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Beziehung und Sexualität gestalten lernen

Interview über Sexualkundeunterricht mit Dr. med. Christine Klemm, Simone Hoffmann, Dr. med. Jost Deerberg

Simone Hoffmann
Simone Hoffmann
Christine Klemm
Christine Klemm
Dr. med. Jost Christian Deerberg
Dr. med. Jost Christian Deerberg

In unserer aufgeklärten Kultur werden wir von den Medien mit Informationen zum Thema Sexualität überhäuft, aber die Frage ist: Wie lebensgemäß sind diese für junge Menschen? Gerade weil es so viele Vorlagen gibt, ist es schwer, das angemessene Wissen für sich zu finden und die Intimsphäre selbst zu gestalten.
Die drei ÄrztInnen geben Unterricht, zu zweit oder alleine, in Beziehungs- und Sexualkunde in einigen Waldorfschulen. Immer wieder wird die Bitte an die drei ÄrztInnen herangetragen, Themen aus dem Umkreis der Sexualität im Unterricht zu vertreten. Dabei geht es nicht nur um sachliche Informationen, sondern auch darum, die Schüler und Schülerinnen auf ihrem Weg in eine individuelle Intimsphäre zu unterstützen.

Interviewpartner:
Dr. med. Christine Klemm, geb. 1971, Ärztin, derzeit in Elternzeit, ehem. Waldorfschülerin, 3 Kinder; arbeitet in der Hamburger Beratungsstelle der „Unabhängigen Patientenberatung Deutschland (UPD)“; beschäftigt sich seit vielen Jahren mit dem Thema Sexualität und gibt seit 3 Jahren dazu in den Waldorfschulen Unterricht; seit 10 Jahren u.a. Dozentin für Gynäkologie in der Ausbildung für Physiotherapie.
Simone Hoffmann, Ärztin, geb. 1974, 2 Kinder. Autorin und Medizinjournalistin, jetzt halbtags Frauenärztin in der Praxisklinik Barmbek (konventionelle und anthroposophisch erweiterte Medizin). Außerdem Wissenschaftlerin am Institut für Sexualwissenschaft, UKE. Unterricht in Rudolf Steiner Schulen zum Thema Sexualität, Weiblichkeit, Schwangerschaft und Geburt.
Dr. med. Jost Christian Deerberg, geb. 1969, 1 Kind und zwei Zweittöchter, seit 2005 niedergelassener Kinderarzt in privater Praxis in Altona/Ottensen. Ebenfalls seit 2005 Schul- und Kindergartenarzt in den Rudolf-Steiner Schulen Altona und Wandsbek. Dozent in der berufsbegleitenden Ausbildung zum Heilpädagogen. Vortragstätigkeit.

Christine Pflug: Von wem werden Sie eingeladen, und wie gestaltet sich der äußere Rahmen Ihres Unterrichtes?

Simone Hoffmann: Bisher verläuft das noch ungeordnet. Wir arbeiten zur Zeit an einem Vorschlag für ein Konzept – denn bisher ist das Thema „Sexualität“ an den Waldorfschulen nicht verankert. Irgendwo entsteht der Bedarf an professioneller Aufklärungsarbeit in einer Klasse. Und dann werden wir angesprochen. Je nach Fragestellung kommen wir dann zu zweit oder auch alleine.

Dr. med. Jost Christian Deerberg: Der Ablauf ist normalerweise so, dass von Lehrer, Eltern oder Schülern der Impuls ausgeht, bestimmte Aspekte der Sexualität zu thematisieren. Dann werden wir als Ärzte angesprochen. Meistens findet zunächst ein Elternabend statt, dann wird der Unterricht geplant. Mehr als 2 – 4 Unterrichtsstunden haben wir leider selten.

Simone Hoffmann: Wenn wir dann als Mann und Frau in den Unterricht kommen, können wir uns aufteilen: Zuerst schauen wir uns gemeinsam das Allgemeine an, und dann trennen wir nach Jungen und Mädchen, um spezielle Fragen zu besprechen, die dann oft auch sehr schnell persönlich und individuell werden. Ich bin nicht dafür, so etwas wie den weiblichen Zyklus nur mit den Mädchen zu besprechen: Das geht alle etwas an. Aber die Qualität, die Gespräche bekommen, die Dringlichkeiten, sind anders, wenn man nur die Jungs oder nur die Mädchen unterrichtet.

