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09/2019

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150 Jahre Rudolf Steiner

Was war, was ist, wie weiter?

Gespräch mit Birgit Philipp, Felicia Lampson, Joachim Heppner, Michael Werner

Am 27. Februar 1861 wurde Rudolf Steiner in Kraljevec, im heutigen Kroatien, geboren. Vieles, was er angeregt hatte, ist inzwischen über 100 Jahre weiterentwickelt worden; einiges hat erfolgreich Zugang in breiten gesellschaftlichen Kreisen gefunden, anderes wirkt erstarrt. Unbestritten spielt Rudolf Steiner eine große Rolle in biografischen und alltäglichen Auseinandersetzungen bei denjenigen, für die er wichtig ist.
Alles Anlass genug, um innezuhalten und sich zu fragen: Wie kann man Anthroposophie vergegenwärtigen? Sind wir Anthroposophen bereit zur Innovation, zur Veränderung und zu fragen, ob das Bisherige jetzt noch passt und weiterführt? Gibt es eine neue Generation, die Anthroposophie auf andere Weise realisieren möchte? Was sind die Quellen für eine neue Lebendigkeit?
Das alles sind Fragen, denen die Betreffenden im folgenden Gespräch mehr auf eine Weise des Suchens als Antwortens nachgehen.

Gesprächspartner/innen:

Birgit Philipp
Birgit Philipp

Birgit Philipp, geb. 1961, Buchhändlerin, tätig gewesen in verschiedenen anthroposophischen Buchhandlungen.

Felicia Lampson
Felicia Lampson

Felicia Lampson, geb. 1987, ehem. Waldorfschülerin, Abitur 2007, seit 2008 Lehramtsstudium an der Uni Hamburg mit den Fächern Mathematik und Französisch.

Joachim Heppner
Joachim Heppner

Joachim Heppner, geb. 1954, Leiter der Kunstakademie Hamburg, daneben verantwortlich tätig in der Anthroposophischen Gesellschaft im Rudolf Steiner Haus und in der Freien Hochschule für Geisteswissenschaft.

Michael Werner
Michael Werner

Michael Werner, geb.1964, im ersten Beruf Schreiner; 1989-1993 Eurythmiestudium in Hamburg, seit 15 Jahren Eurythmielehrer in Hamburg-Bergstedt. Daneben Berater und Coach für Organisationsentwicklung. Gemeinsam mit Matthias Bölts gründete und leitet er seit 1994 den „Zweig am Montag“ in der Anthroposophischen Gesellschaft und gibt regelmäßig Einführungskurse in Anthroposophie. 2008 Gründung und Aufbau von 4.D, der Eurythmieausbildung in Hamburg.

Christine Pflug: Welche Bedeutung hatte Rudolf Steiner für Eure Biografie?

Joachim Heppner: Ich bin nicht in einem anthroposophischen oder „Waldorf“-Umkreis aufgewachsen, sondern komme aus dem tiefsten Altona, wo keiner eine Ahnung von so etwas hatte. Ich selbst hatte aber immer die Gewissheit, dass ich eine vorgeburtliche Vergangenheit habe. Als junger Mensch hatte ich Wehrdienst verweigert, damals noch mit Gerichtsverhandlung, und in dieser Zeit bin ich für innere Impulse aufgewacht. Ich lernte die Anthroposophie kennen, und das war für mich ein Wiederkennen von etwas, was ich schon in mir trug. Rudolf Steiner war dann für mich eine Art von Orientierung– als Lehrer und Freund, Mut machend, Hilfestellung gebend für mein geistiges Suchen, meinen Lebensweg und die Impulse die ich verwirklichen wollte. Das wurde mir vermittelt durch das Lesen von Büchern, vor allem aber durch Menschen. Ich lernte 1976 das Steiner Haus kennen, selbst hatte ich lange Haare bis über die Schultern und war dort ein Exot aus einer anderen Welt; wäre mir die Sache nicht wichtig gewesen, wäre ich nie geblieben. Man konnte damals an den Menschen sehr viel Kurioses und Eigentümliches finden, und trotzdem leuchtete immer auch eine Suche nach Schicksal, Geistwelt und Impulse für die Zukunft durch. Das hat mich damals – gerade bei den jüngeren Menschen – begeistert. Es gab dann in den 80-ger Jahren eine Gruppierung von jüngeren Menschen, die mit einer gewissen Revoluzzer-Mentalität das Steiner-Haus übernehmen wollten. In der Folgezeit entstanden in Hamburg viele Initiativen, z. B. die Forum-Initiative, das Seminar für Anthroposophie, die Kunstschule, die Ottensener Brücke, der Hinweis, das Musikseminar etc. Inzwischen sind wir selber in die Jahre gekommen, und ich hoffe, dass wir nicht unbemerkt selber kurios und eigentümlich geworden sind.

