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Die 12 Sinne

Interview mit Harry Lohse, Pfarrer und ehem. Heilpädagoge

Harry Lohse
Harry Lohse

„Ein Sinn ist dasjenige, was eine Erkenntnis vermittelt ohne Mitwirkung des Verstandes.“ (Rudolf Steiner)

Durch die Sinne erleben wir verschiedene Facetten der Welt. Indem wir sehen, riechen, hören, schmecken, tasten, nehmen wir die Außenwelt wahr. Aber um das auf ungestörte Weise zu können, muss der Mensch in seiner Leiblichkeit ebenfalls Sinne entwickelt haben, z. B. hat er durch seinen „Lebenssinn“ ein Gefühl von Wohlbefinden und Vitalität, mit dem „Eigenbewegungssinn“ kann er sich im Raum orientieren etc.
Wenn der Mensch in diesen Bereichen ein gesundes Selbstgefühl gebildet hat, kann er sich auch für Erlebnisse und Erfahrungen anderer Menschen öffnen: beispielsweise versteht er mit dem „Gedankensinn“ ihre Gedanken, mit dem „Ichsinn“ ihr Wesen.
So kann man von 12 Sinnesbereichen sprechen, die die Wahrnehmung für sich selbst, für Gefühle und Geistiges eröffnen.

Interviewpartner: Harry Lohse, Pfarrer der Christengemeinschaft seit 13 Jahren. Davor acht Jahre heilpädagogischer Klassenlehrer an der Albrecht-Strohschein-Schule in Oberursel. Die „12 Sinne“ war sein Spezialthema, das er auch schon in der Ausbildung bearbeitete und darüber eine Arbeit geschrieben hat. „Das Thema hat mich seit der Ausbildung nicht mehr losgelassen, weil es sowohl für die Heilpädagogik als auch für das gesamte Leben sehr wichtig ist“.
Herr Lohse hielt im Juni dieses Jahres ein Seminar über die 12 Sinne am Hamburger Priesterseminar.

Christine Pflug: Was sind Sinne?

Harry Lohse: Wenn man mit der Definition von Rudolf Steiner beginnen will: „Ein Sinn ist dasjenige, was mir eine Erkenntnis vermittelt ohne Mitwirkung des Verstandes.“ Das heißt, wenn ein Sinn nicht beeinträchtigt ist, dann vermittelt er mir ein direktes Bild und Erlebnis von der Welt, so wie ich sie durch die Sinne wahrnehmen kann; der Verstand schließt sich mit seiner Tätigkeit an die Sinneswahrnehmung selber an.
Beispielsweise bekommt man beim Wärmesinn eine unmittelbare Erkenntnis, ob der Körper, den man gerade berührt, warm oder kalt ist oder inwieweit man sich selbst im Verhältnis zur Umwelt warm oder kalt erlebt.

C. P.: Kann man diese „Erkenntnis ohne Mitwirkung des Verstandes“ beispielsweise nachvollziehen, wenn blinde Menschen durch das Ertasten, bzw. Berühren eines Anderen etwas verstehen, was wir als Sehende entweder gar nicht oder nur durch visuelle Eindrücke mitbekommen?

H. Lohse: Ja, und zwar hängt das damit zusammen, dass der Tastsinn z. B. ganz anders als der Sehsinn ist. Mit dem Sehsinn alleine nehmen wir nichts anderes wahr als die Brechung des Lichtes, d. h. die Farben – wobei wir in der Realität in den Sehsinn unser Tasten hineinschicken; es ist dann eine Art seelisches oder ätherisches Tasten verbunden mit unserer Sehintension. Nur ein Sinn alleine ist nicht in der Lage, eine Erkenntnis zu vermitteln, sondern es müssen immer mindestens zwei Sinne zusammenwirken. Wir kennen alle dieses Beispiel: Man sitzt im Kino, nach einer gewissen Zeit dreht man sich um, und man stellt fest, dass jemand da hinten in der 7. Reihe einen angeschaut hat mit der Frage, ob „das derjenige ist, den er kennt“. Er hat dann mit seinem Blick an meinem Hals oder Nacken getastet, was ich dann auch gespürt habe.
Karl König (*1902 in Wien; † 1966 in Überlingen-Brachenreuthe, war ein österreichischer Kinderarzt, Heilpädagoge und Autor. Er begründete die internationale Camphill-Bewegung.), der auch ein Pionier in der Weiterentwicklung der Sinneslehre von Rudolf Steiner ist, beschreibt, dass wir ein „Tastnetz“ haben, das sehr stark über unsere eigenen Körpergrenzen hinaus tastet. Auch unterscheidet er zwischen dem Tastsinn und der Tasttätigkeit: Der Tastsinn ist noch sehr stark mit dem physischen Leib verbunden, aber das Tasten selber als Tätigkeit geht über die Leibesgrenze hinaus.

