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„Das Ich lebt nur noch im Umkreis des Leibes“

Über Demenz und Alzheimer

Interview mit Jörgen Day, Pfarrer der Christengemeinschaft

Jörgen Day
Jörgen Day

Alzheimer und Demenz nehmen epidemisch zu. Auch wenn uns das Thema unangenehm ist und Angst macht, kommen wir nicht darum, uns damit zu beschäftigen. Selbst wenn man nicht vor der überfordernden Aufgabe steht, einen Angehörigen zu pflegen, so sollte man sich vielleicht präventiv mit dem Thema beschäftigen. Denn dass diese Krankheit zunimmt, hängt mit kulturellen Faktoren unserer heutigen Zeit zusammen. So wie der Abbau des Gehirns bei Alzheimer in gewisser Sicht eine „Verholzung“ ist, kann man durch die eigene Lebensführung solche verholzenden Tendenzen verstärken oder ihnen entgegenwirken.

Interviewpartner: Jörgen Day, geb. 1945; nach dem Studium der Politologie und Slavistik fünf Jahre tätig als Studienrat an einem Hamburger Gymnasium. Anschließend für neun Jahre Klassenlehrer und Fachlehrer für Russisch, Politik und Musik an der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek. Pfarrer der Christengemeinschaft seit 1990, in Harburg seit 2001. Er ist Gründer eines Pflegedienstes und einer Hospiz-Einrichtung und in der Ausbildung von Sterbebegleitern tätig.

Christine Pflug: Wie sind Sie persönlich mit Alzheimer und Demenz in Berührung gekommen?

Jörgen Day: Das erste Mal war das vor 40 Jahren, als meine Großmutter, beschleunigt durch den Tod ihres Mannes, in den Zustand von Altersdemenz und Verwirrung kam. Wir standen damals alle ganz hilflos davor, wie einem Mensch seine Persönlichkeit „entgleitet“, er sich nicht mehr orientieren kann, die nächsten Verwandten nicht mehr erkennt. Sie war mit einem starken, übermäßigen Bewegungsdrang ausgestattet, hat sich ziellos bewegt, ist von zuhause weggelaufen, so dass man sie wieder einfangen musste. Sie war in einem orientierungslosen Zustand, wirr in Gedanken und dann plötzlich wieder ganz präsent und wach, mit klarem Gedächtnis und einer präzisen Orientierung. In diesem schwierigen Spannungsfeld von Präsenz und Verwirrtsein versuchten wir zunächst, sie im Hause in ihrer gewohnten Umgebung zu halten. Das hat alle überfordert.
Von einem Arzt kam damals u.a. die Verordnung von Rotwein mit Ei, um das Hirn zu aktivieren – aus heutiger Sicht eine eigenartige Therapie. Sie hatte in ihrem Leben nie Alkohol getrunken und saß dann mittags in beduseltem Zustand da und verstand die Welt nicht mehr. Danach kam sie in ein Krankenhaus, wo sie aber nicht mehr gehalten werden konnte, weil sie aus dem Bett kletterte und dann aggressiv wurde, weil sie angebunden wurde. Dann wurde sie in eine Nervenklinik eingeliefert und mit starken Sedativa ruhig gestellt. Sie starb nach einem halben Jahr. Ich hatte nach ihrem Tod eine gedrückte Stimmung mit dem Grundgefühl, versagt zu haben. Dieses Erleben mit der eigenen Großmutter hat mich innerlich nie verlassen und es begleitet mich seitdem als ein stiller Vorwurf an mich selbst, in der Situation ungenügend gehandelt zu haben.

… wenn das bisherige Leben sich einengt auf immer Weniger

Ich habe das damals nicht aufgearbeitet und bewegt, weil meine Ausbildung in eine ganz andere Richtung ging. Als Lehrer war ich in den 80-ger Jahren mehr mit Kindern und Jugendlichen beschäftigt. Seit 1990 hatte ich aber im Priesterberuf plötzlich mit Menschen zu tun, die biografisch langsam in diesen Bereich hereinlebten, mitten drin standen oder ihn nach dem Tod schon durchschritten hatten. Ich kam dadurch schnell an die Rätselfragen heran, die zum Menschenleben dazugehören: die Frage nach dem Sinn von Schicksalsereignissen, Krankheit, Siechtum, von Sterbeprozesse im Sozialen, Leiblichen, Seelischen und auch im Geistigen, wenn das bisherige Leben sich einengt auf immer Weniger. Hat es einen Sinn, dass Menschen ihre Persönlichkeit plötzlich verlieren und wie kleine Kinder behandelt werden müssen, indem sie gefüttert, gewindelt, gebadet, gepflegt werden müssen? Sie werden eingeschlossen und angebunden, weil sie in ihrem verwirrten Zustand so viel anstellen können, dass sie sich selbst und andere gefährden können.