Birgit Philipp: Ich bin nicht unmittelbar in anthroposophischen Zusammenhängen aufgewachsen, war nicht in einer Waldorfschule, wurde aber in der Christengemeinschaft konfirmiert. Als ich Buchhändlerin werden wollte, sollte das nach meinen damaligen Vorstellungen in einem absoluten Alternativladen – mit rororoneue Frau etc. – sein, also mit einer gedanklichen Auseinandersetzung über politische und gesellschaftliche Themen. Ich wurde aber an eine andere Buchhandlung verwiesen mit dem Hinweis: „Da bekommst du eine richtig gute Ausbildung.“ Und das war die klassisch-anthroposophische Buchhandlung Engel in Stuttgart Engel. Das war damals eine Schulung für mich: Durch die Kunden und die Atmosphäre im Laden war eine tiefe Auseinandersetzung und ein ernstes Interesse an den Gedanken Rudolf Steiners spürbar. Das hatte mich berührt. So kam dann auch ich in die Auseinandersetzung mit Rudolf Steiner. Ich spürte, das ist ein Denker, dem ich begegnen kann, der mir die Zusammenhänge nicht absolut hinstellt, sondern mich frei lässt, so dass ich an ihm lernen und mich gedanklich schulen kann. Im Gegensatz zu anderen Philosophen fühlte ich mich auch seelisch aufgefordert.

Michael Werner: Ich bin in der Schweiz und in Holland aufgewachsen, und zwar in Dornach und hatte dort eine schöne und relativ normale Jugend. Mich hat damals alles, was „die auf dem Hügel“ so machten, mehr amüsiert als interessiert. Durch meine Familie gab es immer eine Konstante Beziehung zur Anthroposophie und zu Rudolf Steiner. Ich selbst habe mich für Rudolf Steiner mit 16 Jahren selbst angefangen zu interessieren, da ich mit dem Tod von Freunden in meiner Umgebung konfrontiert war. Mit ungefähr 13 Jahren las ich mein erstes Buch: „Wie erlangt man Erkenntnisse höherer Welten“ in zwei Nächten durch, fand es irgendwie stimmig, und das war es dann auch erst mal. Das war für mich das schriftliche Tor in das geistige Gebäude der Anthroposophie. Menschlich fand ich etwas später einen Zugang über Jörgen Smit, der damalige Leiter der Pädagogischen- und der Jugendsektion. Er war ganz anders als all die anderen damaligen Vorstandsmitglieder, die ich vom sehen, aber nicht persönlich kannte. Er hatte beispielsweise immer Zeit für mich, alle anderen machten auf mich den Eindruck, nie Zeit zu haben. Der wesentliche Zugang zur Anthroposophie kam für mich durch Menschen, die mich begeisterten und überzeugten. Ich hatte damals weniger Zugang zum philosophischen Teil der Menschen, das fand ich manchmal abgedreht und etwas trocken. Aber Menschen mit Kraft und Power, die vom Herzen kam, konnten mich beeindrucken. Mit Jörgen Smit konnte ich mich stundenlang auch sehr philosophisch über meine eigenen, existentiellen Fragen unterhalten, und wir haben sehr viel gelacht dabei!

C. P.: Felicia, du bist in einem anthroposophischen Umfeld und Elternhaus aufgewachsen und hast die Steiner Schule besucht. Hast du diesen Hintergrund für dich immer als selbstverständlich erlebt?

