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09/2019

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Flüchtlingsarbeit

Interview mit Peter Benkhofer, ehem. Lehrer und Jörgen Day, Pfarrer emer.

Peter Benkhofer
Peter Benkhofer
Jörgen Day
Jörgen Day

Die Flüchtlinge, die aus großer Not zu uns kommen, brauchen unsere Hilfe. Von vielen Menschen wird ehrenamtlich Flüchtlingsarbeit gemacht, auch im Rahmen der Christengemeinschaft und Anthroposophie. Wie man in schwierigen, dramatischen Lebenslagen Beistand leisten kann, als ganze Gruppe oder Einzelperson, berichten Peter Benkhofer und Jörgen Day.

Interviewpartner: Peter Benkhofer, war über 30 Jahre Klassenlehrer in der Bergstedter Waldorfschule; seit 2015 „Rentner“, d. h. ist noch als Religionslehrer tätig, macht Vertretungen etc. Seit 2015 in der Flüchtlingsarbeit tätig.
Jörgen Day, Pfarrer emer. in der Christengemeinschaft. Nach dem Studium der Slavistik und der Politologie für 5 Jahre tätig als Studienrat an einem Hamburger Gymnasium. 9 Jahre Klassenlehrer und Fachlehrer an der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek. Nach einem Zusatzstudium seit 1990 Pfarrer in der Christengemeinschaft bis 2013 . In der Ausbildung von Sterbe- und Demenzbegleitern tätig. Vortragstätigkeit.

Christine Pflug: Herr Benkhofer, wie sind Sie zu dieser Tätigkeit gekommen?

Peter Benkhofer: Im Volksdorfer Grenzweg war ein Flüchtlingsheim für 170 Flüchtlinge in Bergstedt schon lange vorgedacht und in politischen Instanzen angekündigt. Unsere Initiative wartete seit 2014, der Kreis der Mitarbeiter wuchs und war willens zu beginnen. Es dauerte dann bis Herbst 2015, als die ersten Flüchtlinge kamen.

C. P.: Sind die Helfer aus Waldorfzusammenhängen?

P. Benkhofer: Überhaupt nicht – vielleicht eine Handvoll, z. B. auch ehemalige Kolleginnen. Wir sind 300 Mitglieder, und von denen sind etwa 130 tätig – überwiegend Frauen (leider konnte keine zum Interview kommen, Anm. d. Red.), die sich in der Woche einige Stunden dafür Zeit nehmen. Mittlerweile betreuen wir noch eine zweite Flüchtlingsunterkunft in der Rodenbeker Straße mit 460 Bewohnern.

C. P.: Das heißt, Sie selbst sind dann nach ihrer Pensionierung dafür tätig geworden?

P. Benkhofer: Das kam zeitlich zusammen. Ich sehe auch eine wichtige Aufgabe für unsere Schule: Die Behörden sind sehr zögerlich, Flüchtlingskinder in eine Waldorfschule zu schicken: Die staatlichen Schulen seien groß genug. Aber da wird sich etwas ändern. Wir haben eine internationale Vorbereitungsklasse in der staatlichen Schule in Bergstedt und die wird von Christiane Leiste geführt. Das ist eine Waldorflehrerin, die in Wilhelmsburg die Waldorfpädagogik in die staatliche Schule gebracht hat, d. h. Integration mit Migranten-Kindern.

