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06/2019

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Das Böse

– Motive in der Literatur

Interview mit Jörgen Day, Pfarrer emer.

Jörgen Day
Jörgen Day

Man kann sich dem, was als das „Böse“ bezeichnet wird, von vielen Seiten nähern – philosophisch, religiös, künstlerisch, in unterschiedlichen Kulturen und Zeitepochen hat es verschiedene Färbungen. Auch die Literatur hat sich immer wieder damit beschäftigt. Spannend ist dabei die Frage: Wie und wo findet sich das Böse in der heutigen Zeit?

Jörgen Day hielt und hält in der Gemeinde Harburg der Christengemeinschaft Vorträge zu dem Thema „Das Böse in der Literatur“. Zuerst über „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“ von C. S. Lewis, dann eine „Kurze Erzählung vom Antichrist“ von Wladimir Solowjew, Goethes Mephisto in Faust I und II und am 4. April „Der Doppelgänger“ von Dostojewski.

Jörgen Day, Pfarrer emer. in der Christengemeinschaft. Nach dem Studium der Slavistik und der Politologie für 5 Jahre tätig als Studienrat an einem Hamburger Gymnasium. 9 Jahre Klassenlehrer und Fachlehrer an der Rudolf Steiner Schule Hamburg-Wandsbek. Nach einem Zusatzstudium seit 1990 Pfarrer in der Christengemeinschaft bis 2013. In der Ausbildung von Sterbe- und Demenzbegleitern tätig. Vortragstätigkeit.

Christine Pflug: Wie sind Sie darauf gekommen, Ihre Vorträge über das Böse auf die Literatur zu beziehen?

Jörgen Day: In jedem Kriminalroman, in jedem gezeigten Krimi, wie gut oder wie schlecht er auch sein mag, wird das Böse thematisiert. Aber das Böse sollte genauer angeschaut werden: Ist es „das Böse“ als Prinzip oder ist es „der Böse“ ein Wesen? Eugen Drewermann, dem man immer noch nachsagt, dass er schneller schreibe als seine Kritiker antworten können, hat in seinem im letzten Jahr erschienen Buch „Gestalten des Bösen“ geschrieben, dass er das Böse als Wesen als ein überholtes Relikt ansehe, der Teufel sei eine Projektion und heute sei das Böse in das Innere des Menschen versetzt.

Wenn wir auf den Gottesdienst der Christengemeinschaft schauen, ist dort die Rede von „des Widersachers Macht“, d. h. der Widersacher wird als wirksames Wesen angesprochen. In der Epistel zur Passion wird von „des Bösen Stachel“ gesprochen. Diese Formulierung kann man sowohl wesenhaft als auch abstrakt deuten. Bei C. S. Lewis wie auch bei Goethe erscheint eine Wesenheit, luziferisch oder ahrimanisch geprägt.

Christine Pflug: Clive Stapels Lewis (1898-1963) hat ein Buch geschrieben „Dienstanweisungen für einen Unterteufel“. Der höllische Unterstaatssekretär Screwtape gibt seinem unerfahrenen Neffen Wormwood Anweisungen, wie er einen jungen englischen Gentleman auf die schiefe Bahn und von seinen anfänglichen Glaubensbemühungen abbringen soll. Der Neffe, der Unterteufel, stellt sich bei seinen Verführungen aber so dusselig an, dass er trotz der 31 Briefe von seinem Oheim zu keinem Erfolg kommt. In diesen Lektionen des Oheims werden auf eine humorvolle und pfiffige Weise die menschlichen Schwächen aufs Korn genommen, und man kann sich selbst darin wiederfinden. Wie baut Lewis sein Buch auf?