in die Sphäre hineinwirken, die nicht an den Leib gebunden ist

Ich begleite heute Menschen in diesem Zustand; sie sind auf einer Pflegestation oder zu Hause und nicht ansprechbar. Ich habe mit ihnen keinen direkten Kontakt, sondern stelle ihn dadurch her, dass ich in die Sphäre hineinwirke, die nicht an den Leib gebunden ist. Das ist ähnlich wie bei seelenpflegebedürftigen Menschen, d. h. behinderten Menschen, bei denen man auch nicht nur in den Leib hineinwirken kann, weil der Leib ja die Seele und den Geist nicht vollständig in sich trägt. Der Geist ist ja immer da und urgesund.
Bei der Begleitung von Menschen habe ich erlebt, dass jede Krankheit, im Leiblichen oder Seelischen, danach ruft: „Versteh mich doch in den ganzen Schichten, Prägungen und Nuancen meines Menschenseins!“ Und erst aus einem umfassenden Verständnis heraus, einer umfassenden Anamnese und Menschenkunde, die den Menschen in seiner Existenz, aber auch in seiner Prä- und Postexistenz anerkennt, kann dann Hilfe gegeben werden und nicht aus einer mehr oder weniger oberflächlich erstellten Symptomatik heraus, geschweige denn aus hilflosem Helferwillen.

C. P.: Wenn Sie „in die Sphäre hineinwirken, die nicht an den Leib gebunden ist“, geht das dann ja nicht über die Sinne, weil die Menschen nicht hören und sehen können!?

partiell gestorben

J. Day: Richtig. Ich wirke dann in den Umkreis des Leibes, z. B. durch Gebete. Ich habe die Gewissheit, dass sie das individuell und persönlich erreicht, auch wenn sie es im Wachbewusstsein nicht aufnehmen können. Sie sind in einer Sphäre wach, die im Umkreis des Leibes ist. Man könnte auch sagen: partiell gestorben.

C. P.: Zunächst erst einmal ganz grundsätzlich: Was ist Demenz? Was ist Alzheimer? Wie entsteht das?

J. Day: In der Diagnose gibt es eine primäre und sekundäre Demenz. (mens = Denkvermögen, Geist, Vernunft, Vorstellung, Erinnerung; demens = nicht recht bei Sinnen, unvernünftig) Die primäre Demenz beginnt, wenn bestimmte Hirnfunktionen durch Alter allmählich reduziert sind. Dazu gehört auch die Alzheimer-Erkrankung; sie ist eine Form der primären Demenz.
Es gibt eine sekundäre Demenz: der geistig-seelische Verfall entsteht in Folge einer organischen Erkrankung, z. B. Hirnverletzung, Hirngeschwulst, Herz-Kreislauferkrankungen, Nebenfolgen von Arzneimitteln, Drogen, Alkohol und Giftstoffen. Wenn die Ursachen behoben werden, ist eine Besserung der Demenz möglich, aber nicht sicher.
Bei der primären Demenz gibt es bis heute keine Heilung. Es gibt medikamentöse Möglichkeiten, den Ablauf zu verlangsamen, aber kein Mensch mit Alzheimer kann gesund werden. Der Krankheitsverlauf geht in der Regel über 10 Jahre und führt dann zum Tode.
Es gibt die klassische Altersdemenz, dass man Erinnerungen verliert, sich Namen nicht merken kann, vor neuen Situationen etwas hilflos da steht. Wenn ein Mensch alt wird und dabei etwas vergesslich und schusselig, ist das ein demenzielles Symptom, er ist aber nicht krank.

C. P.: Wenn wir ab vierzig oder fünfzig merken, dass man manchmal etwas vergisst, öfters nicht weiß, wo man den Schlüssel oder die Brille hinterlegt hat – sind das Anzeichen für Demenz?

erste Anzeichen?