Eine internationale Vorbereitungsklasse

Frau Leiste unterrichtet in dieser internationalen Vorbereitungsklasse Kinder aus allen möglichen Ländern, Syrien, Irak usw., die dort im Wesentlichen Deutsch lernen. Aber sie macht mit ihnen auch andere Dinge, z. B. ein Theaterspiel. Am 17. Dezember 2016 wurde dieses Stück in der Aula der Bergstedter Grundschule aufgeführt. Das war wunderbar! Eine arabische Legende, die die Kinder in deutscher Sprache aufführten. Es war eine gute Möglichkeit, die Sprache über Theaterspielen zu lernen. Auch für die Persönlichkeitsbildung war das ausgezeichnet: Bei den Flüchtlingskindern sind die Mädchen immer relativ zurückhaltend, aber auf der Bühne sind sie ganz deutlich nach vorne getreten und haben ihre Rollen mit Ausdruck gespielt.
Frau Leiste hat ihr Anliegen, einige Kinder in der Waldorfschule aufzunehmen, in der Lehrerkonferenz der Bergstedter Schule vorgestellt, und die Lehrer stimmten zu, dass sie Kinder aufnehmen wollen. In jede Klasse könnten dann maximal 2 Kinder; es braucht noch jemand, der diese Kinder z.B. im Französisch- oder Religionsunterricht betreut. Angedacht ist, dass diese Betreuung immer mit deutschen Kindern zusammen geschieht. Für weitere Betreuungsangebote werden sicherlich auch die Ehrenamtlichen aus dem Freundeskreis zur Verfügung stehen.

C. P.: Warum wären solche Kinder in der Waldorfschule gut aufgehoben?

P. Benkhofer: Alleine das Angebot der künstlerischen Fächer, das Miteinander im Tun, ist integrierend. In der Waldorfschule in Kassel sind beispielsweise Patenschaften von älteren Schülern (Flüchtlinge) mit jüngeren deutschen Schülern entstanden, die ihnen das Schreiben beibrachten. Ich glaube, dass die ganze Atmosphäre einer Waldorfschule den Kindern einfach gut tut, vielleicht Heimat und Zugehörigkeit schafft.

C. P.: Wie findet die Hilfe für die Flüchtlinge konkret statt?

P. Benkhofer: Im April 2016 haben wir das das Café International gegründet, das wir jeden Sonntag von 15-18 Uhr im Gemeindezentrum der evangelischen Kirche in Bergstedt für beide Einrichtungen anbieten. Da lerne ich die Flüchtlinge am persönlichsten kennen. Es kommen ca. 40-50 Flüchtlinge, allmählich auch Menschen aus der Bevölkerung und setzten sich mit dazu. Entweder hilft man ihnen mit ihren Hausaufgaben, die sie nicht verstanden haben oder bei Behördenkomplikationen usw. Wir haben eine Spielecke, Mütter musizieren, Oberstufenschüler tanzen und spielen mit den Kindern.
Vor Ort versuche ich dann die unterschiedlichen Problemstellungen mit unserem ehrenamtlichen Pool zu vernetzen.
Ich habe zum Beispiel Religionsunterricht in der 8. Klasse. Ich sagte zu den Schülern: Wir machen keinen Religionsunterricht mehr im Unterrichtsraum, wir gehen ins Café International. Sie gingen mit, halfen bei den Hausaufgaben, spielten mit den Kindern – sie waren ganz offen.
Ich bemühe mich auch, eine Brücke herzustellen zwischen Angeboten, die in der Schule gemacht werden, und den Flüchtlingen: Es gibt eine Elterngruppe, die spielt Volleyball, es gibt einen Volkstanzkurs – bei allen diesen Angeboten machen Flüchtlinge mit. Das möchte ich noch weiter ausbauen: vielleicht in der Lehrküche der Christophorus-Schule gemeinsam kochen. Die Bedingungen sind gut, und auch die Kollegen der Christophorus Schule möchten gerne mitmachen. Das kann wachsen.