J. Day: Lewis lässt den Oheim, bzw. höllischen Unterstaatssekretär Screwtape (die Übersetzung heißt „Schraubband“, d. h. damit kann man strangulieren) Folgendes sagen: „Wir (die Teufel) stehen in Wirklichkeit vor einem grausamen Dilemma. Glauben die Menschen nämlich nicht an unsere Existenz.., so gewinnen wir keine Adepten der Schwarzen Magie. Glauben die Menschen jedoch an uns, so können wir sie nicht zu Materialisten und Zweiflern machen.“ Lewis geht in seinem Buch von Wesen aus, also nicht von einem Prinzip und baut eine Hierarchie, eine Rangordnung auf mit Unterteufeln, Unterstaatssekretären und dem „Unser Vater in der Tiefe“ als Herrscher der Teufelswelt.

C. P.: Ich finde bei Lewis sehr geschickt dargestellt, wie das Böse nicht so offensichtlich daherkommt, sondern den Menschen gerade in seinen Ambivalenzen und Schwächen verführt. Wie ist das zu verstehen?

„Der sicherste Weg in die Hölle ist der allmähliche“

J. Day: Die „Technik“ des Bösen kommt nicht mit Schwefel, Gestank und Pferdefuß, sondern streut immer ein wenig Sand in das Getriebe des guten Willens und der Selbsterkenntnis hinein. Lewis formuliert: „Der sicherste Weg in die Hölle ist der allmähliche – der sanfte Hang, angenehm für die Füße ohne plötzliche Kurven, ohne Meilensteine, ohne Wegweiser. Zu diesem „sanften Weg“ gibt es übrigens eine wunderbare Karikatur von Klaus Staeck aus dem Jahre 1979: Diese bezieht sich auf den ehemaligen, allen bekannten Ministerpräsidenten aus dem Süden der Republik und hat den Untertitel „Es geht um die Wurst“. Auf der Wurst steht „Freiheit“, und der besagte Ministerpräsident in Gestalt eines Metzgers schneidet Scheibchen für Scheibchen ab. Wenn man sich z.B. die Geschichte des Grundgesetzes anschaut, das in seiner besten Verfassung bei seiner Gründung 1949 war, findet man dieses Prinzip: Stück für Stück, scheibchenweise wurden immer mehr die Freiheitsrechte eingegrenzt – Notstandsgesetze, Persönlichkeitsrechte, Briefgeheimnis, usw. Das ist die Technik: nicht mit großer Gewalt und Umsturz, sondern stückchenweise kommen die Veränderungen zum Schlechteren bis hin zum Bösen.

C. P.: Der Auftrag des Oberteufels an den Unterteufel ist, den Menschen bestimmte Vorstellungen und Illusionen in den Kopf zu setzen. Welche Beispiele gibt es da?

die Illusion von Verliebtheit als Dauerzustand

J. Day: Ein interessanter Bereich, von Screwtape beschrieben, ist der Umgang mit Verliebtheit und Sexualität. Es soll vom Unterteufel die irrige Vorstellung gezüchtet werden, dass auf der einen Seite das Gemisch von Zuneigung – gleichzeitig immer mit ein wenig Angst, dass einem der geliebte Mensch abhandenkommen könnte – und dem körperlichen Verlangen auf den anderen Seite, die Grundlage für eine Beziehung sei. Genau diese Illusion von Verliebtheit als Dauerzustand ist sowohl gesellschaftlich als auch einzeln so verankert, dass fast jeder in diese Falle hineintappt. Das hat zur Folge, dass man in der Ehe scheitert und ausbricht oder in eine Resignation hineinlebt.

Der tiefere, fast ideale Weg wäre aber, dass nicht am Anfang, sondern am Ende einer langen Beziehung Glück, Lebensglück, Erfüllung kommt  – also gerade das umgekehrte Verhältnis. Die eigentliche Aufgabe einer Beziehung ist, dem anderen in seinem Sein und Werden so zu helfen, dass am Ende der Beziehung, also im Alter, jeder individuell mehr geworden ist als am Anfang durch die Unterstützung des Anderen.