C. P.: Im alltäglichen Wissen kennt man 5 Sinne. Rudolf Steiner hat 12 Sinne beschrieben. Wie kommt er dazu?

H. Lohse: Normalerweise würde man so vorgehen: Ich habe ein Auge und deshalb kann ich sehen. Rudolf Steiner fragte aber nicht, welches Sinnesorgan man zur Verfügung hat und welche Wahrnehmung dadurch möglich sei, sondern er hat zunächst unabhängig von den Sinnesorganen untersucht, welche Wahrnehmungsfelder es überhaupt gibt. Erst danach hat er nach dem passenden Organ gesucht.
Auf diese Weise bekommt er Zugang zum Beispiel zu dem Wärmesinn, der in den anderen Sinnesphysiologien oft mit dem Tastsinn als Eines angesehen wird, mit dem man natürlich auch tastet. Aber unabhängig davon hat der Wärmesinn eine eigene Sinnesqualität, mit dem er die eigene Wärme und die der Außenwelt wahrnimmt.
Auf diese Weise kommt Steiner auch zu den „höheren Sinnen“, die den Menschen vor allem in seiner Denktätigkeit anregen.

C. P.: Können Sie die verschiedenen Wahrnehmungsfelder beim Hörsinn und Sprachsinn erläutern?

H. Lohse: Rudolf Steiner differenzierte das Hören in das Wahrnehmen von Geräuschen, dann ist nur der Hörsinn tätig, das Wahrnehmen von Lauten, dann sind der Hörsinn und der Sprachsinn tätig und das Wahrnehmen von Gedanken oder Begriffen, dann sind Hörsinn, Sprachsinn und Gedanken- oder Begriffssinn tätig. Wenn ich im Bus sitze erkenne ich auch eine mir vollkommen unbekannte Sprache als Sprache, mit der sich zwei Menschen verständigen, am Klang der Melodie, an der Art und Weise, wie man aufeinander reagiert – das ist sehr viel mehr als nur eine Aneinanderreihung von Lauten, beziehungsweise Geräuschen.

Wenn man eine Melodie wahrnimmt, ist das eine Tätigkeit des Sprachsinns

C. P.: Ist ein Geräusch auch das, was man mit dem Hörsinn wahrnimmt?

H. Lohse: Richtig! Wenn irgendwo ein Sack Reis umfällt oder ein Ast von einem Baum abbricht, ist das ein Geräusch – das ist kein Laut oder Klang. Dafür benutzt man auch den Hörsinn. Wenn man aber eine Melodie wahrnimmt, ist das eine Tätigkeit des Sprachsinns. Das Hören bedeutet tatsächlich nur das Wahrnehmen einzelner Geräusche, die nicht in Beziehung zueinander stehen. Aber wenn ich eine Melodie wahrnehme, bringe ich die verschiedenen Töne in eine Reihenfolge – das mache ich mit dem Sprachsinn. Musik ist ja quasi eine Sprache.
Der Hörsinn bezieht sich auf die Geräusche. Dann gibt es den beschriebenen Sprachsinn, und noch weiter differenziert sich das in das Wahrnehmen von Begriffen und Gedanken bei einem anderen Menschen. Am Ende nimmt man die Individualität wahr, die diese Begriffe und Gedanken erzeugt. Das geschieht mit dem Ich-Sinn.

