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Engel

Wie Engel heute führen oder warum eine Führung „von oben“ nicht mehr klappt!

Interview mit Dr. Hans-Bernd Neumann, Pfarrer

Heute ist das Thema Engel wieder populär, nachdem es im 20. Jahrhundert nur von wenigen Literaten beachtet wurde. Seit einigen Jahrzehnten gibt es viele Bücher, Veröffentlichungen, sogar Kongresse dazu. Welche Wesen sind die Engel? Wie wirken sie? Wie können wir uns an sie wenden? Vielleicht gewinnen solche Fragen in Krisenzeiten wie der jetzigen an Bedeutung.

Der Vortrag von Herrn Dr. Neumann mit dem Titel „Engel – sie sind niemals sentimental. Wie Engel heute führen oder warum eine Führung „von oben“ nicht mehr klappt. Von der Ressourcennutzungs- zur Potentialentfaltungsgemeinschaft“ fand statt am 4. Juni 2020 in der Lukas-Kirche in Volksdorf.

Interviewpartner: Hans-Bernd Neumann, verheiratet, 4 erwachsene Kinder. 1999 wurde er zum Pfarrer geweiht, er arbeitete in Bielefeld, Tübingen und jetzt in Reutlingen. Im ersten Beruf Dr. der Physik, an sechs Universitäten studiert, „eigentlich wollte ich die Universitätskarriere durchziehen“. Als er bei DESY („Deutsches Elektronen-Synchroton“) in Hamburg als Physiker arbeitete, lernte er die Christengemeinschaft kennen. „Ich habe nie mit der Physik gebrochen, ich war dort nie frustriert, aber ich lernte in meiner Hamburger Zeit, dass es noch einen anderen Bereich des Seins zu entdecken gibt. Ich habe die Theologie mehr als eine Erweiterung der Physik erlebt und nicht als eine Begrenzung.“

Christine Pflug: Engel werden von Dichtern und in anderer Literatur mitunter als furchterregend beschrieben, z. B. heißt es bei Rilke: „Jeder Engel ist schrecklich“ oder „… und gingen wie Erzürnte durch das Haus und griffen dich als ob sie dich erschüfen und brächen dich aus deiner Form heraus.“
Wie sind Engel?

Hans-Bernd Neumann: Eine Engelerfahrung in der vorchristlichen Zeit und im Judentum war immer eine Todeserfahrung. Wenn im Alten Testament der Engel des Herrn auftaucht, ist immer der Tod da. Es herrscht Angst. Wenn im Evangelium ein Engel erscheint, muss der zuerst aussprechen: „Fürchte dich nicht.“ Auch in der Apokalypse sind Engel furchterregend und gewaltig beschrieben.
Sie sind nicht schrecklich im Sinne von fürchterlich, sondern so, dass man zusammenschreckt. Der Engel hat etwas Weckendes.
Meist werden solche Engelerlebnisse in existenziellen Situationen erfahren. Ich kenne keine Engelerfahrung, bei der jemand im Urlaub in der Sonne wohlig am Strand liegt. Es sind Grenzerfahrungen und Situationen höchster Not. Ich habe dazu eine persönliche Erfahrung: Ein mir sehr wertvoller und wichtiger Mensch stand an der Schwelle des Todes, und ich hatte viel gebetet. Damals habe ich das Beten gelernt und auch schätzen gelernt. In dieser Notsituation stellte sich irgendwann eine Empfindung des Geborgenseins im Raum ein, als ob etwas lichter und wärmer war. Es war unscheinbar, zart, ich hätte es auch nicht bemerken können, auch objektiv hat sich nichts geändert. Es war nicht erschreckend oder schrecklich, aber doch weckend. Gleichzeitig konnte ich danach gut schlafen. Als ich am nächsten Tag ins Krankenhaus auf die Intensivstation kam, sagte der Chefarzt: Gestern hat sich das Blatt gewendet, und zwar zum Positiven. Ich fragte noch nach der Uhrzeit, und es war genau diese Zeit.