der Umgang mit den sich verändernden Körpern ist eine echte Herausforderung

C. P.: Warum werden Sie in eine Klasse gerufen?

Dr. med. Christine Klemm: Von den Eltern kommen Fragen über das soziale Miteinander zwischen Mädchen und Jungen in der Pubertät, aber auch Konkurrenzsituationen von Mädchen untereinander werden mit Sorge gesehen. Der Umgang mit den sich verändernden Körpern ist eine echte Herausforderung; manchen Jugendlichen gelingt das gut und sie wirken sehr souverän, für andere wiederum ist dies (noch) gar kein Thema, einigen fällt es sichtlich schwer. Möglicherweise sorgen sich besonders Mädcheneltern um sich entwickelnde Magersucht.

J. Deerberg: Werden wir „gerufen“, geht es im Prinzip um sexuelle Aufklärung. Einmal wurde ich beispielsweise vor der Klassenreise der 8. Klasse, also für Schüler im Alter von 14 – 15 Jahren, gebeten noch schnell den Schülern zu erklären, wie „gefährlich“ sexueller Kontakt ist, d. h. dass Sex zu Schwangerschaften führen kann und wie man verhüten soll. Das war vor allem ein Anliegen der Eltern.

C. P.: Welche Fragen stellen Ihnen die Schülerinnen und Schüler?

C. Klemm: Sie haben Fragen zu vielen Themen: Schwangerschaft und Geburt; HIV, Verhütung, warum Zwillinge gleich aussehen, ob sie an verschiedenen Tagen geboren werden können etc. Es werden manchmal sensationelle oder auch verrückte Sachen gefragt – einfach, weil jemand Kompetentes da ist, der das beantworten kann. Das Interesse an der Entwicklung menschlichen Lebens ist riesengroß.

J. Deerberg: Angst ist ein großes Thema, z.B. die Angst vor einer Schwangerschaft (die ja meistens erstmal die Angst der Eltern ist). Da stößt man gleich auf ein Paradoxon, mit dem wir es zu tun haben: Wir sprechen von etwas Wunderschönem, von dem wir alle abstammen und was elementar wichtig ist und auf der anderen Seite mit großen Ängsten belegt ist.

S. Hoffmann: Solche Ängste sind ja einerseits traurig, aber eben auch berechtigt. Ich erlebe in meiner Praxis monatlich zwei bis vier unter 15 Jahre alte Mädchen, die schwanger sind. Und eigentlich alle entscheiden sich für einen Schwangerschaftsabbruch. Früh ausgelebte Sexualität ist in unserer Zeit sehr präsent – aber die mögliche Folge, nämlich als Jugendliche Mutter zu werden, ist in unserer Gesellschaft ein großes Stigma, das vom Umfeld in der Regel nicht getragen wird. Die vielen Teenagerschwangerschaften machen auch deutlich, dass übliche Aufklärungsmedien, z. B. die „Bravo“, auch viele Elternhäuser, entscheidende Dinge oft nicht vermitteln können.

Sicherheit auf Rezept statt Vertrauen und Information

Ich erlebe in meiner Mädchensprechstunde viele Mütter, die mit ihrer Tochter nach dem 13. Geburtstag zum Frauenarzt geben, um ihr die Pille verschreiben lassen, egal ob die Tochter überhaupt schon sexuelle Kontakte hat. Also: Sicherheit auf Rezept statt Vertrauen und Information. Das halte ich auch für dramatisch und einen wichtigen Grund für unseren Unterricht.

C. P.: Sind die Schüler der 8. Klasse nicht aufgeklärt?

die Zahl der Teenagerschwangerschaften steigt stark an

Dr. Christine Klemm: Sie sind technisch aufgeklärt darüber, wie es zur Schwangerschaft kommt. Das reicht aber nicht immer, um im konkreten Fall das theoretische Wissen über Verhütung in die Tat umzusetzen – schließlich geht es ja bei einer ersten intimen Begegnung um besonders aufregende Empfindungen und nicht in erster Linie um einen technischen Vorgang. Gerade weil Sexualität in den Medien eine so große Rolle spielt, haben Jugendliche (und Erwachsene oft nicht anders!) ein Gefühl, wie „es sein muss“, und das ist eine Belastung. Die Verhütung macht alles noch komplizierter, und trotzdem sind es nur 12% der Mädchen und 15% der Jungen, die beim ersten Mal gar nicht verhüten (BZgA, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung). Die meisten Jugendlichen gehen verantwortungsbewusst mit ihrer Sexualität um, doch steigt die Zahl der Teenagerschwangerschaften laut der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung BZgA stark an.

