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09/2019

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Der Alltag als spiritueller Weg

Interview mit Linda Thomas, Reinigungsfachfrau und Gründerin einer ökologischen Putzfirma

Linda Thomas
Linda Thomas

Die alltäglichen Arbeiten lieben lernen und ihnen bewusst eine andere Ebene geben – das ist das Motto, mit dem Putzen zu einem spirituellen Weg werden kann. Linda Thomas gibt Seminare, in denen sie lehrt, wie man einen Raum pflegen und durchlichten kann, die Wesenheiten darin unterstützten kann, aber vor allem, mit welcher inneren Haltung man das alles bewirkt.
Ihre Vorträge und Seminare sind sehr gefragt, sie reist damit durch viele Länder und Städte. „Die Menschen suchen heute diese praktische Spiritualität, die, wenn sie ausgeführt wird, in vielen Lebensbereichen Wirkungen zeigt.“

Linda Thomas wurde in einer Familie mit sieben Kindern in Südafrika geboren und wuchs dort auf. Sie hatte in Südafrika einen Schweizer kennen gelernt und ging durch eine Heirat in die Schweiz. Dort wohnt sie jetzt seit 30 Jahren. Seit 19 Jahren betreibt sie ein ökologisches Putzunternehmen, arbeitet damit in Waldorfschulen, Heilpädagogischen Institutionen, privaten Haushalten, Firmen, u.s.w. und ist zuständig für die Hauswirtschaft am Goetheanum (Freie Hochschule für Anthroposophie in Dornach).

C. P.: Wie würden Sie in wenigen Worten Ihre Botschaft formulieren?

Linda Thomas: Man kann den Alltag, mit allem, was man darin tut, als einen Schulungsweg benutzen. „Schulungsweg im Alltag“ – das ist mein Kernanliegen. Ich selbst habe das über das Putzen gelernt, aber man kann es auf alles beziehen. Das, was man tut, kann man bewusst tun und sich dabei immer wieder klar machen, dass es Wirkungen hat.

C. P.: Sie haben das am Putzen gelernt. Wie sind Sie dazu gekommen?

L. Thomas: Ich hatte mich zum Putzen entschieden, weil ich meine Kinder in die Waldorfschule schicken wollte. Der Vater der Kinder, mein geschiedener Mann, war daran nicht interessiert und sagte, ich solle es selbst finanzieren. Vor der Geburt der Kinder hatte ich als Direktionssekretärin gearbeitet, hatte aber keine Ambitionen, in diesen Beruf zurückzugehen. Ich war noch ganz neu in der Schweiz, und eine Freundin gab mir dann den Tipp: „Gründe eine Firma und putze ökologisch – das gibt es noch nicht.“ Ich hatte sofort das Gefühl: Das mache ich! Ich begann dann gleich, alles Nötige zur Firmengründung, bzw. Selbständigkeit zu erlernen. Der erste Dauerauftrag, ich war zunächst nur allein und ohne Angestellte, kam von einer Waldorfschule. Nach fünf Jahren wurde das Goetheanum in Dornach auf mich aufmerksam, und man fragte mich, ob ich dort die Reinigung und das dazugehörige Team leiten möchte. Das mache ich jetzt seit 1993.

Wenn du nicht das machen kannst, was du liebst, dann lerne zu lieben, was du machst

C. P.: Die ökologischen Materialien sind das eine. Und das andere ist der Schulungsweg des Putzens. Wie geht das? Was machen Sie?