die Macht der Gewohnheit

Ein anderes Beispiel für die Macht des Teufels, so beschreibt es Lewis, ist die Gewohnheit. Wenn sich beispielsweise jemand für einen neuen Weg entscheidet, z. B. sich der Religion zuzuwenden, kommt die Macht der Gewohnheit- Lewis spricht davon, dass die Menschen dem Zwang des Gewöhnten versklavt sind-: Das, was er anfänglich begeistert, vielleicht im Überschwang der Gefühle tut, ist auf Dauer schwer durchzuhalten, und er fällt  zurück in den alten Trott.  Wenn jemand in eine Gemeinde als Interessierter oder auch als Mitglied eintritt, meint er, hier seien alles Christen und deshalb sei hier alles gut. Dann kommt die Ernüchterung und damit die zunehmende Abwendung von den guten Vorsätzen. Und dann ist nichts interessanter für den Teufel als die Menschen, die die Religion so „nebenbei“ leben. Da sagt Screwtape in dem Buch: „Das sind unsere sichersten Kandidaten“ – also diejenigen, die sich für religiös halten, aber nichts mehr dafür tun.“

„ein warmes Gefühl von Selbstgerechtigkeit“

C. P.: Ein weiteres Beispiel aus dem Buch ist uns auch allen vertraut: Man versucht – gerade in einer Partnerschaft – die vermeintlichen Wünsche des anderen, die man gar nicht weiß, zu erfüllen, und zwar entgegen der eigenen Wünsche. „Jeder fühlt in sich ein warmes Gefühl von Selbstgerechtigkeit und hegt den Anspruch auf eine bevorzugte Behandlung für die eigene Selbstlosigkeit und einen versteckten Groll gegen den anderen über die allzu selbstverständliche Art, in der das „gebrachte Opfer“ angenommen wird.“ Das sind die Spielchen, die eine Beziehung allmählich vergiften.

J. Day: Das ist eine Konsequenz. Auch der Mut, sich auf einen eigenen Standpunkt zu stellen und den auch zu vertreten, wird aufgegeben zugunsten eigener vermeintlicher Vorteile, besonders dann, wenn das Gegenüber in einem äußeren Sinne attraktiv ist, d. h. Geld, Ansehen, Einfluss, eine höhere Stellung etc. hat. Durch Anbiederung kann man dann das eigene Selbstwertgefühl heben, im Verhältnis zu sich selbst und zum Anderen ist es aber eine Lüge.

C. P.: Wladimir Solowjew (1853 -1900) ein russischer Religionsphilosoph und Dichter hat eine „Kurze Erzählung vom Antichrist“ geschrieben. Darin wird in Form einer Prophetie geschildert, wie ein vermeintlicher Wohltäter zur Weltherrschaft gelangt. Was ist in dieser Erzählung das Böse?

Dieses Wesen wird hoch attraktiv sein

J. Day: Über den Antichrist spricht Christus selbst im Neuen Testament „Denn es werden falsche Christusse und falsche Propheten viele erstehen, die sogar Zeichen und Wunder tun (Markus 13, 22).“ Weitere Hinweise dazu im 1. Johannes-Brief). Rudolf Steiner spricht davon, dass sich im dritten Jahrtausend Ahriman inkarnieren wird. Was ist das für ein Wesen? Dieses Wesen wird hoch attraktiv sein, und das beschreibt Solowjew auch. In seiner Erzählung ist der Hintergrund der Handlung die „vereinigten Staaten von Europa“. In dieser Situation tritt ein Mensch auf mit idealen Begabungen, er ist lieb, bekommt von Allen Zuspruch, und er hat in sich das Gefühl, er sei von Gott auserwählt und, so sagt Solowjow: „er liebt nur sich selbst allein und zog sich selbst Gott vor“. Er wartet drei Jahre darauf, dass er der Vollender des Christuswirkens auf Erden werde und in dieser „Gottessohnschaft“ bestätigt wird. Als das aber nicht passiert, versucht er in seiner Verzweiflung Selbstmord zu begehen und stürzt sich von einem Felsen herab. Er stirbt aber nicht, weil er von einer Macht getragen wird, die ihn nicht in den Tod gehen lässt, und es vollzieht sich die Inkorporation einer ahrimanischen Macht, er erfährt eine „Kraft, Munterkeit und Wonne.“ Er wird dann immer mehr zu einer Wundergestalt und wird zum Kaiser fast der ganzen Welt erhoben. Er bringt den Menschen Gerechtigkeit, Wohlstand, Brot für alle, und dann wollen die Menschen nicht nur Brot, sondern auch noch „Spiele“ haben. Nachdem auch dies erfüllt ist durch das Wirken einer luziferischen Gestalt, dem Großmagier, kommt die Frage nach Religion. Er selbst möchte von den Menschen angebetet werden. In dieser Erzählung sind die Konfessionen (Katholische Kirche, Evangelische Kirche, Orthodoxie) alle geschrumpft, z. T. auch gesundgeschrumpft, – ein Prozess, der sich ja auch heute vollzieht – dieser Aufforderung, nur eine kleine Schar widersteht und bekennt sich zu „Jesus Christus, den Sohn Gottes, erschienen im Fleische, auferstanden und wiederkommend“. Diese kleine Schar von bekennenden Christen überwindet die Macht des Bösen, das dann untergeht. Solowjows Erzählung schließt an das an, was wir aus der Apokalypse kennen, dass eine kleine Schar in einen neuen Erdenzustand, das neue Jerusalem, als Urzelle übergeht.

