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Biologisch-dynamische Landwirtschaft

Erfolge und Herausforderungen

Interview mit Friedemann Wecker, Geschäftsführer der Bäuerlichen Gesellschaft e.V. - Demeter im Norden

Friedemann Wecker
Friedemann Wecker

Demeter hat den höchsten Rang bei dem Qualitätsversprechen – so lauten die Ergebnisse von Verbraucherumfragen in den letzten Jahren. Die Verbraucher haben ein großes Vertrauen in diese Marke, und das merkt man an dem gesteigerten Verkauf. Auch das Flächenwachstum für biologisch-dynamische Landwirtschaft ist wie im gesamten Ökolandbau auch gestiegen.
Aber das bringt Herausforderungen mit sich: Es können nicht alle Höfe betrieben werden, weil es nicht genug ausgebildete Landwirte gibt.
Auch der Klimawandel, das Aussterben der Artenvielfalt bei Pflanzen und Tieren stellt die biologisch-dynamische Landwirtschaft vor neue Aufgaben.
Interviewpartner: Friedemann Wecker, geb. 1986, seit 2015 Geschäftsführender Vorstand bei der Bäuerlichen Gesellschaft – Demeter im Norden und bei der Landesvereinigung Ökologischer Landbau Niedersachsen e.V. Er war Waldorfschüler und machte seinen Zivildienst auf dem Bauckhof in Amelinghausen. Studium Ökologische Agrarwissenschaft in Witzenhausen; berufsbegleitendes Studium „Business and Process Management“ in Reutlingen. Lebt mit seiner Familie in Lüneburg.

Christine Pflug: Was macht Ihnen an Ihrer Arbeit am meisten Spaß?

Friedemann Wecker: Zum einen macht es richtig viel Spaß, in die Organisationsentwicklung reinzugehen: Ich möchte den Verein so voranbringen, dass er in seiner Arbeitsstruktur und Dienstleistung modern aufgestellt ist. Und zum anderen ist mir die Begleitung der Mitglieder aus Landwirtschaft, Verarbeitung und Handel wichtig: im direkten Kontakt zu schauen, wo der Schuh drückt, sie dann zu unterstützen, so dass ihre Arbeit gut machen können. Die politische Arbeit hingegen, für die ich auch verantwortlich bin, ist da sehr viel strapazierender.

Bio ist nicht gleich Bio

C. P.: Wie ist der derzeitige Stand der biologisch-dynamischen Landwirtschaft, und zwar von den Verbrauchern her betrachtet? Wirkt sich z. B. der Fipronil-Skandal auf Demeter positiv aus?

F. Wecker: In solchen Situationen werden die Demeter-Produkte noch stärker nachgefragt. Wie lange das anhält, ist aber fraglich.
Grundsätzlich hat es Demeter in den letzten 5-10 Jahren bei Verbraucherumfragen geschafft, als Marke bei dem Qualitätsversprechen den höchsten Rang zu haben. Die Verbraucher haben ein großes Vertrauen in diese Marke, das wird am steigenden Umsatz unserer Mitglieder sichtbar. Wir haben sehr viele Verarbeiter und Händler, die mit der Marke arbeiten möchten. Verarbeiter sind z. B. der Fruchtsafthersteller Voelkel, die Firma Bauck mit ihren Backmischungen und weitere Metzgereien, Bäckereien, Mühlen etc. Inzwischen fragt sogar der konventionelle Lebensmittelhandel an, z. B. Rewe, Edeka, und möchten Demeter-Produkten handeln, weil die Verbraucher die hohe Qualität verstärkt nachfragen.

Wir sind die Marke mit dem strengsten Standard und die Verbraucher

Merken: „Bio ist nicht gleich Bio; es gibt verschiedene Siegel und Demeter ist am strengsten. Das führt auch dazu, dass Demeter bei Bio-Skandalen in der Presse meist außen vor ist.“ Wir von Demeter sind zudem der einzige Bio-Verband, der ein Verbraucherjournal hat; darin können wir unsere Werte kommunizieren und eine direkte Verbraucheransprache am point of sales verwirklichen.
Ergänzend haben wir einen starken Facebook-Kanal, was ermöglicht, direkt über aktuelle Vorhaben zu informieren und begünstigt in einzelnen Aktionen natürlich auch die Nachfrage.