L. Thomas: Das entstand aus einer Identitätskrise. Als Putzfrau wird man nicht besonders beachtet und wahrgenommen. Die Menschen laufen an mir vorbei, oft werde ich nicht gegrüßt. Sehr selten wird gesagt, dass schön geputzt ist, aber sofort wird bemängelt, wenn etwas nicht getan ist. Und ich fragte mich damals, wie ich das 19 Jahre aushalten könnte, denn so lange sollten meine Kinder die Waldorfschule besuchen. Das war die eigentliche Frage, mit der ich dann einige Zeit gelebt hatte. Diese Frage und die Tatsache, dass diese Reinigungsfirma mein wirklicher Impuls war, führten mich zu dem Gedanken: Wenn du nicht das machen kannst, was du liebst, dann lerne zu lieben, was du machst.
Aber wie? Ich kann ja nicht beispielsweise einem Mitarbeiter einen Eimer in die Hand geben und sagen: „Da ist ein stinkendes Klo, mach es sauber und liebe das bitte.“
Ich hatte zu dieser Zeit noch wenig über die Anthroposophie gewusst, der Impuls kam also nicht von dort, sondern war quasi Lebensnotwendigkeit. Durch die Anthroposophie konnte ich aber viel von dem Entdeckten verstehen und vertiefen.

Die physische Tätigkeit auf eine andere Ebene heben

Ich kannte damals eine Geschichte von einem Mönch, die in einem Buch über Zen geschrieben steht. Ein Vater hatte zwei Söhne. Der Ältere ging zum Kloster und konnte das Meditieren leicht erlernen. Der zweite Sohn aber hatte große Mühe damit, und sein Vater schickte ihn von einem Kloster zum anderen, damit er meditieren lerne. Dort aber sagten sie, er könne nicht meditieren lernen, weil er nicht in der Lage sei, das Mantra zu erinnern. Endlich kam er in ein Kloster, wo man ihn lehrte, mit jedem Besenstrich ein Wort zu lernen. Auf diese Weise konnte er ein ganzes Mantra auswendig lernen. Dieser Mönch hatte seiner physischen Tätigkeit eine andere Ebene gegeben. Das war sein Schulungsweg. Der Vater aber stellte fest, dass, obwohl der ältere Sohn wunderbar über die Lehre reden konnte, der jüngere die Fähigkeit besaß, die Menschen zu bekehren.

C. P.: Wie bringen Sie die anderen Ebenen zu der physischen Tätigkeit dazu?

L. Thomas: Die Geschichte von dem Mönch gab mir die Anregung, ähnliches zu versuchen. Wenn ich beispielsweise ein Hemd bügelte und es glatt machte, stellte ich mir dabei vor, aus meinen Leben die Falten „rauszuglätten“. So versuchte ich, aus meinen Putztätigkeiten kleine Übungen zu machen.
Dazu kam mir eine Erinnerung aus meiner Kindheit, als mein Großvater bei einem Autounfall gestorben war. Ich war damals ungefähr viereinhalb Jahre. Meine Mutter rief uns Mädchen und erklärte: „Wir dürfen für Oma das Bett machen, weil sie jetzt bei uns auf dem Hof wohnen wird. Die Oma ist sehr traurig und weint sehr viel. Ihr könnt ihr jetzt etwas zuliebe tun und das Bett machen.“ Wir mussten das Kopfkissen zum Fenster tragen und dort schütteln und klopfen, damit all diese Trauer und die Tränen davon fliegen konnten. Anschließend mussten wir das Kissen auf dem Bett ganz fein glatt streichen, mit einem Sprüchlein dazu. Dieses Sprüchlein mussten wir sozusagen in ihr Kopfkissen einsprechen, um sie dadurch zu trösten. So etwas macht man als kleines Kind mit großer Hingabe. Und das hatte ich dreißig Jahre lang vergessen, bis ich selbst wieder anfing zu putzen.