J. Day: Jein! Das kann natürlich ein erstes Symptom sein. Man sollte dabei aber auch auf andere Phänomene achten, z. B.: Lässt das Erinnerungsvermögen, die Initiativkraft und das Interesse an sozialen Kontakten nach? Hat man das tiefe Schamgefühl, nicht mehr über sich verfügen zu können und scheut sich davor, zum Arzt zu gehen? Aber wenn man solche Symptome an sich feststellt, sollte man sich einer CT-Untersuchung unterziehen und prüfen lassen, ob Veränderungen im Hirn da sind. Je früher man mit der Therapie einsetzt, umso besser ist es. Generell greift diese Krankheit ab 65 Jahren. Es gibt aber auch Einzelfälle, dass jemand schon mit 28 Jahren Alzheimer bekommen hat und mit 32 gestorben ist.

C. P: Was im Speziellen ist Alzheimer?

J. Day: Die Alzheimererkrankung hat bestimmte Ursachen. Der Neurologe Alois Alzheimer beschrieb 1906 in einer Studie den Befund nach Obduktion seiner ehemaligen Patientin Auguste Deter, die zu Lebzeiten an Orientierungslosigkeit litt, in ihrem Sozialverhalten ganz schwierig wurde bis hin zu aggressivem Verhalten. Nach ihrem Tode ließ er sich das Gehirn zu Untersuchung schicken: es war auf 1/3 der Normalgröße geschrumpft, 2/3 waren abgebaut (Hirnatrophie = Hirngewebeschwund). Die Hirnfurchen waren in großen Partien verschwunden und die übrigen Hirnfurchen klafften weit auseinander. Dabei stellte er die so genannte „Plaquebildung“, d.h. Eiweißablagerung, fest, wodurch die Nervenzellen zum Absterben gebracht wurden. Dadurch entsteht der Verfall der Persönlichkeit. Am 3. November 1906 stellte er zum ersten Mal dieses Krankheitsbild „Über eine eigenartige Erkrankung der Hirnrinde“ der Fachöffentlichkeit vor, das später mit seinem Namen versehen wurde: Morbus Alzheimer.

am Anfang werden die Begrenzungen kaschiert

C. P.: Wie verläuft die Alzheimererkrankung?

J. Day: Der klassische Verlauf geht über drei Phasen. In der ersten Phase haben die Menschen zu tun mit Bewegungsstörungen, Termine werden versäumt, der Wochentag nicht mehr gewusst, neue Namen prägen sich nur mühsam ein, man nimmt den verkehrten Bus nach Hause etc. Sie geben ihre Hobbies auf, können keine anspruchsvollen Gespräche mehr führen und geraten zunehmend in Isolation. Aber noch haben sie eine fein funktionierende Strategie, diese Begrenzungen zu kaschieren. Es gibt von den wenigen Menschen, die über diese Krankheit als Autobiografen geschrieben haben, Berichte, wie sie mit floskelhaften Entschuldigungen und mit Humor diese Situationen zu übergehen versuchten.
In der zweiten Phase lassen sich die Probleme nicht mehr verbergen: Die Menschen verlieren ihre Orientierung in Raum und Zeit, schwere Sprachstörungen treten ein, Gedächtnis und Wortschatz schrumpfen. Sie neigen zu stereotypen Redewendungen, also sagen oder frage immer das Gleiche. Sie erkennen nahestehende Menschen nicht mehr, vergessen Bewegungsabläufe: „Was soll ich mit der Gabel tun?“. Der Patient wird hyperaktiv, nervös, unruhig. Er will nach Hause, obwohl er zu Hause ist, erlebt plötzliche Attacken von Sinnestäuschung und reagiert panisch, aggressiv oder auch depressiv.

das Hirn wird brüchig wie ein alter Stiefel

Das geht dann nach etwa 6 Jahren über in das dritte Stadium, das wirklich eine Höllensituation ist. Das Gedächtnis ist fast leer geräumt, wirre Laute kommen von den Lippen. Das Hirn wird brüchig wie ein alter Stiefel. Die Patienten verlieren ihre Bewegungskoordination, müssen gefüttert und gewindelt werden. Die Muskeln kontrahieren, eine Deformation des Leibes kann eintreten, der Eigenwille erlahmt und die Folge ist Bettlägerigkeit. Diese Menschen gehen auf einen traurigen Tod zu, der nicht primär durch Alzheimer hervorgerufen wird, sondern es treten Nebenerkrankungen auf. Etwa Blutvergiftung nach Dekubitus, Lungenentzündung, Kreislaufschwäche. Die Lebenserwartung beträgt in dieser Phase durchschnittlich 2 bis 3 Jahre.