C. P.: Zum Riechen braucht man die Nase, zum Hören die Ohren, aber was ist beispielsweise das Organ für den Gleichgewichtssinn?

H. Lohse: Dafür ist auch das Ohr da – mit den Kanälen, Flüssigkeiten und Härchen, die nach innen zeigen. Die Flüssigkeit ist immer in der Waagrechten, aber wenn ich die Haltung meines Kopfes ändere, verändern sich die Härchen, bzw. ich merke, wie sie dann durch die Flüssigkeit streichen.

C. P.: Um noch ein anderes Beispiel herauszugreifen: Welches Organ hat der Lebenssinn (Die Fähigkeit, das Funktionieren und den Gleichklang der inneren Organe zu spüren und daraus ein Lebensgefühl zu entwickeln, Anm. d. Red.)?

H. Lohse: Das ist relativ schwer zu beschreiben, aber Karl König macht das und kommt zu dem Ergebnis, dass es mit dem gesamten Flüssigkeitshaushalt des Menschen zu tun hat, also mit der Lymphe, die sich über den ganzen Körper verteilt. Es steht auch im Zusammenhang mit dem vegetativen Nervensystem, das ständig in einer Art unterbewusster Wahrnehmungstätigkeit ist. Jedenfalls bleibt die innere Befindlichkeit, die über den Lebenssinn vermittelt wird, vollkommen unterbewusst, und erst wenn sie gestört wird, kommt sie ins Bewusstsein.

C. P.: Der Lebenssinn gehört zu den „unteren Sinnen“, die die Kinder am Anfang ihres Lebens entwickeln sollten. Wozu dienen sie?

H. Lohse: Es ist das Ziel, dass die Kinder in den ersten drei Lebensjahren den Tastsinn, Lebenssinn, Eigenbewegungssinn und den Gleichgewichtssinn so entwickeln, dass sie diese Sinnestätigkeiten und die Möglichkeiten, die sich daraus ergeben, völlig unterbewusst, aber sicher handhaben können. Das Gleichgewicht beispielsweise sollte man so verinnerlicht haben, dass man sich mit der entsprechenden Sicherheit in die Welt hineinstellen und vollkommen unproblematisch damit umgehen kann.

dieses Erlebnis „ein Raum erfüllendes Selbst zu sein“

Generell ermöglichen die vier unteren Sinne dem Menschen die Eigenwahrnehmung. Man spürt sich selbst und bekommt dadurch die entsprechende Sicherheit, sich der Welt zuwenden zu können. Wenn dieses Erlebnis „ein Raum erfüllendes Selbst zu sein“, das sich an die Wahrnehmungen der unteren Sinne anschließt, nicht bis zum 3. Lebensjahr vollzogen ist, kann der nächste Schritt, sich der Welt zuzuwenden, nicht daraus entstehen. Man ist dann immer mit sich selbst, seiner eigenen Konstitution und Befindlichkeit beschäftigt.

C. P.: Wie könnte ein gestörter Gleichgewichtssinn bei einem Erwachsenen aussehen?

H. Lohse: Die Tätigkeit des Gleichgewichts ruft im Menschen das Gefühl hervor, wie er im Raum steht, d. h. ein aufrechtes Wesen zwischen oben und unten, vorne und hinten, rechts und links ist. Wenn dieses Gefühl gestört ist, extremerweise passiert das bei den Epileptikern, sieht man das an einem unsicheren Gang, einer verkrampften Haltung, einer körperlichen Verunsicherung. Man merkt, dass derjenige das zu kompensieren versucht durch andere Sinnestätigkeiten, wie z. B. das Sehen. Diese Menschen müssen sich immer im Raum ein wenig umschauen, um über das Sehen und Tasten eine Sicherheit zu bekommen. Bei Kindern sieht das so aus, als ob sie sich mit ihren Armbewegungen in der Luft abstützen wollen. Meistens haben sie einen leichten Gang, der wie nicht ganz die Erde berührt, sie gehen oft auf den Fußballen.