„Wie wirkt das, was ich vorfinde, auf die Menschen?“

Zu dieser ersten Frage „Wie halte ich es aus?“ kamen noch zwei weitere Fragen: „Wie wirkt das, was ich vorfinde, auf die Menschen?“ Beispielsweise komme ich in einen Raum, der völlig steril ist, fast wie „tot“ geputzt. Ich frage mich, wie das auf die Menschen wirkt.
Oder ich komme in einen anderen Raum, und dort ist es völlig schmutzig und chaotisch. Einmal war ich in einem Kinderschlafzimmer voller Flöhe und Läuse, weil der Junge so viele Tiere in seinem Zimmer hatte. Wie wirkt so etwas auf ein Kind? Wie wirkt es auf eine Klasse, wenn die Kinder in ihr Klassenzimmer kommen und es ist völlig verwahrlost?
Als ich mit diesen Fragen arbeitete, kam die dritte Frage: „Kann es anders wirken, wenn ich darin gearbeitet habe? Kann meine Tätigkeit etwas auslösen, das sich dann auf die Menschen einen Einfluss hat?“ Wenn man beispielsweise in einem Schulgebäude arbeitet, stellt man fest, dass die Klassenzimmer verschieden aussehen. Da kam mir der Gedanke: „Was braucht dieser Raum, damit die Kinder es leichter haben? Was kann ich durch das Putzen wegnehmen?“ Dieses Bewusstsein entstand langsam in mir.

Man schafft Raum, damit etwas entstehen kann

Das war der Anfang von diesem Weg. Ich habe dann mit der Zeit gemerkt, dass sich dieses Putzen, dass zunächst nur das Wegnehmen von Schmutz ist, in Pflege verwandelte. Es berührt dann auch die anderen Ebenen, man nimmt nicht nur etwas weg, sondern schafft Raum, damit etwas entstehen kann, sich etwas entfalten kann.

C. P.: Was könnte sich beispielsweise in so einem Raum entfalten?

L. Thomas: Als ich angefangen hatte, diese Arbeit zu lieben, ging ich mit Bewusstsein heran, beispielsweise wie ich etwas berührte oder wie ich das Material in die Hand nahm. Dadurch wurde gleichzeitig meine Wahrnehmung geschult. Wenn man normalerweise einen Raum reinigen will, sieht man dann nur den Boden oder das, was man gerade putzen möchte. Mehr nimmt man nicht wahr. Ich habe dann das ganze Zimmer wahrgenommen und habe gemerkt, wo Vernachlässigungen sind und dass man die mit Bewusstsein durchdringen muss. Dann wird der Raum und die ganze Atmosphäre darin leichter und heller.
Beispielsweise hatte ich einmal bei einem Architekten gearbeitet. Ich sah ihn nur das eine Mal beim Unterschreiben des Vertrages. Ich hatte Freude bei der Arbeit in seinem Büro und spürte, dass sich in den Räumen etwas ändert. Irgendwann kam ich um 20 Uhr abends zum Putzen, und dann stand er da. Er wollte mich grüßen, fragen wie es mir geht, er bedankte sich, seine Räume seien so schön usw. Irgendetwas hatte sich geändert, was wiederum bei ihm das Bedürfnis geweckt hatte, diese Person, die seine Räume reinigt, zu sehen.
Ein anderes Beispiel handelt von dem Kind, das wegen seiner vielen Haustiere Flöhe und Läuse in seinem Zimmer hatte. Die Mutter war eine ganz patente Frau, aber konnte Hausarbeit nicht ausstehen. Kein Putzpersonal hatte es bei ihr ausgehalten, weil es bei ihr so chaotisch war. Sie hatte von mir gehört, bat mich, einen Frühlingsputz in ihrem Haus zu machen, und ich durfte so viel Zeit in Anspruch nehmen, wie ich bräuchte. Sie wollte das Haus vom Keller bis zum Speicher durchgeputzt haben, jeden Schrank ausgeräumt, ausgewaschen und wieder neu eingeräumt. In der Küche hatte sie Nahrungsmittel, die seit Jahren abgelaufen waren und in denen sich die Motten tummelten. Wir waren zu viert und haben drei Tage gearbeitet, insgesamt also 96 Stunden. Nach dem ersten Tag kam der zehnjährige Junge nachhause und rief spontan: „Oh Mammi, habt Ihr die Wände gestrichen? Es ist so hell da drin.“ Wir hatten die Wände noch nicht einmal berührt, aber Vieles rausgeworfen und die Räume belebt, und das Kind hatte sofort darauf reagiert.
Und als ich zum Schluss sein Zimmer sauber machte – er hatte Hamster, Vögel, Meerschweinchen – musste ich seinen Teppich, seinen Matratze, die Vorhänge und vieles mehr gründlich waschen. Seine Mutter berichtete mir später, dass er keine Tiere mehr in seinem Zimmer haben wollte und es von alleine schaffte, sein Zimmer einen Monat lang selbst sauber zu halten. Für einen Zehnjährigen ist das ein äußerst langer Zeitraum, weil die Mutter ja auch nicht die Impulse dazu gab.
An solchen Ereignissen merke ich immer wieder: Die Menschen nehmen es wahr!