Dankbar und froh über die vielen Initiativen deutscher Bürger

C. P: Herr Day, in welchem Kontext machen Sie Flüchtlingsarbeit?

J. Day: Die Arbeit steht im Kontext mit dem Sozialwerk der Christengemeinschaft in Norddeutschland. Ich habe mich aus der Situation der Not heraus, als der ganze Flüchtlingsstrom nach Deutschland kam, gefragt, wie ich mich mit dem Sozialwerk im Hintergrund in die Arbeit sinnvoll einbringen kann. Ich bin dankbar und froh über die vielen Initiativen deutscher Bürger, die etwa am Bahnhof zur Begrüßung Bananen verteilen, Deutschunterricht geben, Kleider spenden, Kontakte herstellen und halten, und vieles mehr. Diese Hilfsbereitschaft ist in ganz Deutschland stark verbreitet, entgegen aller negativen Meinungen auf der anderen Seite, die auch in der Presse hochgeschaukelt werden. Sehr viele Menschen helfen im Stillen und reden nicht darüber.
Ich meinerseits wollte Flüchtlinge suchen, um sie hier in ihrer Biografie längerfristig zu begleiten. In Harburg gibt es jeden Tag das Café Refugio. Ich ging dort hin und wartete, wer mir schicksalsmäßig entgegen kommt. Da lernte ich die Familie Hosseini mit fünf Kindern kennen und den einzelnen Flüchtling Mohammad Ahmadi.

C. P.: Was durchleben Sie mit dieser Familie in Deutschland?

J. Day: Von der Familie sind die zwei ältesten Kinder auf der Flucht abhandengekommen. Wir haben dann auf abenteuerlichen Wegen diese beiden Jugendlichen ausfindig gemacht; sie leben jetzt an der dänischen Grenze. Wir sind zu ihnen gefahren: Alle nahmen sich in die Arme und weinten vor Freude, dass das Schicksal so gnädig war, dass nichts Schlimmeres passiert ist und sie sich wiedergefunden haben.

Sie haben mit Maschinengewehren 15 Bewohner einfach wahllos erschossen.

Die zwei Jugendlichen sind jetzt im Norden, und ich betreue die Familie mit den drei kleineren Kindern hier in Hamburg. Das sind der zwölfjährige Esan, die Kimia mit sieben Jahren und die Paria mit drei Jahren und die Eltern. Sie kommen aus Afghanistan und gehören zu der ethnischen Minderheit der Hazaras, die in Afghanistan noch mal besonders schwierige Bedingungen hat; sie werden schwer verfolgt. In ihrem Dorf sind die Taliban durchgefahren und haben mit Maschinengewehren 15 Bewohner einfach wahllos erschossen. Das ist der Hintergrund dieser Familie, die auch auf der Flucht Schlimmes durchgemacht hat.
Sie sind mit Schlepperbanden durch Griechenland über Ungarn gekommen. Der Zwölfjährige ist durch diese Fluchterlebnisse stark traumatisiert. Ich hatte die Gelegenheit und das Glück, einen Traumatherapeuten zu finden, der bei einer Warteliste von 2 Jahren alle anderen übersprang und das Kind aufnahm. Auf der Familie liegt ein großer Druck, weil der Bruder des Vaters ein Offizier bei den Taliban ist, und deshalb ist die Rückkehr ausgeschlossen. Es gibt Erbstreitigkeiten, und wenn er zurückginge, würde er erschossen werden.
Die Familie hat Ende des letzten Jahres endlich den Status von anerkannten Flüchtlingen bekommen. Den Eltern gebe ich regelmäßig Sprachunterricht und betreue, so gut es geht, die Kinder. Esan ist im Sommer in ein Theatersprach-Camp von der Stadt Hamburg hineingekommen; da hat er sehr viel Fortschritte gemacht. Auch schlägt die Traumatherapie bei ihm gut an. Er ist auch derjenige, der für die Eltern übersetzt und zu vielen Bereichen die Brücke baut, weil deren Kenntnisse der deutschen Sprache noch nicht ausreichen. Kinder lernen eben schneller. Aber wenn Formulare der Behörden kommen, Anmeldungen für die Schule, Bezahlungen von Beiträgen u. ä., leiste ich den Beistand. Die siebenjährige Kimia bekam plötzlich Zahnschmerzen; der nächste erreichbare Zahnarzt überwies sie in eine große Praxis in Wandsbek, und dort wurde gesagt, man müsse eine große Operation mit Vollnarkose machen. Das hätte 300 Euro Zusatzkosten verursacht, die nicht von der Krankenkasse übernommen würden.
Ich hatte das begleitend miterlebt und fragte mich und die Eltern, ob es denn überhaupt sinnvoll sei, wenn für dieses Kind eine Vollnarkose gemacht wird. Ich bin dann zu einem befreundeten Zahnarzt gegangen und habe das Kind dort vorgestellt: „Das kann man machen, notwendig ist es aber nicht.“ Dieser Zahnarzt hat sie dann ohne Vollnarkose gut behandelt. Im anderen Fall wäre es ein immenser Aufwand gewesen, mit Dolmetscher usw., an dem viele Leute etwas verdienen können.