Felicia Lampson: Ich kannte nie etwas anderes. An der Uni erlebe ich jetzt eine Welt, die überhaupt nicht von der Anthroposophie geprägt ist, und so kann ich das bisher Gewohnte mit Abstand betrachten. Die Inhalte, die man in der pädagogischen Fakultät lernt und der Umgang der Professoren mit den Studenten sind natürlich anders als an der Waldorfschule. Viel kühler und distanzierter auf der einen Seite, aber auch angenehm strukturiert.

immer ein lebendiges Geben und Nehmen

C. P.: Wie siehst du aus diesem Abstand heraus die Waldorfpädagogik?

F. Lampson: Die sehe ich jetzt sehr positiv. Es geht um die konkreten Menschen und darum, wie sie in der Welt stehen. So habe ich mich schon als Schülerin angesprochen gefühlt. Ich unterrichte gerade als Aushilfe in der 11. Klasse der Rudolf Steiner Schule Harburg. Es macht mir großen Spaß, Lehrerin in meiner alten Schule zu sein. Ich finde diese Schule toll! Was ich dort erlebe hat so wenig mit abstrakter Pädagogik zu tun, es ist immer ein lebendiges Geben und Nehmen zwischen Lehrern und Schülern und zwischen den Kollegen.
In der Uni lerne ich jetzt eine sehr theoretische Pädagogik kennen, was auch interessant ist, und ich bin gespannt, was mir die Kenntnis der verschiedenen Lerntheorien für mein späteres Unterrichten bringen wird.

C. P.: Und das ganze anthroposophische Leben einer Familie mit Kindern erlebt – kannst du darüber jetzt auch schon etwas sagen?

F. Lampson: Jetzt, wo ich quasi wie aus der Kindheit aufgewacht bin, merke ich, was früher um mich herum war. Es war eine schöne Welt. Die Jahresfeste, der Geruch des Klassenzimmers mit seinem Jahreszeitentisch und seinen ganzen Farben – das hatte und hat auch heute noch einen starken Einfluss auf mich.
Trotzdem ist es mir persönlich wichtig, Abstand dazu zu bekommen und alles von außen anzuschauen. Auch möchte ich erst mal keine Steiner-Vorträge lesen, sondern über Dinge urteilen, wie ich es selbst gerade denke.

eine anregende und präsente Kraftquelle

M. Werner: An der Baseler Waldorfschule bekam ich vielfältige Anregungen und Ermutigungen, meine Interessen und Anliegen zu verfolgen. Im Nachhinein blieben insbesondere die Klassenspiele, Choraufführungen, Praktika und die Jahresarbeiten hängen. Besonders einzelne, von mir geschätzte Lehrer machten auf mich einen tiefen und nachhaltigen Eindruck. Meine Schulzeit ist für mich heute noch eine anregende und präsente Kraftquelle, auf die ich in meinem beruflichen Alltag nicht verzichten könnte.
Erst nach meiner Schulzeit habe ich mit Erstaunen wahrgenommen, dass es auch Schulen gibt, wo man nicht als Mensch angesprochen wird, sondern nur die erbrachten Leistungen gelten.

C. P.: Könnt Ihr skizzieren, was Rudolf Steiner heute, in der Gegenwart, für Euch bedeutet?

Werke Steiners in der Kontrastierung mit zeitgenössischen Künstlern

M. Werner: Mir ist im Hinleben auf dieses Interview aufgefallen, dass ich persönlich Rudolf Steiner als Mensch sympathisch finde. Einfach so! Ich verdanke ihm viel: meinen fantastischen Beruf als Eurythmielehrer und Ausbilder! Und zum zweiten gibt es für mich eine Zeit vor und nach Wolfsburg.