C. P.: Was haben Sie innerlich gemacht, um Ihre Arbeit zu lieben?

L. Thomas: Das gelang mir durch diese Übungen. Wenn ich beispielsweise einen Tisch wische, denke ich dabei: „Ich nehme etwas weg, schaffe Raum; wie dann diese Tischplatte glänzt, so glänzt es auch in mir.“ Ich habe immer versucht, die Tätigkeit auf eine andere, weitere Ebene zu übertragen. Wenn ich beispielsweise Spinnweben weggenommen habe, dachte ich: „Alle Spinnweben, die in meinem Kopf sind, entferne ich auch dort.“ Oder beim Bügeln dachte ich daran, wie bereits erwähnt, die Falten aus meinem Wesen und Charakter auszubügeln. Am Anfang habe ich das konsequent geübt, wie das Auswendiglernen eines Gedichtes. Im Laufe der Zeit ist es dann zu einem Teil von mir geworden, zum Lebensinhalt und zu einer Grundeinstellung. Und das hat mir Freude und Kraft gegeben. Jetzt komme ich in ein Zimmer hinein, begrüße es, schaue es an und denke innerlich: „Jetzt werden wir hier Raum und Platz schaffen.“

Diesen guten und helfenden Geistern stelle ich den Raum zur Verfügung

Ich bestimme dabei nicht, wofür ich den Raum schaffe. Jedes Zimmer, jeder Haushalt, jede Schule hat seine eigenen Wesenheiten, die damit verbunden sind, und diesen guten und helfenden Geistern stelle ich den Raum zur Verfügung. Denn sie wissen, was die Schule oder der Haushalt braucht – ich weiß es nicht.

C. P.: Wenn Sie beim Putzen bestimmte Analogien zu Ihrem Leben herstellen – die eigene Seele glätten, die Großmutter trösten – wie kommen Sie dazu? Ist das immer wieder neu?

L. Thomas: Das hängt ganz davon ab, wie es mir geht. Vielleicht bin ich völlig gestresst, wenn ich irgendwohin komme, und so wie ich dann das Äußere harmonisch mache, versuche ich auch diese Harmonie wieder in mir selbst herzustellen. Jeder kennt das: Wenn man einen Raum ordnet, wirkt das auch ordnend in der eigenen Seele.

C. P.: Das heißt, dass man erst einmal innerlich mit sich selbst Kontakt aufnimmt und schaut, wo man gerade steht und das mit dem verbindet, was man tut!?

L. Thomas: So ist es. Man kann es auch beispielsweise für Kinder machen. Wenn man in das Kinderzimmer geht, alles harmonisiert und durchlichtet, geht es dem Kind nachher besser.

C. P.: Man stellt also Beziehung her: zu dem, dessen Raum geputzt wird, und auch zu sich selbst!?

L. Thomas: Jeder findet das Passende für sich. Jemand erzählte mir einmal, dass er gerne, leidenschaftlich und mit großer Wucht Unkraut rausreißt, und damit auch das Unkraut, das in seinem Inneren wuchert. Viele Menschen machen so etwas ganz von selbst.
Wenn man einen Schulungsweg geht, stößt man auf die eigenen Schwächen, sie werden einem immer wieder gespiegelt, und da, wo man gerade anstößt, wird man als erstes an sich arbeiten.
Es ist ein Entwicklungsweg. Wir als Menschen haben die Aufgabe, die Erde zu verwandeln. Und das kann man beim Putzen, im Prinzip bei jeder Arbeit, sehr gut tun. Alle Arbeit ist Verwandlung. In dem Büchlein „Der Prophet“ von Kahlil Gibran steht: „Was heißt arbeiten? Das bedeutet, einen Teil der eigenen Seele einfließen zu lassen in das, was wir tun und zu wissen, dass die seligen Toten um uns sind und uns dabei zuschauen.“

