmung gehen, zum Beispiel beim Auswählen des eigenen Todeszeitpunktes? Was ist Erziehung zur Freiheit?
Am 9. Und 10. Mai fand im Rudolf Steiner Haus eine Tagung statt zur „Philosophie der Freiheit“ Veranstalter: Anthroposophische Gesellschaft, Zweig am Rudolf Steiner Haus; Lars Grünewald war beteiligt mit dem Vortrag „Probleme mit der Freiheit … was ist eine gute Handlung?“

Lars Grünewald, geb. 1962, Studium der Musikwissenschaften und Erziehungswissenschaften, danach privates Philosophiestudium. Seminare und Vorträge zu philosophischen und sozialwissenschaftlichen Themen. Außerdem Tätigkeit in schulischen Zusammenhängen (Unterricht, Lehrerbildung, Schulberatung)

Christine Pflug: Was ist eine freie Handlung?

Lars Grünewald: Frei kann grundsätzlich nur eine Handlung sein, die der Handelnde selbst bestimmt. Und damit taucht die nächste Frage auf: Wer ist derjenige, der sich selber bestimmt? Gehören meine Triebe auch zu mir? Wenn meine Triebe auch zu mir gehören, dann wäre eine triebhafte Handlung auch frei. Aber ein Trieb wirkt zwanghaft und ermöglich somit keine Freiheit Also gibt es offenbar auch innerhalb meiner Persönlichkeit Elemente, die mich bestimmen können und unfreie Handlungen hervorbringen. Insofern ist die Frage „Was ist eine unfreie Handlung?“ leichter zu beantworten: Unfrei sind alle Handlungen, die ich deshalb vollziehe, weil andere mir die Gründe dafür aufzwingen; unfrei ist aber auch alles, was ich instinktiv, triebhaft oder aus Begierde vollziehe. Die Unterscheidung von Instinkt, Trieb und Begierde lässt sich übrigens recht leicht veranschaulichen: Instinkte wirken unbewusst, Triebe halbbewusst und bei Begierden ist der begehrte Gegenstand immer lebendig vor Augen.
Dann kommen noch geistige Zwänge dazu, d. h. wenn ich mir etwas Bestimmtes vorgenommen habe und das Ganze zu einer Art fixer Idee zu werden beginnt: Ich bestimme dann nicht mehr die Idee, sondern die Idee bestimmt mich zur Handlungen.

Da bestimmt mich die Idee

C. P.: Wie könnte das aussehen?

L. Grünewald: Wenn ich beispielsweise überzeugter Sozialist oder ein Vertreter irgendeiner anderen politischen Richtung bin, dann habe mich mit dieser Idee verbunden und glaube, dass ich zukünftig immer gemäß dieser Idee handeln muss. In dem Moment, in dem ich deswegen nicht mehr frei bin, mir zu überlegen, was jetzt situativ angemessen wäre, da bestimmt mich die Idee und ich gebe – wie Rudolf Steiner sagt – nur den Schauplatz ab, auf dem sich die Idee verwirklicht.

C. P.: Ist das verkehrt?

Der Mensch hat auch die Freiheit, unfrei zu sein

L. Grünewald: Nicht notwendigerweise, aber es ist nicht frei. Ist Unfreiheit verkehrt? Wenn man das mit ja beantwortet, würde das den Freiheitsbegriff nicht aufheben, denn der beinhaltet auch, dass der Mensch frei sein kann, also auch die Freiheit hat, unfrei zu sein, wenn ihm das richtig erscheint.

C. P.: Da wird das Ganze fiegeliensch (norddeutsch: verzwickt, Anm. d. Red.). Wenn ich unfrei bin, weil ich triebhaft bin, merke ich das. Wenn ich aber beispielsweise in einer von Dir genannten ideologischen Richtung festgefahren oder auch innerlich so verhärtet bin, dass ich nicht mehr flexibel denken kann, werde ich diese Unfreiheit nicht bemerken.
Wie schaffe ich es in so einem Fall, innerlich frei zu sein?