Die „unteren Sinne sind leibgebunden“, mit den oberen Sinnen wenden wir uns der Welt zu

C. P.: Die unteren Sinne sind die Grundlage für die höheren Sinne …

H. Lohse: Rudolf Steiner spricht auch davon, dass die „unteren Sinne leibgebunden“ sind, mit den oberen Sinnen wenden wir uns der Welt zu, z.B. hören wir Geräusche, Sprache, verstehen die Gedanken der anderen und sind schlussendlich bei dem Ich des anderen. Das ist sozusagen die Krone der Wahrnehmungstätigkeit.

C. P.: Um diese Verwandlung der unteren Sinne in die höheren an einem Beispiel genauer zu verstehen: Wie transformiert sich der Tastsinn in den Ichsinn?

H. Lohse: Karl König beschreibt es so, dass wir mit dem Tastsinn geboren werden. Die erste Sinneswahrnehmung des Menschen passiert mit dem Tastsinn, und zwar dann, wenn er durch den Geburtskanal hindurchgedrückt wird. Das hat die ganz entscheidende Wirkung, dass man sich zum ersten Mal anfänglich seiner selbst bewusst wird, d. h. wir erfahren bei der Geburt mit unserem Tastsinn unsere eigene Grenze.
Während unseres ganzen weiteren Lebens tasten wir quasi von innen nach außen – wir haben also ständig eine unterbewusste Tastbewegung.

C. P.: Wie darf man sich das vorstellen?

H. Lohse: Wenn man dem nachspürt, merkt man eine Art Zentrum, vielleicht etwas tiefer als die Herzgegend, von dem aus wir ständig, aber unterbewusst, an unsere eigene Peripherie tasten, in diesem Falle wäre das die eigene Haut. Dazu kommt, dass wir von dem Luftdruck, unserer Kleidung, eventuell dem Wasser, das uns umgibt, ständig sanft zurückgedrängt werden.
So kann man also sagen: Mit dem Tastsinn bemerken wir primär, wie unsere eigene Körpergrenze zurückgedrängt wird. Das ist aber nur deshalb so, weil wir an diese Körpergrenze herantasten, das ist quasi ein unterbewusster Willensstrom.
Wenn die eigene Körpergrenze zu stark zurückgedrängt wird, entsteht ein Schmerzerlebnis. Das Organ des Tastsinns ist die Haut, bzw. die ganz feinen Härchen, die auf der Haut verteilt sind. Wenn also mein Sitznachbar mir in die Haut pikst, tut das weh. Dann kommt zum Tastsinn der Lebenssinn dazu, d. h. dann wird mein Lebensgefühl gestört, bzw. es wird an einer Stelle bewusst durch ein zu starkes Tasterlebnis. Der Lebenssinn und der Tastsinn sind sehr stark miteinander verbunden.
In einem späteren Alter, wenn die Kinder Werkzeuge benutzen und mit dem Hammer den Nagel treffen, verlagern sie ihren Tastsinn quasi an die Spitze des Werkzeugs. Als ersten Schritt brauchen wir die Sicherheit der Selbstwahrnehmung und der Begrenzung im eigenen Leib und wenn wir das haben, können wir darüber hinaus tasten. Beispielsweise kann ich meinen Tastsinn an die Spitze des Bleistifts verlegen, sonst wäre ich gar nicht in der Lage zu schreiben.

Sie suchen das Grenzerlebnis, sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelischen Ebene

C. P.: Wenn man als Kind wenig Tastsinnerfahrungen hat, z. B. weil man mit einem Kaiserschnitt auf die Welt gekommen ist – wie wirkt sich das aus?