(Ausstellung in 2010. Text aus dem Internet-Archiv des Museums: „Mit der Ausstellung „Rudolf Steiner und die Kunst der Gegenwart“ werden das Kunstmuseum Wolfsburg und das Kunstmuseum Stuttgart die Verbindungen und Resonanzen sichtbar machen, die im Werk zeitgenössischer Künstler zur Gedankenwelt Rudolf Steiners bestehen. In ausgewählten Werkpräsentationen und eigens konzipierten Installationen nähern sich Künstler wie Meris Angioletti, Joseph Beuys, Tony Cragg, Olafur Eliasson, Helmut Federle, Katharina Grosse, Anish Kapoor und Giuseppe Penone der ästhetischen und philosophischen Weltsicht Steiners an. Überraschende Verbindungen und unerwartete Perspektiven werden offengelegt, die die Ästhetik Steiners in einem neuen, aktuellen Licht erscheinen lassen. Dabei interessiert an Steiner nicht dessen Kunstlehre oder seine Position innerhalb der anthroposophischen Bewegung, sondern sein ganzheitliches, kreatives Denken, das der Realität des Geistes und der Präsenz des Unsichtbaren Form und Ausdruck gegeben hat.“
„… Bedeutende Künstler, angefangen von Wassily Kandinsky über Piet Mondrian bis zu Joseph Beuys, haben sich immer wieder mit der universellen Ideenwelt von Rudolf Steiner beschäftigt und daraus wertvolle Impulse für ihre Arbeit bezogen. Mit Beginn des 21. Jahrhunderts erhält diese Verbindung durch das steigende Interesse von Gegenwartskünstlern an Steiner eine neue Brisanz. Gleichzeitig erlebt das ganzheitliche Weltbild wie das von Steiner vor dem Hintergrund lebhafter Debatten über ökologische Verantwortung, religiöse Sinnsuche und über ein aus den Fugen geratenes Wirtschaftssystem wieder stärkere Beachtung. In einem ersten Teil behandelt die vom Vitra Design Museum zusammengestellte Ausstellung „Die Alchemie des Alltags“ das Wirken dieses bedeutenden Reformers im 20. Jahrhundert in Architektur, Design, Kunst und Gesellschaft. Sie ist die weltweit erste umfassende Retrospektive Steiners außerhalb eines anthroposophischen Kontextes.“)

Das war für mich wie: Vorhang auf – und dann begann ein neuer Akt und eine längst überfällige Debatte zum Thema! Bis dahin war mir nicht bewusst, dass so viele international renommierte Künstler und Kuratoren sich so eingehend mit Rudolf Steiner beschäftigen, und zwar in einer autonomen Art. Ich fand dort Werke Steiners in der Kontrastierung mit zeitgenössischen Künstlern sehr überzeugend und inspirierend präsentiert. Im Museum stand ich auf einmal vor Stühlen, auf denen ich als Kind viel gesessen und die ich als Schreiner bereits repariert hatte – ein abgefahrenes Erlebnis! Für mich war etliches dort ein Eye-opener, z. B. der Ausspruch von Tony Cragg „Denke an ein zwanzigstes Jahrhundert ohne Rudolf Steiner- das wäre eine Katastrophe“. Das sagt ein international arbeitender Künstler über Rudolf Steiner!

sie stellen ihn auf ein Podest

Für mich persönlich ist das Wesentliche an Rudolf Steiner seine Rolle als Ideen- und Impulsgeber. Er bearbeitete Themen, die mich heute auch interessieren, und hat einige originelle Ansätze, die mir sehr einleuchten. Er wirkte wie ein „Kraftwerk“ seit dem Beginn des 20. Jahrhunderts. Genau in diesem Zeitfenster, als in der Kultur Europas eine neue, offene Dynamik entstand, die bis heute international weiterwirkt und vielfältige Innovationen in Schulen, Banken, auf Höfen, Krankenhäusern etc. auslöste und Teil der heutigen Zivilgesellschaft ist, trat er mit seinem ungeheuer dynamischen Denken auf. Im Gegensatz dazu wundert mich, wie einige Anthroposophen bis heute mit Rudolf Steiner umgehen: Sie verehren ihn, stellen ihn auf ein Podest, gehen teilweise völlig unkritisch mit seinen Aussagen um, kennen seine Zeitumstände und die damit verbundenen ästhetischen und intellektuellen Stilprägungen nicht, leben in einer dualen Welt von „wir“ und „die“… Aber zum Glück ist das in den letzten Jahren deutlich weniger geworden und eine neue Steiner-Verarbeitung aufgekommen. Viele Menschen ringen heute um eine individuelle, geistige Entwicklung und manche viel ausgeprägter als in einigen anthroposophischen „Zirkeln“. Ich selbst habe z.B. das Meditieren im Rahmen meiner Beraterausbildung gelernt; während des Eurythmiestudiums war damals noch nicht die Rede davon! Das hat sich verändert seitdem.