C. P.: Wir sind ja nun im dritten Jahrtausend. Gibt es diesen Antichristen schon? Oder haben wir Politiker, die vielleicht unbewusst den Impetus haben, dahin zu kommen?

J. Day: Wenn man auf die Gegenwart schaut, haben wir einige Gestalten, die so schillernd sind, dass man denken kann, es bereitet sich langsam etwas vor. Wir haben derzeit eine Verschiebung der politischen und gesellschaftlichen Verhältnisse, wir erleben immer deutlicher den Hang zum Nationalismus. Es werden Wahrheiten verdreht, fake news verbreiten ihre Wirkung, und das landet in den Herzen von verunsicherten Menschen. Und aus allen Verunsicherungen wächst die Sehnsucht nach einem starken Führer.

Mammon herrscht schon auf vielen Gebieten.

Die Macht, bei der es um Geld geht, es ist übrigens die Macht des Mammon, über die Rudolf Steiner als Gegenmacht zu Michael spricht, verbreitet sich immer mehr: Noch vor 40-50 Jahren waren bestimmte Lebensbereiche in öffentlicher Hand und waren gesellschaftlich gebunden, heute sind sie privatisiert und werden gewinnwirtschaftlich geführt. Das betrifft etwa Bereiche der Energieversorgung, Krankenhäuser, Altenheime, die Bundesbahn, den Bereich der Wasser- und Luftversorgung, die bald kommen wird – alles wird verwaltet mit dem Aspekt der Gewinnmaximierung. Mammon herrscht schon auf vielen Gebieten.

C. P.: Da kann man inhaltlich anschließen und weiterführen, was im Faust-Drama, in Faust I und Faust II von Goethe dargestellt wird.

J. Day: Im ersten Drama geht es zunächst um den Erkenntnisschmerz, den Faust hat: „ … dass ich erkenne, was die Welt im Innersten zusammenhält“. Darin wird er von Mephisto, der eine Zwittergestalt von Ahriman und Luzifer ist, wie Rudolf Steiner mehrfach ausführt, korrumpiert und auf die Dinge des irdischen Lebens sinnenhaft hingeführt. Mephisto: „Den schlepp ich durch das wilde Leben, durch flache Unbedeutendheit“. Und Faust antwortet darauf „so taumle ich von Begierde zu Genuss, und im Genuss verschmacht‘ ich nach Begierde“. Faust spürt, dass seine Erlebnisse, z. B. in der romantischen Walpurgisnacht oder in der Begegnung mit Gretchen, alle hohl sind und seinen Erkenntnisschmerz nicht heilen, und er lädt ungeheure Schuld auf sich: Er ersticht den Bruder von Gretchen, Gretchen selbst, um ihrer Liebe zu Faust willen, vergiftet die Mutter und tötet ihr eigenes Kind, kommt ins Gefängnis und wird hingerichtet.