C. P.: Es gibt also auch diese Seite des Engels, in der er Geborgenheit erleben lässt?!

„Von guten Mächten treu und still umgeben“

H.-B. Neumann: Ein wunderbares Beispiel dafür ist das Gedicht von Bonhoeffer, das er 1944 an seine Verlobte geschrieben hatte: „Von guten Mächten treu und still umgeben, behütet und getröstet wunderbar“. Es ist wohl eines der bekanntesten Werke von Bonhoeffer. Er war in tödlicher Bedrängnis und wusste in seiner Gefangenschaft genau, was auf ihn zukommt. Und dann schrieb er, dass er sich geborgen fühlt in dieser Not. Besonders von der 2. bis zur 6. Stufe erkennt man, dass er durch den Abgrund ging, und dann kommt er aus diesem Abgrund wieder heraus. Hier sind die geistigen Wesen schützend da.

Von guten Mächten treu und still umgeben,
behütet und getröstet wunderbar,
so will ich diese Tage mit euch leben
und mit euch gehen in ein neues Jahr.
Noch will das alte unsre Herzen quälen,
noch drückt uns böser Tage schwere Last.
Ach Herr, gib unsern aufgeschreckten Seelen
das Heil, für das du uns geschaffen hast.
Und reichst du uns den schweren Kelch, den bittern
des Leids, gefüllt bis an den höchsten Rand,
so nehmen wir ihn dankbar ohne Zittern
aus deiner guten und geliebten Hand.
Doch willst du uns noch einmal Freude schenken
an dieser Welt und ihrer Sonne Glanz,
dann wolln wir des Vergangenen gedenken,
und dann gehört dir unser Leben ganz.
Lass warm und hell die Kerzen heute flammen,
die du in unsre Dunkelheit gebracht,
führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen.
Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.
Wenn sich die Stille nun tief um uns breitet,
so lass uns hören jenen vollen Klang
der Welt, die unsichtbar sich um uns weitet,
all deiner Kinder hohen Lobgesang.
Von guten Mächten wunderbar geborgen,
erwarten wir getrost, was kommen mag.
Gott ist bei uns am Abend und am Morgen
und ganz gewiss an jedem neuen Tag.

C. P.: Ich würde gerne diese Engelerfahrung auf unsere jetzige Lage beziehen. Nach meiner persönlichen Erfahrung wird durch die Corona-Krise vieles sichtbar, was aber schon vorher da war. Das zeigt sich in persönlichen Bereichen, im Politischen, Wirtschaftlichen; in den Medien bekommt man mehr die negativen Auswirkungen mit, aber es gibt auch positive. Kann man da eine Wirkung der Engel sehen?

H.-B. Neumann: Wenn wir in solchen Zeiten die Krise, wie wir sie jetzt haben, annehmen, eröffnen sie uns den Horizont. Es entsteht ein Raum, in den würde man freiwillig gar nicht rein, nun ist man aber hineingestellt. Jetzt habe ich die Entscheidungsmöglichkeit, mich dagegen zu wehren oder ich nehme ihn an. Die Engel sind ständig um uns herum, nur in der Regel sind wir so, dass wir sie in unsere Entscheidungen nicht miteinbeziehen. In der Not lernt man beten. Krisensituationen sind immer Räume, in denen wir den Blick für die Hierarchie der Engel öffnen können. Das ist eine Willensfrage: Will ich sie wahrnehmen?

Wie kann ich dieser Krise Sinn geben?

C. P.: Wie kann man sich für die Engel oder auch den eigenen Engel öffnen?

H.-B. Neumann: Man könnte einfach mal innehalten, anhalten. Ich bin in der Krise drin, handle mit meinen normalen Reaktionsmustern – stattdessen könnte ich innehalten und staunen: Was passiert hier gerade? Was bringt mir diese Krise? Wie kann ich dieser Krise Sinn geben? Eine meiner ersten Erfahrungen war, einen Himmel ohne Flugzeuge zu sehen, täglich eine Stunde spazieren zu gehen – was ich lange nicht mehr gemacht hatte – plötzlich hörte ich die Vögel, die eigentlich immer da sind. Eine Krise ist nicht nur furchtbar und schrecklich, sondern ich kann ihr etwas abgewinnen. In diesem Umwenden des Blicks – „Was nehme ich da eigentlich wahr?“ kann man vielleicht auch ein Stück die Wirkung der Engel wahrnehmen. Das ist aber völlig frei, es ist keine Notwendigkeit.

Als in Asien 2004 dieser riesige Tsunami war, kam in der Presse immer die Frage nach dem Sinn einer solchen Katastrophe. Meinem lieben Kollegen Till Haase, der vor einigen Jahren verstarb, verdanke ich den interessanten Gedanken: „Diese Sache hat keinen Sinn. Das Einzige, was wir machen können, ist, der Sache einen Sinn zu geben.“ Die Katastrophe ereignet sich einfach, und die Frage ist, wie wir das ergreifen, was durch die Katastrophe kommt. Corona hat keinen Sinn. Die Aufforderung an uns ist: Ändere deinen Sinn! Es ist das, was man Metanoia nennt! Und darin ist jeder frei.