„Mensch Steiner, kann man das nicht auch einfacher sagen?“

J. Heppner: Rudolf Steiner ist mir zum einen Teil vertraut, denn vieles was er sagt, kann ich in mir wieder finden, zum anderen ist er mir fremd. Er spricht eine Sprache, die ich umständlich finde und die ich immer wieder in meine Gegenwart übersetzen muss. Dann denke ich: „Mensch Steiner, kann man das nicht auch einfacher sagen?“ Aber immer wieder provoziert er mich auch mit völlig unerwarteten Gedanken und Bildern und mit tiefen Einblicken in die Realität der Geistwelt. So ist er mir Anlass für meine persönliche Entwicklung und ist auch Hintergrund meiner beruflichen Arbeit. Auch ein Großteil der etwa 50 Studenten in der Kunstakademie fragt nach dem, wo er Orientierung oder Anregungen geben kann. Er ist nach wie vor aktuell – wenn man ihn vergegenwärtigt und in das Verständnis der heutigen Zeit übersetzt. Das begeistert mich.

… dass damit eine Epoche zu Ende geht und dass das, was Form geworden ist, sich wieder umwandeln muss

B. Philipp: Ich könnte in gewisser Weise den vorhin beschriebenen Ansatz fortsetzen. Es verdichtet sich immer mehr: Je mehr ich mich mit Rudolf Steiner und der Anthroposophie beschäftige, ist er mir nah und ich kann, wie Michael Werner, sagen, dass ich ihn mag.
Als Buchhändlerin stehe ich in gewisser Weise immer auf der Schwelle von „außen und innen“. Ich habe mich immer als Mensch dieser Welt und als Zeitgenossin empfunden und bin auch so groß geworden. In Wolfsburg war der erste Teil der Ausstellung „ Die Alchemie des Alltags“ (s. o.); in dem Katalog dieser Ausstellung ist alles von „innerhalb“, also was die anthroposophische Szene in ihrer Gestaltung ausmachte, abgebildet wie z. B. Stühle, Türklinken etc. in anthroposophischem Design. Ich würde sagen, dass damit eine Epoche zu Ende geht und dass das, was Form geworden ist, sich wieder umwandeln muss. Viel mehr Menschen haben und suchen die Begegnung mit Rudolf Steiner und setzen sich in einer anderen Art damit auseinander, als man das bisher kannte. Als Buchhändlerin erlebe ich eine andere Gesprächsmöglichkeit durch die Begegnung mit vielen verschiedenen Menschen, die in den Laden kommen: Eine suchende, noch nicht wissende Bewegung im Zusammenhang mit Rudolf Steiner und Anthroposophie.
Für mich selbst bin ich daran interessiert, immer mehr mit den Vorträgen von Rudolf Steiner selbst zu tun zu haben und nur noch partiell mit der Sekundärliteratur. Früher war es noch interessant, welcher Mensch sich gerade etwas erarbeitet hatte und das als Sekundärliteratur veröffentlichte; mittlerweile ist es aber so schnell, so viel und vielfältig geworden, dass ich mehr das Bedürfnis habe, mich stärker der Quelle zuzuwenden. Für mich ist Anthroposophie keine Lehre, die ich als Gesprächspartnerin oder Buchhändlerin vermitteln möchte, sondern ich möchte es so verinnerlichen und damit in einen Prozess kommen, dass ich es bin.

C. P.: Felicia, Du hast die Michaeli-Tagung, die in Dornach stattfand, von Hamburg aus mit vorbereitet. Wie war das dort für dich?

eine sehr abgeschlossene Welt?

F. Lampson: Die Vorbereitungszeit war sehr schön und bereichernd für mich, weil wir in der Vorbereitungsgruppe intensiv darüber nachgedacht haben, wie aus dieser Tagung etwas Besonderes werden könnte. Mit der Tagung in Dornach hatte ich dann aber Schwierigkeiten. Ich weiß nicht, ob es an mir lag oder an der Tagung, aber ich hatte das Gefühl, in eine sehr abgeschlossene Welt zu kommen. Allerdings haben die munteren Kinder, die auf dem Gelände des Goetheanums gespielt haben, einen besonderen Eindruck auf mich gemacht.

C. P.: Wenn man das zusammenfasst, kann man feststellen, dass die 80-er Jahre Zeiten des Aufbruchs waren, in denen die damals jungen Menschen viele Initiativen begonnen haben. Jetzt, in 2011, scheint die Sachlage eine andere zu sein. Was haben wir Anthroposophen erreicht, was haben wir versäumt, in der Kultur, im Sozialen etc.?