H. Lohse: Im Allgemeinen versuchen diese Menschen diese Erfahrung nachzuholen. Ein verstorbener Gynäkologe aus Frankfurt, Dr. Görk, hat das untersucht: Die Kinder, die mit Kaiserschnitt geboren wurden und die diese Pressung nicht hatten, versuchen das in ihrer Biografie nachzuholen. Sie suchen das Grenzerlebnis, sowohl auf der körperlichen als auch auf der seelischen Ebene und „rennen gerne mal wogegen an“. Denn dann spüren sie sich.
Damit kompensieren sie das Vermisste. Und wenn man das nicht kann, entsteht eine Symptomatik, wie sie Rudolf Steiner in seinem Heilpädagogischen Kurs des hysterischen Menschen beschreibt, der immer zu stark über seine eigene Grenze hinaus tastet. Die Grenze wird zu wenig wahrgenommen, d. h. der Widerstand ist zu durchlässig. Wenn man zu stark „hinaus tastet“, steckt man seelisch zu stark in der Welt drinnen, was wiederum zur Folge hat, dass man überempfindlich reagiert. Solche Menschen können sich sehr leicht in die Situation von anderen hineinversetzen, bis zur Hellfühligkeit, auf der anderen Seite können sie es nicht ertragen, wenn ihnen jemand zu nahe kommt, weil das ein sehr intensives Erlebnis ist. Sie können auch jede Form der Konfrontation nicht so gut ertragen. In der Schule darf man sich solchen Kindern nicht gegenüberstellen und sie fixieren, sondern man muss sich mehr zur Seite stellen und das Kind nicht so direkt ansprechen.

C. P.: Gilt das auch für Erwachsene?

H. Lohse: Sie mögen Konfrontationen auch nicht; manche Gespräche erleben sie als ein Angriff oder Übergriff. Wenn sie mit ihrem Ich zu stark in der Außenwelt sind, halten sie das nicht länger aus, ziehen sich wieder zurück. Dann sind sie auf sich zurückgeworfen, was ihnen nach einiger Zeit auch wieder zu extrem ist.

C. P.: Der Tastsinn verwandelt sich in der späteren Entwicklung in den Ichsinn …

H. Lohse: Der Tastsinn ist die Grundlage dafür, dass wir bei dem Ichsinn ganz von der Eigenwahrnehmung weggehen können und uns völlig in das Ich des anderen Menschen hinein tasten. Das ist aber nur möglich, wenn ich in einem völlig entspannten Verhältnis zu mir selbst bin, also keine Mangel an mir erlebe, keine Kopfschmerzen etc. In einer ganz entspannten Gesamtkörperhaltung, denn das Organ des Ichsinns ist der gesamte Organismus, kann ich so in den anderen hinein tasten, dass ich sein Ich wahrnehme. Das ist ein geistig-seelischer Vorgang.

C. P.: Ist das gleichzusetzen mit Empathie?

H. Lohse: Das glaube ich nicht; von Rudolf Steiner wird das so beschrieben, dass man in den anderen „hineinschlafen“ müsse. Wir geben für einen kurzen Augenblick unser eigenes Bewusstsein auf, und dadurch nimmt man das Ich des anderen wahr. Ich glaube, bei Empathie ist noch zu viel Gefühlsbewusstsein dabei, d. h. dass ich meine Hingabe an den anderen sofort reflektiere. Das ist beim Ichsinn nicht der Fall, sondern dieser ist selbstvergessen.

C. P.: Was passiert, wenn man in dieser beschriebenen Weise „in den anderen hineinschläft“?

H. Lohse: Wenn das in einem gegenseitigen Prozess passiert, nimmt man jeweils das Ich des anderen wahr – sein eigenes Ich kann man selber gar nicht spüren, sondern das macht der andere.
Das hört sich kompliziert an, aber gemeint ist die Wesensbegegnung, die dadurch entsteht, das man nicht nur das Ich des anderen wahrnimmt, sondern auch die Wirkung, die ich mit meinem Ich auf den anderen gemacht habe und der Eindruck, den der andere mit seinem Ich auf mich gemacht hat. Das ist dann ein Austausch.

C. P.: Gibt es spezielle Sinne, die vor allem in der Weihnachtszeit angesprochen werden?

H. Lohse: In der Winterzeit ist es so, dass man schlicht durch die dickere und schwerere Kleidung mehr zu sich kommt, d. h. der Tastsinn wird dadurch verstärkt. An Weihnachten werden die mittleren Sinne, also der Geschmacks- und Geruchssinn auf besondere Weise angesprochen, auch der Wärmesinn und Sehsinn. Durch diese mittleren Sinne werden wir mehr in unserem Gefühlsleben angeregt.

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