J. Deerberg: Die Schüler kennen alles – wirklich alles – über die sogenannte Straßenaufklärung. Das geht von Mund zu Mund. Sie kennen jedes Jargonwort, aber haben kein inneres Erleben von dem sie sprechen, und es verschafft ihnen auch keinen Zugang zur Sexualität. Noch weniger verschafft es ihnen einen Zugang zu Partnerschaft und Beziehung … . Meistens sind die Kinder und Jugendlichen noch nicht von einer kompetenten Person „aufgeklärt worden“, also ohne Hemmungen mit diesem Thema konfrontiert worden – und dieses Thema ist eben viel größer – als „nur“ Sexualität.

C. P.: Auf welchem Wertehintergund sehen nach Ihrer Wahrnehmung die Jugendlichen das Thema Sexualität und Schwangerschaft?

J. Deerberg: Die letzte Shell-Studie von 2006 besagt, dass die Werte der Jugend sehr moralisch, bis hin zu konservativ sind: Wenn man zum ersten Mal mit jemand schläft, will man ihn lieben und mit ihm in einer guten und festen Beziehung stehen.

C. Klemm: Wenn man sie fragt, wollen sie später fast alle Kinder haben. Doch besonders für Frauen scheint dieser Wunsch nach Ausbildung und ersten Berufsjahren nicht so einfach zu verwirklichen zu sein – ein Fünftel der heute 40-49jährigen Frauen hat keine Kinder, bei Akademikerinnen in Westdeutschland sind es sogar 42%. Es passiert da also etwas auf dem Weg in die Erwachsenenzeit. Mir ist wichtig, Aufklärung so zu vermitteln, dass sie einerseits vor ungewollten Schwangerschaften bewahrt. Andererseits ist es schade, wenn sie so ins Blut übergeht, dass dann auch später Kinder eher als Gefahr, nicht als Bereicherung für die Biographie erlebt werden und der Mut sinkt, Elternschaft und die individuelle Entwicklung miteinander vereinen zu können. Die Frage ist doch: Wie kann ich selbst gestalten, wann, mit wem und unter welchen Umständen ich Kinder bekommen will?

S. Hoffmann: Genau. Und dazu gehört auch, zu vermitteln, dass Kinder bekommen ein Geheimnis ist, dass man nur bedingt planen kann. Jedes siebte Paar bleibt ungewollt kinderlos. Heute ist nur jede dritte Schwangerschaft, die in Deutschland entsteht, geplant. Kinder kann man nicht „machen“ – das ist vielen nicht bewusst.

C. P.: Ist Ihr Unterricht offiziell im Lehrplan enthalten?

nur 24 % der Männer vor dem 25 Lebensjahr ziehen aus dem Elternhaus aus

J. Deerberg: Es geht uns momentan darum, dass für jede Schule ein Konzept erarbeitet wird, bei dem die Lehrer dahinter stehen, mit der Unterstützung der Eltern. Aber es gibt noch kein allgemeines Konzept, wir schaffen mit unserer Unterrichtspraxis die Anfänge eines Bewusstseinsprozesses, der alle betrifft: Lehrer, Eltern und Schüler. Unser Unterricht ist häufig in die Biologie- und Menschenkundeepochen integriert. Meine Meinung ist, den Unterricht nicht „Sexualkunde“ zu nennen, sondern „Beziehungskunde“. Sexualität ist ein spezielles Phänomen der Beziehung zwischen zwei Menschen. Man muss mit den jungen Menschen ganz stark an der Beziehungsseite lernen und üben. So fordert, wie eben schon einmal erwähnt, Prof. Dr. Klaus Hurrelmann, der Soziologe in Bielefeld, eine Lebenskunde an Schulen. Prof. Hurrelmann bezieht sich auf die Tatsache, daß nur 24 % der Männer vor dem 25 Lebensjahr aus dem Elternhaus ausziehen!!

C. P.: Wie wird der Sexualkundeunterricht an Staatschulen gemacht?

S. Hoffmann: Die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung stellt Material zur Aufklärung zur Verfügung, das man sich im Internet bestellen kann. Das am häufigsten verwendete Instrument ist der sog. Verhütungskoffer, in dem verschiedenste Verhütungsmittel enthalten sind. Beispielsweise gibt es darin Kondome, und jeder darf dann mal ein Kondom aufrollen über einen Holzstab. Das ist auch nicht verkehrt, und die Schüler sind trotz Gekicher froh, das einmal erklärt zu bekommen. Aus meiner Praxis weiß ich, dass viele das nicht wissen.