C. P.: Das heißt, dass Praxen, Behörden etc. daran Geld verdienen wollen?

J. Day: Ja, so ist es. Was sollen die Flüchtlinge machen, wenn niemand ihnen beisteht und etwa ein Gegengutachten verlangt? Sie sind ausgeliefert, haben vielleicht einen Dolmetscher, der gerade bei der persischen Sprache glaubensmäßig auf der anderen Seite steht als sie, schlecht und ideologisch übersetzt – da gibt es eine Reihe von Schwierigkeiten. Ich begleite in der Regel alle Gespräche mit einem Dolmetscher, von dem ich weiß, dass er vertrauensvoll und gut übersetzen kann; er selbst kam vor 15 Jahren nach Deutschland, hat hier viel Gutes erlebt und möchte jetzt dankbar wieder zurückgeben, was er selbst erlebt hat. Er hilft ehrenamtlich.

C. P.: Sie machen dann im Prinzip die Arbeit eines Sozialarbeiters?

J. Day: Ja, aber gezielt für diese Familie und für den Herrn Ahmadi. Bei ihm gab es ebenfalls eine schwierige Geschichte: Er bekam im letzten Jahr einen kurzfristigen Termin zur Anhörung beim BAMF (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge), sein Anwalt wurde davon nicht benachrichtigt, auch ich hatte nicht von einem Tag auf den anderen Zeit. Insofern haben wir den Termin über den Anwalt verschieben lassen. Es wurde aber beim BAMF nicht registriert, dass diese Terminverschiebung ordnungsgemäß vollzogen wurde. Das führte dann dazu, dass das BAMF einen Abschiebebescheid schickte mit der Begründung „Der Mandant hat kein Interesse an dem Verfahren“. Wir haben dann alle Hebel in Bewegung setzen müssen, inklusive Antrag auf Prozesskostenhilfe, weil sofort gegen die Abschiebebescheid hätte geklagt werden müssen. Wir konnten die Klage abwenden, weil im BAMF eine Mitarbeiterin vernünftigerweise sah, dass es ein Fehler der Behörde gewesen war. Jetzt hatte aber das BAMF vergessen, das Einwohnermeldeamt, wo der Duldungsausweis verlängert werden sollte, zu benachrichtigen. Nun ging Herr Ahmadi dorthin, wollte eine Verlängerung für seinen Duldungsausweis, und dort war nicht angekommen, dass der Abschiebebescheid aufgehoben war.

Diese Nachricht versetzte ihn in Furcht und Schrecken.

Sie sagten ihm: „Innerhalb der nächsten Wochen werden Sie abgeschoben.“ Diese Nachricht versetzte ihn in Furcht und Schrecken, und er tauchte sofort unter. Mittlerweile hat aber die Anhörung ordnungsgemäß stattgefunden, ganze 5 Stunden hat das Gespräch gedauert mit dem Dolmetscher, dem Anwalt, mit mir und der Dame vom BAMF.
Es war und ist ganz wichtig, diesen armen Kerl nun in solchen Angelegenheiten zu begleiten: Ich stehe hinter dir, der Anwalt steht hinter dir, es wird dir nichts passieren. Solche Behördenfehler können natürlich vorkommen, aber es ist immens, was das im Schicksal des Einzelnen bewirkt.