L. Grünewald: Der Antrieb kann entweder ein äußerer oder ein innerer sein; innerer in dem Sinne, dass ich mein bisheriges Handeln als mangelhaft oder unbefriedigend empfinde. Dann komme ich dazu, mich infrage zu stellen: War es der Weisheit letzter Schluss, wie ich mich bisher verhalten habe? Da kann ich an eine Schwelle kommen, an die ich mit seinem eigenen Verhalten anstoße und daran aufwache.
Ein äußerlicher Antrieb kann dadurch zustande kommen, dass ich Erfahrungen mache, die in irgendeiner Weise so fragwürdig sind, dass ich von daher mein Verhalten überdenke. Dieses Aufwacherlebnis, zu dem man nur geführt werden und dass man nicht willentlich herbeiführen kann, ist immer nötig. Und ab dem Moment beginnt erst die Freiheit, denn nun habe ich die Möglichkeit, mich selbst zu reflektieren und es ist die Frage, wie weit ich davon Gebrauch mache. Fichte spricht davon, dass jede bewusst vollzogene Freiheit aus einem Freiheitstrieb hervorgeht, aber ein Trieb ist immer unfrei, d. h. der Freiheitstrieb muss mich irgendwann an die Schwelle führen, wo ich das Thema bewusst ergreife. Und wenn ich es bewusst gegriffen habe, wirkt es nicht mehr als Trieb. Ich kann also durchaus Triebe in etwas anderes verwandeln, ohne dass deshalb ihr Inhalt unwirksam wird.

C. P.: Das ist dann möglich, wenn man in der Lage ist, über sich zu reflektieren. Wenn man das nicht macht, merken es die anderen, indem sie sich gestört fühlen.

L. Grünewald: Nicht unbedingt; es können auch aus einer unfreien Motivation Handlungen entstehen, mit denen die meisten einverstanden sind. Ob meine Handlungen anderen gefallen oder nicht, hat mit der Freiheitsfrage nichts zu tun. Im Gegenteil: Man kann sich aus Freiheit zu sehr unpopulären Handlungen durchringen.
Unser freies bewusstes Verhalten entsteht auf einer breiten Basis von unbewusstem Verhalten, und insofern kann beispielsweise instinktiv praktizierte Höflichkeit eine sehr angenehme Eigenschaft sein, bei der ich keinen Anlass habe, sie infrage zu stellen.

Freiheit hängt immer mit der Möglichkeit der Selbstreflektion zusammen.

C. P.: Da stößt man auf eine eigentlich absurde Frage: Wozu Freiheit?

L. Grünewald: Freiheit hängt immer mit der Möglichkeit der Selbstreflektion zusammen. Diese ist selber eine freie Handlung, weil mich dazu niemand zwingen kann. Der Wert von Freiheit hängt davon ab, wie sie von dem freien Wesen selber geschätzt wird. Der Grundgedanke ist, sich selber bestimmen zu wollen und damit auch die Verantwortung für seine Handlungen übernehmen zu können, denn ist bei unfreien Handlungen nicht möglich. Das hat nur dann einen Wert, wenn man der Auffassung ist, dass der Mensch im Prinzip zur Freiheit veranlagt ist, weil er die Fähigkeit zur Selbstreflexion hat. Es ist die Frage, ob man diese Fähigkeit nutzt oder ungenutzt liegen lässt und dann durch fremde Motive bestimmt bleibt. Da ist dann nur noch ein gradueller Unterschied zu Tieren, die immer unfrei handeln.

C. P.: Wenn man aber einen angepassten, nach den Regeln der Konventionen und Normen handelnden Menschen als Beispiel nimmt, ist er aber nicht „tierhaft“!?

L. Grünewald: Doch, weil es nämlich auf Gewohnheiten beruht, ebenso wie das Verhalten des Tieres auf Gewohnheiten/Instinkten beruht. Auch Tiere gehen bisweilen sehr rücksichtvoll miteinander um. Insofern ist das nur ein gradueller Unterschied.

C. P.: Wie komme ich zu einer freien Handlung?

L. Grünewald: Formal gesehen kann eine Handlung nur dann frei sein, wenn mir meine Motive bewusst sind.

Es steht immer eine Idee oder ein bestimmtes Prinzip dahinter

C. P.: Welche könnten das sein?

L. Grünewald: Im Prinzip ist das alles, was sich überhaupt vorstellen lässt als Motiv menschlichen Handelns. Es steht immer eine Idee oder ein bestimmtes Prinzip dahinter, z. B. der Gerechtigkeit, der Selbsterhaltung, der Nächstenliebe, des Ausgleichs von Interessen. Ich kann mir in einer bestimmten Situation, je nachdem wie ich sie einschätze, überlegen, wie ich handeln will. Wenn es eine freie Handlung sein soll, muss ich auch mir und anderen Rechenschaft über die Gründe geben können. Mir steht also erstens ein Motiv klar vor Augen, zweitens entwickle ich zu diesem Motiv ein ganz bewusstes Verhältnis, das ich auch durchschaue. Drittens entschließe ich mich dann dazu, auf eine bestimmte Weise zu agieren.