Bei Faust II, einem grandiosen, allerdings auch nicht so leicht verständlichen Einweihungsdrama, an dessen Ende Faust der Macht des Mephisto entgehen kann durch himmlische Hilfe, möchte ich nur zwei Motive hervorheben. Das, was sich in Faust I im kleinbürgerlichen Rahmen abgespielt hat, erweitert sich auf die Ebene des Staates. Faust erscheint beim Kaiser; dort gibt es auch den Kanzler, den Hofmarschall, den Heermeister, und die beklagen, dass die Staatskassen leer sind. Mephisto berät diese Leute, wie sie das Geldproblem beheben können: Er führt das Scheingeld (Papiergeld) ein. Geld, aus dem Nichts geschöpft.

C. P.: Was ist dazu die Parallele zu unserer heutigen Zeit?

J. Day: Wir haben ebenso eine Geldschöpfung, die durch nichts mehr gedeckt ist, sondern nur einen fiktiven Wert hat. Die gesamte Giralgeldschöpfung beruht nur auf einer Abstraktion ohne reale Wirklichkeit. Geld wird zur Ware, und es wird mit Geld gehandelt. Und das ist es auch, was Mephisto an den Kaiser heranträgt: In deinem Reich sind viele Schätze vergraben, und du kannst einfach Scheine herausgeben, und wenn jemand das einlösen will gegen Gold oder Silber, muss man nur in der Erde graben. Das ist eine reine Fiktion. So werden Scheine hergestellt und mit der Unterschrift des Kaisers bestätigt. Wenn man heute auf die EURO-Banknoten schaut: Auf jedem Schein die Unterschrift des Präsidenten der Europäischen Zentralbank, Mario Draghi. Es wird eine scheinbare Sicherheit durch eine Unterschrift gegeben, die aber durch nichts gedeckt ist.

Das andere wichtige Motiv, das auch in Faust II veranlagt erscheint, ist die Korruption. Um zunächst einige Beispiele aus unserer aktuellen Zeit anzuführen: Spiegel-Nachricht vom Februar „Milliarden Euro Schwarzgeld aus Russland werden hier in Deutschland gewaschen“. Transparency International lässt Deutschland auf Platz 11 stehen, also ein Platz, der doch bedenklich erscheint. Die Aufarbeitung der Panama-Papers: ganz schwach. Amazon hätte im letzten Jahr 11,2 Milliarden Gewinn versteuern müssen – was nicht getan wurde. Es soll die Digital-Steuer eingeführt werden für Google, Facebook, Twitter und andere – kommt aber nicht. In Deutschland gibt es seit 2017 ein Transparenzregister, was aber so schwammig formuliert ist, dass es das, was es leisten sollte, nicht hergibt – die Lobby hat dafür gesorgt, dass es verwässert wurde. Die europäische Kommission möchte eine Steuergesetzgebung haben für die großen Konzerne, was im Parteiprogramm der SPD von 2017 steht, was vom amtierenden Finanzminister blockiert wird.

Im 4. Akt von Faust II wird versucht, die Korruption mit einem Staatsstreich abzuschaffen, und zwar mit einem Gegenkaiser. Als der Gegenkaiser besiegt worden ist, und dessen Kriegskasse geplündert wird, treten vier Gestalten als Vertreter des alten Regimes auf mit den Namen: Raufebold, Habebald, Eilebeute und Haltefest. Raufebold steht für nackte Gewalt, Habebald und Eilebeute für Habgier und Haltefest für den Geiz. Diese Grundhaltungen bestimmen immer mehr unsere Gegenwart.

Transhumanismus – unsere Zukunft?