„von der Ressourcennutzungs- zur Potentialentfaltungsgemeinschaft“

C. P.: Wenn ich jetzt, wie auch immer, diesen Sinn ergreife, beispielsweise Corona als Innehalten und Pause nütze – welche Rolle könnte dann der Engel dabei spielen?

H. B. Neumann: Zunächst: Man kann immer versuchen, für das Wirken des Engels wach zu sein: „Was willst du? Kannst du mir die Augen dafür öffnen, was diese Situation jetzt braucht?“ Dieses Öffnen der Augen ist nicht zwanghaft, sondern es entsteht plötzlich eine Option.

Der Untertitel meines Vortrages ist „von der Ressourcennutzungs- zur Potentialentfaltungsgemeinschaft“. Das kommt von Gerald Hüther (ein deutscher Neurobiologe und Autor populärwissenschaftlicher Bücher), und bei ihm habe ich formuliert gefunden, was ich immer angestrebt habe. Ich bin in einer beruflichen Position, wo manche von mir erwarten, dass ich ihnen sage, wo es für sie lang geht. Hüther sagt: Derjenige, der Ressourcen nutzen will, ruft von den anderen die Fähigkeiten ab, um ans Ziel zu kommen. Für die Potentialentfaltungsgemeinschaft spricht man eine Einladung aus, dass sich die jeweiligen Menschen mit ihren Fähigkeiten in der Gemeinschaft zeigen. Das bezieht auch ein, dass die Betreffenden scheitern dürfen. Der Begleiter oder Leiter hat lediglich die Aufgabe zu verhindern, dass das Scheitern so destruktiv wird, dass alles zum Einsturz kommt. Er sollte die Haltung haben: Was brauchst du von mir, damit du dich zeigen kannst? Er sollte den Raum schaffen, in dem sich der Andere zugunsten der Gemeinschaft und des Ganzen entwickeln kann.

Der Engel verbindet sich mit den Folgen unserer Entscheidungen.

C. P.: Ist das auch die Weise, wie die Engel auf die Menschen wirken?

H.-B. Neumann: Im 11. Jahrhundert haben sie noch gezeigt, wo es lang geht. In den Leitsätzen von Rudolf Steiner ist explizit über den Engel Michael gesagt, dass er sich mit den Taten und den Entscheidungen der Menschen verbindet. Er wartet ab auf unsere Entscheidungen, verbindet sich mit den Folgen von diesen und trägt sie mit. Und ich meine, dass das für alle anderen hierarchischen Engel auch so ist. Ich mache abends den Rückblick auf den Tag und stelle beispielsweise für eine schwierige oder schmerzhafte Situation meinem Engel die Frage: Wie hätte ich das anders machen können? Und dann eröffnet er mir die Möglichkeit, das in einem anderen Feld noch einmal zu üben oder zu korrigieren. Und das Ganze nenne ich dann Schicksal.

C. P.: Also Schicksal in dem Sinne, dass ich es jeden Tag neu gestalten kann?

H.-B. Neumann: Es ist das Beeindruckende an meinem Beruf, dass man sich mit dem Schicksal der Menschen verbinden darf. Wenn ich mit einem alten Menschen gemeinsam auf seine Biografie schaue, stelle ich die Frage: Was ist dir kostbar in deinem Leben? Wer oder was hat dich zu dem werden lassen, der du heute bist? Und dann kommt interessanterweise häufig die Antwort, dass aus dem Leid etwas gelernt wurde. Und wenn man dann fragt, ob derjenige dieses Leid vorher gewählt hätte, kommt ein eindeutiges „nein“. Es ist durch das Schicksal von außen etwas auf einen zugekommen, was man dann zum Eigenen gemacht hat. Was da von außen kommt – nenne ich dashöheres Ich, nenne ich das Wirkung der Engel? Muss ich das differenzieren oder ist es eine Art Zusammenarbeit von diesen geistigen Instanzen?

eine moralische Zeitrichtung

C. P.: Es geht also darum, das eigene Potential zu entfalten und es täglich mit dem Engel wie abzustimmen und abzuspüren, ob man jetzt auf die richtige Weise damit umgeht!?