Man öffnet auch Räume, in denen die Verstorbenen dabei sein können

Das ist die Verbindung zwischen physischer Arbeit und allem, was im Unsichtbaren stattfindet. Man öffnet auch Räume, in denen die Verstorbenen dabei sein können. Für mich ist das ein wichtiger Teil meiner Arbeit. Rudolf Steiner spricht darüber, wie wichtig es ist, die Beziehung zu den Verstorbenen aufzubauen und ihnen damit die Möglichkeit zu geben, durch uns weiter zu wirken.

C. P.: Haben Sie auf Ihrem Weg erlebt, dass die Verstorbenen dabei waren?

L. Thomas: Das ist diffizil zu beantworten, deshalb möchte ich ein Beispiel geben. Ich hatte im Goetheanum eine Verbindung zu einer inzwischen verstorbenen Persönlichkeit, der meine Arbeit sehr gut verstanden und geschätzt hat. Ich dachte eine Zeitlang intensiv an ihn während meiner Arbeit. Ich arbeitete im großen Saal des Goetheanums, habe unter den fast tausend Stühlen gefegt und gewedelt und war innerlich sehr im Gespräch mit diesem Menschen. Zu dieser Zeit musste ich auch einen wichtigen Vortrag vorbereiten, und während ich am Putzen war, kam mir ein wesentlicher und entscheidender Gedanke. Diesen Gedanken habe ich dann als Kernpunkt von meinem Vortrag integriert, und die Zuhörer waren gerade über diese Stelle sehr begeistert.
Etwa zwei, drei Monate später fiel mir ein Buch in die Hand, und zwar von dieser verstorbenen Person, an die ich damals beim Putzen gedacht hatte. Ich las darin und fand einen Abschnitt, der genau den Kerngedanken meines Vortrages wiedergab – und zwar so, dass ich ihn exakt mit Punkt und Komma hätte abschreiben können. Ich erkläre mir das so, dass ich diesen Gedankengang quasi als Geschenk von dem Verstorbenen erhalten habe.
Später erzählte mir jemand, dass Rudolf Steiner dieses Phänomen in einem seiner Vorträge erklärt hatte. (GA 181 Vierter Vortrag 5.3.1918))

Es entstehen immer wieder elementarische Wesenheiten

C. P.: In Findhorn, einer spirituelle Lebensgemeinschaft in Schottland, sagt man, dass sich mit allen Geräten, mit dem Handwerkszeug, den Arbeitsmaschinen usw. Elementarwesen verbinden. Deshalb geht man mit den Materialien auch sehr sorgsam um. Würden Sie das auch so sehen?