P. Benkhofer: Das, was die Tätigkeit von Herrn Day ist, machen bei uns die „Lotsen“; da entstehen sehr enge Kontakte zu einzelnen Familien. Wenn dann in unseren Gruppensitzungen darüber berichtet wird, hört man viel Leid. Die Verfahrensweisen der Behörden sind sehr unterschiedlich, es gibt abweisende und distanzierte Menschen dort, aber auch solche, die das sofort zu ihrem Anliegen machen und helfen wollen.
Das Schicksal der Flüchtlinge ist mitunter sehr dramatisch, und man muss eine innere Distanz aufbauen, wenn man gleichzeitig helfend tätig sein will.

C. P.: Herr Day, ist Ihnen ein solches Engagement auch aus anderen Gemeinden der Christengemeinschaft bekannt?

J. Day: O ja! Die Mitglieder der Johanneskirche in der Johnsallee etwa stellen Räume für den Deutsch-Unterricht zur Verfügung und betreuen einzelne Flüchtlinge. In Blankenese hat im November 2016 ein großes Fest mit Flüchtlingen stattgefunden, es gibt dort auch natürlich Einzelbetreuung, Sprachunterricht etc. Die Volksdorfer Gemeinde ist sehr aktiv. Ich mache die Arbeit im Harburger Umfeld und bekomme dort Unterstützung von der Gemeinde. Weil ich diese Arbeit über das Sozialwerk in Norddeutschland publiziert habe, bekam und bekomme ich etliche Spenden aus dem norddeutschen Raum, die ich einsetzen kann. Es wird in allen 6 Hamburger Gemeinden viel Gutes getan.
Das Schöne ist, dass sich Menschen jenseits ihrer Konfession, anthroposophischer Orientierung oder von welchem Hintergrund auch immer, zusammentun. Das sind neue Erfahrungsfelder, in denen man sich als Christen begegnen kann. Diese Cafétreffs sind eine wunderbare Sache; die Christengemeinschaft ist noch nicht stark genug, um überall den Rahmen zu bieten, den etwa die evangelische Kirche mit ihren schönen Gemeinderäumen hat. Man kann sagen, dass wir uns nach außen in der Flüchtlingsarbeit positioniert haben, wenn auch noch nicht profiliert.
Deshalb ist es jetzt wichtig, dass wir das Wir-Gefühl stärken.

Mitteleuropa muss neu durchlebt werden mit geistigen Kräften und Impulsen, die von außen kommen.

Für mich ist der Hintergrund ein Artikel des Pfarrers Emil Bock von 1947, der in dem Heft „Die Christengemeinschaft“ erschienen. „10 Millionen Flüchtlinge in Deutschland“ und das kurz nach dem Ende des 2. Weltkrieges. Er weist schon damals darauf hin, dass das, was sich damit als neue Gemengelage, als Völkerwanderungsbewegung ergab, ein ganz starker michaelischer Impuls ist: Eine Aufgabe internationaler Art. Mitteleuropa muss neu durchlebt werden mit geistigen Kräften und Impulsen, die von außen kommen. Was er damals schon geschrieben hat, ist heute neu Realität geworden. Jetzt sind es 2016 eine Million Menschen, die zu uns kommen, und uns geht es wirtschaftlich besser denn je.
Wir sind, geisteswissenschaftlich betrachtet, genau an der richtigen Stelle, wo wir Beistand leisten sollen. Alles Jammern, Abgrenzen und Distanzieren ist total überflüssig.