B. Philipp: Im Positiven könnte man sagen, dass die Anthroposophie Anstöße gegeben hat für die biologisch-dynamische Landwirtschaft, die Waldorfpädagogik, die Medizin, Heilpädagogik, auch bis in die Architektur hinein etc. Jetzt, in unserer Zeit, haben wir es aber unter Umständen mit dem Klischee der damals gefundenen Formen zu tun. Wir stehen an einem Punkt, wo wir uns nochmal neu besinnen sollten, was dran ist und ob wir bei den Strukturen etc. bleiben wollen oder ob wir aus dem Ideellen heraus uns noch einmal umgestalten.

das ist bei einer breiten Menge der Bevölkerung inzwischen irgendwie angekommen

J. Heppner: Anthroposophie ist in der Gegenwart unterschwellig präsent. Man kann Menschen treffen, von denen man nie glauben würde, dass sie etwas mit Anthroposophie zu tun haben, und doch gibt es oft Berührungspunkte. Diese Berührungspunkte sind heute so vielfältig, dass es mich immer wundert, wo und wie etwas von Rudolf Steiner im Denken der Menschen auftaucht. Da spielen die Ausbildungen und Einrichtungen in der Pädagogik, Landwirtschaft, Medizin etc., aber auch die große Sekundärliteratur eine wichtige Rolle. Und es ist nicht immer als Anthroposophie etikettiert was den Inhalten nach verbreitet wird.
Es sind ja immer Menschen, nicht „die Anthroposophie als solche“, die etwas erreicht haben. Wenn man beispielsweise die Wirksamkeit von Joseph Beuys anschaut, ist die sehr breit: Es wurde soziale Dreigliederung intensiv diskutiert und dass Kunst ein Quellort für Zukunft ist etc. Das ist bei einer breiten Menge der Bevölkerung inzwischen irgendwie angekommen.

M. Werner: Auf die Frage „Was haben wir erreicht?“ würde ich sagen: ein nicht abreißender konstruktiver Diskussionsprozess der Kulturerneuerung. Wir bewegen uns gesellschaftlich einerseits in einer gewissen Nische, weil es in Masse nicht so viele Anthroposophen gibt. Die fachlichen Diskussionen von Architekten, Pädagogen, Medizinern, Künstlern, Ökonomen in der Zivilgesellschaft laufen ruhig weiter, auch wenn gleichzeitig im Eliant-Projekt eine Million Unterschriften in Europa gesammelt werden! Die Fachdiskussionen sind so gesehen subversiv-dynamisch, und sie werden, wie in anderen Branchen auch, von Spezialisten in einem eigenen Vokabular geführt. Allein von Eurythmisten wurden in den letzten fünf Jahren über 80 wissenschaftliche und künstlerische Publikationen verfasst. So etwas war vor wenigen Jahren noch gar nicht auf der Agenda. Hier läuft auf der Fachebene ein spannender, neuer Diskurs. Da ist richtig was los, auch wenn man das leider öffentlich noch nicht deutlich genug sieht und wir noch nicht dort sind, wo wir hinwollen!

die Form-Konservativität im Verhältnis zu Innovation

Im Gegensatz dazu sind die Waldorfschulen ein Beispiel für einen sehr erfolgreichen und öffentlich gut sichtbaren Zweig der Anthroposophie. In Deutschland arbeiten heute ca. 207 Waldorf-Schulen, die praktisch alle mit Steiners Anregungen zur Pädagogik umgehen und diese kontinuierlich weiterentwickeln. Das ist ohne Frage ein Erfolg in der Breite, auch wenn Steiner selbst nicht die Intention hatte, eine spezielle pädagogische Szene mit eigenen Seminaren zu begründen, sondern vielmehr das pädagogische Denken selbst zu erweiterten trachtete. Natürlich ist hier das Verhältnis von Verharrungsvermögen, die Form-Konservativität im Verhältnis zu Innovation ein echtes Problemfeld, ohne Frage. Andrerseits wird man als Lehrer von den Kindern und Jugendlichen ja immer wieder frisch gemacht und bekommt auch gelegentlich den Kopf gewaschen. Die Waldorfpädagogik ist heute gesellschaftlich nicht mehr in derselben Nische wie in den 70-igern, als ich zur Schule ging, es ist viel offener geworden. Damals haben nur Anthroposophen ihre Kinder in diese Schule geschickt, das ist heute gar nicht mehr so. Es hat heute jeder einigermaßen gebildete Mensch in Deutschland von Waldorf gehört, und sei es nur, dass die dort „ihren Namen tanzen“ können. Auch viele bekannte Unternehmen wie Weleda, Hauschka, dm setzen ausdrücklich auf Steiners Anregungen, treten in der breiten Öffentlichkeit auf und setzen ebenfalls in ihren Bereichen jeweils Maßstäbe. Die Probleme sind nicht unbedingt weniger geworden, aber angesichts der Größe der Szene eben andere als früher.