C. P.: Nimmt diese Krankheit zu?

J. Day: Ja, und zwar epidemisch. 1990 hatten wir in Deutschland 600.000 Demente, 2007 waren es schon 1,4 Millionen Demente; davon waren 1 Millionen Alzheimer-Patienten. Die WHO (World Health Organisation) prognostiziert, dass sich in Deutschland die Zahl in 2050 mindestens verdreifacht hat. Weltweit haben wir derzeit 29 Millionen Alzheimer-Patienten und für 2050 ist die Prognose 106 Millionen.

C. P.: Liegt das daran, dass wir immer älter werden?

… dass diese Krankheit nicht kommt wie eine Epidemie, der man passiv ausgeliefert ist

J. Day: Das ist einer der Faktoren. Ein anderer liegt wohl auch auf der zivilisatorisch-kulturellen Ebene; es ist ja nicht so, dass jeder alte Mensch dement wird oder Alzheimer bekommt. Es gibt großartige Vorbilder von alten Menschen, die hochaktiv sind – 90 Jahre alt und körperlich und geistig völlig fit. Das ist ein Indiz dafür, dass diese Krankheit nicht kommt wie eine Epidemie, der man passiv ausgeliefert ist. Es kommen durch die Forschung auf diesem Gebiete Teilergebnisse zustande, die aussagen, dass Ursachen der Erkrankung in der Art und Weise liegen, wie Menschen ihre Biografie führen. Man kann also etwas tun, um Alzheimer zu vermeiden.

je reger Menschen geistig sind, desto weniger sind sie anfällig

C. P.: Das interessiert natürlich jeden: Was kann man prophylaktisch tun?

J. Day: Ich bin kein Mediziner und möchte von daher nur einige Anregungen geben. 2003 hat eine Chicagoer Ärztegruppe in einer Felduntersuchung festgestellt: je reger Menschen geistig sind, desto weniger sind sie anfällig für Alzheimer. Man kann das nicht unbedingt verallgemeinern, dass jeder, der geistig rege ist, davon verschont bleibt, es gibt auch noch andere Einflüsse, die heute erforscht werden im Bereich der Genetik, der Stoffwechselmutation. Aber es zeigt sich schon, dass eine geistige Aktivität eine gewisse Prophylaxe ist.

C. P.: Heißt geistig rege, Interessen pflegen, Sprachen lernen, am Zeitgeschehen teilnehmen?

„reine Tatgedanken, die dem Abbauprozess im Nervensystem entgegenwirken“

J. Day: Ich würde das gerne weiter fassen und greife zurück auf zwei menschenkundliche Zitate, die besagen, dass Alzheimer bedeutet, geistig früh verstorben zu sein. Das heißt, dass die Instanzen des Ich, des Äther- und Astralleibes im physischen Organismus nicht mehr umfassend wirken können, sondern sich aus der unbrauchbar gewordenen Leiblichkeit zurückziehen und dann bis zum Tode im Umkreis des Leibes bleiben.
Rudolf Steiner spricht in einem Zyklus (GA 179 „Geschichtliche Notwendigkeit und Freiheit“, 17. 12. 1917) von „reinen Tatgedanken, die dem Abbauprozess im Nervensystem entgegenwirken.“ Er meint damit, dass Menschen aus einer ideellen Haltung und einem geistigen Impuls heraus in die Tat kommen. Man kann die vorsichtige Hypothese aufstellen: Wer seine Biografie so einrichtet, dass er sich an Tatgedanken orientiert und versucht, aus geistigen Impulsen heraus seine Biografie zu gestalten – also nicht nur schlau redet, sondern die geistigen Impulse auch umsetzt -, ist in seinem Äther- und Astralleib so befeuert, dass er dem Abbau damit eine Kraft entgegensetzt.

C. P.: Tatgedanken heißt also, Ideale zu fassen und die dann zu verwirklichen? Also nicht auf der Ebene, wie man seinen Profit steigert, welches Auto man haben möchte etc. ..