C. P.: Es gibt Zukunftsprognosen, dass in einigen Jahrzehnten die Menschheit computergesteuert sein wird – Transhumanismus. Wir werden immer mehr mit unseren Computern verschmelzen, bis hin zu Implantaten. Der zurzeit populäre Historiker und Bestsellerautor Yuval Noah Harari postuliert, dass beispielsweise über die digitalen Medien unsere Gehirne „gehackt“ werden und wir dann subtil in unseren Entscheidungen geführt werden. Unsere Gefühle werden auf diese Weise von Computern besser erkannt als von uns selbst und unsere Handlungen von Algorithmen gelenkt. Das wird zunächst wirtschaftlich genutzt. Zunehmend werden Arbeiten von Computern übernommen; auch Sozialpartner, z. B. gegengeschlechtliche oder zur Betreuung von alten Menschen werden Maschinen sein. Das ist die Tendenz, die beispielsweise mit 5 G auch vorbereitet wird.

Hat Goethe das im Faust II mit der Gestalt des Homunculus vorhergesehen?

J. Day: Im Faust II ist der Wagner, der Sekretär von Faust, ein trockener Gelehrter, dabei, den Homunculus in die Welt zu setzen: Ein von Menschen geschaffenes künstliches Wesen. Wenn man das Menschenbild der Anthroposophie nimmt, hat der Mensch eine Prä- und Postexistenz. Bei Homunculus gibt es das nicht; Postexistenz soll auch gar nicht sein, weil dieses künstliche Wesen für immer und ewig existieren soll.

Das Verwandtschaftsverhältnis von Homunculus zu Mephisto

C. P.: Man könnte provokativ fragen: Wir als Menschen sind ja fehlerhaft, wenn Maschinen das nun alles korrekt machen – ist das nicht besser? Was ist daran das Böse?

J. Day: Homunculus, bzw. die Computer, die in Menschenleiber eingesetzt werden, haben kein Werden, haben keine Seele, keinen individuellen Geist, kein Ich. Sie können sich nicht von Inkarnationen zu Inkarnation entwickeln und ihr Menschsein vervollkommnen. Wenn wir das Bild aus der Apokalypse nehmen, sollen wir uns aber von Inkarnation zu Inkarnation in die Göttlichkeit hineinarbeiten. Die Rechner vervollkommnen sich in einem technischen Sinn, aber nicht in Bezug auf Moralität und Geisterkenntnis.

Goethe schreibt prophetisch: Als dieser Homunculus da ist und auch Mephisto erscheint, sagt der Wagner: „Wie sonst das Zeugen Mode war, erklären wir für eitel Possen.“ Also: Das können wir mit der Herstellung künstlicher Menschen viel besser. Mephisto zu Wagner: „Ich bin der Mann, dieses Glück zu beschleunigen.“ Homunculus seinerseits spricht den Mephisto an: „Herr Vetter, du bist hier.“ Das Verwandtschaftsverhältnis von Homunculus zu Mephisto ist damit dargestellt. Das bedeutet, dass hier die ahrimanische Wirksamkeit in Bezug auf das Menschsein von Goethe klar erkannt.

C. P.: Was kann man nun gegen all dieses Böse dagegenstellen?

J. Day: Das ist ja nur ein Teil der Welt. Wir können diese Entwicklungen nicht verhindern und wir wissen aus der Apokalypse, dass uns noch viel sehr Ernstes bevorsteht in der Entwicklung der Menschheit. Und es ist die Frage, ob wir individuell – und das ist dann thematisiert im nächsten Vortrag über das Böse, wenn es um den Roman „Der Doppelgänger“ von Dostojewski gehen wird – wie wir den Doppelgänger in uns selbst durchschauen können. Es ist schon ein erster Akt der Heilung, wen wir uns der Wirksamkeit dieses von uns erzeugten Wesens bewusst werden.

Aber nicht wir retten die Welt, das wäre Hochmut, sondern wir brauchen den Christus, der über allen hierarchischen Wesen auch über den Wesen des Bösen und seiner Wirksamkeit steht, nur er kann heilen, nicht wir. „In der Welt habt ihr Angst, aber ich habe die Welt überwunden“, so seine Worte. Durch Erkenntnisarbeit, durch Ausübung von Religion, durch innere moralische Arbeit können wir uns gegen Raufebold, Habebald, Eilebeute und Haltefest und gegen den Feldzug des Transhumanismus, den Menschen in eine Maschine zu verwandeln, wehren.