L. Thomas: Die Qualität der Elementarwesen werden bestimmt durch unsere Haltung, unsere Bewegung, unsere Gestik. Wenn ich manchmal die Menschen beim Putzen beobachte, kann ich sehen: dieser Mensch ist am Kämpfen, er ist aggressiv. Da kann man sich vorstellen, was dabei entsteht, und das ist etwas ganz anderes, als wenn jemand etwas mit Harmonie und Rhythmus macht. Diese beiden Arten beispielsweise mit etwas umzugehen schaffen andere Wesenheiten. Die Wesen entstehen sowieso und ständig immer wieder neu, auch wenn wir uns nicht darüber bewusst sind. Und die Qualität dieser Wesen wird geprägt durch die Art, wie wir unsere Arbeit tun.
Es ist ein Teil des Schulungsweges, dass wir uns darüber bewusst werden, was wir mit unseren Gedanken, Gefühlen und Handlungen „in die Welt setzen“.
Es gibt auch das, was ich den „unsichtbaren Schmutz“ nenne. Beispielsweise komme ich in ein Hotelzimmer und weiß, dass ich darin nicht schlafen kann. Es ist nichts, was man vordergründig sehen kann, aber es ist etwas in dem Raum, was so furchtbar ist, dass ich es nicht aushalte. Es ist etwas, was jemand an diesem Ort hinterlassen hat. Für mich ist das eine Realität. Beispielsweise hatte mein jetziger Mann, der in der Reinigungs-Firma mitarbeitet, einmal das Erlebnis, dass er für einen bestimmten Auftrag im Vorhinein schon keine Lust hatte. Er ging dann doch hin, rief mich an und sagte, es ginge ihm schlecht, und in dem Raum sei so ein Fleck, den er nicht weg bekäme. Ich riet ihm, er solle den Besitzer fragen, was das für ein Fleck sei, um ihn dann fachgerecht entfernen zu können. Der Besitzer reagierte erst sehr verlegen, teilte dann aber mit, dass das ein Blutfleck sei. Jemand hatte sich in diesem Raum umgebracht. Meinem Mann ging es danach tagelang nicht gut. Das war die Atmosphäre, die sich ausgewirkt hatte.
Ich selbst hatte in meiner 19-jährigen Berufslaufbahn dreimal eine Situation, wo ich auch gesagt hatte: Das geht über meine Kräfte. Da lebte etwas so Finsteres in einem Raum, dass ich mich nicht dran wagte. Und das hat nicht mit optisch sichtbarem Dreck zu tun gehabt.

C. P.: Können Sie Elementarwesen sehen?

L. Thomas: Nein, das kann ich nicht. Aber ich habe durch meine jahrelange Tätigkeit eine Empfindsamkeit für Räume und Atmosphären entwickelt. Beispielsweise kann ich in einem Raum erkennen, wo die Ecke ist, die störend wirkt.
Man kann relativ einfach solche Energien wahrnehmen. Wenn eine Ecke seit Jahren nicht geputzt worden ist, liegt dort viel Dreck, und die Wesenheiten, die sich dort wohl fühlen sind natürlich andere, als diejenigen, die man in einem Blumenstrauß findet. Diese geistige Ebene geht mit der physischen einher.
Wenn die Menschen in meinen Kursen fragen: „Wo fange ich in meinem Haus überhaupt erst an?“ Dann sage ich: „Stellen Sie sich in den Türrahmen und lassen Sie den Raum eine Zeitlang auf sich wirken. Das, was Sie dann am meisten stört, damit fangen Sie an!“ Und die Teilnehmer sagen, dass es dann auch das war, was sie am längsten vor sich her geschoben hatten. In dem Moment, wo sie das erledigt hatten, wurden die Energien frei und sie wurden wieder kreativ.

C. P.: Haben Sie noch weitere Tipps?

L. Thomas: Wenn man sich etwas vornimmt, sollte man das am Vortag schon vorbereiten. Wenn man beispielsweise die Fenster putzen will, sollte man dafür schon alles bereitstellen. Man wird nämlich sehr oft abgelenkt, macht hundert Sachen und ist sehr unbefriedigt, weil man das, was man sich vorgenommen hat, nicht geschafft hat. Es ist ein wichtiger Punkt, dass man das, was man sich vornimmt, auch tatsächlich macht.