Das Wissen ist zwar zugänglich, aber es wird sehr selektiv wahrgenommen

C. P.: Es ist doch erstaunlich, was in unserer mit Informationen beladenen Welt alles nicht gewusst wird!?

S. Hoffmann: Das sind Punkte, die können einem regelrecht weh tun: Das Wissen ist zwar zugänglich, aber es wird sehr selektiv wahrgenommen. Was fast alle Leute – jung wie alt – wissen z. B., wie häufig Männer und Frauen miteinander schlafen, wie alt man im Durchschnitt beim ersten Mal ist, wie man sich richtig die Schamhaare rasiert usw. Diese „Leistungsmerkmale“ werden stark wahrgenommen und sind auch präsent – aber denen entspricht kaum ein Jugendlicher und auch kein Erwachsener.
Deshalb frage ich mich, ob man unseren Unterricht nicht doch Sexualkunde nennen muss: Beziehung ist ein großes Thema und wird auch im Deutschunterricht usw. behandelt. Aber da gibt es bisher einen Bruch: Ein pädagogischer Zugang über diese bestimmte Beziehung, die wir „Sexualität“ nennen und die für Biographien zentral ist – z. B. gäbe es uns nicht, wenn unsere Eltern diese bestimmte Beziehung nicht vor Jahren eingegangen wären –, wird bisher kaum als schulische Aufgabe angenommen.

J. Deerberg: Mein Anliegen ist, dass man dieses Thema – und jetzt zitiere ich Christian Breme – nicht von „unten nach oben“, sondern von „oben nach unten“ vermittelt. Von unten nach oben wäre, dass man auf der technischen Ebene von Sexualität schaut, wie die Mechanik und die Biologie funktioniert und wie man auf dieser Ebene verhüten kann. So arbeitet hauptsächlich Pro Familia; sie verlieren den Beziehungsaspekt nicht aus dem Blick, aber der Schwerpunkt liegt auf den Techniken und auf dem Vermitteln von Wissen. Es gibt Studien darüber, dass nach 30 Jahren Aufklärungsunterricht in Deutschland, also nach den 70-er Jahren das Wissen der Jugendlichen danach stagnierte: 20% haben ein abrufbares Wissen und die restlichen 80% wissen immer noch nicht, wann eine Frau fruchtbar ist, wie man Kinder gebärt etc. Deshalb finde ich, dass dieses Prinzip „von oben nach unten“ bei dem Thema „Beziehung“ beginnt und dann zu dem Spezialfeld Sexualität kommt.
Wenn wir in die Schulen kommen, ist das frühestens in der 5. Klasse, also bei 11-jährigen, und die Schüler sind mit einer erwachenden Sexualität konfrontiert. Auch in der 8. Klasse haben die meisten noch keine sexuellen Erfahrungen. Man ist also immer noch in dem Bereich: Wie kommt es überhaupt zu so einer Begegnung? Erst wenn das im Ansatz geklärt ist und z. B. die Besonderheiten von Frau und Mann, auch im Seelischen, angesprochen sind und ein Staunen im Raum entstanden ist, lassen sich die Details begründet über Anatomie, Physiologie, wie z.B. den weiblichen Zyklus und Hormone vermitteln.

C. P.: Wir haben in den letzten Jahrzehnten enorme Umschwünge in den moralischen Werten in Bezug auf Sexualität erlebt. Noch bis in die Nachkriegszeit bekam man als Mädchen von den Eltern vermittelt, man müsse als Jungfrau in die Ehe gehen, ab den 68-ern gab es dann Parolen wie „Wer zweimal mit der Selben pennt, gehört schon zum Establishment“. Ab den 80-ern tauchte AIDS auf, und dieser liberale Umgang wurde eingeschränkt, aus Angst vor Ansteckung. Wie kommen die Jugendlichen heute zu ihren Werten?