C. P.: Wie sind von der politischen Seite her die letzten Entwicklungen?

F. Wecker: Was die bundesweiten bzw. europäischen Entwicklungen in der Politik angeht, ist es aktuell eher schwierig.  Dort gab es bspw. Entwicklungen in der Düngeverordnung, die sich negativ auf die landwirtschaftliche Praxis und die Dokumentationen auswirken. Auch die vielen Themen, die aktuell noch diskutiert werden, schaffen eher Unsicherheit für die Landwirtschaft. Dazu gehören ganz aktuell bspw. die Stoffstrombilanz sowie die Revision der EU-Öko-Verordnung.
Regional sind die Entwicklungen insgesamt gut; in Niedersachsen haben wir im Ökolandbau bspw. ein überdurchschnittliches Wachstum gehabt. Das wurde unter anderem auch ausgelöst von der verarbeitenden Seite: Eine Molkerei wollte ein Teil ihrer Produktion auf Bio-Verarbeitung umstellen. 50 Landwirte haben darauf ihren Betrieb auf Bio umgestellt.
Vor allem dadurch ist in Niedersachsen so ein starkes Wachstum entstanden.

Wo sind Anreize für die Landwirte, um auf Demeter umzustellen?

Von der politischen-wirtschaftlichen Seite muss man schauen: Wo sind Anreize, um auf Demeter umzustellen? Die finden sich vor allem dann, wenn Verarbeitung oder Handel langfristig Partner suchen, die sie beliefern. Der Verarbeiter muss den Landwirten eine langfristige Perspektive geben in Bezug auf die Belieferung. Erst dann lohnt sich der zum Teil anstrengende Umstellungsprozess.
Auch in Mecklenburg und Schleswig-Holstein haben wir bei Demeter gute Werte erreicht. Meistens waren es Bio-Bauern, die dann noch mehr wollten, d. h. ihren Betrieb auf die biodynamische Wirtschaftsweise bzw.Demeter umzustellen.

C. P.: Also erfreulicherweise eine steigende Tendenz?

F. Wecker: Definitiv! Aber diesem Wachstum steht gegenüber: Als in den 60-ger, 70-er Jahren die Bio-Bewegung anfing, war das ein Gründungsimpuls. Die Generation und auch deren Kinder, die damals eingestiegen sind, kommen jetzt an die Grenze der Hofübergabe. Das ist eine dringende Frage: Wie können die Initiativen, die wir aufgebaut haben und die jetzt breit aufgestellt sind, an die junge Generation übergeben werden? Diese jungen Menschen, die sich in so einen Beruf hineinstellen wollen, möchten gefunden werden. Dieser Beruf ist eine Berufung und kennt oftmals kein Wochenende und wenig Urlaub. Die jungen Menschen streben heute eine andere Work-Life-Balance an als die vorige Generation und möchten eine gewisse Regelmäßigkeit und Struktur in ihr Arbeitsleben bringen. So brechen einige Betriebe weg oder gehen in anderen Betrieben auf. Das Flächenwachstum ist da, aber es können nicht alle Höfe betrieben werden.

ein starker Fokus auf dem Bildungsbereich, um die Grundlage unserer Betriebe zu sichern

C. P.: Das ist also ein Punkt, bei dem man sich für die Zukunft noch etwas wünschen würde: dass mehr junge Menschen Landwirte werden!?

F. Wecker: Genau! Wir haben in der Bäuerlichen Gesellschaft – Demeter im Norden einen starken Fokus auf dem Bildungsbereich, um die Grundlage unserer Betriebe zu sichern. Wir bieten eine eigene Ausbildung zum biologisch-dynamischen Landwirt und Gärtner an. Die gibt es über 30 Jahre, und wir haben gerade jetzt einen neuen Impuls hineingebracht, gehen qualitativ einen Schritt nach vorne, um dann auch einen staatlichen Abschluss zu bekommen. Es soll eine vielfältige landwirtschaftliche Grundlage werden für die jungen Menschen, die in die Betriebe einsteigen und später Betriebsleiter werden können.
Wir entwickeln außerdem daran anschließend eine UnternehmerInnen-Werkstatt, wenn Gesellen Betriebsleiter werden wollen oder bereits tätige Betriebsleiter sich weiterbilden möchten.