J. Day: Genau so. Es muss eine geistige Orientierung geben, einen spirituellen, vielleicht auch religiösen Ansatz und es darf nicht das egoistische Interesse im Vordergrund stehen. Dem kann man die Untersuchung von 2003 aus Chicago hinzufügen, die das als Richtung bestätigt.

ein Gehirn kann „verholzen“

Auf einen anderen Aspekt weist Rudolf Steiner hin, wenn er an anderer Stelle über die Beziehung der menschlichen Wesensglieder spricht, dass nämlich ein Gehirn „verholzen“ kann. Er vergleicht das mit einem Baum, der, wenn er grünt, lebendig ist. Die Lebensprozesse machen ihn lebendig. Wenn man ihm diese entzieht, schrumpft er und wird hart und verholzt. Wir müssen uns unseren Astralleib und Ätherleib beleben durch die Aufnahme von lebendigen, uns befeuernden Ideen und Begriffen (GA 127, 11. Februar 1911: „Die Beziehung der menschlichen Wesensglieder“).
Es tritt mit zunehmendem Alter sowieso eine leibliche „Verholzung“ ein, bis in die Knochen hinein wirkt eine Sklerotisierungstendenz. Man kann dieser Verhärtungstendenz durch ein lebendiges Leben im Geistigen, aber auch im Seelischen und Leiblichen etwas entgegenstellen.

C. P.: Damit haben Sie auch schon angedeutet, warum diese Krankheit in unserer heutigen Kultur auftritt. Welche Ansätze zur Vorbeugung könnte es geben?

J. Day: Man müsste dafür sorgen, dass die Menschen bis in den Bereich ihrer Erziehung von frühester Kindheit an so gefördert werden, dass sie lebendig sein können, geistig, seelisch und besonders künstlerisch gefördert werden. Dass sie vorgelebt bekommen, sich in ihrer biografischen Führung nicht an dem zu orientieren, was das „Haben“ – man muss auch sagen das „Raffen“ – ist, sondern an dem, was das Werden-Wollen betrifft. Im Bereich der individuellen Lebensführung sind wir herausgefordert, diese besagten Tat-Gedanken im eigenen Leben zu verwirklichen.
Und man sollte im Alter mit einer Lebensperspektive ausgestattet sein, so, dass man sich anders orientiert als im Hier und Jetzt und sich nicht in einer medial geprägten Umwelt Illusionen vorleben lässt, die man passiv konsumiert.
Damit ist man schon bei einem möglichen Erklärungsansatz, warum diese Krankheit zunimmt: Schauen Sie darauf, wie Menschen heute ihre Biografie leben, wie stark sie in eine mediale Welt eingebunden sind, wie betont sie einerseits auf der „Haben“-Seite stehen, andererseits zu oberflächlichen geistig-seelischen Konsumenten werden. Durch alles das nimmt diese Verholzungstendenz zu.
Es ist aber keine Garantie, dass jemand, der geistig rege ist, in jedem Fall von der Krankheit verschont wird. Es gibt noch andere Erklärungsansätze, die in der Medizin, Biologie und Psychologie verfolgt werden. Die Fragen nach der genetischen Veranlagung, nach anderen biologisch wirksamen Faktoren, Stoffwechselmutation, u.s.w. – alles das wird heute überprüft.