H.-B. Neumann: Wichtig erscheint mir dabei auch so etwas wie eine moralische Zeitrichtung, also von der Vergangenheit in die Zukunft. Es ist eine wahre Behauptung, wenn man sagt, die geistigen Ergebnisse eines Jacques Lusseyrans konnten nur dadurch entstehen, dass er in Buchenwald im Konzentrationslager war. Die Philosophie und Psychologie eines Victor Frankls sind auch das Ergebnis seiner Nöte im Konzentrationslager. Beide sind durch dieses Leiden durchgegangen und haben diese Früchte herausgeholt.

Die Behauptung wird moralisch unwahr, wenn ich sie umkehre: Wir brauchen Konzentrationslager, damit …  Wenn die Richtung von heute in die Zukunft geht, dann wird es zu einer grotesken Brutalität. Erst wenn ich als Individuum die Situation durchgemacht habe und zu einer Erkenntnis gekommen bin, dann kann man das auch von außen so bestätigen.

C. P.: Es gibt ja auch die Möglichkeit, an einer schwierigen Situation zu scheitern …

H.-B. Neumann: Genau, das ist auch die Realität. Eine Moralität, die ich von Innen als Wahrheit erkenne, kann richtig sein, aber wenn sie mir von außen als Forderung entgegengehalten wird, ist das eine Unverschämtheit. Das kann man wiederum auf die Wirkung der Engel beziehen: Sie geben diesen Raum zur Potentialentfaltung, in dem ich die Chance habe, meine Wahrheiten zu ergreifen. Natürlich kann ich sie auch ablehnen.

C. P.: Es ist immer die Rede von der Hierarchie der Engel. Wie ist der Begriff Hierarchie zu verstehen?

H.-B. Neumann: Das hat mit der Geschichte der Engellehre zu tun. Es gibt die neun Hierarchien, die auch im Kultus der Christengemeinschaft genannt werden. Sie tradieren sich auf den Kirchenvater Dionysius Areopagita, und er hat es von der vorchristlichen, griechischen, auch jüdischen Tradition, in der auch eine Engelhierarchie vorhanden war. Bisher haben wir Hierarchie immer vertikal gedacht: oben sind die Seraphim, Cherubim, Throne, in der zweiten, darunter liegenden Hierarchie sind die Kyriotetes, Dynamis, Exusiai, in der dritten Hierarchie die Archai, Archangeloi (Erzengel), Angeloi (Engel). Schon in der Scholastik ändert sich dieses „Stockwerk“: Albertus Magnus und Thomas von Aquin hat die Engel in Aufgabenbereiche eingeteilt.

Es gibt eine Hierarchie, aber die ist nicht nach Macht geordnet, sondern nach Funktion.

C. P.: Könnte man das als eine gleichberechtige Zusammenarbeit bezeichnen?

H.-B. Neumann: Ja. Es gibt Bereiche der Engel, die für die Liebe zuständig sind – die Seraphim. Es gibt solche für den Willen, das sind die Throne. Die Stoffes- und Sinneswelt entsteht durch Throne und Cherubim. Das wird „dynamisiert“ durch die Dynamis. Man hat einen Reigen von zusammenwirkenden hierarchischen Wesen. Und wenn man das als Zusammenarbeit betrachtet, kommt die Frage: Was ist mit dem Menschen? Der Mensch hat die große Herausforderung, und deshalb schauen alle Engel auf ihn, mit seiner Freiheit umzugehen. Kein anderes Wesen kann frei sein, sie sind und wirken ihrem Wesen gemäß. Und der Mensch hat die Möglichkeit, in die Freiheit einzusteigen.

Ein anderes Bild, über das ich immer wieder staune, und was auch ein Gegenbild zu dem vertikal hierarchischen ist: In der Apoklaypse 12 wird Michael als Heerführer der Engelschar geschildert. Aber er ist nur ein Erzengel, also quasi relativ weit unten.

Wir haben eine Hierarchie, aber die ist nicht nach Macht geordnet, sondern nach Funktion. Die Hierarchie der Engel ist eine Teilung der Aufgaben.

C. P.: Das ist wie ein Organismus: Die Leber macht etwas, genauso das Herz, die Niere etc., und keine Organ käme auf die Idee, dass es wichtiger als das andere sei.

H.-B. Neumann: Paulus hat dazu gesagt: Wir, also die Christenheit und die Kirche, sind ein Leib.