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Veranstaltungen und Berichte aus Einrichtungen auf anthroposophischer Grundlage im Raum Hamburg

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Depressionen

Interview mit Dr. med. Wolfgang Rißmann, Facharzt für Psychiatrie

Depressive Erkrankungen sind gegenwärtig die häufigsten seelischen Störungen, und es gibt zunehmend Fälle bei Jugendlichen und Menschen nach der Lebensmitte. Was könnten die Ursachen für diese Steigerung sein? Woran erkennt man eine Depression?  Und was sind letztlich die helfenden Maßnahmen bei einer Erkrankung und auch bei einer Vorbeugung im Alltag?

Interviewpartner: Dr. med. Wolfgang Rißmann ist Facharzt für Psychiatrie und war leitender Arzt und Qualitätsmanager an der Friedrich-Husemann-Klinik in Buchenbach bei Freiburg i.Br. Er ist in der Ausbildung von Medizinstudenten, Ärzten, Pflegenden und Therapeuten tätig. Vielfältige Vortrags- und Seminartätigkeit zu den Themen der allgemeinen Anthroposophie und Prävention psychischer Krankheiten. Besonderer Arbeitsschwerpunkt ist die Entwicklung von anthroposophischen Arzneimitteln bei psychischen Krankheiten. Seit Februar 2014 Privatpraxis für Psychiatrie in Hamburg-Volksdorf. Autor des Buches: Seelische Erkrankungen, Verständnisgrundlagen und therapeutische Konzepte der Anthroposophischen Medizin

Christine Pflug: Jeder weiß heute im Allgemeinen, was eine Depression ist, ein Fünftel der Bevölkerung berichtet über eigene depressive Symptome, und die Zahlen steigen über viele Jahre hinweg kontinuierlich.¹ Woran genau erkennt man eine Depression, und was ist beispielsweise der Unterschied zu einer Trauerreaktion?

Dr. Wolfgang Rißmann: Zunächst kann man ganz allgemein sagen: bei der Depression wird das Leben schwer. Daher kommt auch der alte deutsche Ausdruck Schwermut oder schweres Gemüt.
Die seelischen Erlebnisse werden belastend, der Körper wird schwer, der Wille ist eingeschränkt; das kann sich dann steigern, wenn die Krankheit voranschreitet, bis zu dem Gefühl einer inneren Leere, einem Totsein, einer fehlenden Sinnhaftigkeit.
Bei der Trauerreaktion hingegen sind immer noch die seelische Schwingungsfähigkeit und das Selbstwertgefühl erhalten. Trauernde können Trost von anderen Menschen empfangen, das hilft ihnen. Auch sind sie nicht willensgelähmt. Der depressive Mensch ist schwer eingeschränkt, mit bloßem Trost kann man ihm nicht helfen.
Es gibt allerdings nach dem erlebten Todesfall eines Angehörigen manchmal die Situation, dass sich tatsächlich eine Depression anschließt; die Betroffenen können dann eben nicht trauern. Sie verleugnen den Tod, sind auch nicht in der Lage, ihn anzuerkennen. Ich hatte vor längerer Zeit eine Patientin in Behandlung, die berichtete mir von einem Angehörigen, den sie verloren hatte, und zwar so, als ob er gestern gestorben wäre. Er war aber vor 30 Jahren gestorben. Das heißt, die Erlebnisse sind nicht verarbeitet worden.

Depression und Trauerreaktion sind also zwei grundverschiedene Zustände.

C. P.: Ist eine Selbstvernachlässigung auch ein Symptom von Depression?

W. Rißmann: Als Folge schon, die Betroffenen sind nicht mehr in der Lage, regelmäßig zu essen, sich entsprechend zu pflegen und auch sich seelisch-geistig um sich zu kümmern.