C. P.: Trotz der breiten Öffentlichkeit: Der Altersdurchschnitt der Anthroposophischen Gesellschaft ist etwa Mitte 60, die Zahl der Studenten in den Ausbildungsstätten geht zurück, manche Ausbildungsstätten müssen schließen, die finanziellen Mittel sinken immer mehr. Was ist los? Wie geht es weiter?

Es steht ein massiver Generationswechsel an

M. Werner: Wir sind heute intern vielfach in einer Phase des Innehaltens und Neubesinnens. Es vollzieht sich ein massiver Umbruch in unserer gesamten westlichen Kultur und daran arbeiten auch Anthroposophen engagiert mit, nicht nur in Ägypten. Vieles, was früher einfach so lief, geht eben nicht mehr, auch das betrifft nicht nur Anthroposophen, da sind wir alle im gleichen Boot und wissen noch nicht, wie es ausgeht!
Es steht ein massiver Generationswechsel an. In den Waldorfschulen gehen in den nächsten Jahren über die Hälfte der Lehrerschaft in Rente, in manchen Schulen auch mehr! Die jüngere Generation ist da, ist aber in Bezug auf das Einsteigen in „etablierte“ anthroposophische Einrichtungen durchaus wählerisch, da es auch an anderer Stelle viele interessante Möglichkeiten gibt. Man wird heute nicht mehr so schnell Mitglied in einem Verein, das Problem hat Food-Watch übrigens auch. Es ist unternehmerisch herausfordernd, eine gesellschaftliche Unterstützung für Projekte zu mobilisieren und junge Leute, Nachfolger aufzubauen.
Zum Beispiel in den Eurythmieausbildungen gingen vor 10 Jahren die Studentenzahlen weltweit massiv nach unten, die Anzahl der Aufführungen nahm ab, die Waldorfschulen können den Bedarf nicht recht decken… In Hamburg haben wir vor einigen Jahren Konsequenzen gezogen, ein ganz neues Ausbildungskonzept entwickelt und die Ausbildung bei 4.D auf ganz neue Füße gestellt. Eine neue Generation Eurythmisten ist jetzt auch da, ist sehr anders, stellt neue Fragen, will und kann was! Aber andrerseits können grundlegende Dinge nicht auf die Schnelle verändert werden, auch wenn das wünschenswert wäre, das braucht Zeit und viel Nerven. Die Dozenten sind, neben dem Aufbau und dem Unterrichten, auch mit der eigenen MA-Qualifikation beschäftigt, und die muss aber auch erst mal verdaut werden. Manche Prozesse dauern viel länger als es einem recht ist, aber man muss sie trotzdem leben!

es kann sein, dass man dann eine ganz neue Form dafür findet

B. Philipp: Man kann es auch noch etwas drastischer sagen: Es ist ein Sterbevorgang. In gewisser Hinsicht ist es ein Sterbevorgang einer Pioniergeneration; solche starken Persönlichkeiten, wie beispielsweise Jörgen Smit, haben wir nicht mehr. Man hat sie anderswo auch nicht mehr, beispielsweise in der Politik, als Vorbilder oder „Macher“.
In der Anthroposophie gab es früher dieses, wie Felicia andeutete, Gelehrtentum; man hat die Dinge gelesen und studiert, aber heute wollen die Menschen am Anderen eine Authentizität erleben. In vielen Institutionen lebt vieles aus der Form: „das macht man so!“ Man muss aber noch einmal an die Urgründe und an die Motivation gehen: warum eigentlich?! Es kann sein, dass man dann eine ganz neue Form dafür findet, dass die Form nicht das Wesentliche ist, sondern dass sie sich ergibt, wie die einzelnen Menschen es für richtig halten. Die Frage, wie schaffe ich etwas um, wie ernsthaft gehe ich dabei an die Wurzeln, wie radikal und authentisch bin ich darin – das sind die Forderungen.

offen für alles und für jeden sein und in einer Auseinandersetzung mit allem leben