C. P.: Herr Benkhofer, mögen Sie noch ein persönliches Schicksal eines Flüchtlings schildern?

P. Benkhofer: Meine Frau und ich haben in unserem Haus ein Zimmer an einen Flüchtling vermietet. Imad, ein Englischlehrer aus Damaskus, hatte seine Frau und zwei Kinder noch in der Türkei und war mit unserer Hilfe sehr bemüht, seine Familie nachkommen zu lassen. Eines Tages hieß es endlich, seine Frau mit den beiden Kindern käme in zwei Wochen. Doch das sollte noch länger dauern.
Entweder lag es an der deutschen Botschaft in Ankara oder die türkischen Behörden verzögerten den Ausreiseantrag. Immer wieder sagte er: „Morgen kommen sie“. Und man sah ihm an und wusste: Sie sind wieder nicht da. Endlich – kurz vor Weihnachten, kamen sie dann. Das mitzuerleben und zu bangen, ob es gut ausgeht, war ein intensives Erlebnis.
Jetzt wohnt bei uns Muhammad, auch aus Syrien, ein Jurastudent. Ihn, sowie Imad habe ich im Café International kennengelernt.

C. P.: Welche Erfahrungen haben Sie mit dem Erlernen der Sprache?

J. Day: Es gibt etliche Flüchtlinge, die man erst mal alphabetisieren muss; sie können auch das Alphabet in ihrer eigenen Sprache nicht. Sie können reden, aber nicht schreiben, weil sie nie in der Schule waren. Herr Ahmadi beispielsweis hat keine Schulausbildung; es ist schwierig, ihn an einen Beruf heranzuführen, weil er keinen normalen Hauptschulabschluss hat. Zurzeit lerne ich mit ihm das Einmaleins, denn er kann auch nicht so zählen, wie es hier notwendig ist.

Sie möchten sprechen und dabei lernen.

P. Benkhofer: Wenn wir mit den Flüchtlingen Versammlungen haben, merken wir: Sie möchten sprechen. Zuhause reden sie nur in ihrer eigenen Landessprache. Eine Frau aus unserer Initiative hat ein Speeddating-Verfahren eingeführt: an einem langen Tisch sitzen auf der einen Seite die Deutschen, auf der anderen die Flüchtlinge. Dann wird gesprochen, nach ungefähr einer viertel Stunde geht ein Glöckchen und dann rückt man einen Platz weiter. So lernt man andere Menschen kennen.
Das hat gut geklappt, und die Menschen möchten das gerne wieder haben. Sie möchten sprechen und dabei lernen.

J. Day: Manche jetzt schnell eingerichtete Sprachkurse sind schlecht aufgebaut, es werden teilweise methodische und didaktische grobe Fehler gemacht. Ich selbst verstehe manchmal nicht, was dort in den Übungsheften als Antwort abgefragt wird. Insofern kann man über Volkstanz, Sport, gemeinsames Kochen,
gemeinsame Unternehmungen usw. eine ganz andere Ebene der Kommunikation
herstellen und Vertrauen und Motivation schaffen, was in den Sprachkursen mitunter nicht passiert; für viele sind die Sprachkurse frustrierend. Sprachunterricht sollte ja die Integration fördern und nicht behindern.

C. P.: Sind weitere Helfer willkommen?

J. Day: Immer! Wobei ein bestimmtes Zeitkontingent verbindlich zur Verfügung gestellt werden muss, rein und raus ist schwierig. Auch braucht man eine Grundsympathie zu diesen Menschen, die aus großer Not zu uns gekommen sind.

P. Benkhofer: Es kann auch sein, dass plötzlich ein Termin kommt: kannst du mich morgen dahin fahren? Es braucht also auch eine gewisse Beweglichkeit.

Wir sollten viel mehr menschheitlich denken und handeln.

J. Day: Wir reden immer von Globalisierung in der Wirtschaft, jetzt haben wir Globalisierung auf allen menschlichen Ebenen als Möglichkeit im eigenen Land.
Wir sollten viel mehr menschheitlich denken und handeln. Jetzt also los!

Freundeskreis Asyl & Wohnen in Bergstedt e.V.

www.freundeskreis-bergstedt.de

Sparkasse Holstein. IBAN: DE90 213 5224 00 179 119 219
Sozialwerk der Christengemeinschaft in Norddeutschland, Stichwort „Flüchtlingshilfe“. Mittelweg 13, 201148 Hamburg
BfS (Bank für Sozialwirtschaft) Hannover IBAN DE28 2512 0510 0007 4474 0