auslösende Faktoren

C. P.: Was sind die auslösenden Faktoren für eine Depression?

W. Rißmann: Das ist ein weites Feld. Es gibt heute noch kein einheitliches Modell für die Ursachen und auslösenden Faktoren. Eine erbliche Veranlagung kann vorliegen, aber auch epigenetische Voraussetzungen sind möglich, das heißt, dass die Umweltbedingungen in der Schwangerschaft und frühen Kindheit sehr belastend waren und sich dem Gehirn eingeprägt haben.
Dann gibt es heute die sogenannte Pränatalpsychologie, die untersucht, was der Mutter in der Schwangerschaft widerfahren ist. Die Entwicklungspsychologie und Bindungsforschung befassen sich mit frühkindlichen Faktoren, also Mangelerfahrungen, Verlust von Bezugspersonen, Misshandlung und Missbrauch.
Aber auch tiefer liegende Persönlichkeitsfaktoren können vorliegen, zum Beispiel eine verstärkte Abhängigkeit von anderen Menschen, zwanghafte Persönlichkeitszüge oder auch eine Veranlagung zu grübeln und zu verstärkter Introversion. Man nannte das früher eine neurotische Veranlagung.
Dann spielen natürlich aktuell auslösende Faktoren eine große Rolle. Das sind heute die Folgen unserer gegenwärtigen Zivilisation mit Anspannung, Stress, Reduktion von Bewegung, zu viel Bildschirmarbeit; aber auch die sozialen Konflikte am Arbeitsplatz und in der Partnerschaft wirken belastend. Verlust und Trauer können Auslöser sein oder die überfordernde Betreuung von pflegebedürftigen Angehörigen, auch schleichender Sinnverlust durch die einseitig materialistische Kultur, fehlende menschliche Bindungen sowie Einsamkeit.
In der Corona-Zeit waren vor allen Dingen Kinder und Jugendliche betroffen, die durch mangelnde Kontaktmöglichkeiten und den plötzlichen Wegfall ihrer Beziehungen depressiv wurden. Die Kinder- und Jugendpsychiater haben bis heute sehr viel zu tun mit dieser Gruppe. Viele Kinder und Jugendliche leiden zusätzlich auch an Angstzuständen und ausgeprägten Angststörungen.
Man muss aber sagen, Depressionen gab es schon immer, auch bereits in der griechisch vorchristlichen Kultur. Man sprach damals von Melancholia, erklärte den Zustand als ein Überwiegen der „schwarzen Galle“ (Viersäfte-Lehre der Humoralpathologie).
Und auch viele bedeutende Persönlichkeiten der Kulturgeschichte waren mit diesen Stimmungsschwankungen betroffen, selbst Goethe gehörte dazu.

körperliche und seelische Symptome

C. P.: Welche Symptome gehören zur Depression?

W. Rißmann: Es ist wichtig, sich klarzumachen, dass es nicht nur seelische Symptome gibt, sondern auch leibliche. Das wird oft übersehen. Eine Depression kann sich oft ankündigen durch körperliche Beschwerden wie unklare Schmerzen im Kopf, auf der Brust, Zahnschmerzen, Verdauungsstörungen u.a. Man nennt das die Vitalsymptome.
Manche Depressionsforscher sagen, eigentlich beginnt die Depression immer mit leiblichen Symptomen, nur achten wir zu wenig darauf. Das äußert sich in Spannungsgefühlen, innerer Unruhe, Schlafstörungen, Einschränkung der Atemtätigkeit, Erschöpfung, Verdauungsstörungen, Übelkeit und in vielem anderen. Es ist wichtig, das zu realisieren, weil die Therapie dann auch an den Körperbeschwerden ansetzen kann.
Und zweitens haben wir eben das breite Spektrum der seelischen Symptome: vor allen Dingen kann schon die Sinneswahrnehmung mit Sehen, Riechen, Tasten, Hören, Schmecken eingeschränkt sein. Alle Eindrücke werden matt, grau und innerlich leer; die Sinnes-Eindrücke haben ihre frische Ausdruckskraft verloren.
Das Denken wird zäh, unbeweglich, man kreist immer um die gleichen Inhalte, viele Betroffene sind auch der Auffassung, sie bekommen jetzt eine Demenz, weil sie den Eindruck haben, sie können nicht mehr denken.
Auch die Erinnerung fällt schwer, besonders negative Erinnerungen stehen dauernd im Bewusstsein, die Betroffenen können sich nicht aufschwingen zu etwas Positivem und Neuem.