Wegwerfen schafft auch auf der inneren Ebene Raum und übt loslassen

Wichtig ist auch, dass man immer wieder mal entrümpelt. Wenn etwas Neues ins Haus kommt, sollte man sich fragen: „Was soll das jetzt ersetzen“? Es gibt Menschen, die können sich in der Wohnung kaum noch bewegen, weil sie sich von nichts trennen können. Wegwerfen schafft auch auf der inneren Ebene Raum und übt loslassen.
Wir haften manchmal an Dingen, und das kann eine ganze Atmosphäre trüben. Einmal kam ein Ehepaar zu mir, die sehr innig miteinander verbunden waren. Eines Tages rief die Frau völlig verzweifelt an und sagte, dass ihre Ehe kaputt ginge. Ich wollte es nicht glauben, aber sie sagte: „Das hat etwas mit unserem Haus und unserer Wohnung zu tun. Wenn wir draußen sind, sind wir glücklich, aber in dem Moment, wenn ich die Haustüre öffne, geht es schlecht. Wir sind fast nicht mehr zuhause.“ Das war so seit 10 Tagen. Sie selbst hatte keine Idee, womit das zusammenhängen könnte. Ich riet ihr: „Gehe in Gedanken deine ganze Wohnung durch und sage mir, was anders ist.“ Sie: „Das ist nur das Klavier. Meine Mutter ist ins Altersheim gegangen und ich musste es nehmen.“ Als sie das Wort „musste“ benutzte, war mir die Sache klar. „Wie stehst du zu diesem Klavier?“ Dann kam es raus wie in einem Schwall: Sie hasste dieses Ding, und ihre Mutter wollte immer, dass sie Pianistin wird, sie musste jeden Tag stundenlang üben. Ich empfahl ihr, das Klavier wegzugeben. Das machte sie auch, und damit war die Sache in Ordnung. Alles, was mit diesem Klavier verhaftet war, hatte so vieles in ihr hochgerufen, was wiederum ihr Mann nicht wusste, sie hielt ihn dann für distanziert, er seinerseits dachte, er hätte etwas falsch gemacht – und das alles wurde nicht ausgesprochen.

Das alles hört sich jetzt sehr ernst an, aber Putzen hat auch eine leichte Seite. Wenn wir in einer Gruppe putzen, lachen wir ungeheuer viel, es macht auch munter und man kann sehr viel Lustiges finden.
Beispielsweise putzen wir auch mit Schülern in der Waldorfschule. Am Anfang sind sie noch ein wenig scheu, aber wenn sie dann richtig im Tun sind, entsteht eine große Lebendigkeit; sie sind dann auch sehr eifrig und machen viel mehr, als ich ihnen gesagt habe.

C. P.: Wie bringen Sie den Schülern das Putzen nahe?

L. Thomas: Ich erzähle ihnen einige Beispiele aus meiner Erfahrung, wie die Dinge aus der Sicht einer Putzfrau sind. Ich habe einen erwachsenen Sohn und eine erwachsene Tochter, und ich kann noch viele Anekdoten erzählen aus ihrer Jugendzeit. Mein Sohn hat beispielsweise nie sein Bett gemacht. Ich sagte ihm immer, wie furchtbar ich das fand. Man verbringt in dem Bett mehr Zeit als irgendwo anders. Und wenn man morgens dieses Bett anschaut, blickt man sich selbst an. Das ist so intim mit einem selbst verbunden, und deshalb hat man oft nicht Lust das anzufassen. Aber je weniger man das anfasst, desto stärker wird das, was einem da entgegen kommt. Als wir als Familie einmal in den Ferien waren, bin ich extra etwas früher ins Hotel zurückgegangen und habe das Bett vom meinem Sohn zerwühlt. Er kam vom Strand zurück, sah das ungemachte Bett und war völlig empört. „Mami, du rufst doch den Manager an, das darf man doch so nicht lassen!“ Wir sprachen dann darüber, dass er an einem fremden Ort niemals in ein ungemachtes Bett steigen würde. „Aber zuhause tust du das …“ erwiderte ich ihm. Und das war ein Wendepunkt.
Oder ich erzähle den Schülern, wie das auf eine Putzfrau wirkt, wenn ein Schüler seine Sachen einfach so hinwirft und das Klassenzimmer in einem Chaos hinterlässt. Ich teile ihnen mit, was mir das über sie sagt. Sie können damit immer etwas anfangen.