die Betroffenen in Aktivitätsfelder heranführen

Man kann auch bei einer bereits begonnenen Alzheimer-Krankheit das Fortschreiten des Krankheitsprozesses verzögern, indem man die Betroffenen an Aktivitätsfelder heranführt. Es gibt beispielsweise Einrichtungen, auch hier in Hamburg, in denen „Wohlfühlräume“ hergestellt werden. Das heißt, dass man die Heime nicht nur hygienisch sauber hält und die Menschen vor sich hindämmern lässt, „still, satt, sauber“ – das sehe ich jede Woche – , sondern dass man Räume so einrichtet, dass man sich darin wirklich wohl fühlen kann. Beispielsweise können die Menschen darin Musik hören, aber nicht aus der Konserve, oder auch Musik, vielleicht sogar Eurythmie machen. Es gibt Farben, die wohltuend sind; es gibt Heileurythmie, Physiotherapie, u.s.w. Die Menschen bekommen und erleben Körperkontakt, wenn jemand sie streichelt. Sie erhalten eine persönliche Zuwendung. Es hat sich gezeigt, dass verwirrte und aggressive Patienten auch ohne Einsatz von Beruhigungsmitteln dadurch plötzlich ruhig werden können. Sie werden leichter zu pflegen und zu behandeln, weil sie in ihrer Seele, die – so wie der Geist von der Alzheimererkrankung – nicht erfasst ist, erreicht werden. Dazu gehört auch eine Kontinuität der Bezugspersonen, also auch des Pflegepersonals, die in den Heimen leider so wenig anzutreffen ist.
Auf diesem Felde wäre viel zu tun. Aber da stößt man auf die Tatsache, dass wir in Hamburg im Bereich der Pflegeheime in einem Notstandsgebiet leben. In Hamburg fehlen 2000 Pflegekräfte; das sind die Zahlen, die von den Verbänden veröffentlicht worden sind. Wenn man heute in Hamburg in ein Pflegeheim geht – nicht in eine „Altersresidenz“ –, erlebt man die Not des Pflegepersonals, das aufgrund des viel zu engen Personalschlüssels trotz gutem Willen hilflos und überfordert ist. Das ist in anderen Bundesländern ähnlich, aber da habe ich keine konkreten Zahlen.
Es stellt sich generell die Frage, wie wir in unserer Gesellschaft mit Alten umgehen. Es gibt eine Art Gegenbild in Japan: wenn ein alter Japaner altersgebeugt geht, unterstellt man ihm, dass er von der Weisheit, die er im Leben erworben hat, gebeugt ist und nicht, weil er schwach und leistungsärmer geworden ist. Diese Haltung bringt einen ganz anderen Umgang mit alten Menschen. Es gibt dazu ein wunderbares Buch von Yasushi Inoue: „Die Berg-Azaleen auf dem Hira-Gipfel“. Er beschreibt den Umgang mit seiner eigenen Mutter und zeigt, dass das Alter etwas anderes ist als ein Abnutzungsvorgang. Unsere westliche Grundhaltung, dass alte Menschen nichts mehr wert sind, hat sich tief verwurzelt. Wenn wir an dieser Stelle zu einer Umwertung kommen würden, hätten wir viel erreicht: den Erfahrungsschatz der Alten schätzen, ihnen eine Würde zusprechen und nicht nur auf jugendliche Dynamik und Ellenbogenmentalität setzen.

C. P.: Dann müssen einem die alten Menschen das aber auch entgegenbringen.

J. Day: Ja, das geht auch nur, wenn die Biografie so geführt wurde, dass dann ein Lebensertrag da ist. Weisheit alleine nur abstrakt zuschreiben, nützt nichts, es muss schon etwas davon da sein.

C. P.: Was bedeutet Alzheimer für die Angehörigen der erkrankten Menschen?

J. Day: Wenn in der Regel erwachsene Kinder sich um ihre an Demenz erkrankten Eltern kümmern wollen, kommen sie oft bald in eine Situation der Überforderung, weil sie das dann Notwendige gar nicht leisten können. Es entsteht bei den Angehörigen ein Schuldbewusstsein, weil man dieser gewaltigen Aufgabe gar nicht mehr gerecht werden kann, ganz objektiv nicht. Und aus der Überforderung erwächst Kraftlosigkeit und dann folgend ein latent aggressiver Schub gegen den Patienten. Wenn man stereotype Floskeln eines Erkrankten in einer Stunde 80mal hört oder immer dieselben Gesten sieht, kommt man an die Grenzen seiner Geduld und Kraft.

was von dem Patienten kommt, ist richtig

Für die Menschen, die mit solchen Patienten umgehen, ist die große Herausforderung, dass sie lernen müssen: Was von dem Patienten kommt, ist richtig, egal was es ist. Wenn man dieses Bewusstsein anstrebt – erreichen kann es keiner – schiebt sich etwas in uns herein, was man als Engelbewusstsein bezeichnen kann. Man schaut nicht mehr auf das, was nicht geht, sondern auf das, was noch geht. Man lernt hinzunehmen, dass vieles nicht mehr möglich ist. Trotzdem erlebt man manchmal, dass die Patienten wieder ganz klar sein können. Sie können aus ihrer Verwirrung und aus ihrem Gedächtnisverlust wieder herauskommen, für Momente ganz autonom sein und sich klar erinnern. Diese Augenblicke sind unlenkbar, unvorhersehbar, aber sie treten ein. Für diese Momente muss man genauso offen und wach sein, wie für die anderen Zeiten, wo sie wieder völlig verwirrt und desorientiert sind.
Damit umgehen zu können, kann man vergleichen mit einem Engelbewusstsein: Den Engeln, die mit uns umgehen, geht es nicht viel besser. Wir richten doch jeden Tag einen Unsinn nach dem anderen an, schon alleine im Bewusstsein. Die könnten doch völlig verzweifeln! Machen sie aber nicht!
Dass man so ein Engelbewusstsein anstreben will, setzt natürlich voraus, dass man eine Engelinstanz anerkennt und begreifen kann und nicht in einem verzweifelten „hilflosen Helferwillen“ herumwerkelt.