die freudlos-traurige Stimmung

Im Zentrum stehen die Affektstörungen, die freudlos-traurige Stimmung, Hoffnungslosigkeit, Verzweiflung; wobei man sagen muss, dass das depressive Gefühl nicht einfach Traurigkeit ist, sondern eine Art von Leblosigkeit, Leere, Verhärtung, Gefühl von Abgestorbensein, Dumpfheit. Affektstarre nennt man das auch.
Und jede einfache Handlung macht Angst, also Angst kommt dazu.
Auch Überempfindsamkeit und emotionale Reizbarkeit können vorliegen, verbunden mit tiefer Scham. Der Depressive schämt sich seines Zustandes.
Dann gibt es die Antriebsstörung, man hat keine Kraft mehr etwas zu tun; schon morgens aufzustehen fällt schwer. Jede Bewegung macht Mühe, am liebsten lässt man alles liegen, und in schweren Zuständen liegen die Betroffenen regungslos nur noch im Bett. Sprechen fällt schwer, bis zu völliger Stummheit.
Dann gibt es eine Reihe weiterer Symptome, die mehr die Ich-Wirksamkeit und das Erleben der eigenen Person betreffen: Das Selbstwertgefühl geht verloren, man fühlt sich wertlos und als völliger Versager.
Der Zustand kann sich bis zu einem vollständigen Negativismus entwickeln. Alles ist schlecht, es gibt nichts mehr Positives. Die Betroffenen haben Schuldgefühle, die sich bis zu einem Schuldwahn steigern können. Sie fühlen sich verantwortlich für das Unglück der ganzen Welt. Auch das Zeitgefühl verändert sich: Die Betroffenen haben den Eindruck, die Zeit steht still, sie geht nicht mehr weiter. Damit sind alle menschlichen Begegnungen und Beziehungen verändert, man fühlt sich fremdbestimmt, misstrauisch, enttäuscht, abgestellt und so weiter. Und nicht zuletzt tauchen Wünsche nach Beendigung des Lebens auf als Suizidgedanken und suizidale Impulse.

der Unterschied von Depression und Burnout

C. P.: Burnout gibt es heute auch häufiger. Können Sie in wenigen Worten sagen, was der Unterschied ist zu Depressionen?

W. Rißmann: Menschen mit Burnout können depressiv wirken, aber es ist eigentlich zunächst eine andere Dynamik. Es sind Betroffene, die stark nach Bestätigung suchen und sich zu intensiv der Welt und der Arbeit zuwenden und das anfangs sogar als Genuss erleben, später dann ihre seelische Energie verlieren bis zu völliger Kraftlosigkeit und Erschöpfung. Dann geht nichts mehr. Sie drohen sich in der Arbeit aufzuopfern und zu verlieren, gehen über ihre Grenzen hinaus. Im Hintergrund stehen oft ungeklärte Sinnfragen und Unsicherheit in der inneren Orientierung.
Ein Burnout-Zustand kann schließlich in eine Erschöpfungs-Depression übergehen.
Zustände mit Burnout lassen sich unter Umständen relativ schnell durch Übungskonzepte und auch Gruppentherapien deutlich bessern. Wir hatten bei ambulanten Kursen in der Klinik die Erfahrung gemacht, dass sich der Zustand innerhalb von ein bis zwei Wochen deutlich bessern kann, auch durch eine entsprechende Psychoedukation.
Burnout ist ein Zustand des gegenwärtigen Menschen, der sich nicht ganz im Griff hat und wie ausgesaugt wird von dem Stress unserer Zivilisation.

Ist der Betroffene bereit für eine Behandlung oder nicht?

C. P.: Was hilft bei einer Depression? Was soll man machen?

W. Rißmann: Zunächst entsteht ja eine gewisse Hilflosigkeit bei den Betroffenen, aber auch bei den Angehörigen. Der erste Schritt besteht darin, dass man wach ist für Frühsymptome, weil die Betroffenen den Krankheitsbeginn meistens nur wenig bemerken und halbbewusst in den Zustand hineingleiten. Das heißt, dass man sich die Frage stellt: Liegt vielleicht eine beginnende Depression vor – ohne vorschnell jemanden zu pathologisieren. Da ist dann das Gespräch das Wichtigste.
Dann geht es um den nächsten Schritt: Ist der Betroffene bereit für eine Behandlung oder nicht? Da muss man leider sagen, dass die Mehrzahl der Betroffenen zunächst keine Behandlung wünscht. Das, was heute an Therapie angeboten wird, erfasst höchstens die Hälfte der Betroffenen.