Die SchülerInnen haben einen inneren Zugang zu dem, was falsch oder richtig sein könnte

S. Hoffmann: Ich habe eine Situation erlebt, die mich sehr berührt hat. In der 12. Klasse habe ich über verschiedene Arten, geboren zu werden erzählt, auch darüber, wie Kinder mit einem geplanten Kaiserschnitt zur Welt kommen. Es ging dann schnell um die Frage: Wer legt dafür eigentlich den Termin fest? Es hat die Schüler sehr bewegt und empört, dass ein Krankenhaus so einen Termin einfach nach organisatorischen Gesichtspunkten plant, anstatt danach zu fragen: Wann ist eigentlich für dieses Kind der richtige Moment, um geboren zu werden? In solchen Momenten spürt man: Die SchülerInnen haben einen inneren Zugang zu dem, was falsch oder richtig sein könnte. In solchen Momenten werden dann auch Werte formuliert, die etwas ganz Großes haben und weit über die eigentlich besprochene Situation hinaus gehen. Es geht nicht um Werte wie „kein Sex vor der Ehe“, sondern darum, was Liebe ist, was Menschsein bedeutet und wie man dies mit Leben füllen kann. Und natürlich geht man aus solchen Unterrichtsstunden ganz anders heraus, als man hinein gegangen ist: sehr dankbar, sehr beglückt. Denn diese Sicherheit muss man sich ja sonst immer wieder erarbeiten – und hier kriegt man sie einfach geschenkt.

J. Deerberg: Die Statistiken besagen, auch bei den Erwachsenen, dass die Deutschen immer die Familie an erste Stelle setzen. Das sind die gleichen Deutschen, die sich dann zu 50% scheiden lassen. Darin steckt schon die Antwort: Die Jugendlichen spüren diese Ideale immer mehr, aber nicht weil sie gegeben sind, sondern weil sie fehlen. So wie wir uns nach Familie sehnen, nach Sicherheit, Geborgenheit und Liebe, aber keiner weiß, wie man das erreichen kann – wir müssen das Feld vollständig neu entwickeln.
In den 68-ern wollte man sich von dem Muff der Traditionen befreien. Es wäre schön, wenn man den Jugendlichen heute dabei helfen könnte, aus ihren Idealen heraus ihren Lebensweg zu finden und nicht dem Druck zu erliegen, dass man beispielsweise mit 15 Jahren entjungfert sein muss. Heute stehen wir kulturell mit der Sexualität in einem Gleichmaß zwischen Euphorie und Depression – die sexuelle Revolution der 68’er ist vorbei und die Panik vor AIDS ist abgeflaut und einer nüchternen Betrachtung der Gefahren gewichen. Und somit haben wir die Möglichkeit einen eigenen Weg zu finden.

C. P.: Was ist Ihnen selbst ein Anliegen in Ihrem Unterricht?

S. Hoffmann: Als ich nach einem zentralen Bild gesucht habe, was mir für diesen Unterricht wichtig ist, fielen mir die 12- bis 14-jährigen Mädchen ein, die von ihren Müttern zur Frauenärztin gebracht werden. Normalerweise – ich handhabe das etwas anders – kommt dann gleich die erste gynäkologische Untersuchung und dann das Pillenrezept. Ab dann werden sie alle 6 Monate zur „Kontrolle“ einbestellt. Es entsteht eine Selbstverständlichkeit, dass die Sexualität, die Fruchtbarkeit und die intimen weiblichen Organe pharmakologisch – also durch die Pille – reguliert werden müssen, dass sie kontrollbedürftig sind und immer wieder von Ärzten unter die Lupe genommen werden müssen.
Dem möchte ich rechtzeitig etwas entgegen setzen: Freude und Sicherheit mit dem eigenen Körper, Langsamkeit und Entdeckerfreude in intimen Beziehungen. Wissen, auf das man vertrauen kann, statt Gefahren, die drohen. Genug innere Wachheit, um im Guten miteinander zu schlafen…