C. P.: Wenn man denn helfen will, setzt das also ein umfassendes Verstehen und Kenntnisse voraus?

J. Day: Wenn man eine Biografie mit Alzheimer-Erkrankung reduziert auf die Zeit von der Geburt bis zur Sterbestunde, dann machen die Jahre, die jemand mit dieser Erkrankung lebt, für ihn gar keinen Sinn. Es ist nur Abbau, Abbau, Abbau. Dass – und das ist der menschenkundliche Ansatz – das Ich nicht mehr im Leib wirkt, aber im Umkreis noch da ist, nicht erlischt und ansprechbar ist und bleibt, sind Aspekte, die den Umgang mit solchen Menschen erleichtern – partiell, nicht generell.

Berg- und Talfahrten

C. P.: Wie schwierig das für die Angehörigen ist, kann man sehr ergreifend erleben in dem vor einiger Zeit gespieltem Kinofilm „An ihrer Seite“, mit Julie Christie. In diesem Film wird auf realistische Weise geschildert, wie eine charmante, elegante Frau allmählich in ihrer Persönlichkeit zerfällt, in ihrem äußeren Erscheinungsbild nahezu verwahrlost, ihren eigenen Ehemann nicht mehr erkennt, dann im Heim einen anderen Patienten zum Freund nimmt. Der Ehemann entschließt sich nach großer Trauer, sie loszulassen und diesem Freund zu überlassen. Er geht in ihr Zimmer, um ihr das mitzuteilen, und auf einmal sitzt sie wieder da, zurechtgemacht und mit wunderschönem Kleid, strahlt ihn an und sagt, wie glücklich sie sei, seine Frau zu sein.
Das sind doch für die Angehörigen Berg- und Talfahrten!?

J. Day: Das ist oft kaum zum Aushalten, diese seelischen Wechselbäder! Aber sie gehören zum Krankheitsbild dazu. Es ist die Frage: an wen wendet man sich? Wenn man den Menschen im verwirrten und aggressiven Zustand vor sich hat, muss man sich klar machen: das bist du nicht nur! Man braucht die Haltung: „Du bist ganz da, und ich nehme dich jetzt notgedrungen so an, wie du dich gerade äußerst, aber das, was dahinter steht, ist dein eigentliches Wesen.“ Und dieses erlebt man immer wieder in den klaren Momenten. Und es ist wichtig, dieses Bild aufrecht zu erhalten.

es ist wie ein Auftauchen aus einem unbewussten in einen bewussten Bereich

C. P.: Sie haben Begegnungen mit Patienten in verwirrtem Zustand und sprechen beispielsweise mit einem Gebet das Ich im Umkreis an. Haben Sie Erfahrungen, ob das irgendwie ankommt?

J. Day: Es ist selten, dass ich eine Reaktion spüre. Aber ich habe auch Momente erlebt, in denen eine wache Ich-Du-Beziehung stattfindet, dass ich eine Art Zustimmung meiner Gegenwart erfahre und dass meine Art der Begleitung gewollt wird. Es entsteht dann eine Nähe – das sind oft nur Sekunden – und es ist wie ein Auftauchen aus einem unbewussten in einen bewussten Bereich. Diese Begegnung ist dann sehr intensiv. Unabhängig von diesen seltenen Auftauch-Begegnungen weiß ich, wenn ich zu diesen Menschen gehe und beispielsweise das Vater-Unser für sie bete, dass diese Gebetsrealität sie erreicht. Sie sind damit „ausgestattet“ – was sich nicht auf das jetzige Leben bezieht, sondern auf das Leben nach dem Tod. Sie haben dann im Nachtodlichen was in ihren Umkreis hineingesprochen wurde, zur Verfügung. Das gehört dann als geistige Tatsache zu ihrer Biografie dazu, es ist quasi „geistig implantiert“. Wenn man von der Realität des Gebetes ausgeht, ist diese nicht auflösbar, geht nicht verloren, sondern gehört zum „biografischen Konstrukt“ dazu. Es wirkt dann im Nachtodlichen.