C. P.: Weil dieses Schamgefühl dahintersteht?

wo man individuell ansetzt

W. Rißmann: Ja, auch das Gefühl der Wertlosigkeit und natürlich auch die Antriebsstörung. Man muss wissen, dass viele sich nicht in Behandlung begeben. Natürlich hat die öffentliche Aufklärung in den Medien in den letzten Jahren viel positiv verändert.
Wenn die Betroffenen bereit sind zu einer Therapie, wird man überlegen, wo man individuell ansetzt. Sinnvoll ist ein Erstgespräch mit einem Arzt wie z.B. dem Hausarzt oder mit einem Therapeuten, damit überhaupt Behandlung beginnen kann.
Viele Betroffene sind primär wenig bereit, zu einem Psychiater oder Psychotherapeuten zu gehen, weil sie sich sorgen, den Stempel einer psychischen Erkrankung zu erhalten, haben Angst vor Stigmatisierung. Sie gehen lieber zu anderen Helfern wie Künstlern, Kunsttherapeuten, Seelsorgern oder Sozialtherapeuten. Es ist gut, dass wir alle diese Berufsgruppen haben.
Sinnvoll ist es, mit stützenden Gesprächen oder mit einer Psychotherapie zu beginnen. Es gibt strukturierte Kurzformen der Psychotherapie, meist jedoch längere Formen mit einem verhaltenstherapeutischen oder tiefenpsychologischen Hintergrund. Die Kunsttherapien, vor allem Mal- und Musiktherapie, können zusätzlich eine große Hilfe bedeuten, weil die Betroffenen dann wenig sprechen müssen, sondern sich ganz dem Tun und dem Erleben hingeben können; da fühlen sie sich anders geschützt als im Gespräch. Sie erleben in den Kunsttherapien, dass sich langsam etwas im Lebensgefühl und Empfinden ändert. Das schafft Vertrauen.
Und dann kann man natürlich auch Naturheilmittel einsetzen, pflanzlicher Art oder Metallzubereitungen; am bekanntesten ist das Johanniskraut, da gibt es sehr viele Präparate.
Äußere Anwendungen sind sehr hilfreich, also heiße Auflagen auf die Leber, auf die Nieren, manchmal auf die Lungen, das erleben die meisten als ungemein wohltuend. Ich hatte mal einen Patienten, der war schwerst depressiv, er lehnte Antidepressiva ab, auch eine Psychotherapie wollte er nicht, war aber sehr unruhig. Ich empfahl ihm, er solle heiße Auflagen mit Ingwerzusatz auf die Nieren machen. Er kam dann ganz begeistert zurück und berichtete, es sei das erste Mal, dass er eine Verbesserung seiner Depression erlebe.
Wenn man mit Naturheilmitteln nicht weiterkommt, stehen die Psychopharmaka zur Verfügung. Bei den Antidepressiva verwendet man heute vor allem die Serotonin-Wiederaufnahme-Hemmer. Es gibt auch noch andere stärkere Antidepressiva.

Alltagsbewältigung

Nicht zu vergessen sind auch Ergotherapie und Sozialtherapie; vor allem Schwerbetroffene sind oft aus dem sozialen Leben wie herausgefallen, können nicht arbeiten, manche haben keine richtige Wohnung oder kein Einkommen. Psychotherapie alleine ist nicht immer ausreichend, man benötigt auch die Sozialtherapie. Die Ergotherapie geht in eine ähnliche Richtung, da handelt es sich um einfache manuelle und handwerkliche Tätigkeiten und um die Vorbereitung der Alltagsbewältigung und so weiter.
Vor allem sollte man die Angehörigen und Bezugspersonen immer mit einbeziehen. Sie begleiten Betroffene oft Tag und Nacht. Der Kontakt mit den Bezugspersonen verhilft ihnen, die Orientierung nicht zu verlieren und sich zu schützen vor Überlastung, sich rechtzeitig Hilfe zu holen durch andere. Manche Angehörige können sich schwer abgrenzen von den Betroffenen, andere distanzieren sich zu stark und fordern zu viel von ihnen.
Für Betroffene und Angehörige ist Psychoedukation, also Aufklärung über das Krankheitsbild und die therapeutischen Möglichkeiten ganz wesentlich. In den Kliniken gibt es heute im Rahmen der Behandlung Gruppen für Psychoedukation, in der ambulanten Behandlung ist das die Aufgabe der einzelnen Ärzte und Therapeuten.