C. P.: Zum Thema Klimawandel: Beispielsweise war der Sommer in Norddeutschland total verregnet; es gab bei den Kartoffeln Krautfäule, das Obst und Getreide hat gelitten. Gibt es von der biologisch-dynamischen Landwirtschaft einen besonderen Weg, um mit dem Klimawandel umzugehen?

Wie umgehen mit dem Klimawandel?

F. Wecker: Die biologisch-dynamische Landwirtschaft kann sich einerseits diesen Rahmenbedingungen nicht entziehen, weil sie genauso vom Wetter betroffen ist wie alle, aber sie hat zusätzliche Möglichkeiten. Zum Beispiel gab es vor einigen Jahren heftige Sandstürme hier im Norden von Deutschland, so dass es auf den Autostraßen zu Unfällen kam. Und da entsteht die Frage: Wie ist der Boden strukturiert? Ist er ausgelaugt, hat z.B. durch einseitigen Maisanbau seine Krümelstruktur verloren oder haben wir eine vielfältige Fruchtfolge, die dem Boden eine Stabilität verleiht und den Aufbau von Humus fördert? Derartige Sandstürme finden bei uns nicht so leicht statt, weil wir Bodenpflege betreiben und uns darum bemühen, unsere Äcker möglichst immer mit grünen Pflanzenbeständen bedeckt zu halten.
Dieses Jahr waren beim Getreide die Erträge durchschnittlich und die Qualitäten durch die große Nässe oft nicht ausreichend. Auch im Obstbau sind die Erträge, bedingt durch das kalte Frühjahr nicht ausreichend.
Die Demeter-Landwirte sind davon nicht ausgenommen. Aber auch da kann man auf die Bewirtschaftungsform schauen: Je nachdem, wie man mit dem Boden umgeht, ist er mehr oder weniger anfällig für Erosion und Verschlämmungen und hat ein größeres Wasserspeichervermögen. Wenn man einen guten Aggregatzustand, d. h. ein gutes Bodenleben hat, wird der Boden nicht so schnell weggeschwemmt. Wenn man beispielweise im Mais Untersaaten anbaut, ist der Boden leicht bedeckt, und bei Regen kann er dann nicht so stark ausgespült und andererseits bei zu großer Hitze auch nicht ausgetrocknet werden.
Insofern ist die biologisch-dynamische Landwirtschaft auf einem guten Weg, nachhaltig zu arbeiten und den Boden nicht auszuzehren.
Wenn man auf die Kulturen selber schaut: Wir betreiben Züchtung; wir wollen Pflanzen hervorbringen, die nicht hochleistungsgezüchtet sind, sondern stabiler und wetterfester. Aber völlig sind diese Sorten vor den klimatischen Bedingungen nicht gefeit, auch bei diesen kann es beispielsweise bei dem Getreide den Rost geben.

die Kulturlandschaft am Leben erhalten

C. P.: Die Vielfalt bei den Arten, sowohl bei den Pflanzen als auch bei den Tieren, hat sich reduziert. Welche Probleme ergeben sich dadurch? Was unternimmt die biologisch-dynamische Landwirtschaft in diesem Fall?