C. P.: Welche Rolle spielt dabei das Gefühl?

Ob ich einer Idee gegenüber Sympathie oder Antipathie entwickle, ist ein gefühlsmäßiger Vorgang.

L. Grünewald: Ob ich einer Idee gegenüber Sympathie oder Antipathie entwickle, ist ein gefühlsmäßiger Vorgang.
Der Entschluss selber gehört in den Bereich des Willens und daraus folgt eine Tat oder ein bewusstes Unterlassen einer Tat.

C. P.: Um ein extremes Beispiel zu nennen: Ein Terrorist will eine Bombe legen, d. h. er hat eine Idee, er hat eine Sympathie zu dieser Idee und es folgt eine Tat. Ist das dann frei?

L. Grünewald: Da stellt sich die Frage, woher die Motive kommen: aus dem Denken oder aus der leiblichen Natur des Menschen, d.h. letztlich aus dieser Dreiheit von Instinkten, Trieben und Begierden. Fanatismus kommt immer aus Trieb- und Begierdehaftem. Der gewaltsame Impuls, etwas in seiner Existenz nicht gelten zu lassen und es „wegzuräumen“ ist kein gedankliches Motiv, sondern kommt aus dem Hass. Man kann sich natürlich rational überlegen, wie man diesen Hass umsetzt; aber selbst wenn es technisch intelligente Mittel sind, sagt das noch nichts über das Motiv aus. Wenn das kühle Denken erst bei der Umsetzung einsetzt, hat man es mit einer unfreien Handlung zu tun.

Den eigenen Todeszeitpunkt festlegen?

C. P.: Das ist ein spannender Punkt: das Motiv und das kühle Denken. Heute wird vielfach diskutiert, ob man den eigenen Todeszeitpunkt festlegen darf, bei unheilbaren Krankheiten etc. Das Argument dabei ist die Selbstbestimmung. Man hätte also ein kühles Denken. Und wie siehst Du das mit dem Motiv?

L. Grünewald: Allgemein ist es zunächst eine Rechtsfrage: Haben Menschen das Recht, ihren Todeszeitpunkt selber zu bestimmen? Meine Auffassung wäre, dass sie deshalb das Recht dazu haben, weil sie selbstbestimmte Wesen sind. Dass an dieser Stelle die Selbstbestimmung aufhört, legt die Gesellschaft mit Gesetzen fest. Wenn nun jemand beispielsweise unerträgliche Schmerzen hat und es nicht mehr aushält, ist das keine freie Handlung, denn wenn man etwas nicht mehr aushält, ist es alternativlos und deswegen unfrei.
Aber es kann auch der Fall sein, dass man sich fragt: Was bedeutet das für meine Verwandten, was mute ich denen zu und will ich das? Da sehe ich keinen Grund, warum es dann keine freie Handlung sein könnte.

Das ist die Kehrseite der Freiheit, dass derjenige, der sich zu einer Handlung entschließt, die Konsequenzen zu tragen hat

C. P.: Wenn man aber beispielsweise von der Anthroposophie her anführt, dass so ein Mensch vielleicht sein Karma nicht vollendet hat, dass er vielleicht in einem Zwischenbereich von irdischer und geistiger Welt quasi haften bleibt etc. Was ist, wenn man all diese Aspekte außer Acht lässt?

L. Grünewald: Das ist die Kehrseite der Freiheit, dass derjenige, der sich zu einer Handlung entschließt, die Konsequenzen zu tragen hat, z. B. auch solche. Die kann ihm niemand abnehmen. Wenn ich meine, um solche Gesetzmäßigkeiten zu wissen, kann ich das jemandem zu bedenken geben. Es kann aber sein, dass er von solchen anthroposophischen Gesichtspunkten gar nichts wissen will, und man kann ihm das ja nicht aufdrängen. Er muss dann alleine die Verantwortung für sein Handeln übernehmen.