Bewegung, Rhythmus, Pausen, Schlaf, Abbau von Belastungen …

C. P.: Was ist die Prophylaxe, damit man nicht in eine Depression kommt?

W. Rißmann: Depressive Zustände neigen zur Wiederholung. Es gibt einige grundlegende Gesichtspunkte. Das Erste ist ausreichende und sinnvolle Bewegung, das kann ein täglicher Spaziergang sein, in der Regel eher abends, das kann aber auch eine Gruppe für Gymnastik oder Eurythmie sein, für manche ist es das Fitnesszentrum. Rhythmische Bewegung empfehle ich gerne älteren Menschen, sie sollen eine halbe Stunde rhythmisch gehen, nicht zu schnell und nicht zu langsam, um ihren inneren Rhythmus zu stärken.
Zweitens ist es wichtig, den Tagesablauf durch drei Mahlzeiten morgens, mittags und abends zu rhythmisieren. Das fällt den gegenwärtigen Menschen schwer. Viele essen morgens gar nicht, mittags nur wenig und abends eine volle Mahlzeit. Hier empfiehlt sich, auf ein gesundes Gleichgewicht aller drei Mahlzeiten hinzuweisen. Und es gilt bei der Arbeit Pausen einzulegen. Pausenlos acht Stunden durchzuarbeiten ist nicht gut und schwächt die Vitalität.
Ein dritter Gesichtspunkt ist der Schlaf, also dafür sorgen, dass man auf natürliche Weise rechtzeitig einschläft und durchschläft. Man kann sich dabei helfen durch angenehme Eindrücke vor dem Schlafen oder einen warmen Tee oder Wärme an die Füße. Gut ist auch ein Ritual durch Spruchworte, Betrachtung von aufbauenden Bildern und vieles andere.
Und viertens: Klärung und Abbau von Belastungen und Überlastungen im Alltag, in der Familie, in der Arbeit.

ein etwas tieferer Zugang zum Leben

C. P.: Was ist die positive Seite von Depressionen oder der Gewinn einer solchen Situation?

W. Rißmann: Das ist eine interessante Frage. Menschen, die eine Depression überstanden haben, sollte man fragen. „War das jetzt nur sinnloses Leiden oder haben Sie etwas Neues erlebt und gelernt?“ Wir hatten in der Klinik eine Gesprächsgruppe zu diesem Thema, und viele Betroffene äußerten: „Nach der Depression habe ich einen etwas tieferen Zugang zum Leben. Ich kann das noch nicht so genau beschreiben, aber ich habe den Eindruck, ich will mein Leben jetzt anders und neu anpacken.“
Das beschreiben viele so, genauer können sie es in der Regel noch gar nicht formulieren. Der Philosoph Romano Guardini nannte diese Fähigkeit „Wertfühligkeit“ (vgl. Guardini, R.: Vom Sinn der Schwermut. Topos plus Verlagsgemeinschaft Kevelaer 2026). Mit dieser ungewöhnlichen Wortschöpfung meinte er, dass sich während der Depression eine neue Empfindung für Besonderes, für Wertvolles, für Sinnhaftes als zarte Fähigkeit ausbildet.  Insofern ist es wichtig, dass man am Ende einer depressiven Phase sich nicht sagt, „ja wunderbar, jetzt ist alles vorbei“, sondern dass man im Gegenteil noch einmal innehält und sich besinnt, was das Erlittene für eine Bedeutung haben könnte.

„Es ist die Frage ‚wozu‘?“

Der Schweizer Psychiater Daniel Hell fasste das mit kurzen Worten zusammen: „Es ist die Frage ‚wozu‘?“ Denn während der Behandlung fragen wir erstmal ‚warum‘? Wie ist die Depression entstanden, welche Faktoren gibt es? Die Frage ‚wozu‘ richtet sich auf die Zukunft, auf die Neugestaltung des eigenen Lebens und auf innere Werte. Wenn man diese Frage im Hintergrund hat, ändert sich die innere Haltung der Betroffenen und auch der Therapeuten von Anfang an.

aus dem Zustand der Traurigkeit etwas Schöpferisches entwickeln

C. Pflug: Sie sprachen vorhin von Goethe, der angeblich auch depressive Phasen hatte …

W. Rißmann: Es gab viele bekannte Menschen, die bedrückende Zustände durchmachten: Dante, Juan Ramón Jiménez, Shakespeare, Hölderlin, Schopenhauer, Robert Schumann, Sören Kierkegaard und andere. Man sollte vorsichtig sein, diese Zustände als Depressionen mit Krankheitswert zu sehen. Man spricht eher von Melancholie und meint damit Phasen von Traurigkeit. Wie weit solche Phasen wirklich Krankheitswert besitzen, ist eine offene Frage. Meistens konnten diese Menschen aus dem Zustand der Traurigkeit etwas Schöpferisches entwickeln – das ist das Entscheidende.