C. Klemm: Die Jugendlichen sind in diesen Momenten, das eigene Leben zu gestalten, sehr alleine. Es gibt so viele Freiheiten und man weiß nicht wohin. Der Ansatz der Feministinnen, sich mit dem eigenen Körper auszukennen und ein Wissen über ihn zu haben, ist heute verloren. Es geht nicht mehr darum, den eigenen Körper kennen zu lernen, um mit ihm als Werkzeug, so wie er eben ist, das Leben zu gestalten und auch anderen Menschen zu begegnen bis hin zur Sexualität. Im Gegenteil sieht es für viele junge Menschen heute eher so aus, dass der Körper, so wie er ist, korrigierungsbedürftig ist, eben nach den Vorlagen aus Film, Fernsehen, Zeitschriften, Internet. Jeden Tag in der Hamburger U-Bahn kann man Werbung dafür sehen, den Körper der jeweils aktuellen Norm entsprechend zu verändern, von der Komplettkörperenthaarung bis hin zur Chirurgie der weiblichen Geschlechtsorgane (z.B. Beschneiden der inneren Schamlippen, die oft unterschiedlich „lang“ sind). Die Hochachtung vor dem Körper als „Tempel Gottes“ und damit die Sicherheit, richtig zu sein, so wie man ist, ist vielen Menschen ganz verloren gegangen. Wir leben in einer sehr visuell betonten Kultur. Gerade in der Sexualität geht es aber auch um andere, letztlich um alle Sinne, nicht nur darum „wie sieht es, wie sehe ich, aus?“

die Fixierung auf das Visuelle und der Wunsch, körperlich Normen zu entsprechen, will ich mit den Schülern gemeinsam kritisch ansehen

Als Menschen machen wir die Reise der Menschheitsentwicklung im Kleinen noch einmal. In der Pubertät wird die Begegnung dringend gesucht, als erwachendes Weltinteresse und natürlich auch mit anderen Menschen, auch mit dem anderen Geschlecht. So gibt Rudolf Steiner für dieses Lebensalter z. B. an, dass ein spannender Unterricht, der die Lust der Jugendlichen auf die Welt weiter fördert und befriedigt, vor zu starkem und zu frühen Eintauchen in das erotische Erleben bewahren kann. Für den Lebensweg, für Arbeit und für die Begegnung mit anderen Menschen brauchen wir alle Sinne, nicht nur das Auge. Das „Wie sehe ich aus?“ und die Konzentration auf alles Visuelle ist heute für viele Menschen eine echte Hürde, die Welt und andere Menschen auch mit anderen Sinnen zu begegnen und dadurch eine umfassendere und tief befriedigende Empfindung zu bekommen, sei es in der Sexualität, in Beziehungen, bei der Arbeit etc…. Für den „Sexualkunde“- oder Lebenskundeunterricht halte ich es daher für wichtig, die Fixierung auf das Visuelle und den Wunsch, körperlich Normen zu entsprechen, mit den Schülern gemeinsam kritisch anzusehen.
Die Schüler sind dann oft sehr offen für das Wunderbare, das sich auch im Körperlichen des Menschen, in der Entwicklung zeigt.

J. Deerberg: Mir ist ein Anliegen eine Stimmung zu schaffen, die den Schülerinnen und Schülern die Möglichkeit gibt mit ganz neuen Augen auf dieses Thema menschlicher Beziehungen zu schauen: So könnte – ein Gedanke von Henning Köhler aufgegriffen – der oben erwähnte Bewusstseinsprozeß dazu führen, Sexualität und Liebe als eine Kraft zu erleben, die zwei Menschen miteinander verbindet, die sie erfahren dürfen, die sie teilen – und jetzt kommt das Neue: durch welche sie sich selbst ein Stück näherkommen, d. h. ihrem wahren Ich! Das ist ein revolutionärer Gedanke, den Henning Köhler etwa so formuliert: „Du bist das Subjekt meiner Liebe“ – und nicht das Objekt – und ich ergänze!

Literatur:
Simone Hoffmann: Verhütung, Zyklus, Kinderwunsch; Knauer, Mens sana 2007. 6,95 im Buchhandel
Bart Maris Buch über Sexualkunde in der Waldpädagogik; Hrsg. Bart Maris/ Michael Zech: 1. Aufl. 2006 in Edition Waldorfschulen
Henning Köhler: „Eros als Qualität des Verstehens – über das erotische Erwachen im Jugendalter und den gemeinsamen Ursprung von Kreativität und Zärtlichkeit“ FIU-Verlag 1998
Christian Breme: siehe die Homepage von C. Breme unter www.ikaros.cc.
Merkblätter zur Pille etc. unter www.gaed.de und genau unter www.gaed.de/fileadmin/gaad/PDF/Aktuelles/Merkbl%C3%A4tter/Merkblatt-Pille.pdf
Prof. Dr. Klaus Hurrelmann: Hamburger Abendblatt vom 3.1.2009:
Shell Jugendstudie 2006 im Fischer Taschenbuch Verlag oder unter www.shell.de/jugendstudie