F. Wecker: Das Problem kann man gut am Beispiel der Bienen erklären. Je nach politischer Ausrichtung der gerade regierenden Partei wird entweder die ökologische oder die konventionelle, industrielle Landwirtschaft gefördert. Bei der konventionellen gibt es wenig Hecken, weniger Beikraut, welches blüht, dichtere Bestände beim Getreide, mehr Monokultur und einseitige Fruchtfolgen – es geht vor allem um Effizienz.
Hinzu kommt der hohe Einsatz von Stickstoff, Phosphor, Beizmitteln und vor allem von Pestiziden. Das zerstört die natürlichen Lebensräume der Nützlinge, die uns in der Landwirtschaft helfen, das Gleichgewicht zu halten. Und es betrifft natürlich auch die Bienen, die dann in ihrer Existenz vom Aussterben bedroht sind, und es fehlt ein wichtiger Bestäuber mehr, die die Kulturlandschaft am Leben erhält. Diese Entwicklung geht auch feingliedriger nach unten zu den kleineren Insekten; es sind auch Nützlinge, die wegbrechen; sie werden weggespritzt, und es fehlt ihnen die Nahrungsgrundlage, weil zu wenig Mohn und andere Blumen in den Feldern stehen dürfen. Wir wollen möglichst viele Hecken haben, in denen sich Vögel zurückziehen können, und durch die blühende Landwirtschaft wird das Getreide im Gleichgewicht gehalten. Die Nützlinge schaffen die Balance, und wir wollen sie nicht ausrotten. Aus diesem Grunde hat Rudolf Steiner, als er seinen Kurs für Landwirte 1924 gehalten hat, schon einen seiner acht Vorträge nur dem Thema Landschaftspflege und Landschaftsentwicklung gewidmet. Deshalb werden diesen Themen im bio-dynamischen Landbau schon immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt.

eine ungesunde Abhängigkeit bei den Landwirten

C. P.: Gilt das gleiche Prinzip bei Gemüse, Obst, Getreide?

F. Wecker: Wir hatten viele Jahre den Schwerpunkt auf die Züchtung gelegt. Es gibt weltweit wenige Saatgutkonzerne, und sie halten die konventionelle Züchtung in ihrer Hand, meist patentierte, nicht nachbaufähige Hybrid-Sorten, z.T. auch gen- oder biotechnologisch verändert. Dadurch entsteht eine ungesunde Abhängigkeit bei den Landwirten.
Dem gegenüber steht unsere Züchtung von vielfältigen Sorten in bäuerlicher Hand. Dazu gehören bspw. die Kultursaat e.V., die Bingenheimer Saatgut, Dreschflegel, die Getreidezüchtung in Darzau, die Gemüsezüchtung von Christina Henatsch auf Gut Wulfsdorf und viele weitere. Sie stehen neben dem Erhalt von alten Sorten für die biodynamische Züchtung neuer Sorten, die samenfest, nachbaufähig und überwiegend regional erzeugt werden.

ein gesundes und optimales Geschmackserlebnis!

C. P.: Welchen Nutzen hat der Verbraucher davon?

F. Wecker: Er hat Bio von Anfang an und oftmals in Demeter-Qualität. Er hat Transparenz und unterstützt bäuerliche Strukturen anstatt Agrarkonzerne. Die samenfesten und biodynamisch gezüchteten Sorten wachsen dann unter den hoffentlich besten Bedingungen. Und das verschafft ihm ein gesundes und optimales Geschmackserlebnis!
Ein prominentes Beispiel ist der Lichtkornroggen: Wenn man in Hamburg oder Lüneburg in die Filialen des Naturkostfachhandels geht, findet man immer wieder Brot aus Lichtkornroggen. Diese Züchtung hat sich durchgesetzt: Sie ist robust, hat einen guten Geschmack und wird von den Verbrauchern häufig nachgefragt.

C. P.: Was sind in den nächsten Jahren Ihre Ziele?

F. Wecker: Positiv ist, dass die biologisch-dynamische Landwirtschaft als ein anthroposophischer Impuls in einen größeren gesellschaftlichen Kontext kommt. Wenn der Lebensmitteleinzelhandel, wie z. B. Rewe und Edeka, biologisch-dynamische Qualität nachfragt, ist das zunächst schön.
Das ist ähnlich wie bei Weleda und Wala: Wenn die Nachfrage kommt, freut man sich. In meiner Position sehe ich dabei als Herausforderung, neue Mitglieder, also Betriebsleiter von Höfen, an das heranzuführen, was dahinter steht und einen Verein zu führen, der sich nicht in zwei Strömungen spaltet: Die Vertreter der Markenströmung und andererseits diejenigen, die aus einer inhaltlichen Arbeit heraus wirken wollen.
Diese beiden Strömungen sollen sich gut verzahnen, so dass der Impuls, aus dem heraus wir arbeiten, klar und deutlich erkennbar und gelebt wird.

Kontaktadresse:
Bäuerliche Gesellschaft e.V. – Demeter im Norden, Friedemann Wecker, Viskulenhof 7, 21335 Lüneburg