Welchen Sinn könnte es für die Betroffenen haben?

C. P.: Sie sprachen davon, dass Demenz wie ein „geistiges Verstorbensein“ ist. Welchen Sinn könnte das für die Betroffenen haben?

J. Day: Man ist im Nachtodlichen für seine Erdenbiografie voll verantwortlich. Wenn sich jemand mit 25 totgesoffen hat, übernimmt er dafür die Verantwortung. Wenn jemand in seiner Biografie nicht aufgreift, was dieser Verholzungstendenz, von der ich vorhin sprach, entgegenwirkt, sondern sich anders orientiert, lebt er sich ein in den Bereich der Konsequenz, dass er durch eine solche Krankheit erfährt, was es bedeutet, an seiner geistigen Beauftragung, die er aus dem Vorgeburtlich mitgebracht hat, vorbeigegangen zu sein. Diesen Gedanken würde ich als eine Hypothese neben andere mögliche stellen. Dadurch, dass wir mit diesem Krankheitsbild immer mehr zu tun haben, ergibt sich die gesellschaftliche Herausforderung, dass wir nicht nur bei den äußeren Erscheinungsformen der Erkrankung helfen, sondern die geistig-kulturellen Grundlagen erforschen, um die Verursachung zu verstehen und vielleicht sogar etwas zu beheben.

C. P.: Wir haben ja alle eine panische Angst davor, diese Krankheit zu bekommen …

J. Day: Natürlich, weil wir dann in eine völlige Hilflosigkeit und Entmündigung kommen können und in einen Zustand von ganz tiefsitzenden Ängsten geraten. Wir können nicht mehr über uns selbst verfügen, unsere Autonomie wird uns genommen. Furchtbar! Man fühlt sich hilflos in Situationen, die sonst ganz normal sind: man findet sich in einem Gebäude nicht mehr zurecht, findet nicht mehr zum Ausgang, bis hin zu der Situation, dass ein fremder Mensch im eigenen Intimbereich handelt. Das bekommen die Leute auch im verwirrten Zustand mit. Der Geist ist im Umkreis, die Gefühle bleiben sehr lebendig. Die Seele – der Astralleib – ist nicht ausgelöscht.

C. P.: Das ist ja wie ein vorgezogenes Kamaloka: (Das Kamaloka (skrt. kama = Begierde und loka = Ort; wörtlich also der Ort der Begierde) wird in der christlichen Terminologie als Fegefeuer bezeichnet. Das Kamaloka umfasst die 4 niederen Partien der Seelenwelt (Astralwelt), in denen der Mensch nach dem Tod jene [[Begierde}}n ablegen muss, die nur mittels des mit dem Tode abgelegten physischen Leibes befriedigt werden könnten und die ihn noch an das vergangene Erdenleben fesseln. Anthrowiki). Das ganze seelische Spektrum ist noch völlig präsent, aber der Körper kann auf gar nichts mehr reagieren.

Haben wir heute die Aufgabe bekommen, gegenüber solchen Menschen partiell Engel zu werden?

J. Day: Es ist dann die Frage, was wir diesen Menschen, mitgeben können. Die Engel begleiten die Verstorbenen über den Tod hinaus, leisten Beistand wie auf Erden so im Himmel. Haben wir heute die Aufgabe bekommen, gegenüber solchen Menschen partiell Engel zu werden? … Das zu versuchen, hat jedenfalls noch keinem geschadet.

 

Literatur zum Thema:
Diana Friel Mc Gowin: Wie in einem Labyrinth. Knaur tb. Als Film: „Forget me never“, USA, Kanada 1999
René und Stella Braam: Ich habe Alzheimer, Beltz Verlag.
Roswitha Quadflieg: Bis dann. Arche Tb/Piper 1994, als Bühnenstück „Atschüüß, mien Leev“ Uraufführung in Hamburg 2008
Film: „Iris“. England 2001;
Film: „Der Tag, der in der Handtasche verschwand“ Deutschland 2000; Adolf Grimme Preis 2002.
Film: „An ihrer Seite“, Kanada 2006