C. P.: Und wenn man diese Gesichtspunkte für sich selbst aber annimmt, hat man einen Konflikt?!

L. Grünewald: Das kann sein. Aber möglicherweise kommt jemand zu der Auffassung, dass er das in Kauf nehmen möchte, auch wenn er keine Vorstellung davon hat, was ihm real widerfahren wird. So ist es eine Entscheidung mit einer verdeckten Karte, aber er kann ja nur das als Information herbeiziehen, was ihm zur Verfügung steht. Und wenn ihm das andere Motiv stärker erscheint und er sich veranlasst sieht, durch diese Situation durchzugehen, um nicht ein solche nachtodliche Erfahrung zu machen, dann ist das seine Entscheidung. Aber wie man sich zu dem stellt, was die naturgesetzlichen oder karmischen Konsequenzen sind, das hat mit der eigentlichen Frage, wie sich jemand entscheidet, nichts zu tun. Denn ansonsten müsste der Mensch in Bezug auf seinen Tod unfrei sein: Weil die geistigen Gesetze mir die Verpflichtung auferlegen, „mich im Leben zu halten“, dürfte ich nicht freiwillig sterben. So sind aber weder geistige Gesetze noch Naturgesetze beschaffen. Die sagen immer nur: Wenn das eine gegeben ist, dann folgt notwendigerweise das andere. Das gehört zur Freiheit unausweichlich dazu, dass jede Handlung notwendige Konsequenzen nach sich zieht, die ich im Prinzip ebenso willentlich herbeiführe, wie das, was ich unmittelbar möchte.

C. P.: Wie würdest Du den Prozess beschreiben, zu solch einer freien Entscheidung durchzudringen: Ich will etwas machen und bin bereit, die Konsequenzen auf mich zu nehmen ohne sie zu kennen. Manche bleiben während dieses Prozesses hängen, beispielsweise in einem ständigen Hin und Her, andere kommen zu einer klaren Entscheidung. Wie kommt man zu einer Sicherheit?

Wie ist das, worum es mir geht, mit seinem Umfeld verbunden?

L. Grünewald: Wir hatten eben die Handlung und ihre Konsequenzen besprochen. Das kann man auch so beschreiben, dass jeder Sachverhalt, den ich durch eine Handlung herbeiführe, in ein Netz unterschiedlichster Faktoren und Zusammenhänge eingebettet ist und zwar in solche, die unmittelbar mit ihm verbunden sind, und solche, die weiter weg liegen. Eine freie Handlung kann nur da entstehen, wo ich nicht nur den Gegenstand des Begehrens oder der Abscheu anschaue, sondern auch das mir im Moment übersichtliche Netzwerk: Wie ist das, worum es mir geht, mit seinem Umfeld verbunden?

C. P.: Man betrachtet also alle Gegebenheiten?

L. Grünewald: Das wird man kaum jemals vollständig machen können, aber alle Gegebenheiten die mir ersichtlich sind und relevant scheinen. Dann ergibt sich eine bestimmte Struktur, eine bestimmte Anordnung, in der diese Faktoren zueinander stehen. Und daraus folgt, wie eine Handlung in die Welt oder in den Zusammenhang passt.
Damit sind wir beim Begriff der „guten“ Handlung angelangt. Nach Steiners Auffassung ist eine Handlung gut, die richtig im Weltzusammenhang steht. Und diesen Zusammenhang kann man sich durch eine Art von gedanklicher Schau erschließen und vergegenwärtigen. Das bedeutet, dass ich bei dem freien Entschluss, etwas zu tun, niemals eine einzelne Handlung, sondern immer das Gesamtbild, innerhalb dessen diese Handlung eine bestimmte Bedeutung hat, im Blick habe. Und ich prüfe, ob die harmonisch in diesem Zusammenhang steht oder ob sie in irgendeiner Hinsicht rausfällt, also disharmonisch dazu steht.
Dieses Ganzheitsbewusstsein ist das entscheidende Kriterium.

C. P.: Sieht das in der Praxis dann so aus – falls nicht andere Umstände vorliegen – , dass Menschen nicht zu einer Entscheidung kommen können, weil sie noch bestimmte Fakten brauchen, damit sie sich entscheiden können?

Manchmal ist die Zeit für eine freie Entscheidung noch nicht reif

L. Grünewald: Das führt dann zu der Frage nach dem richtigen Zeitpunkt, weil nämlich nicht immer alle relevanten Fakten beliebig verfügbar sind. Manchmal ist die Zeit für eine freie Entscheidung noch nicht reif, und dann müsste ich also abwarten, bis die Situation entsprechend übersichtlich ist.