 

¹ https://gesundheittanken.de/depression-statistik-deutschland-2026-zahlen-entwicklungen-und-einordnung/
Wolfgang Rißmann: Seelische Erkrankungen. Verständnisgrundlagen und therapeutische Konzepte der Anthroposophischen Medizin. Salumed Verlag Berlin 2025.
In dem vorliegenden Buch findet sich eine weitgespannte Überschau über die Grundlagen der Psychiatrie, erweitert durch Aspekte der Anthroposophie und Anthroposophischen Medizin. Eine solche Zusammenschau eröffnet neue therapeutische Perspektiven durch anthroposophische Arzneimittel, äußere Anwendungen, Bewegungstherapie (u.a. Heileurythmie), Psychotherapie, Seelsorge, Kunst-, Ergo- und Sozialtherapie.

 

 

 

Anthroposophie studieren

Interview mit Martha und Luca

In Aesch bei Dornach gibt es ein Bildungsjahr für junge Menschen, die eine echt menschliche Erkenntnis suchen. Es ist ein Jahr, in dem man die Anthroposophie in farbenfroher Weise kennenlernen kann. Martha und Luca berichten von ihren Erfahrungen dabei. Sie haben im zweiten Jahrgang studiert, der nun zu Ende geht. Im September beginnt das Einführungsjahr zum dritten Mal.

  • Hallo Martha, hallo Luca, ihr kommt gerade aus einem Jahr „Einführung in die Anthroposophie“. Was ist das für ein Studium?

Martha&Luca: Wir erarbeiten uns die anthroposophischen Grundlagen. Dafür lesen wir Bücher von Rudolf Steiner, versuchen uns in den anthroposophischen Künsten und lernen viele der unzähligen Anwendungsbereiche kennen. Geleitet wird das Jahr von Daniel Hafner und wir dürfen von vielen weiteren tollen Dozenten lernen. Das Studium zeigt, wie alle Lebensbereiche durch die Anthroposophie erneuert werden können und weckt gleichzeitig die Freude, damit anzufangen.

  • Gibt es etwas an der Anthroposophie, das Euch persönlich besonders am Herzen liegt?

Martha: Dass man sich beim Denken nicht das Herz herausreißen muss! Mich begeistert, wie im Studium anfänglich erlernbar wird, dass Gedanken nichts Abstraktes sein müssen, sondern warm und lebensvoll werden können, weil sie mit dem Wesen der Welt zu tun haben.

Luca: Mich bewegt, wie alle Impulse der Anthroposophie künstlerisch werden können – zum Beispiel als Erziehungskunst oder Heilkunst usw. Dabei geht es darum, nicht seinen eigenen Willen einer Sache aufzuzwingen, sondern hineinzulauschen, wie sich etwas seiner Tendenz nach selbst entfalten möchte.

  • Gibt es eine Erkenntnis, die Euch über das Studium gekommen ist und nun weiter begleiten wird?

Luca: Wie wenig ich und die heutige Wissenschaft über die Welt und den Menschen wissen! Man bemerkt die eigenen und die gesellschaftlichen Grenzen der Erkenntnis. Aber in der Anthroposophie liegen die Kräfte, um über diese Grenzen hinüberzugehen.

Martha: Mir ist klar geworden, dass unser Innenleben eine Bedeutung hat, die nicht bloß subjektiv ist. Damit ist es eine große Aufgabe, sein eigenes Inneres so zu gestalten, dass es der Welt hilft.

  • Was ist Eure Hoffnung für die Zukunft, was kann die Anthroposophie in die Welt tragen?

Martha: Nach einem Jahr Anthroposophie Studium kann ich sagen: Das gibt Kraft und innere Sicherheit. Deshalb wünsche ich vielen anderen jungen Menschen, die Anthroposophie kennenlernen und studieren zu dürfen. Denn in der Welt gibt es viel zu tun und aus der Anthroposophie kann der Mut gewonnen werden, die Aufgaben geistvoll anzupacken.

https://www.anthroposophieschule.org/

Anthroposophie gegen Rechtsradikalismus: Fakten und Argumente

Sieben Gründe warum Anthroposophie und Rechtsextremismus unvereinbar sind.
Zusammengestellt von Matthias Niedermann, 16.12.2023 ()

https://www.anthroposophie-gegen-rassismus.de/blog/sieben-gruende-warum-anthroposophie-und-rechtsextremismus-unvereinbar-sind

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