C. P.: Felicia, was müssten „wir Anthroposophen“ machen, damit es dich begeistern würde, du es überzeugend fändest?

F. Lampson: „Ihr“ solltet offen für alles und jeden sein und in einer Auseinandersetzung mit allem leben. So, wie ich die Anthroposophische Gesellschaft in Dornach kennengelernt habe, ist sie mir fremd. Ich habe die Inhalte der Anthroposophie selbst noch wenig studiert, habe sie aber als Lebenshaltung kennen gelernt. Das finde ich im Moment viel interessanter. Ich ertappe mich manchmal dabei, wenn ich in einer öffentlichen Schule unterrichte, dass ich die Waldorfschule ja viel „besser“ finde. Aber es interessiert mich auch zu sehen, was eine andere Schule gut macht, und das vielleicht mit Waldorfpädagogik zusammenzubringen.

J. Heppner: Man muss unterscheiden zwischen Anthroposophischer Gesellschaft und anthroposophischer Bewegung. Anthroposophische Gesellschaft ist etwas Begrenztes und Bewahrendes geworden und hat vielleicht in der Zukunft die Aufgabe, eine Art Kernbildung zu sein. Das wird dann einfach zahlenmäßig nicht groß werden. Aber die anthroposophische Bewegung, und damit meine ich jetzt auch die Hochschule und die Sektionen – die soll groß werden. Die ist vielfältig und taucht überall unter oder auch auf, aus den Menschen und aus den Arbeitsfeldern. Das Problem ist, dass man die Anthroposophie nur mit der Anthroposophischen Gesellschaft identifiziert und dann glaubt, es sei absterbend. Vielleicht ist das Gesellschaftsdenken absterbend, weil es formal ist oder weil das Modell eines e.V. heute nicht mehr adäquat ist – aber die Bewegung ist nicht absterbend, die ist zukünftig und je mehr sich die Anthroposophische Gesellschaft ändert, wird sie an dieser Zukunft teilhaben.

mit 60 Jahren machte er noch mal einen Neustart

C. P.: Welche Ideen und Aspekte habt Ihr für die Zukunft?

M. Werner: Was ich an Rudolf Steiner menschlich und intellektuell richtig gut finde, ist, dass er viele Male neu angefangen hat, Rückschläge einstecken konnte und auch mit 60 Jahren noch mal einen Neustart machte und die Anthroposophie und seine Initiativen ganz neu formulierte! Darin drückt sich für mich ein dynamischer Kerngedanke aus: Bin ich bereit zum Innehalten und zu fragen, was jetzt noch passt und weiterführt und was nicht? Oder ist jetzt etwas ganz Neues angesagt? Manche Dinge, die mir bisher Sicherheit gegeben haben, die ich vielleicht auch mag, muss ich loslassen und dann den neuen Weg konsequent und entspannt gehen.
Ich glaube, dass in der Zukunft dabei innerer Mut eine immer größere Rolle spielen wird. Aus dieser Quelle heraus ist ein Neuanfang einer neuen Generation möglich und ich bin zuversichtlich dass der auch kommt. Ich für meinen Teil arbeite daran!

Worauf begründet sich ein Neuanfang?

B. Philipp: Ich finde das wunderschön beschrieben, aber für mich wäre noch die Quelle eines solchen Neuanfangs wichtig. Worauf begründet sich ein Neuanfang? Der muss sich auf etwas stellen. Das ist das, was ich anfangs meinte: Wie werde ich das? Wie bringe ich das Wissen, das außerhalb von mir ist, in ein lebendiges Werden, so dass sich der Neuanfang daraus schöpft? Hat man das schon so zu fassen bekommen, dass man dazu die adäquate Form finden kann?

Kann ich das Geistige real erfassen?

J. Heppner: Essentiell ist doch die Frage: Schaffe ich es, zum Geistigen in mir durchzudringen? Kann ich mich als geistiger Mensch real verstehen und das leben? Damit hängen alle Fragen und aller Neuanfang zusammen. Kann man das konkret nehmen, dass der Mensch ein geistiges Wesen ist? Dann habe ich eine Revolution in mir selbst und auch in der Gesellschaft. Dann kann Medizin, Pädagogik, Kunst nicht so weitergehen, wie sie war. Quelle ist für mich immer die Frage: Kann ich das Geistige real erfassen? Das ist zukünftig!