C. P.: Es gibt Menschen mit dem Vorsatz, dass sie auf keinen Fall jemand weh tun möchten. Dieser Vorsatz lässt dieses gesamte Bild dann gar nicht richtig entstehen. Kann man mit einer „guten“ Handlung auch andere verletzen?

L. Grünewald: Unter Freiheitsgesichtspunkten wäre es ein unfreies Dogma zu sagen: Ich will niemals jemandem weh tun. Damit hätte man sich bereits festgelegt. Ich nehme dann beispielsweise hin, dass eine Person einer anderen weh tut, ich selber greife aber nicht ein, weil ich mich auf dieses Dogma verpflichtet habe und lasse dann z. B. Unrecht geschehen. Es lassen sich viele Situationen ausmalen, in denen ein solches Verhalten nicht nur unfrei wäre, sondern sehr leidvolle Konsequenzen mit sich bringen kann.
Ein anderer gewichtiger Aspekt besteht darin, dass jemand durch Leid hindurch muss, um bestimmte Entwicklungsschritte zu machen. Wenn ich ihm das erspare, verhindere ich aktiv seine Entwicklung: Entwicklung ist vielfach nur durch Krisen möglich und diese sind immer mit Leiden verbunden – das Leid ist der Entwicklungshelfer.

C. P.: Es gibt Menschen, die sich lieber verbiegen, lügen, bestimmte Aussagen zurückhalten, damit andere nicht leiden müssen…

L. Grünewald: Wenn man nach dem Motiv dazu fragt, ist das Unterdrücken von „unfreundlichem“ Verhalten häufig Schwäche, Angst vor Konflikten oder sozialer Ächtung. Und das sind keine freien Motive, sondern solche, die im „Leidwesen“ des Menschen begründet sind.

C. P.: Zum Abschluss noch ein Thema, dass sich beim Beginn des neuen Schuljahres ergibt: Waldorfpädagogik wird als „Erziehung zur Freiheit“ bezeichnet. Was bedeutet das unter dem Aspekt des bisher Gesagten?

L. Grünewald: Pädagogisch gesehen sehe ich zwei Hauptaspekte. Einmal gehört zur Freiheit die Verfügbarkeit über die eigenen Fähigkeiten, d. h. ich kann meine Fähigkeiten einsetzen, um meine Ziele zu realisieren. Wenn ich Fähigkeiten nicht ausbilde, verhindere ich die entsprechende Freiheit zur Verfolgung meiner eigenen Zielsetzungen. Das wäre der positive Aspekt: Freiheitsentwicklung ist unmittelbar mit Fähigkeitsentwicklung verbunden.
Der andere Gesichtspunkt ist der, dass beim Kind die Motive zunächst stark aus der Leiblichkeit kommen, insbesondere aus der Begierde, aber auch aus dem, was mitgebracht oder anerzogen ist an Angst, Durchsetzungsreflexen usw. Da ist das Kind in hohem Maße unfrei. Frei ist es nur dann, wenn es sich unbefangen im Sozialen betätigt und unbefangen schöpferisch ist. Ansonsten besteht die Erziehung zur Freiheit im Wesentlichen darin, diese unfreien Motive allmählich einzudämmen, so dass sie nicht überhand nehmen. Das Autoritätsprinzip in der Schule hat seine Berechtigung darin, diesen unfreien „Teil“ so weit in die Schranken zu weisen, dass das Kind später am Beispiel, dass es vom Lehrer entsprechend behandelt worden ist, diese Aufgabe selber in die Hand nehmen kann und zu seiner eigenen Autorität wird. Das wäre formal gesehen der negative Aspekt: Es ist eine pädagogische Schlüsselaufgabe, die unfreien Elemente im Kind auf eine Weise zurückzudrängen, die der Freiheit erst Raum gibt.
Im späteren Leben gibt es in der Arbeitswelt und in der Beziehungswelt viele solche Unfreiheitsprobleme, dass die Menschen das, was aus der leiblichen Natur an Begierden, Ängsten, Reflexen kommt, für sich nicht in den Griff bekommen, d. h. die Autonomie darüber nicht erlangen. Das ist die Aufgabe der Pädagogik, die Kinder mit guten Fähigkeiten auszurüsten, damit sie sich in diesen Konfliktsituationen gegen ihre unfreien Antriebe durchsetzen können.

Website: www.selbstorganisierte-bildung.de