Die meisten Menschen haben sehr viele Probleme ins Tun zu kommen

C. P.: Sie sind ja sehr gefragt. Sie machen ganze Tourneen, die nächsten fünf Monate 12 – 15 Termine in verschiedenen Städten und Ländern. Sie halten viele Vorträge, geben Seminare. Was ist es, das die Menschen daran interessiert?

L. Thomas: Ich glaube, es ist die Bewältigung des Alltags. Diese praktische Spiritualität – das ist es, was die meisten Menschen brauchen. Die meisten haben sehr viele Probleme, in den eigenen Willen, in die Handlung, zu kommen. Sie schaffen das gerade noch an ihrem Arbeitsplatz, aber für zuhause reicht es dann nicht mehr. Ich glaube, die meisten kommen, weil sie sich diesen Willensimpuls wünschen. Wir wissen heute alles, aber es braucht dann noch die Umsetzung. Und weil die Seminare dabei helfen und das dann noch mit einem sichtbaren Resultat verbunden ist, wirkt das spannend. Manchmal sind die Seminare die reinste Eheberatung oder pädagogische Beratung, weil sich im Haushalt alle Probleme spiegeln. Ich habe stapelweise Briefe, in denen mir die Menschen schreiben, wie sich die Beziehungen geändert haben. Beispielsweise kam eine 35-jährige, verheiratete Frau, mit einem 15-jährigem Sohn und erzählte: „Wir haben ein Haus, und vor 5 Jahren haben wir mit dem Bauen angefangen. Das Haus ist immer noch nicht fertig, inzwischen auch schmutzig und vernachlässigt. Mein Mann und ich haben keine Lust mehr, etwas daran zu machen, wir streiten nur noch, und das Kind ist auch so schwierig. Und ich bin todunglücklich!“

„Linda, dein Putzkurs hat meine Ehe gerettet.“

Sie war in einer Erwachsenenbildung über 5 Wochen einmal wöchentlich in einem Kurs von mir, ich habe meine Methoden erklärt, mein Werkzeug gezeigt, wir putzten gemeinsam als Projekt usw. In der Zeit dazwischen hatte sie auch zuhause das Putzen umgesetzt. Eines Tages kam sie: „Du wirst es ja nicht glauben. Heute bin ich nach Hause gekommen: seit 5 Jahren hing eine Glühbirne an einem Kabel in unserem Eingang, und seit gestern ist dort eine sehr schöne Lampe. Seit 5 Jahren hängen wir unsere Badetücher über eine Schnur, und jetzt hat mein Mann dort schöne Chromhalter angebracht.“ Als sie anfing das Haus zu pflegen, hatte ihr Mann von sich aus angefangen, Sachen fertigzumachen. In der nächsten Woche erzählte sie, ihr Mann hätte sogar am Wochenende die Fußleisten vom Parkettboden montiert, die seit 5 Jahren in der Garage lagerten. Als die Säge losging, kam der 15-jährige Sohn, der sonst immer nur auf der Straße war, und half seinem Vater. Die beiden hatten das ganze Wochenende Sockelleisten montiert, und der Junge war nicht ein einziges Mal auf der Straße. Ich traf dieselbe Frau fünf Jahre später noch einmal, und sie sagte: „Linda, dein Putzkurs hat meine Ehe gerettet. Das Haus ist komplett fertig und ist sehr gepflegt. Mein Mann und ich haben uns wieder gefunden. Als er nämlich anfing am Haus weiterzuarbeiten, haben wir uns erinnert, warum wir es überhaupt gebaut haben. Die ganze Anfangsfreude kam wieder zurück.“ Als sie angefangen hatte zu putzen, hat er sich als Mensch wieder respektiert gefühlt.
Das sind die erfreulichen Ereignisse. Wenn Menschen wieder in den Willen und in die Handlung kommen, löst das unglaublich viel aus.

Linda Thomas, Fürstenbergstrasse 1d, CH-4143 Dornach
Tel/Fax: 0041-61-7015900
e-mail: lindathomas@freesurf.ch